Keine Angst

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Keine Angst. Oder doch?

Vorwort

Mittlerweilen gibt es sehr viele Reaktionen auf das Verbot des Liedes „Keine Angst“ im Rahmen des 100. Jubiläums der Satiresendung „Die Anstalt“ im ZDF. Obgleich es um ein Lied mit vier Strophen geht, haben die Ausdeutungen mehr als die vier bislang angenommenen Himmelsrichtungen.

Die einen schreiben vom Flugzeug aus, die anderen aus dem fensterlosen Keller. Andere gehen zu Fuß, gehen baden oder folgen einem (Alp-)Traum. Mal steht die Vita die Liedermacher im Zentrum, mal stehen sie für eine bestimmte politische Haltung, die von mäßig, über staatsraisonabel bis antideutsch reicht.

Für meine Betrachtung steht das Lied, der Text im Zentrum meiner Ausführungen und die damit verbundene Frage, was eine Absetzung dieses Songbeitrages rechtfertigen soll.

In der Satire-Sendung Die Anstalt sollten Pianist Igor Levit und Rapper Danger Dan das neue Lied „Keine Angst“ aufführen. Es ist recht lang und recht ausführlich. Im Zentrum steht die Angst vor Faschismus und Neonazismus und wie man mit dieser berechtigten Angst umgehen kann – ohne zu verstummen. Im Gegenteil: Man muss schlau und vorsichtig, hartnäckig und organisiert sein. Dabei steht einem – wen wundert es – die Polizei nicht zur Seite. Sie ist nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Das reicht von NSU 2.0 bis Uniter, von massiven Einschüchterungsversuchen der Polizei vor allem gegen über den Genozidgegnern mit Blick auf Gaza/Palästina bis hin zu irrsinnigen Festnahmen und Anzeigen.

Ganz kurz vor der Aufzeichnung hat allerdings die ZDF-Intendanz ihr Veto gegen unseren Auftritt eingelegt“, schreiben die beiden Musiker in einem gemeinsamen Post auf Instagram. Eine offizielle schriftliche Begründung habe man nicht erhalten.

Das ZDF begründete den Schritt damit, dass der Text des Liedes als „Aufruf zu Gewalt“ verstanden werden könnte. Was kann man nicht alles „können“ – in diesem Land, das tagtäglich, ungestört und mit großem Bekennertum, einen Genozid in Gaza/Palästina unterstützt, Kriegsverbrechen im Libanon, in Syrien, im Iran mit ermöglicht.

Für diesen einen Satz, der die Präzision einer Schrotflinte hat, hat man alle staatseigenen Hierarchien abgeklappert, bis hin zur ZDF-Geschäftsleitung. Das ZDF habe – gönnerhaft -entschieden, sich zeitnah dokumentarisch-journalistisch mit dem Lied zu befassen und es an einer anderen Stelle im Programm aufzuarbeiten. Dass man genau dies mit Pianist Levit und Rapper Danger Dan zusammen machen könnte, zeigt die Angst, die sich durch alle Flure bis zur Geschäftsführung durchfrisst.

Der beste Beweis dafür, dass es diese Angst gibt und dass es extrem wichtig ist, ihr nicht nachzugeben, sich selbst nicht wegzuducken.

Daniel Pongratz, wie Danger Dan eigentlich heißt, und Igor Levit haben sich nicht mundtot machen lassen. Stattdessen erheben sie schwere Vorwürfe gegen den Staatssender. Das Lied habe dem ZDF seit Wochen vorgelegen; nach ihren Informationen habe auch der Justiziar des ZDF grünes Licht gegeben. Immerhin, so die Musiker, habe auch das Team der Sendung Die Anstalt gegen die Ausladung (und Absetzung dieses Beitrages) protestiert.

Das Duo stellt die Ausladung aber auch in einen größeren politischen Kontext:

„Dieser Eingriff in die Meinungs- und Kunstfreiheit ist skandalös.“ Es sei ihnen klar gewesen, dass nicht alle das Lied mögen würden und es Debatten auslösen könnte.

„Dass wir jetzt aber schon an dem Punkt angekommen sind, an dem eine ZDF-Intendanz autoritär in Sendungen eingreift, antifaschistisches Liedgut verbietet und eine Begründung verweigert, das erschüttert uns; und das nennt man nicht Demokratie, das ist ein autoritärer Akt“, so die Musiker weiter.

Ziemlich billige Schadenfreude

In einigen Kommentaren ist deutliche Schadenfreude herauszulesen. Die beiden seien doch Staatsraisonisten – also hätte sie diesen Querschläger auch verdient.

Nun, Danger Dan schießt manchmal nach rechts, manchmal nach links. Wem das nichts sagt, der würde vielleicht dabei zustimmen, dass er – im Rapperstil – gerne von ganz unten herkommt, um dann recht weit oben anzukommen (zumindest im Style). Der hier „anhängige“ Text hebt sich jedoch deutlich von diesem Schema ab. Er beschreibt ungewöhlich detailliert, wie man Widerstand leisten sollte, was man dabei alles beachten muss. Das Gegenteil von aufgeblasener Großmäuligkeit.

Und Igor Levit? Er ist ein ausgezeichneter Pianist und hat sich schon öfters zu Neonazismus und Rassismus eindeutig geäußert. Das kreidet man ihm auch nicht an. Es geht um seine Haltung zu Israel, zum Genozidvorwurf, zur haarsträubenden Repression gegen alle, die sich gegen diese Komplizenschaft stellen.

Diesbezüglich bewegt sich Igor Levit im Flussbett der deutschen Staatsraison. Und genau hier trifft das Lied „Keine Angst“ ins Herz. Denn ich bin mir sicher, dass Igor Levit die faschistischen und profaschistischen Minister und Regierungsmitglieder kennt, vom Finanzminister Bezalel Smotrich bis zum Polizeiminister Itamar Ben-Gvir.

Auch die genozidalen Aussagen und Ankündigungen aus dem Regierungsapparat kennt er. Warum macht da sein Antifaschismus Halt, fast eine Vollbremsung?

Dieser augenfällige Widerspruch wäre eine Diskussion wert. Und ich würde jetzt gutmütig annehmen, dass Igor Levit diese annehmen würde.

„Es geht uns trotzdem an den Kragen, nur halt etwas später.“

Als hätte Danger Dan ein feines Gespür für das, was nun auch die Beiden getroffen hat und viele schon vorher, bringt der Rapper mit einer einzigen Strophe diese Haltung ausgezeichnet auf den Punkt.

„Und wir warten, warten, warten, das ist erstmal bequemer. Es geht uns trotzdem an den Kragen, nur halt etwas später.“

Die „Anstaltmacher“ haben angekündigt, dass sie das Silencing in ihrer Jubiläum-Veranstaltung am Dienstag, den 21. Juli 2026 um 22.15 Uhr in Worte fassen werden.

Und hier der Liedtext „Keine Angst“

https://www.youtube.com/watch?v=Gg-SCpXba64

[Strophe 1]
Es gibt jetzt zwei Option’n, beide machen Stress
Eine ab morgen schon, die andere ab jetzt
Wir könn’n darauf warten, dass sie in den Parlamenten
Und auf der Straße erstarken, bevor wir sie bekämpfen
Und wir warten, warten, warten, das ist erstmal bequemer
Es geht uns trotzdem an den Kragen, nur halt etwas später
Die andre Möglichkeit bedeutete schon heute
Stress mit der Polizei und den ganz besonders Deutschen
Dafür ’ne kleine Chance, das Blatt nochmal zu wenden
Oder vielleicht das Schlimmste noch verhindern zu können
Du weißt nicht, was du tun kannst, du weißt nicht, wie das geht
Hör mir zu, ich hab‘ vielleicht eine passende Idee

[Refrain]
Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst
Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst

[Strophe 2]
Ruf erst mal ein, zwei Leute an, denen du vertraust
Auf die man sich verlassen kann und macht ein Treffen aus
Ihr gründet eine Gruppe, die keinen Namen hat
Kein Gründungsdatum und auch kein Verein oder so’n Quatsch
Redet mit Bars und Kneipen, fragt, ob die für ’nen Abend
Räumlichkeiten für ’ne Party gegen Nazis haben
Ladet eure Freunde ein, ein kleines Festival
DIY, Eintritt frei, sammelt auf Spendenbasis Geld
Mit dem Geld, das ihr verdient, kauft ihr Dosen, um zu sprüh’n
Kauft ihr Aufkleber und Marker, sorgt dafür, dass jeder sieht
Ihr habt kein’n Bock auf Faschos und das hier ist eure Stadt
Lasst euch nicht erwischen, schaut nach Überwachungskameras
Nie ohne Handschuh, nie ’nen Fingerabdruck hinterlassen
Und erst recht nie film’n und niemals ein Foto davon machen
Von Aktion’n nur den’n, die selbst dabei waren, erzähl’n
Es geht um linke Straßenpolitik und nicht um Fame
Ihr braucht Regeln für die Kommunikation
Nicht nur Nazis und Konsorten, die in eurer Gegend wohn’n
Auch die Sicherheitsbehörden werden sich schnell interessier’n
Ihr dürft von Anfang an alles nur geheim kommunizier’n
Das bedeutet, keine DMs, keine Messenger und Mails
Alles, was verboten sein könnte, immer Face to Face
Lasst das Handy zuhaus wegen Bewegungsprofil’n
Und wenn sie euch erwischen, redet nicht mit ihn’n

[Refrain]
Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst
Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst

[Strophe 3]
Man wird sich wundern, wenn man weiß, dass in den Kern
Dieser Gruppen meistens nur ein paar wenige gehör’n
Eine handvoll Leute reichen meistens aus
Eigene lokale Antifastruktur’n aufzubau’n
Als Nächstes müsst ihr die rechten Struktur’n recherchier’n
Heimlich ihre Treffen und Demonstration’n fotografier’n
Findet raus, wer sie sind, was sie tun, wo sie leben, wo sie arbeiten
Und findet raus, mit wem sie sich umgeben
Baut Fake-Accounts bei TikTok und bei Telegram
Dokumentiert alles, was sie schreiben, alles, was sie sagen
Holt den Papiermüll ab, lauft ihn’n nach
Zu Ihren Häusern, ihren Wohnungen, den Treffpunkten und Bars
Meldet euch bei jeder Singlebörse an
Irgendwie und irgendwann kommt man an jeden Nazi ran
Werdet dreist, delinquent, akribisch und kreativ
Stück für Stück füttert ihr so euer Antifaarchiv
Faschos leben abgeschottet, sie leben im Wahn
Mit Argumenten kommt man meistens nicht mehr an sie ran
Die Erfahrung zeigt, dass aber trotzdem doch etwas passiert
Wenn man ihr gesamtes Umfeld kontaktiert
Früher nannte man so etwas „Outingaktion“
Es hing’n Flyer und Plakate in den Vierteln, wo sie wohn’n
Mit Fotos und Funktion’n, mit Nam’n und mit Adressen
Niemand wird ein Nazischwein als sein’n Nachbarn möchten
Das flankierte man mit ein paar Telefonaten
Um ihre Schulen, Unis, Arbeitgeber zu beraten
Man wünschte ein’n guten Tag und fragte dann: „Wie
Passt so etwas in eure Firmenphilosophie?“
Helft euren Lokalzeitungen mit Information’n
Wenn sie nicht schon von selbst dahinter komm’n
Dass es Probleme gibt mit Nazis in der Stadt
Vielleicht wird dann sogar die Staatsanwaltschaft wach
Mit etwas Glück kriegen sie Post oder geh’n in den Knast
Doch ihr wärt blöd, wenn ihr euch auf den deutschen Staat verlasst
Die Erfahrung zeigt genau das Gegenteil
Es gibt so viele Faschos bei der Polizei

[Refrain]
Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst
Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst

[Strophe 4]
Man möchte mein’n, dass die Sicherheitsbehörden
Rechte Struktur’n nicht bekämpfen, sondern fördern
So mancher Polizist steht für die AfD zur Wahl
Uniter hat die Munition vom KSK
Das bedeutet, parallel zum Recherchier’n
Müsst ihr eure Sicherheit selbst organisier’n
Nazis machen ihre Politik immer mit Angst
Mit Hass, mit Terror und roher Militanz
Man kann ihn’n vieles vorwerfen, aber jedoch nicht
Dass man das, was sie mit uns vorhaben, nicht wüsst
Und die Geschichte hat uns schonmal gezeigt
Es wird noch schlimmer, wenn man gar nichts tut und schweigt
Keine Angst, nehmt es selber in die Hand
Die seh’n gefährlich aus, aber wir legen sie lang
Koordiniert euch, fangt an zu trainier’n
Wenn ihr zusammen kämpft, dann kann es funktionier’n
Schon am ersten Tag, wenn ihr die Party macht
Besteht die Möglichkeit, dass es vor der Türe kracht
Also plant immer mit der Konfrontation
Habt Überraschung’n dabei, wenn sie komm’n
Juristisch ist mal wieder die Grauzone geschrammt
Ich lasse ihn jetzt einfach mal im Raum, den Elefant
Ist eh klar was zu tun ist, ich sag‘ nichts mehr dazu
Liebe Grüße an Lina, Gucci, Maja und Nanuk

[Refrain]
Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst
Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst

Wolf Wetzel

 

Die 100. Jubiläumsfolge: „Die AntifAnstalt 100“ vom Satiremagazin „Die Anstalt“ vom 21. Juli 2026 findet sich hier:

 

https://www.zdf.de/play/shows/die-anstalt-104/die-anstalt-vom-21-juli-2026-100

 

 

Quellen und Hinweise:

Die Anstalt-Team nennt Danger Dans Ausladung „mutlos“, DER SPIEGEL vom 17. Juli 2026: https://www.spiegel.de/kultur/tv/danger-dan-die-anstalt-team-nennt-ausladung-des-rappers-mutlos-a-4a080762-40d0-418f-bac5-d34504fc53e4?sara_ref=re-so-facebook-rss#ref=rss

Jetzt canceln sie schon die Staatstragenden, taz vom 17. Juli 2026: https://taz.de/ZDF-laedt-Danger-Dan-und-Igor-Levit-aus/!6197124/

Danger Dan, Antifaschismus und das ZDF. Mit Legalismus gegen Rechtsextremismus? Andreas Fanizadeh, taz vom 19. Juli 2026: https://taz.de/Danger-Dan-Antifaschismus-und-das-ZDF/!6197316/

Antifa ist Kopfarbeit, Peter Merg, Junge Welt vom 20.7.2026: https://www.jungewelt.de/artikel/526540.agitpop-antifa-ist-kopfarbeit.html

NSU 1.0 ist scheintot. Es lebe der Korpsgeist, Wolf Wetzel, 2023: https://wolfwetzel.de/index.php/2023/10/04/nsu-1-0-ist-scheintot-es-lebe-der-korpsgeist/

Polizist*innen schicken sich bei Whatsapp rassistische, antisemitische und andere menschenverachtende Memes, ZDF Magazin Royale vom 29. September 2023: https://www.zdf.de/comedy/zdf-magazin-royale/zdf-magazin-royale-vom-29-september-2023-102.html

Hitler, Hetze, Holocaust – was die „Itioten“ der Hessischen Polizei für Humor halten, ZDF Magazin Royale und FragDenStaat, Der Chatverlauf: https://itiotentreff.chat/

Sind Beamte des 1. Polizeirevier in Frankfurt in die „NSU 2.0“-Drohschreiben verstrickt?

https://www.zdf.de/comedy/zdf-magazin-royale/zdf-magazin-royale-vom-6-oktober-2023-100.html

Suchen Sie nach NSU 2.0 oder etwas Ähnlichem?, Wolf Wetzel: https://wolfwetzel.de/index.php/2020/04/17/suchen-sie-nach-etwas-wie-nsu-2-0/

NSU 2.0 – was das Umfeld der ermordeten Polizistin von Heilbronn mit dem Verein »Uniter« verbindet, Wolf Wetzel: https://wolfwetzel.de/index.php/2019/03/28/nsu-2-0-was-das-umfeld-der-ermordeten-polizistin-von-heilbronn-mit-dem-verein-uniter-verbindet/

Antisemitismus in Deutschland. Pianist Igor Levit über neuen Judenhass, BR Klassik vom 22.11.2023: https://www.br-klassik.de/aktuell/news-kritik/igor-levit-pianist-antisemitismus-judenhass-deutschland-israel-100.html

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4 Kommentare

    1. Vielen Dank! Da stecken gute Fragen und Zweifel drin, die ich auch habe. Vor allem thematisiert er die vielen Löcher, in die man haltlos fallen kann. Ganz zentral finde ich: Wie kann man mit Ohnmacht umgehen, die fast alle verspüren? Wer ist der Feind? Die Vorstellung vom klasischen Nazi schwingt in diesem Lied sehr stark mit. Deshalb frage ich ja auch Levit, warum sein Antifaschismus vor dem Halt macht, was gerade in Israel bzw. in Gaza/Palästina passiert. Eine von vielen Möglichkeiten, zu diskutieren, die Löcher zu füllen bzw. zu vermessen.

      1. Ja, „Fragen und Zweifel“ braucht es um das vorherrschende System, das sich „unsere Demokratie“ nennt, zu verändern.
        Levit und andere „Kämpfer“ gegen Faschismus scheinen das nicht sehen zu können und fixieren sich auf eine AfD und Anhängerschaft und meinen diese mit „allen Mitteln“ bekämpfen zu müssen.

        Mir leuchtet ein, dass eine geloste Demokratie politische Machtgleichheit aller BürgerInnen und damit allen Zugriff auf den Staat ermöglichen würde. Das machte die unfruchtbaren Lagerkämpfe überflüssig und wäre dem Gemein- und Bürgersinn förderlich.

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