Ehrbarer Antisemitismus? Dritter Teil. Von Markus Mohr

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Die Resistenz gegen den zweiten Golfkrieg und die falsche Alternative „Frieden oder Rettet Israel!“

Der dritte Teil von „Ehrbarer Antisemitismus“ setzt sich mit dem Nachleben von ein paar Argumentationsfiguren aus den Auseinandersetzungen zum Golfkrieg des Jahres 1991 in der Gegenwart auseinander. Zentral hier die ex- wie impliziten Referenzen auf den Beitrag von Pohrt „Musik in meinen Ohren“ in der konkret vom März 1991. Für die Realpolitik der Bundesrepublik bedeutsamer aber sind die von Hans Magnus Enzensberger und Jürgen Habermas entfalteten Argumentationsfiguren, die zur Begründung des Angriffskrieges der NATO im Frühjahr 1999 auf die Bundesrepublik Jugoslawien herangezogen werden konnten.

Die Fußnotennummerierung vollzieht sich durch alle drei Folgen fortlaufend.

„Methodisch an Adornos ‚The Authoritarian Personality‘ orientiert“ – Zur Gegenwart der Rezeption des Pohrtschen „Musik in meinen Ohren“-Textes

Bei der Pohrtschen Abhandlung „Musik in meinen Ohren“ vom März 1991 handelt es sich um einen der Schlüsseltexte der im Zusammenhang mit dem Golfkrieg 1991 entstehenden Strömung der Antideutschen. (56) In gewisser Weise kann die Eröffnung der antideutschen Kritik als ein Triumph in der Niederlage gelten, den die Linke dadurch erlitten hatte, dass sie nicht dazu imstande war, den Golfkrieg zu verhindern.

Clemens Nachtmann, ein Mitläufer des Kommunistischen Bundes, machte sich schon Ende August 1991 in der Zeitung Arbeiterkampf mit, wie er formulierte, „Pohrts Thesen“ gemein, wonach man keine Phantasie mehr brauche, „um sich die Antiimpis oder Autonomen als Volkssturmabteilungen der Hitlerjugend oder als Verbände der Aktion Wehrwolf vorzustellen.“ Dabei schien er sich in der nachgeschobenen Bemerkung, dass das „heillos übertrieben“ sei, etwas davon zu distanzieren. Doch von Nachtmann wurde das nach dieser Absetzbemerkung mit der Formulierung, dass „nun mal jede Wahrheit im emphatischen Sinne“ etwas übertrieben sei, locker wieder eingeholt. Um dann in antitotalitaristischer Diktion die „Tatsache“ zu bekunden, „daß die Übereinstimmungen von Nazis und Linksradikalen in Sachen Antisemitismus wirklich schon mit Händen zu greifen“ seien. (57) Wer sich so dazu fähig zeigt, die Suren des Wolfgang Pohrt zu repetieren, – auch wenn von Nachtmann der von Pohrt in seinem Sinne historisch richtig verwendete Begriff „Werwolf“ falsch abgeschrieben worden war – der beschließt sein Leben damit, Gründungsmitglied der antideutschen Zeitschrift Bahamas zu werden, für die er bis heute seine Zeit als Redakteur verschwendet.

Soweit ersichtlich hat Pohrt diesen Beitrag in den danach von ihm veröffentlichten Sammelbänden mit seinen Schriften mit einem direkten Nachweis nicht wieder veröffentlicht. Er wurde von ihm aber im Herbst des Jahres 1992 mit zum Teil identischen Formulierungen in einer als Buch veröffentlichten sogenannten „Studie im Auftrag der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur“ mit frei flottierenden Totalitarismusanalogien und Kurzschlüssen weiter ausgeführt. Selbstredend erschien ihm auch hier noch der „unbedingte Pazifismus in Deutschland (…) wie zum Beweis dafür, (…) daß der generell nichts als das Ressentiment von Leuten ist, die es dem Weltpolizisten USA verübeln, daß er ihren Eltern per Krieg das friedliche Morden in Auschwitz ausgetrieben hat.“ Die Autonomen wurden von ihm begrifflich wohl durch die Formulierung „militante Hausbesetzer“ transformiert: „Für Frieden marschierten im schwarzen Kampfanzug unter der Nazi-Parole „Kein Blut für Öl“ militante Hausbesetzer und Sympathisanten der Rote-Armee-Fraktion. Die Schlagzeile der Nationalzeitung „Laßt Irak leben“ fand sich auf linksradikalen Transparenten wieder. (…) Je weiter links einer nach gängigem Schema zuvor gestanden hatte, ein desto radikalerer Anhänger jener neuen Volksbewegung war er nun, die sich pazifistisch gab, und in welchem Antisemitismus und Hass gegen die Siegermächte plötzlich wieder virulent wurden.“ Mit einem instruktiven Bild soll nach Pohrt „im Januar 1991 (…) unter dem Eindruck des Golfkriegs ein Zeitsprung zurück in die Luftschutzkeller von 1945 und eine Umpolung“ stattgefunden haben: Mit welchem Ergebnis? Richtig geraten: „Linke aus Überzeugung mutierten zu Nazis von Gemüt.“ Pohrt zeigt sich überzeugt, dass „Gruppen (…), die sich selber als links verstehen und die heute von der Kirche über die PDS, die Gewerkschaften und die SPD bis zur RAF reichen, derzeit nur die Wegbereiter einer faschistischen Massenbewegung sein“ können. Also sowas! Dort, wo sich Pohrt den Einfall einer mutmaßlichen, wie er formuliert „Umpolung“ dieser besagten Linken in seinen eigenen Text hinein redigiert, gerät er in fundamentalen Widerspruch zu seinen eigenen Thesenbildungen. Denn schon im Oktober 1981 hatte er der Friedensbewegung attestiert, eine „deutschnationale Erweckungsbewegung“ zu sein, die neben „Blut-und-Boden-Geraune“ auch noch „das Heimatgeflüster“ verbreite. (58) 1991 soll diese sich dann um eine „völkische Generalmobilmachung“ bemüht haben, die „sich in nichts von der Technik und vom Vokabular der NS-Propaganda unterscheidet.“ Mit Verlaub: Will uns Pohrt wirklich weismachen, dass es von deutschnational zur „völkischen Generalmobilmachung“ für die „Enkel der Massenmörder von einst“ eine so weite Wegstrecke ist, dass es gerechtfertigt sein kann, von einer „Umpolung“ zu sprechen? Zu vermuten steht, dass Pohrt dieser Lapsus deshalb in seine Abhandlung geriet, weil ihm die Droge Polemik einfach noch tiefer in die Halluzination getrieben hat. Eben auch das war nun sogar noch als eine im Auftrag der besagten Hamburger Stiftung alimentierte „Studie“ mit mehr oder minder expliziten Bezug zu Adornos Studien zum Autoritären Charakter geadelt worden. Das finde ich schlimm. (59)

Nimmt man heute noch einmal diese allen Ernstes in Bezug auf Adorno belobigte „Studie“ zur Hand, so ist man verblüfft: Hier ist es dem Autor durch das Zusammenramschen von bereits gedruckten und allenfalls leicht redigierten konkret-Artikeln gelungen, – umgangssprachlich formuliert – den Titel einer „Studie“ zu schießen. Pohrt räumt das in seinem Vorwort sogar direkt ein, wenn er zum Besten gibt, dass die in dieser „Studie“ aneinander geleimten Texte „weder einem Konzept (folgen) noch entwickeln sie eines.“

Jahre später kam Pohrt in einem Gespräch mit dem Gründer und Herausgeber der antideutschen Wochenzeitschrift Jungle World Jürgen Elsässer mit leicht triumphierenden Unterton auf seine „Beobachtungen und logischen Schlüsse“, auf die sich seine „Einschätzung des hiesigen Golfkriegspazifismus“ gestützt habe, zurück. Explizit verwies er dabei auf sein „Buch >Das Jahr danach<, erschienen 1992.“ Hier weiß man zwar auch nicht viel, aber doch eines: Ein Felix Krull begutachtet sich in vorurteilsloser Weise selbst – mit positivem Ergebnis! (60)

Robert Kurz, der sich schon im März 1991 entschieden dagegen verwahrt hatte, „dem Kapitalismus beim Einfangen seiner selbstgezüchteten Monster in der 3. Welt behilflich zu sein und diesem Unternehmen auch noch den hochtrabenden Namen einer Anti-Hitler-Koalition zu verleihen“ (61), kam zwölf Jahre später noch einmal auf den „Musik in meinen Ohren“ – Text zurück. Für ihn hatte Pohrt darin etwas exemplarisch vorexerziert, was Antideutsche dann zu ihrem Mantra machten: „immer wieder mit an den Haaren herbeigezogenen Scheinbegründungen oder mit erstunkenen und erlogenen Behauptungen“ wurden, so Kurz, „ihnen missliebige Linke“ stets von neuem „als Nazis und Antisemiten“ gebrandmarkt. (62)

Noch zu Lebzeiten huldigte der Verleger Bittermann unter mehrfacher positiver Bezugnahme auf diesbezügliche Geschmacksurteile des heute als Politikberater für die AfD engagierten Henryk M. Broder Pohrt in einer biographischen Hymne unter dem Titel: „Der intellektuelle Unruhestifter“. Er sei der „vielleicht brillanteste(n) Kopf der Linken“ der in „einem ungeheuren publizistischen Kraftakt zum führenden politischen Kommentator (…) im Dunstkreis einer unabhängigen Restlinken (…) den Ton und manchmal auch die Richtung“ vorgegeben haben soll. Indirekt kam der Laudator im Jahre 2005 dabei auch auf den „Musik in meinen Ohren“-Text zu sprechen: Es sei doch „nicht zuletzt“ dessen „vehemente Fürsprache der amerikanischen Einmischung“ gewesen, in der er „die Abwendung vom Palästinenserfeudel hin zu einer Pro-Israel-Haltung (…) im Golfkrieg 1991 offensiv vertreten“ habe.“ (63) So kann man die Angelegenheit, gequirlt mit einem Schuss blankem Ressentiment gegen „Palästinenserfeudel“, natürlich auch verniedlichen. Fünf Jahre später wurde die Pohrt-Laudatio von Bittermann in einem Buchbeitrag überarbeitet. Gegenüber der 2005-Fassung des „Unruhestifter“-Beitrages in der Jungen Welt wurde nun von Bittermann zu dem „Musik-in meinen Ohren“-Text in Bezug auf den darin eingeforderten Atombombeneinsatz gegen Bagdads ohne Beleg der Nachsatz hinterher geschoben: „Später bedauerte er die Äußerung, die aus der Erregung darüber entstanden war, dass man in Deutschland Saddams Scud-Raketen als selbst verschuldete Bedrohung bagatellisierte.“ (64)

Dieser 2010-Band zu Pohrt wurde da und dort aufmerksam gelesen. Ein der Intention der Bittermannschen Laudatio auf Pohrt durchaus folgender Rezensent der TAZ vermerkt immerhin, dass diesem mit seinem besagten Beitrag zum Golf „eine Sicherung“ durchgebrannt sein soll. Er hält es hier aber für angezeigt, zugunsten von Pohrt zu mutmaßen, dass es sich hier um „ein paar gedankenlos hingeschriebene, von ihm später offenbar bereute Sätze“ gehandelt haben soll. Eine Fundstelle für diese Behauptung musste leider auch er schuldig bleiben. (65) Sebastian Tränkle bietet zu den durch Bittermann in diesem Band von Pohrt aus den Jahren 1979 bis 1993 zusammengestellten Beiträgen die Würdigung feil: „All diese Texte belegen, dass wohl kaum ein/e KritikerIn das Adornosche Übertreibungsparadigma, demzufolge erst die Übertreibung eines Sachverhalts dessen Wahrheitsgehalt deutlich hervortreten lässt, ernster genommen und konsequenter praktiziert hat als Pohrt. Dessen ätzende Polemik traf immer wieder mit schlafwandlerischer Genauigkeit ins Schwarze. Die Lektüre macht deutlich, wie stilbildend Pohrt für die als »antideutsch« gelabelte Fraktion der deutschen Restlinken war und noch immer ist.“ (66)

Ja, so kann man als Rezensent in der antideutschen Gazette Phase 2 in Bezug auf Pohrt ausgerechnet dem „Adornoschen Übertreibungsparadigma“ hinterher träumen, und das wahrscheinlich unbeleckt von jeder Kenntnis des „Musik-in-meinen-Ohren“-Beitrages. Da ging Jörg Auberg in seiner fundamentalen Kritik an dem besagten Band ganz anders zur Sache: Bittermann stülpe in seiner Lobhudelei auf Pohrt seine „eigenen verzerrten Projektionen der historischen Realität“ über, um „eine intellektuelle Randfigur der 1980er-Jahre (…) als überdimensionierte Legende an die Nachwelt zu verkaufen.“ Noch als „marodierender Soldknecht gegen die ‘neuen sozialen Bewegungen’ der frühen 1980er-Jahre (…) in Mainstream-Organen wie der ZEIT und dem SPIEGEL“ habe Pohrt in einem Verriss der Friedensbewegung „die Wirkung der Neutronenbombe“ verharmlost. Zehn Jahre später im Golfkrieg habe er dann „zum Einsatz von Atombomben aufrufen müssen, um seiner Reputation als Polemiker noch gerecht zu werden zu können.“ Hier zeige sich, so Auberg, „das Elend des Provokateurs“, dessen „Provokationen immer schriller daherkommen müssen, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu erheischen.“ (67)

Über den im Dezember 2018 verstorbenen Pohrt wird heute allerorten Freundliches publiziert.

In einem Nachruf erinnert der Redakteur des Neuen Deutschland Christof Meueler auch an den besagten „Musik in meinen Ohren“-Text. Er stellte ihn aber indirekt in einem Zusammenhang mit der Vita von Pohrt, die ihm einerseits „unerbittlich,“ auf der anderen Seite aber auch „brillant und auch noch lustig“ erschien. Der „Musik in meinen Ohren“-Text ist aber weder brillant noch lustig. (68)

Der Verleger von Pohrt Klaus Bittermann arbeitet derzeit ausweislich einer Tiamat-Verlagsankündigung vom Herbst 2020 an einer Biographie unter dem Titel: „Der Intellektuelle als Unruhestifter“, die im Herbst 2021 erscheinen soll. Allerdings ist die von Bittermann im Titel seiner angekündigten Pohrt-Biographie durchaus sympathisch anklingende Würdigung als „Unruhestifter“ mit Blick auf den besagten „Musik in meinen Ohren“-Text nicht haltbar. (69) Denn hier konnte gezeigt werden, dass Pohrt mit diesem Beitrag von seinen eigenen Intentionen her doch gar keine „Unruhe stiften“ wollte. Gegen erkennbar Schwächere ging es ihm erklärtermaßen darum, voller „Haß und Verachtung“ abzukotzen, abzurechnen, abzuhetzen. Gegen die von ihm als „Kinder und Enkel der Massenmörder von einst“ markierten Delinquenten sollte durch die bundesdeutschen Sicherheitsbehörden zugeschlagen werden.

2020 hat Bittermann den „Musik-in-meinen-Ohren“-Text in die von ihm herausgegebene sogenannte Werkausgabe zu Pohrt Band 7 aufgenommen. Bittermann vermerkt hier in einer Fußnote, dass Pohrt diesen Artikel nicht in einem seiner Bücher wiederveröffentlicht hat, „weil er zu sehr aus der Empörung heraus geschrieben worden sei.“ (70)

Allerdings wollte der Verleger in einer Vorbemerkung nicht darauf verzichten, Pohrt als jemanden zu würdigen, der „von 1990 bis 1994 (…) im Auftrag der von Jan Philipp Reemtsma ins Leben gerufenen Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur Studien über das ‚Massenbewusstsein‘ in Deutschland (verfasst habe), die sich methodisch an Adornos ‚The Authoritarian Personality‘ orientierten.“ Danach findet Bittermann eine Vielzahl von warmen Worten für den Sammelband „Das Jahr danach“. Es ist just der Band, in dem Pohrt sein konkret-Pamphlet aus dem März 1991, lediglich leicht redigiert, erneut feilgeboten hatte. Man soll sich hier also auch merken: Auch das Pohrtsche Verdikt, dass man doch gar „keine Phantasie mehr (dazu brauche), um sich die Antiimpis oder die Autonomen als Volkssturmabteilungen der Hitlerjugend oder als Verbände der Aktion Werwolf vorzustellen“, ist nicht einfach nur voller Haß und Verachtung, von der ja Pohrt in seinem Beitrag selber sprach, hingerotzt, sondern „methodisch an Adornos >The Authoritarian Personality< orientiert.“ „Subtil, subtil!“, soll man sich da natürlich denken. Auf solche Einfälle muss man als Verleger wohl schon mal kommen, um die Ware an den Mann zu bringen. Bittermann tut hier kund: „So ist dieses Buch eigentlich eines über den Drang, sich ins Verderben zu stürzen, ohne dass es den Anspruch erhöbe, diesen Drang wirklich begreifen zu können.“ (71) Das trifft in Bezug auf die Publikationsvita von Pohrt einen wahren Punkt, ohne dass das der Verleger natürlich selbst „wirklich begreifen“ kann.

Ein Rezensent im  Neuen Deutschland war von dieser „Werkedition“, der er „einen hohen dokumentarischen und wissenschaftlichen Wert“ beimaß, so begeistert, dass er wohl auch den dort dokumentierten „Musik-in-meinen-Ohren“-Beitrag in sein Lob von „wichtigen Artikeln und Aufsätzen zur reaktionären Nachwendekrise mit allen soziopathischen Verwerfungen vom Ausländerhass bis zum Großmachtimperialismus“ mit einschloss. Ihm erscheinen die hier erneut publizierten Suren des Wolfgang Pohrt als „ein gehaltvolles und erschütterndes Panoptikum aus der Zeit, als die Zukunft abgeschafft wurde und die Dauerkrise der perspektivischen Vernunft ihre institutionelle Zementierung erfuhr.“ (72) Wenn man die hier in Anschlag gebrachten Begriffe: „Erschütterndes Panoptikum“, „Dauerkrise der perspektivischen Vernunft“ und „institutionelle Zementierung“ noch einmal vor dem geistigen Auge Revue passieren lässt, dann weiß man zwar auch nicht viel, aber doch eines: Hier bringt ein Rezensent für Pohrt wirklich eine ganz, ganz große rhetorische Münze an den Start, ohne dessen Texte eigentlich in irgendeiner Weise kritisch zur Kenntnis zu nehmen.

Wie es denkbar sein kann, auf das „Nachleben des Sozialkritikers Wolfgang Pohrt“ eine Eloge zu singen und zugleich um dessen wohl politisch wichtigsten politischen Beitrag in dessen Publikationsvita elegant herum zu schreiben, hat Anfang Juni 2020 Dietmar Dath in einem Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gezeigt. „Was ‚Gesellschaftskritik‘ ist und wie das geht, wusste Wolfgang Pohrt“, zeigt sich Dath hier überzeugt und führt weiter aus: „Das Ideal der linken Gesellschaftskritik (…) war immer „ohne Angst leben“ (Adorno)“ um so „die Drohung (…) zu minimieren.“ Danach schwelgt Dath: „Kaum ein publizistisches Werk hat in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zerfall der Protestbewegung der Sechziger dieses Ideal rücksichtsloser gegen die Welt wie gegen sich selbst verfolgt als Pohrts Schaffen.“ Er sei es doch gewesen, der immer wieder „eiskalte Vivisektionen linker Tagesgewissheiten“ vorgenommen habe. (73)

Dath weiß gut zu formulieren, wie auch der atlantizistisch ausgerichteten FAZ noch ein jeder willkommen ist, der dem Antimilitarismus Mores lehrt. An den Genossen Dath wäre aber die Rückfrage zu stellen, ob er denn nicht auch die von Pohrt im März 1991 publizistisch offen geäußerte Absicht, „piepsstimmigen ErzieherInnen“ durch die Polizei in die Fresse hauen zu lassen, explizit als „eiskalte Vivisektionen linker Tagesgewissheiten“ durchgehen lassen will. So ohne weiteres ist hier ja nicht ganz einsichtig, inwieweit das sich eigentlich dem Ziel verpflichtet weiß, „ohne Angst (zu) leben“ (Adorno)“, um eben auch so „die Drohung (…) zu minimieren“?

Realpolitische Konsequenzen aus der Golfkriegsdebatte für die Politik der Bundesrepublik

Die Rezeption des Pohrt-Beitrages aus dem März 1991 ist damals wie heute für die Zukunft einer außerinstitutionellen Linken in diesem Land von einer gewissen Bedeutung. In nuce lässt sich hier die grauenhafte Selbstzerstörung einer Intellektualität nachvollziehen, die alle humanen wie emanzipatorischen Maßstäbe preisgegeben hat. Bedeutsamer aber für die Realpolitik der Bundesrepublik waren die damals vor allem von Enzensberger und Habermas entfalteten Argumentationsfiguren. Auch sie sorgten mit dafür, dass Joschka Fischer im Frühjahr 1999 mit seiner aktiven Beteiligung am NATO-Angriffskrieg gegen den Bundesrepublik Jugoslawien gewissermaßen „politikfähig“ wurde. Enzensberger war es, von dem bei der Figur des vom Westen jahrzehntelang alimentierten Diktators Saddam Hussein 1991 „substantielle Ähnlichkeiten“ mit Adolf Hitler entdeckt worden waren, die ihn an „verborgene Kontinuitäten (und) Restbestände des Faschismus“ denken ließen. Auch von Habermas war das zeitgenössisch zurückgewiesen worden: Enzensberger sei ein Intellektueller, der sich nicht „durch politischen Scharfsinn“ auszeichne und der immer mal wieder ausprobiere, „wieweit sich eine verrückte These ausreizen läßt.“ Allerdings, so Habermas hier so klug wie treffend: Man müsse Enzensberger gerade nicht als Historiker oder politischen Analytiker, sondern als Seismographen ernstnehmen: „Er hat die Nase im Wind.“ (74)

Ganz ähnlich wie Enzensberger 1991 in seiner Golfkriegsbefürwortung hatte auch Joschka Fischer im Frühjahr 1999 im Amt des Bundesaußenministers mit seiner Begründung des Angriffskrieges gegen die Bundesrepublik Jugoslawien „die Nase im Wind“. Und so wie Enzensberger an Saddam Hussein mit einem Mal Ähnlichkeiten zu Adolf Hitler aufgefallen waren, erging es – wie es der Zufall will – auch Fischer. Drei Wochen nach dem Kriegsangriff brannten sich ihm die Ähnlichkeiten des Präsidenten von Serbien Slobodan Milošević mit Hitler soweit in seine Wahrnehmung hinein, dass er nicht mehr umhin konnte, die Öffentlichkeit darüber zu informieren. (75) Mehr noch: Es war Fischer selbst, der in seiner Rede auf dem Bielefelder Sonderparteitag der Grünen Mitte Mai 1999 die beiden Junktims Nie-wieder-Auschwitz und Nie-wieder-Krieg in rhetorisch gewiefter Weise aufrief: „Ich stehe auf zwei Grundsätzen, nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus. Beides gehört bei mir zusammen.“ (76)

Bekanntlich diente Fischer das dazu, den NATO-Einsatz gegen Auschwitz auszuspielen, um so weiter den Angriffskrieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien durchführen zu lassen. War es denn nicht Habermas, der Mitte Februar 1991 in der ZEIT den Gedanken: „Es kann schlimmere Übel geben als den Krieg“ hatte verlauten lassen? So hat sich der Habermassche Einfall letztlich zur Begründung für den von Bundesaußenminister Joseph Fischer acht Jahre später mit zu verantworteten Angriffskrieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien als nützlich erwiesen. (77)

Immerhin wurden die Kriegsgegner gegen den Nato-Angriffskrieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien 1999 in der innenpolitischen Debatte dieses Landes nicht – wie noch während des Golfkrieges – als „Antisemiten“ gebrandmarkt. „Weißwäscher der Politik eines neuen Faschismus“, so im Bundestag von Fischer gegen Gregor Gysi herausgebrüllt, musste hier reichen. (78) Auf den Einsatz des Diskursjokers Antisemitismus wurde seitens der rot-grünen Regierung oder ihr nahestehende Intellektuelle verzichtet. Es wäre wohl in der Bevölkerung nicht ganz verstanden worden.

Ich danke Klaus Wernecke für Kritik und Anregungen zu diesem Text

Markus Mohr                         2021

 

Den ersten Teil findet ihr hier:

Ehrbarer Antisemitismus? Die Resistenz gegen den zweiten Golfkrieg und die falsche Alternative „Frieden oder Rettet Israel!“

Den zweiten Teil hier:

Ehrbarer Antisemitismus? Mit Hass und Verachtung überbietet Wolfgang Pohrt alle ….

 

Fußnoten:

(56)  Noch Ende September 1991 wusste Gremliza an Pohrt zu rühmen, dass dieser „in den letzten zehn Jahren nie auf die jeweils neuesten Moden der Linken (…) hereingefallen (sei) und zudem präziser denkt und besser schreibt als die meisten linken Autoren.“ O.N., “…man muß dem Verrat grundsätzlich abgeneigt sein…” / Ein Gespräch mit Hermann L. Gremliza, in: ak Nr. 334 vom 23.9.1991, S. 30

(57) cl. (Clemens Nachtmann), ak dubios – oder: Der Wille zur Verurteilung, in: ak Nr. 333 vom 26.8.1991, S. 37. Siehe hierzu auch den dazu kritischen Leserbrief von Ulrich, Gruppe K, Eine Neurose: Das Überbordwerfen bisheriger linker Positionen als Selbstzweck, in: ak Nr. 334 vom 23.9.1991, S. 38

(58) Wolfgang Pohrt, Ein Volk, ein Reich, ein Frieden / Über die Friedensbewegung und das neue, alte Heimatgefühl, in: ZEIT Nr. 45 vom 30. Oktober 1981, S. 41Ff

(59) Wolfgang Pohrt, Golfkriegspazifismus / Friedensseliger Haß auf Israel und die USA, in: W. Pohrt, Das Jahr danach / Ein Bericht über die Vorkriegszeit (Studie im Auftrag der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur) Berlin 1992, S. 33 – 150. Die Zitate finden sich auf den S. 37, 38, 39 und 127

(60)  Jürgen Elsässer, (Gespräch mit W. Pohrt), Mit Hillary und Billary für den Krieg? Wolfgang Pohrt über die Golfkrise 1991 und 1998, das Elend der Friedensbewegung und den falschen Abschied von der Linken, in: Jungle World Nr. 9 vom 26.2.1998, URL: https://jungle.world/artikel/1998/09/mit-hillary-und-billary-fuer-den-krieg Wieder abgedruckt in: Wolfgang Pohrt, FAQ, Berlin 2004, S. S. 63 – 68

(61)  Robert Kurz, Die wirkliche Quelle des Übels / Acht Thesen zum Golfkrieg, in: konkret Nr. 3 vom März 1991, S. 16

(62)  Robert Kurz, Absaufprobleme / Nachlese zur Kontroverse um Wolfgang Pohrt in dieser Zeitung, in: Junge Welt vom 13.10.2003, S. 12

(63) Klaus Bittermann, Der intellektuelle Unruhestifter / Wolfgang Pohrt war zwanzig Jahre der brillanteste Polemiker in Deutschland. Jetzt schweigt er, und das Elend geht weiter, in: Junge Welt vom 9.7.2005, S. 6/7

(64) Klaus Bittermann, Der intellektuelle Unruhestifter, in: Wolfgang Pohrt, Gewalt und Politik / Ausgewählte Reden & Schriften, Berlin 2010, S. 425-438, hier S. 438

(65) Felix Baum, Publizistische Einmannguerilla / Er traf nicht immer ins Schwarze, aber er bleibt der schärfste und klügste Polemiker der Nachkriegslinken: Wolfgang Pohrt, in: taz vom 20.5.2010, S. 17

(66) Sebastian Tränkle, Schreiben als Schießen, in: Phase 2 Nr. 38 vom Winter 2010, S. VII – VIII

(67) Jörg Auberg, Nachruf auf eine Bestie / Wolfgang Pohrts Schriften aus den 1980er Jahren liegen in einer Neuausgabe vor, auf: literaturkritik Nr. 7 vom Juli 2010, URL: https://literaturkritik.de/id/14564

(68) Christof Meueler, Gegen den Applaus / Er war unerbittlich, brillant und auch noch lustig: zum Glück wurde seine Werkausgabe begonnen, in: ND vom 22.12.2018, URL: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1108636.nachruf-wolfgang-pohrt-gegen-den-applaus.html

(69) Der Aufsatz von Bittermann zu Pohrt 2010 wurde jüngst wieder abgedruckt, in: associazione delle talpe (Hrsg.): Maulwurfsarbeit V, Bremen 2020, S. 90 – 93

(70)  Klaus Bittermann (Hrg), Wolfgang Pohrt, Werke Band 7 / Das Jahr danach & Texte 1990-1992, Berlin (Edition Tiamat) 2020, S. 440

(71) Klaus Bittermann, Wolfgang Pohrt, Werke Band 7 a.a.O., Vorbemerkung

(72) Detlef Kannapin, Innere Einheit als reaktionäres Projekt / Kapitalistische Ideologie schlägt sozialistischen Erfahrungshorizont: Wolfgang Pohrt über die Wende, in: Neues Deutschland vom 29.12.2020, URL: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1146372.wolfgang-pohrt-innere-einheit-als-reaktionaeres-projekt.html

(73) Dietmar Dath, Wirkung? Im Gegenteil! Für Pohrt besagte das Wort „Wegwerfgesellschaft“, dass die Menschen die Welt nicht mehr als „Domäne ihres Willens“(Marx) begreifen. –Wie denken und schreiben, wenn keiner mehr willens ist, im entscheidenden Augenblick etwas Richtiges zu tun? Das Nachleben des Sozialkritikers Wolfgang Pohrt, in: FAZ vom 3.6.2020, S. N3

(74)  Jürgen Habermas, Vergangenheit als Zukunft / Das alte Deutschland im neuen Europa? (Ein Gespräch mit Michael Haller), Zürich 1991, S. 24/25

(75) DPA, Fischer: Milošević ist ein neuer Hitler, in: taz vom 13.4.1999, S. 3,URL: https://taz.de/!1293405/

(76) Joschka Fischer, Auszüge aus der Rede auf dem Sonderparteitag der Grünen in Bielefeld, auf: SPON vom 13.5.1999, URL: https://www.spiegel.de/politik/deutschland/wortlaut-auszuege-aus-der-fischer-rede-a-22143.html. Siehe auch Joschka Fischer, Rede zum NATO-Einsatz im Kosovo, Eintrag auf Wikipedia, URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Rede_Joschka_Fischers_zum_NATO-Einsatz_im_Kosovo

(77) Vor dem Bielefelder Kriegsparteitag der Grünen befürwortete Habermas den NATO-Angriffskrieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien. Siehe: J. Habermas, Bestialität und Humanität / Ein Krieg an der Grenze zwischen Recht und Moral, in: ZEIT Nr. 18 vom 29.4.1999. Allerdings beklagte Habermas an der Pro-Kriegs-Position von Fischer einen „Overkill an fragwürdigen geschichtlichen Parallelen.“ Siehe: Michael Jäger, Habermas dixit / MENSCHENRECHTE Was der Mensch tun sollte, aber nicht tut, auf: FREITAG-Blog vom 7.5.1999, URL: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/habermas-dixit

(78) BT-PL-Prot. 14/32 vom 15.4.1999, S. 2639

 

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