Gerd Albartus ist tot. Ein Rückblick auf 30 Jahre Geschichtsdeutung. Von Markus Mohr

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Schon wieder ein Anschlag auf den Wissenschaftsstandort Deutschland?

Mitte Dezember jährt sich die Veröffentlichung einer wichtigen Erklärung der Gruppe Revolutionäre Zellen (RZ) zum Tod von Gerd Albartus zum 30. Mal. Albartus hatte sich Mitte der 1970er in dieser Gruppierung organisiert und war im Dezember 1987 von seinen Genossen vermutlich irgendwo in Syrien/Libanon unter dem Vorwurf des Verrats erschossen worden. Eine RZ hat dazu vier Jahre später eine lange Erklärung unter dem Titel „Gerd Albartus ist tot” verfasst. Sie wurde erstmals in der Berliner autonomen Zeitschrift INTERIM vollständig publiziert und kurz danach in Auszügen in der TAZ. In dem besagten und gut geschriebenen Text finden sich zu dem politischen Engagement von Albartus einige Behauptungen, manches wird darin angedeutet und darüber hinaus finden sich darin viele Anspielungen in Bezug auf die Geschichte der Organisation. Zentral hier die von den unbekannten VerfasserInnen prominent ins Spiel gebrachte Interpretation der Geschehnisse im Zusammenhang mit der Flugzeugentführung einer in Tel Aviv mit Ziel Paris gestarteten Air-France Maschine nach Entebbe (Uganda). Gerd Albartus war daran zwar nicht beteiligt, war aber im Jahre 1979 für einen Brandschlag gegen die Kinovorführung des diesbezügliches mit prominenten Hollywood-Schauspielern besetzten Heldenepos Unternehmen Entebbe (1) vor dem OLG Düsseldorf zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Die anonymen Aktivistinnen dieser RZ benutzten hier den aus ganz anderen Gründen erfolgten Tod von Albartus ihrer eigenen Organisation in Bezug auf die Unterstützung des palästinensischen Befreiungskampfes Antisemitismus zu unterschieben. Im interessierten Gestus einer Selbstkritik hefteten die VerfasserInnen den beiden RZ-Aktivistinnen der ersten Stunde Bonifatius Böse und Brigitte Kuhlmann der Begriff einer „Selektion entlang völkischer Linien”, an, die diese bei der Trennung der Geiseln in Entebbe in israelische und nicht-israelische Geiseln in Anschlag gebracht haben sollen. (2) Dem Begriff kann – wie es von Ilse Bindseil pointiert hervorgehoben wurde, – eine präpositionale Eleganz nicht abgesprochen werden. (3) Der mit einem Gedicht des Revolutionärs Roque Dalton aus El Salvador eröffnete Text war am Ende des Jahres 1991 in einem politisch-aktuellen Sinne gewieft platziert. Eben damit befeuerten diese Aktivistinnen der RZ einen damals nach dem durch die USA siegreich absolvierten Golf-Krieg und dem absehbaren Ende der Sowjetunion in der nach der Einvernahme der DDR durch die BRD im Aufwind befindlichen antideutschen Diskurs. Die im 91-Text platzierten Begriffe „Selektion” und „völkische Linien” zielten als Selbstkritik drapiert auf einen Common Sense mit intellektuellen linken Debatten jener Jahre und kamen doch mit einer, so Wolfgang Pohrt damals zutreffend, „reumütig” formulierten Bilanz daher. (4)  Auch das passte in die Selbstabwicklungsstrategie des „bewaffneten Kampfes” der damaligen Zeit. Und das bietet bis heute die Möglichkeit, den Protagonisten den Vorwurf des Antisemitismus an das Bein zu binden.

Allerdings wurde die Interpretation, dass es in Entebbe eine „Selektion entlang völkischer Linien” gegeben haben soll, schon zeitgenössisch durch historisch informierte AktivistInnen des Kommunistischen Bundes in Frage gestellt. (5) Zwischenzeitlich haben die Historiker Freia Anders und Alexander Sedlmayer, gestützt auf Akten der deutschen Botschaft in Uganda, herausgearbeitet, dass es evident erscheine, „dass die sogenannte Selektion von Entebbe nicht in der Weise stattfand, wie sie für gewöhnlich referiert wird.” Und weiter führen sie aus, dass es zwar „unzweifelhaft (sei), dass israelische Staatsbürger, und damit auch Juden, festgehalten und mit dem Tode bedroht wurden.” Allerdings seien auch „zahlreiche Juden unter den übrigen Passagieren (…) freigelassen“ worden. (6)

Nun hat sich der als „Historiker” bezeichnete Vojin Saša Vukadinović daran gemacht eine neue Lesart dieser Erklärung vorzuschlagen: „Antiimperialismus als Vorspiel des Postkolonialismus” hat er seinen Aufsatz überschrieben und dieser wurde von dem langjährigen Beiträger der antideutschen Zeitschrift Bahamas Jan Gerber in den sogenannten „Hallischen Jahrbüchern” herausgegeben. (7)

Dabei lässt es sich Vukadinović in seiner Abhandlung zunächst nicht nehmen, ein paar Schriften seines eigenen Herausgebers Gerber zu preisen. Und das ganz frei von Humor! Gerber soll es gewesen sein, der in einem 2008 erschienenen Beitrag in der antideutschen Zeitschrift Bahamas „mit dem persistenten Mythos aufgeräumt” haben soll, „dass es sich bei den Revolutionären Zellen (RZ) um ‚die Guten‘ des ‚bewaffneten Kampfs‘ gehandelt habe.” Wohl wahr, hier wird mit sehr viel Flavour ein Befund generiert, der, wenn man diese Aussage ein zweites Mal liest, ohne dabei böse zu werden, in der Substanz einer Tüte Luft gleichkommt. Aber mehr noch, so Vukadinović: Ganz unbedingt wäre Gerbers „fast 15 Jahre zurückliegende Demontage des RZ-Mythos aufzugreifen” ruft er aus, die aber leider, „bis heute keine umfänglichere Kritik nach sich gezogen” haben soll. Kann das angehen, fragt man sich da natürlich? Zu dem besagten Bahamas-Traktat von Gerber habe ich einmal eine kurze Anmerkung verfasst, in der zwei Falschbehauptungen allein in Bezug auf die Entebbe-Causa benannt wurden. Gerber war hier auf den Einfall gekommen, die zunächst von der RZ mutmaßlich „gemeinsam mit Antisemiten der PFLP” durchgeführte Selektion der ‚jüdischen von den nicht-jüdischen Passagieren‘” auf einen Zeitpunkt zu verlegen, der noch vor ihrem Flug „zu Idi Amin nach Uganda” liegt. Darüber griff er bar jeder Quellenkritik einen Hinweis aus der RZ-Albartus-Erklärung auf, und ließ in seinem Text die britisch-israelische Staatsbürgerin Dora Bloch, als etwas sterben, was sie Zeit ihres Lebens, dass sie in der ersten Hälfte der 1940er Jahre im britischen Mandatsgebiet Palästina verbracht hat, glücklicherweise niemals war: als „KZ-Überlebende”. (8)

Warum soll man bitte schön etwas umfänglicher zur Kenntnis nehmen, gar kritisieren, was schon bei der ersten flüchtigen Lektüre nicht stimmt? Ach: Weder Gerber noch seine von ihm an anderer Stelle in den Hallischen Jahrbüchern zu einem der „wichtigsten Blätter der deutschen Linken” hochgelobte Zeitschrift Bahamas sahen sich bis heute dazu veranlasst, diese seit Mitte 2016 öffentlich markierten Falschbehauptungen wenigstens in der im Internet einsehbaren Version richtig zu stellen. (9)

Fast ist man geneigt an Vukadinović die Frage zu richten, warum er einen so nonchalanten Umgang mit einem schon in schlichten Sachaussagen erkennbar problematisch konfigurierten Text wie den von Gerber pflegt. Trunkene Brüderschaft im politischen Geist einer antideutschen Glaubensgemeinschaft? Wenn ja, dann macht das die Sache bestimmt nicht besser. Auf der anderen Seite ist es der Verfasser selbst, der vor kurzem publizistisch dadurch hervorgetreten ist, dass er in einer Auseinandersetzung mit den Thesen des australischen Historikers Dirk Moses zum Verhältnis zwischen den Holocaust und den Kolonialverbrechen diesem einfach ein Zitat angedichtet hat, das dieser niemals gesagt, geschweige denn geschrieben hat. (10) Kurz: Sowohl mit der Empirie als auch mit der Quellenkritik scheint der Historiker Vukadinović auf Kriegsfuß zu stehen.

Auch so mag es Vukadinović leichter fallen, es gegenüber den RZ in seinem Text an rhetorischer Herablassung nicht fehlen zu lassen. Sie sollen sich von denjenigen „vieler konventioneller linker Zusammenschlüsse nicht wesentlich” unterschieden haben gibt er sich überzeugt, und die von den RZ verübten Anschläge sollen „keineswegs für politischen Nachdruck, sondern (…) vorwiegend für forcierte Einfallslosigkeit” gestanden haben. Ihm schießt sogar ein, wie er formuliert, „linkes Gesamturteil über den ‚bewaffneten Kampf‘” durch den Kopf, in dem „nach dem Ende der Blockkonfrontation weiterhin die RAF schlecht abgeschnitten”, während „die RZ kontinuierlich als ‚die Guten‘” firmiert haben sollen. Und dann wird auch noch der von Vukadinović als „RZ-Gefallene” markierte Gerd Albartus in Bezug auf den wie es heißt den „deutschen Sehnsuchtsort Palästina” assoziiert. Wie bitte, liest man das richtig: Die elenden Lebensbedingungen in den palästinensischen Flüchtlingslagern als ein „deutscher Sehnsuchtsort“? Da weiß man wirklich nicht viel, nur, dass es der Historiker selber ist, der ihn sich ausgedacht hat. Eben das seien sie ja wohl, so sagt es uns der von allem Überdruss befreite Historiker, die sich „selbst progressiv wähnenden Kreise in Deutschland, die qua Moral kommunizieren und (die) für das Argument nicht mehr empfänglich” seien. Keine Frage: Die historische wie die gegenwärtige politische Wahrheit über die Theorie wie Praxis der RZ als Teil der westdeutschen linken Fundamentalopposition in den 1970er und 1980er Jahren haben zwei Feinde: Einer davon ist mächtig und der andere ist noch nicht so mächtig: Die Regierung und Vojin Saša Vukadinović.

Was lässt Vukadinović denn nun die LeserInnen genauer zu dem von ihm prominent annoncierten Albartus-Text wissen? Hier fällt er zunächst die Entscheidung den ersten Satz aus der Erklärung direkt zu zitieren:

„(Albartus) wurde bereits im Dezember 1987 erschossen, nachdem er von einer Gruppierung, die sich dem palästinensischen Widerstand zurechnet und für die er gearbeitet hat, vor ein Tribunal gestellt und zum Tode verurteilt worden war.”

 

Aus der RZ-Erklärung “Gerd Albartus ist tot” 1991

Es ist diese Aussage die mit dem Urteil, dass in diesem RZ-Schreiben „verheimlicht” worden sei, „dass Albartus nicht etwa von irgendeiner ‚Gruppe‘ aus dem ‚palästinensischen Widerstand‘, sondern von seinen eigenen OIR-Genossen ermordet worden war” attackiert wird. Bei der OIR handelt es sich um die Gruppe Organisation Internationaler Revolutionäre, die von Ilich Ramírez Sánchez im Arrangement mit dem syrischen Geheimdienst Ende der 1970er Jahre gegründet worden war. Auch wenn Vukadinović es nicht explizit benennt, so bezieht er sich für sein Urteil auf eine von ihm zitierte Gesprächspassage aus einem Interview der Zeitschrift wildcat aus dem Jahre 2009 mit drei ehemaligen RZ-Mitgliedern, darunter Thomas Kram. Kram hatte sich in seinem Gerichtsverfahren vor dem OLG Stuttgart im Jahre 2009 in einer Einlassung dazu bekannt, einen „Entwurf” dieser besagten Erklärung verfasst zu haben. (11) In dem wildcat-Interview führt er unter anderem aus:

Anstatt das wenige, was wir tatsächlich (zu der Ermordung von Albartus) wussten und wissen, konkret zu benennen, ist beispielsweise vage die Rede von einer Gruppe aus dem palästinensischen Widerstand, die Gerd umgebracht hat. Wir hatten ja selbst nur Informationen aus zweiter Hand und standen vor dem Dilemma, Position zu beziehen, ohne Genaues zu wissen. (…) Faktisch haben Intifada und Carlos-Truppe, die für den Tod von Gerd verantwortlich ist, natürlich wenig miteinander zu tun.” (12)

Was bedeutet es genau, wenn man die Entscheidung trifft, zu den als Mörder von Gerd Albartus angesehenen Personen eine – „wir hatten ja selbst nur Informationen aus zweiter Hand (…), ohne Genaues zu wissen” – falsche Fährte zur Intifada und Palästina zu legen? Richtig: Die anonymen Verfasserinnen des Albartus-Textes haben mit ihren LeserInnen in einem zentralen Sachverhalt umgangssprachlich formuliert, blinde Kuh gespielt.

Was macht der Historiker aber nun im Fortgang seiner Argumentation mit seinem wichtigen Befund in der Interpretation des Albartus-Textes? Quellenkritik bedeutet hier, danach zu fragen: Was daran ist Dichtung, was ist Wahrheit? Die Antwort ist leicht zu geben: Nichts. Im Gegenteil: Der in dem besagten Text etwas beiläufig eingestreute Hinweis auf die mutmaßliche Homosexualität von Albartus wird von Vukadinović dahingehend aufgegriffen und apodiktisch in die Tatsachenbehauptung umgewandelt, dass eben das „offenbar ein Grund für seine Hinrichtung gewesen” sein soll. Von dem Historiker wird das, – die nicht Benennung eines „schwulenfeindlichen Mord(es) an einem Mitstreiter” – als einer „der absoluten, (…) Tief punkte aus terroristischen Zeiten” kommentiert. In der Überschrift zu seinem Text hatte Vukadinović angekündigt den Albartus-Text für eine neue Lesart heranzuziehen, und zwar diesen als ein „Vorspiel des Postkolonialismus” zu betrachten.  Dafür benutzt er ein bislang brach gebliebenes Interpretationsfeld der RZ-Erklärung, in dem insinuiert wurde, dass Albartus wegen seiner Homosexualität die tödliche Feindschaft seiner Mörder auf sich gezogen hätte. Auch hier war die Erklärung äußerst vage. Sie konnte aber mit diesem Hinweis auf die hedonistisch-unangepasste Seite des vermutlich über enge GenossInnenkreise kaum bekannten Genossen sicherlich bis weit ins grün-alternative Milieu Sympathie und Zustimmung für diesen generieren. Nun ist es für Vukadinović angezeigt den Vorwurf der Homophobie aufzugreifen – und gegen den Überbringer der vagen Botschaft in Anschlag zu bringen. Schwulenverachtung will er in einigen wenigen Textfetzen und Interviewsequenzen der vornehmlich selbstkritischen RZ ausgemacht wissen. Dafür beruft sich Vukadinović auf eine diesbezügliche Aussage von Kram aus einem Interview mit der TAZ aus dem Oktober 2010. (13) Allein das von Kram in dem Interview auch darauf hingewiesen wurde, dass Albartus der OIR-Gruppe wegen mutmaßlicher Kontakte zur DDR-Staatssicherheit als Verräter galt, lässt der Historiker aus. Doch der von Kram notierte „enervierte Ausruf” – „Und dann noch seine Homosexualität!” –  der „die Abscheu vor den Gepflogenheiten des schwulen Genossen paternalistisch als Sorge um ihn tarnte(n)” – so die Unterstellung Vukadinović – „verbindet das Weltbild der militanten Ära mit den postkolonial informierten Überzeugungen von heute”.

Auf nichts als Unterstellung gründet sich also die Verbindung von RZ-Antiimperialismus und der postkolonialen Theorieschule. Beiden wird widersinnig ein „resolutes Desinteresse” an der Situation von „sexuellen und religiösen Minderheiten, Ungläubigen wie Zweifelnden im heute ‚Globalen Süden‘” unterstellt. Der politische Sinn dieser Konstruktionen wird schnell deutlich: Vukadinović verurteilt immer genau jene Sequenzen, in denen sich Protagonisten noch als „antikapitalistisch” oder als Gegner des Neoliberalismus präsentieren, denn, so die ideologisierte und westlich-orientalistisch überwölbte Grundannahme des Historikers: Die Interessen sexueller und religiöser Minderheiten seien am besten im kapitalistischen Westen, vielleicht auch im Neoliberalismus aufgehoben. Was sind das nur für hanebüchene Interpretationsbemühungen des Albartus-Textes, mit denen Vukadinović versucht, mit den LeserInnen blinde Kuh zu spielen. (14)

Der Überschrift zu diesem Beitrag, die der Befürchtung über einen erneuten „Anschlag auf den Wissenschaftsstandort Deutschland” Ausdruck verleiht, ist natürlich ein Quäntchen Humor beigemengt. Er annonciert aber die Intentionen des als Angestellter des Leipziger Simon-Dubnow-Institut auf professoral-akademische Ambitionen setzenden Jan Gerber und seines Schützlings Vukadinović. Doch Humor hin oder her: In der Interpretation des von Vukadinović quellenkritisch im Grunde nicht eigentlich zur Kenntnis genommenen RZ-Textes zum Tod von Albartus hat sich ein gerüttelt Maß an politisch interessierten antideutschen Autismus hinein vermengt. Und das kann niemanden fröhlich stimmen. Wahr hier: Man sollte bitte doch das lesen über das was man versucht zu schreiben. Auch das trompeten einer auf laut gestellten Staatsräson gegen das was man versucht sowohl in den Antiimperialismus wie auch in den Postkolonialismus hinein zu lesen, kann eine sorgfältige Textlektüre nicht ersetzen. Begründet zu befürchten steht nun, dass Vukadinović in seiner derzeit für April 2023 angekündigten Veröffentlichung seiner Dissertation zu den Revolutionären Zellen eben diese in der Interpretation auf das geringe Maß versucht herunter zu spielen, dass er mit seinem Text in den Hallischen Jahrbüchern offenbart hat. (15)

Was noch?

In einer Besprechung des Hallischen Jahrbuches hebt Rolf Suhrmann als die „Grundthese der Herausgeber“ hervor, dass es „einen inneren Zusammenhang (…) zwischen antisemitischem Denken und postkolonialem Diskurs“ geben soll. Surmann ruft hier aus: „Das Jahrbuch ist zweifellos ein wichtiger Beitrag zum Erkennen und Präzisieren des Falschen.“  (16) Wie das immer so ist mit den „inneren Zusammenhängen“, die sich ohne weiteres nicht immer sofort erkennen lassen. Es gilt aber auch die Einsicht: Niemals kann ein Leser dazu gezwungen werden mit irgendwelchen postulierten „inneren Zusammenhängen“ konform zu gehen, gerade auch weil man damit droht, schnell in die Gefahr zu laufen, das Falsche zu präzisieren. An dem Beitrag von Vukanovic lässt sich exemplarisch aufzeigen, das die entfaltete Argumentation schon nach dem ersten äußeren Anschein einer quellenkritischen Betrachtung nicht stand hält. Richtig auf jeden Fall die etwas kältere Beobachtung, dass es sich bei dem Hallischen Jahrbuch um das neueste Produkt der Geschichtspolitik der Antideutschen in akademischer Façon handelt. Die hier verfolgte politische Messsage ist eindeutig: Eine kühl kalkulierte Abwehr postkolonialer Erinnerungspolitik verknüpft sich mit einer Verschränkung des Gedenkens des Holocaust in Bezug auf eine unmissverständliche Pro-Israel-Haltung. Dazu gehört dann eine konsequente Ausblendung imperialistischer, lebensraumkolonialistischer und kriegsökonomischer Elemente der NS-Vernichtungspolitik, und ihre Reduktion alleine auf: Antisemitismus. Und dieser wird noch dazu scharf vom Rassismus abgegrenzt, obwohl man wissen kann, dass der NS-Vernichtungsantisemitismus ein Rasseantisemitismus war. Traurig aber wahr.

Markus Mohr  | 2021

Ich danke Klaus Wernecke und Gerhard Hanloser für einige Anregungen zu diesem Beitrag

 

(1) Film Unternehmen Entebbe, Eintrag auf Wikipedia, URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Unternehmen_Entebbe

(2) RZ, Gerd Albartus ist tot (Erklärung vom Dezember 1991), zitiert nach: INTERIM Nr. 174 vom 19.12.1991, S. 3 – 14, URL: http://www.freilassung.de/div/texte/rz/zorn/Zorn04.htm

(3) Ilse Bindseil, Gerd Albartus ist tot. Zur Selbstkritik der Revolutionären Zellen, in: I. Bindseil, Streitschriften, Freiburg 1993, S. 102−110, 103f.

(4) Wolfgang Pohrt  Heim ins Reich?, in: konkret Nr. 2 vom Februar 1992, S. 28

(5) Vgl. GenossInnen aus der Mehrheit, Fragen und Anmerkungen zum RZ-Papier, in: ak, Nr. 338 vom  13.1.1992, S. 30

(6)  Vgl. Alexander Sedlmaier / Freia Anders, »Unternehmen Entebbe« 1976: Quellenkritische Perspektiven auf eine Flugzeugentführung, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 22 (2013), S. 267–289, hier S. 288/89, URL: http://www.isb.rub.de/mam/content/publikationen/sedlmaier__anders_entebbe.pdf

(7) Vojin Saša Vukadinović, Antiimperialismus als Vorspiel des Postkolonialismus. Zum 30. Jahrestag der RZ-Erklärung >Gerd Albartus ist tot<, in: Jan Gerber (Hg) Die Untiefen des Postkolonialismus / Hallische Jahrbücher, Berlin 2021, S. 230 – 242

(8) Jan Gerber, Sie waren die Guten. Waren die Revolutionären Zellen die bessere RAF? In: Bahamas, Nr. 54 vom Winter 2008, S. 55−60 , hier S. 55, URL: http://redaktion-bahamas.org/auswahl/web54-3.html Die Zeitschrift konkret hat in der Dokumentation der Albartus-Erklärung den Satz: „Daß die einzige Geisel , die nicht überlebte, eine ehemalige KZ-Inhaftierte war, lag in der Logik der Aktion“ grafisch hervorgehoben. Siehe O.N., „… sondern auch die schlimmsten Kräfte“, in konkret Nr. 2 vom Februar 1992, S. 26

(9) M. Mohr, Legenden um Entebbe / Ein Akt der Luftpiraterie und seine Dimensionen in der politischen Diskussion, Münster 2016, S. 336, URL: https://www.unrast-verlag.de/neuerscheinungen/legenden-um-entebbe-detail

(10) Vojin Saša Vukadinović, Ali Tonguç Ertuğrul, Sabri Deniz Martin, Linkspaternalistischer Rassismus / Die Debatte über Dirk Moses’ >Katechismus der Deutschen<, in: Jungle World Nr. 28 vom 15.7.2021, (Richtigstellung v. 20.7.2021: Dirk Moses hat die Formulierung “Genozid gegen die Palästinenser in Gaza” nicht verwendet. / ** Passage geändert am 26.7.2021), URL: https://jungle.world/artikel/2021/28/linkspaternalistischer-rassismus

Gerhard Hanloser hat dazu noch darauf aufmerksam gemacht, das der gesamte auch von Vukadinović verfasste Text gegenüber Moses mit Invektiven gespickt sei, „die dazu dienen, dem Historiker seine akademische und politische Würde im Geiste des deutschen Provinzialismus zu nehmen.” Vukadinović scheint es angezeigt zu sein, so Hanloser, „Moses in die Kloake der Wiener Identitären um Martin Sellner, des AfD-Politikers Wolfgang Gedeon und sogar der Nazi-Skinhead-Gruppe „Böhse Onkelz“ zu stoßen.“ Siehe G. Hanloser, Die Fälscherwerkstätten der Berliner Republik / Zum aktuellen „Historikerstreit“ um Dirk Moses, dem der Begriff des „Schuldkults“ in den Mund gelegt wird, auf: freitag-blog vom 21.7.2021, URL: https://www.freitag.de/autoren/ghanloser/die-faelscherwerkstaetten-der-berliner-republik

(11) Thomas Kram, Einlassung vom 22.1.2009 (in dem Strafverfahren wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor dem OLG Stuttgart, Az. 5–2St-E 2/07 ), URL: http://www.freilassung.de/prozess/thomas/einlass_tk_220109.htm

(12) O.N., >Unsere Konzepte waren nicht mehr adäquat…< / Gespräch mit Ex-Militanten der RZ, in: wildcat Nr. 84 vom Sommer 2009, S. 38 – 43, hier S. 41 URL: http://ww.wildcat-www.de/wildcat/84/w84_interview_rz.htm

(13) Andreas Fanizadeh, Christoph Villiger, „Gibt man jemanden eine Waffe, den man umbringen will?“  (….) Thomas Kram, früheres Mitglied der deutschen Revolutionären Zellen (RZ), spricht erstmals mit der taz über die Zusammenarbeit mit der Carlos-Gruppe in den 1970er Jahren, in: taz vom 23.10.2010,  S. 22-23  (Von der taz wurde das Interview mit Thomas Kram als ein „wichtiges Dokument der Zeitgeschichte“ bezeichnet, und im Netz unter einem anderen Titel veröffentlicht unter) URL: https://taz.de/Augenzeugenbericht-eines-Ex-Guerilleros/!5726548/

(14) Schon zeitgenössisch war in der Zeitschrift arbeiterkampf  deutlich Gegenposition zu dem in dem Albartus-Papier in Bezug auf dessen Homosexualität erhobenen „allgemeinsten Verdächtigungen“ bezogen worden: „Ärgerlich wird es da, wo dann trotz der Feststellung, man wolle keine Spekulationen über die Beweggründe anstellen, genau dieses in extenso und völlig unbelegt getan wird: von den Maßstäben aus zweierlei Welten ist die Rede, von Ansichten und Verhaltensweisen, die nicht mit den gewohnten Mustern übereinstimmen, und von der schwulen Identität von Gerd Albartus, die in der >Männerwelt< der palästinensischen Gruppe >per se auf Argwohn< gestoßen sei. Wie daraus ein Grund für die Ermordung des Genossen werden konnte, wird im konkreten nicht einmal angedeutet. Stattdessen werden allgemeinste Verdächtigungen ins Feld geführt.“ Vgl. GenossInnen aus der Mehrheit, Fragen und Anmerkungen zum RZ-Papier, in: ak, Nr. 338 vom  13.1.1992, S. 30

(15) Vojin Saša Vukadinović, Revolutionäre Zellen, Rote Zora, OIR / Die Geschichte der „Anderen“ des deutschen Linksterrorismus, Berlin (derzeit angekündigt für April 2023), URL: https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&cqlMode=true&query=idn%3D1220642770

(16) Rolf Surmann, »Index des Richtigen« / Der erste Band der Hallischen Jahrbücher setzt sich mit der postkolonialen Theoriebildung zum Holocaust auseinander, in: konkret Nr. 10 vom September 2021

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