Aufruf zur Gewalt | Teil II
aktualisiert am 25.7.2026
Teil I findet sich hier: Keine Angst. Oder doch?
In der Satire-Sendung Die Anstalt sollten Pianist Igor Levit und Rapper Danger Dan das neue Lied „Keine Angst“ am 21. Juli 2026 zum 100. Jubiläum der „Anstalt“ aufführen. Das verhinderte die ZDF-Geschäftsführung.
Das ZDF begründete den Schritt damit, dass der Text des Liedes als „Aufruf zu Gewalt“ verstanden werden könnte.
Was könnte man nicht alles „verstehen“ können – wie man will.
In einem Land, das tagtäglich, ungestört und mit großem Bekennertum, einen Genozid in Gaza/Palästina unterstützt, Kriegsverbrechen im Libanon, in Syrien, im Iran mit ermöglicht.
Dass dieser Vorwurf ausgerechnet von den Staatsmedien kommt, ist schon makaber. Sie verbreiten fast täglich „Aufrufe zur Gewalt“ – wenn es darum geht, die Hamas für den Genozid in Gaza/Palästina verantwortlich zu machen oder die Waffenlieferungen an die Ukraine zu begrüßen oder wenn sie ohne „Einordnung“ und Kontroverse Politiker zu Wort kommen lassen, die den Angriffskrieg der USA gegen den Iran gutheißen. All das passiert tagtäglich in den Laufstallmedien und ist so normal wie „die Börse vor acht“.
Abgesehen davon, dass der Gewaltbegriff so dehnbar ist wie das „Selbstverteidigungsrecht“ Israels, hat dieser Vorwurf seit Jahrzehnte eine zentrale Funktion.

Dieser Vorwurf wird immer dann erhoben, wenn man sich nicht der staatlichen Gewalt beugt, wenn man Repression und Polizeigewalt, Kriegsverbrechen und Komplizität nicht hinnimmt und sich dabei den Anweisungen widersetzt. Heute reicht bekanntlich schon, nicht der deutschen Staatsraison zu folgen.
Die Gewaltfrage hat dabei immer die Aufgabe, von dem abzulenken, was mit dieser Gegen-Gewalt erreicht werden will, was der Kern der politischen Auseinandersetzung ist.
Doch es gibt auch Stimmen, die nicht der Staatsraison folgen, aber insbesondere die Grußbotschaft an (tatsächliche/vermeintliche) Mitglieder der Gruppe „Antifa-Ost“, die man ganz sachlich in den Medien als „Hammerbande“ bezeichnet, untragbar finden.
Ich kenne die genauen Tatbe- und -umstände nicht, die (tatsächlichen/vermeintlichen) Mitgliedern der Gruppe „Antifa-Ost“ vorgeworfen werden. Das müssten Antifagruppen thematisieren, die näher dran sind, die sich mit diesem Vorgehen solidarisieren. Ich habe jedoch auch Kritik an diesen Aktionen im Ohr.
Glücklicherweise gab die Ersatzveranstaltung für die vorgesehene Premiere des Songs „Keine Angst“ in Berliner Columbia Theater am 21. Februar 2026 der Rechtsanwältin Kristin Pietrzyk von Johann G. die Möglichkeit, den Kontext darzustellen, in dem die verhandelten Taten stehen:
„Sie schildert die Biografien dieser Menschen, vor allem die jüdische Familiengeschichte von Nele A., die diese gerade vor Gericht in Düsseldorf vorgetragen hat. Sie spricht aber auch von No-go-Areas für Linke und marginalisierte Menschen im Osten, in denen Faschistinnen und Faschisten ganzen Menschengruppen ihre Heimat nehmen.
Sie kommt schließlich dazu, in welchem Zusammenhang mögliche Militanz von links gelesen werden muss: ‚Wir reden darüber, wie Menschen reagieren, wenn sie erleben, dass der Staat zwar Gesetze gegen Volksverhetzung, NS-Verherrlichung und rechte Symbole hat, diese aber oft zu spät, zu zögerlich oder gar nicht durchsetzt.‘ Die Frage sei weniger, ob körperliche Angriffe auf Rechtsextremisten Straftaten seien – sind sie, klar –, sondern die Spannung bestehe darin, dass zum Beispiel Menschen, deren Familiengeschichte vom Nationalsozialismus geprägt ist, wieder erleben müssten, dass Neonazis marschieren, Parteien ihnen den Weg ebnen, Rechtsextremismus salonfähig wird – und dass der Staat und die Verfassung sie hier nicht schütze.“ (taz vom 22. Juli 2026)
„Wir werden nie mehr dem Faschismus wehrlos gegenüberstehen.“
Diesen Satz hat nicht Danger Dan rausgehauen, sondern der Schriftsteller Ralph Giordano gesagt, der das ausgezeichnete Buch „Die zweite Schuld“ (1987) geschrieben hat, um das zu benennen, was sich nach 1945 in Westdeutschland an Renazifizierung abgespielt hat und bis ins Heute hinwirkt.
Dieses Statement formulierte Ralph Giordano in den 1990er Jahren, als Rassismus, Antisemitismus pogromhafte Züge (Rostock-Lichtenhagen, Solingen etc.) angenommen hatte, Politiker Verständnis für die „aufgebrachten Bürger“ zeigten und die Polizei Überforderung simulierte.
Seine Aussage hat uns damals erschrocken, ermutigt und dazu gebracht, das für uns selbst zu beantworten.
In dieser Aussage steckt definitiv mehr drin, als in der „Grußbotschaft“ an Lina etc. Das zur so beliebten Einordnung.

„Macht kaputt, was euch kaputt macht.“ Ton Steine Scherben (1970)
Das Lied „Keine Angst“ (2026) hat sehr, sehr viele Zeilen. Genau eine davon ist besagte Grußbotschaft. Ob sie einfach nur provokativ gemeint ist oder sich auch mit den einzelnen Aktionen solidarisiert, müsste Danger Dan beantworten.
In 90 Prozent dieses Liedes geht es um etwas ganz Anderes: Um die Ohnmacht, um die wachsende Faschisierung, um die Tatsache, dass das, was vor ein paar Jahrzehnte noch Straßennazis waren, heute Anzüge trägt, in Parlamenten sitzt und sehr wahrscheinlich bald bei Landesregierung ein mächtiges Wort mitzureden hat.
Dabei müsste es aber auch darum gehen, auszuloten, was heute Faschismus ist und wer (und was) einem Faschismus den Weg bereitet. Dann hätte eben auch der Antifaschismus ein Problem, der mit der „politischen Mitte“ zusammen den Faschismus (AfD) bekämpfen will.
Und nicht zuletzt widmet sich das Lied im Wesentlichen der extrem wichtigen Frage, wie man Ohnmacht überwinden kann, welche Möglichkeiten man nutzen sollte, welche wir haben.
Dabei gibt Danger Dan im Wesentlichen ganz allgemeine Tipps, die für viele gelten, die sich selbst schützen wollen, die alleine sind und mit ganz viel Angst konfrontiert sind, „erwischt“ zu werden, wenn sie sich etwas zutrauen, auf die Straße gehen, etwas an die Wand sprühen.
Ein weiterer Teil seiner Anregungen dreht sich um das Einmaleins von Antifa-Recherchegruppen. Dabei geht es weniger um die AfD, sondern meist um Neonazigruppierungen, die sich verdeckt organisieren – als keine öffentlich zugänglichen Orte anbieten (wie Combat 18 zum Beispiel).
Dafür gibt einige eher abfällige Kommentare aus dem Spektrum, das für sich selbst auch ein antifaschistisches Selbstverständnis reklamiert. Das wäre alles „Old School“ … und auch nicht erfolgreich.
Diese Haltung sollte doch zu der Nachfrage anregen, was diese KritikerInnen besser, anders, erfolgreicher machen? Niemand würde sie davon abhalten, packende, „New School“-Angebote zu machen. Mir kommt es vor, dass sich hinter dieser eher abfälligen Kritik kein besseres Konzept, sondern die eigene Ohnmacht versteckt. Wenn das nicht so ist, so wäre es doch höchste Zeit, das vorzustellen und gemeinsam zu diskutieren. Ich sehe diesbezüglich kein Gedränge.
Auch die sehr berechtigte Kritik an den meist recht dünnen inhaltlichen Bestimmungen und ausgeschlagenen Begrifflichkeiten, was heute Antifaschismus sein muss, was heute unter Faschismus zu verstehen ist, steht doch eher auf tönernen als festen Füssen. Dazu gibt es in der Zeitung „Junge Welt“ einen entsprechenden Beitrag, der den Titel trägt:
„Antifa ist Kopfarbeit“ (jW vom 20.7.2026)
Das ist eine coole Wendung des bekannten Antifa-Spruches: „Antifaschismus ist Handarbeit“ und wartet gerne auf entsprechendes Futter.
Doch wenn es darum geht, selbst genau zu benennen, was die Kopfarbeit sein müsste, wird die Luft sehr dünn. Vor allem dann, wenn man sich auch der Mühe unterzieht, das, was man im Kopf hat in die Hand zu nehmen, also eine Praxis vorzuschlagen, die das Kritisierte auf faszinierende und mitreißende Art hinter sich lässt. So kommt auch der Autor zu dem wenig mitreißenden Schluss:
„So bleibt nur der ratlose Vorschlag, es doch noch einmal mit dem Reenactment einer Praxis zu versuchen, deren Untauglichkeit durch das Eintreten des zu bekämpfenden Zustandes bereits bewiesen ist. Man kann den Aktivisten nicht vorwerfen, es zu wenig gewollt zu haben. Auch Danger Dan weiß nicht weiter. ‚Keine Angst‘ singt er vor allem für sich selbst.“
Nein, auch für den Autor, für mich und viele andere, die längst resigniert und sich zurückgezogen haben.
Wenn man den Kern dieses Lied ernst nimmt, dann müssten man selbst auf die Frage Antworten suchen, wie man sich aus dem Würgegriff der Ohnmacht befreien kann, welche Handlungsmaxime erforderlich sind und somit auch die seit Jahrzehnten virulente Debatte wieder aufnehmen:
Ist beim Kampf gegen Faschismus (der heute auch die Gestalt eines Totalitarismus annehmen kann) die Legalität das Maß unseres Handelns? Oder müssen wir uns eigene klare Kriterien setzen, die sich – um es rappermäßig zu formulieren – so viel an die Gesetze halten wie jene, die behaupten, sie zu beschützen.
Dann würden wir auch an einen sehr wichtigen Punkt für einen glaubwürdigen Antifaschismus herankommen:
Was können und müssen wir alle (zusammen) tun und einlösen, damit wir im Kampf gegen Faschismus und Totalitarismus nicht denen ähnlich werden, die wir bekämpfen.
Das wäre eine Hammeraufgabe.
Wolf Wetzel (aktualisiert am 25. Juli 2026)
Quellen und Hinweise:
Die Anstalt-Team nennt Danger Dans Ausladung „mutlos“, DER SPIEGEL vom 17. Juli 2026: https://www.spiegel.de/kultur/tv/danger-dan-die-anstalt-team-nennt-ausladung-des-rappers-mutlos-a-4a080762-40d0-418f-bac5-d34504fc53e4?sara_ref=re-so-facebook-rss#ref=rss
Jetzt canceln sie schon die Staatstragenden, taz vom 17. Juli 2026: https://taz.de/ZDF-laedt-Danger-Dan-und-Igor-Levit-aus/!6197124/
Danger Dan und die Debatte um den abgesagten TV-Auftritt im ZDF | aspekte, 19. Juli 2026: https://www.youtube.com/watch?v=K1ZJqnYsEfI
Danger Dan, Antifaschismus und das ZDF. Mit Legalismus gegen Rechtsextremismus? Andreas Fanizadeh, taz vom 19. Juli 2026: https://taz.de/Danger-Dan-Antifaschismus-und-das-ZDF/!6197316/
Antifa ist Kopfarbeit, Peter Merg, Junge Welt vom 20.7.2026: https://www.jungewelt.de/artikel/526540.agitpop-antifa-ist-kopfarbeit.html
Konzert von Danger Dan und Igor Levit. Bedächtig, fast andächtig, taz vom 22. Juli 2026: https://taz.de/Konzert-von-Danger-Dan-und-Igor-Levit/!6198086/
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