London Calling – Über Verrat, über den Umgang mit Verrat, Wahrheit und uns | Emil Goldmann |Teil II

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London Calling

Über Verrat, über den Umgang mit Verrat, Wahrheit und uns. Teil II

von Emil Goldmann

 

Dieser Beitrag von Emil Goldmann setzt die Diskussion über dem Umgang gegenüber Spitzeln fort, die mit der Erklärung von autonomen Antifaschist*innen aus Wuppertal vom 19. Juni 2020 nur eröffnet wurde.

Emil Goldmann kann fünf Vorteile in die Debatte miteinbringen: Er kennt die „Wuppertaler Genoss*innen aus den 1990er Jahren. Er kennt den „Journalisten aus Frankfurt“, der in der Erklärung angegriffen wird. Drittens kennt er sie zusammen, als sie viele erinnernswerte und gelungene Aktionen miteinander verbunden hatte. Und ein ganz wichtiger vierter Grund ist der Umstand, dass er nicht unmittelbar „betroffen“ ist, also persönliche Nähe und politische Distanz gut miteinander verbinden kann. Und ganz und gar nicht schaden kann, das Emil Goldmann nicht im „Sumpf“ einer vermeintlichen Lokalposse stecken bleibt, und bei der Einschätzung des vorliegenden Konfliktes Victor Serge, Bolschewiki, Lenin und den zaristischen Geheimdienst „Ochrana“, Michel Foucault, Peter Brückner und Barbara Sichtermann mit ins Spiel bringt.

Werte Wuppertaler und Solinger Genossinnen und Genossen!

Ihr wollt mich also warnen, vor einem V-Mann des nordrheinwestfälischen Verfassungsschutzes. Das erfahre ich aus in den ersten Zeilen eures Textes „Die Wahrheit wird uns nicht davonlaufen“ vom 19. Juni 2020 auf Indymedia. Herzerwärmend und überraschend, nach so vielen Jahren von Euch zu hören. Handelt es sich doch um Geschehen, die mehr als zwanzig Jahre zurückliegen, zum Beispiel um die auch erwähnte Bundestagsblockade 1993 gegen die Abschaffung des Asylrechts, unsere Tag X-Mobilisierung und gemeinsame Aktion, die ich in bester Erinnerung behalten habe.

Doch jetzt stolperte ich das erste Mal, ich erfahre gleich in der ersten Zeile eine aktuelle Adresse eines V-Manns, und es handelt sich um Geschehnisse von vor zwanzig bis dreißig Jahren? Und erfahre dann, dass der V-Mann keiner mehr ist, sondern seit 20 Jahren ausrangiert ist? Warum dann eine Warnung, vor Dingen, die der Verfassungsschutz und Staatsschutz schon genauso lange wissen?

Ich musste daher zuerst einmal die Rückwärtstaste drücken, um den ganzen Vorgang zu verstehen und puzzelte eine Zeit, um mir eine logisch erscheinende hypothetische Erklärung zu erschließen.

Fangen wir daher noch einmal von vorne an:

Ein ehemaliger V-Mann will eine Art Lebensbeichte abgeben. Anscheinend ist die innere Zerrissenheit hierfür, ein Leiden, das manche Spitzel tatsächlich befallen kann, und ursächlich mit ihrem Handeln zu tun hat:

“Spitzel unterliegen einer alles andere als problemlosen Existenz: sie ist prekär und von allen Seiten gefährdet. Jedes Auffliegen eines anderen Spitzels kann Existenzangst aktivieren. Wenn es sich um nicht verbeamtete Spitzel handelt, wissen sie selbst, dass ihr Tun noch nicht einmal durch eine formale Legitimation abgesichert ist. Demgegenüber können eingeschleuste verdeckte Ermittler unter Umständen mit der Problematik des “Fraternisierens” konfrontiert sein, d.h. sie müssen im Verlauf ihres Einsatzes zunehmend verdrängen, dass sie ihre Kontaktpersonen hintergehen, ausschnüffeln und betrügen müssen. Alle Spitzel, und besonders die zu ihrer Tätigkeit erpressten, stehen permanent unter Druck: Ihre Auftraggeber wollen Berichte und Ergebnisse, die zu produzieren erhöht aber die oft bedrückende Verwicklung des Spitzels in seine sozialen Kontakte. Es muss immer irgendetwas passieren, denn sonst ist der Spitzel sein Geld nicht wert und wird womöglich fallen gelassen.” (Spitzel, eine kleine Sozialgeschichte, Markus Mohr, Klaus Viehmann, 2004, S.9).

Dass Jan Pietsch dies jedoch nicht alleine in seiner Therapie aufarbeiten wollte, sondern die Absicht hatte, in irgendeiner Weise mit seinem Geständnis seine Schuldgefühle seinen Opfern gegenüber loszuwerden, ist eher ungewöhnlich, er wollte sich in welcher Weise auch immer freiwillig (Euch? Der “Geschichte“? Der “Wahrheit”?) stellen.

Selbst mit Drogen oder Alkohol konnte er seinen Verrat nicht betäuben, er konnte ihn nicht wegrationalisieren, heroisieren oder einfach vergessen, so mein Eindruck. Statt in New York weilt er am Tatort Solingen und hat ihn nie verlassen.

Jan Pietsch ist daher meines Wissens der einzige in der radikalen Linken in den letzten Jahrzehnten vom Verfassungsschutz eingesetzte Spitzel, von denen es sicher hunderte gibt, der diesen Weg gehen wollte (Liebe Genossinnen und Genossen aus dem Osten der Republik, es kann sein, dass ich Selbstenttarnungen von Stasi-Spitzeln jetzt übersehen habe und davon keine Kenntnis besitze). Dass er damit nicht direkt zu Euch gerannt ist und einen Umweg wählte, ist nicht verwunderlich, sondern wahrscheinlich in seiner tief sitzenden Angst begründet.

Foucault definiert das Geständnis als „sprachliche(n) Akt, mit dem das Subjekt eine Behauptung über sein Selbstsein aufstellt, sich an diese als eine Wahrheit bindet, sich in ein Abhängigkeitsverhältnis gegenüber dem anderen begibt, und zugleich dadurch das Verhältnis zu sich selbst verändert.“ (VL 1981/82, 452), als „obligatorischen und erschöpfenden Ausdruck eines individuelle(n) Geheimnisses“. (Burchardt, 2014)

Es ist ein erzwungener Diskurs des Subjekts in einer Machtsituation, in der Individuen zur Produktion der Wahrheit mittels detaillierter Introspektion (Selbsterforschung) mit sich selbst ins Verhältnis gesetzt werden.

“Erst die Mönche haben die Situation radikal geändert und dabei das Mittel des Geständnisses verwandelt. Denn sie machten aus ihm ein Instrument der Selbstbefragung und -Kontrolle. (…) Sie setzen nicht nur durch, dass man die begangenen Fehler gesteht, nein, man muss alles gestehen, bis in die innersten Windungen der Gedanken. Es gilt, alles auszusprechen. Der Mönch misstraut nicht allein dem Fleisch, er misstraut dem eigenen Ich. Die Führung des Mönchs durch das geistige Oberhaupt bleibt dauerhaft bestehen. Sie erweist sich als autoritär, insofern sie sich unterscheidet von der persönlichen Entwicklung hin zu einem bestimmten Ziel, das ihm ein geistiger Führer weist.“ (Foucault, Dits et écrits, IV., S.659).

Jan P. gibt einen nicht näher euch bekannten linken Journalist aus Frankfurt ein 30 seitiges Interview, so euer Text.

Und einem ebenfalls linken Journalisten aus Berlin, den ihr anscheinend auch nicht näher kennt, filmt ebenfalls ein Interview mit Jan Pietsch für eine bevorstehende Fernsehdokumentation. Wann dies genau geschehen ist, erklärt ihr nicht: der erste Kontakt scheint 2017 zustande gekommen sein.

Das schriftliche Interview stand euch seit April 2020 zur Verfügung, und ihr zitiert ausgiebig daraus. Obwohl ihr Jan Pietsch als notorischen Lügner bezeichnet. Einen Zustand, den er ja gerade mit seinem “Geständnis” ändern will und gar nicht bestreitet, er legt (beschönigend, verzerrend?, kürzend?) seine Lebenslüge offen.

Ich fasse daher neu zusammen: Ohne den außerordentlichen Umstand, dass Jan Pietsch einen Weg gewählt hat, eine Lebensbeichte öffentlich zu machen, um möglicherweise über die Arbeit des Verfassungsschutzes (VS) in der linksradikalen Szene zu informieren, hättet Ihr nichts geahnt, gewusst, vermutet. Warum macht dann euer Artikel den Eindruck, ihr hättet eine Verschwörung auf frischer Tat enttarnt und aufgeklärt, und müsstet das tun, was der ehemalige Spitzel aus welchen Gründen auch immer selbst tun wollte?

Warum warnt ihr vor ihm und weitergegebenen Informationen, die Staats – und Verfassungsschutz seit vielen Jahren in ihren Archiven und Akten haben, führt dann 40-jährige Verjährungsfristen an (ja, die gibt es), um eine aktuelle Gefahr zu suggerieren? Meinem Eindruck nach geht von einer vielleicht gebrochenen, möglicherweise prekären Existenz des Spitzels keine aktuelle Bedrohung aus. Dies ist eine ganz nüchterne, sachliche und kein Mitleid erheischende Feststellung.

Und verzeiht, die Verjährungsfristen erscheinen mir konstruiert, um etwas Anderes zu verdecken.

Ihr rennt also mit wehenden Fahnen Türen ein, durch die der Spitzel selbst treten wollte, es mag also sein, dass ihr nicht ‚eure‘ und ‚unsere‘ Geschichte von ihm schreiben lassen wollt: Habt ihr diese, unsere Geschichte mit eurem Text erfahrbar, lesbar gemacht? Ihr habt gegenrecherchiert, das ist verdienstvoll und wichtig, und wie ich einige von euch kennengelernt habe, macht ihr dies akribisch, genau und überlegt.

Ich denke, dass ihr euch durch den Wunsch nach Rache zu einem Schritt der Veröffentlichung in dieser Form habt treiben lassen, den ihr jedoch nicht nach diesen Maßstäben gegangen seid. Er war nicht überlegt, verantwortungsvoll, akribisch und nüchtern.

“Das Verhältnis zwischen Spitzel und Bespitzelten kann schrecklich und banal sein – die Betonung liegt auf schrecklich und banal. Banal kann sein, was ein Spitzel berichtet, von Essgewohnheiten bis zu unwesentlichen Gesprächsinhalten und Gewohnheiten. Unter Umständen entwickelt sich allerdings eine schreckliche, um Leben und Tod kreisende Dramatik: das Opfer einer Bespitzelung, die unter Umständen die intimsten Bereiche reichte, hat allen Grund entsetzt, wütend und verzweifelt zu sein. In Gedanken geht es sicher um den Tod des Spitzels – wirklich getötet werden aber nur die wenigsten Spitzel. Real geht es eher um das Leben der Bespitzelten, für sie ist es überlebenswichtig eine Distanz herzustellen. Schließlich droht ihnen nach dem Bewusstwerden ihres ganzen persönlichen Verratenseins die Entwertung wesentlicher Teile ihres privaten Lebens und die Zerstörung jeden Grundvertrauens in andere Menschen.” (Spitzel, 2004, S.10)

Die Aufdeckung, die Erkenntnis, Opfer eines V-Mann geworden zu sein, ist ein Fausthieb in die Magengrube. Das Ihr als Betroffene kaum den verachteten Täter kalt über die Involvierung des VS nach dem Brandanschlag in Solingen in antifaschistische Praxis befragen könnt, ist zumindest naheliegend. Ihr hättet sicher lieber selbst 1999 aufgedeckt, dass Ihr Opfer eines Betrugs, Verrats, eines Doppelspiels geworden seid, und vielleicht trieb genau das euch dazu suggerieren, ihr hättet die Kontrolle gehabt, und hättet alles alleine aufgedeckt – hört auf, es euch vorzuwerfen, liegt mir auf den Lippen! Ihr seid nicht die Einzigen! Vielleicht zwingt Euch genau diese nachträgliche Ohnmacht dazu, eine nachträgliche Selbstermächtigung zu simulieren, eine selbstorganisierte Aufdeckung, die so nicht stattgefunden hat!

Meint Ihr, eure witzige, ausdauernde, unermüdliche politische Arbeit in den 1980er und 1990er Jahren würde dadurch wertlos?

Ich fand eure lokale autonome Praxis aus der solidarischen Ferne vorbildlich, kreativ, und wie soll diese großartige Sozialgeschichte durch einen V-Mann grundsätzlich beschädigt werden?

“Und die Provokateure? – Auf den ersten Blick können sie der revolutionären Bewegung einen schweren Schaden zufügen. Stimmt das? Gewiß kann die Polizei mit ihrer Hilfe viele Personen verhaften und Gruppen “liquidieren”. Unter gewissen Umständen kann sie grundlegende politische Pläne durchkreuzen. Sie kann die wertvollsten Genossen zugrunde richten. Die Provokateure waren oft die direkten Zulieferer der Henker. Gewiß, all das ist schrecklich. Doch es bleibt nicht weniger wahr, daß die Provokation nur dem Einzelnen oder Gruppen schaden kann und daß sie nahezu ohnmächtig ist gegenüber der revolutionären Bewegung als ganzer.”

(Victor Serge, Was jeder Revolutionär über die Repression wissen muss, 1921, Bulletin communiste, aus Wie man gegenüber Polizei und Justiz die Nerven behält, Rotbuch 1973).

Hat Pietsch, nüchtern betrachtet, große politische Pläne durchkreuzt? Führte seine Tätigkeit zu Verhaftungen? Kam es zur Liquidierung von Gruppen? Sind Genoss*innen durch ihn zugrunde gerichtet worden? Wenn Ihr diese Fragen beantworten könnt, wisst ihr, wie viel und wie wenig der V-Mann real politisch bewirkt hat.

Wer macht euch mehr Vorwürfe als ihr selbst, dass ihr ihm vertraut habt, ihn geschätzt und geholfen habt?

Was denkt ihr, wie viele hunderte Spitzel aus den letzten fünf Jahrzehnten nicht aufgeflogen sind, von Aachen bis Frankfurt/Oder, von Flensburg bis Freiburg? Und wie viele V-Leute arbeiten auch heute noch im Geheimen? Ihr seid damit nicht alleine, es ist ein Problem von uns allen.

Auch Lenin hat lange nicht glauben wollen, dass Malinowski ein Spitzel ist. Es gibt kein objektives Kriterium, dass den Spitzel überführt, und es sind weder hellbraune Lederjacken noch Vorliebe für schnelle Autos, wie ihr über Pietsch schreibt, noch die unerledigten Spülberge von Klaus Steinmetz (Wiesbadener V-Mann, der 1993 aufflog), noch die Hochzeit von Tarek Mousli (Mitglied der Revolutionären Zellen, der 1999 Genoss*innen der RZ verraten hat), die den Spitzel zur dechiffrierbaren Unperson machen (mir würden da einige Fahrten mit vorzugsweise Genossen in Mercedes und Audi einfallen, die dementsprechend verdächtig sein müssten).

Das sind nachträgliche Protokollierungen von “Auffälligkeiten”, die so wenig aufgefallen sind, dass Steinmetz zur Führungsebene der RAF stoßen und Mousli jahrelang verschwiegener und zuverlässiger Genosse einer bundesweiten militanten Struktur war. Nachdenklich macht mich allerdings die Vorliebe von V-Leuten mitschwimmend zu fotografieren, dazu auch ist das verdienstvolle Buch über das Spitzelwesen von 2004 sehr wertvoll (besonders z.B. Manfred Schliekenrieder).

Dies sollte nicht zu Paranoia gegenüber jedem unbekannten Fotographen führen (ich habe mich in den 2000ern auch einmal schützend vor einen alten Startbahnfotografen gestellt, der von jungen Antifas angemacht wurde). Sondern gerade dann, wenn der oder die V-Person das Vertrauen gewonnen hat, dokumentiert er oder sie relativ unhinterfragt und ungestört.

Die Bolschewiki entdeckten nach der Oktoberrevolution 1917 im Archiv der Ochrana (zaristische Geheimpolizei) 35.000 Namen von Provokateuren, so die damalige Bezeichnung für Spitzel, zum Teil so weit zurückliegend, dass sich nur noch wenige an die Ereignisse erinnern konnten. So verurteilte ein Revolutionstribunal einen Verräter von vor 1890 im Jahr 1925 zu zehn Jahren Haft. Victor Serge schreibt:

„Die Revolution rächte sich nicht. Dieses Gespenst (der Spitzel Okladsky) gehörte einer allzu entfernten und allzu toten Vergangenheit an. Der Prozess, der von Veteranen der Revolution geführt wurde, nahm die Form einer wissenschaftlichen Debatte über Geschichte und Psychologie an. Es war die Untersuchung des armseligsten menschlichen Dokuments.“ (Rotbuch 1973, S.61).

Euch ist das Gespenst Pietsch zu nahe, die Vergangenheit ist eure Geschichte und ist nicht tot: Euch muss der kalte Blick der linken Journalisten unwirklich erscheinen, die statt einen analytischen Blick ins Geheimarchiv des Verfassungsschutzes nach der Revolution nur über die Offenbarungen eines freien Mitarbeiters einen kleinen Ausschnitt der klandestinen Tätigkeit der Geheimdienste in der Linken aus dem Dunkeln ins Licht holen wollten. Dieses politische Ziel verschweigt ihr wissentlich, statt dies in den Fokus eurer politischen Kritik zu stellen.

Ja, ihr habt Fehler gemacht, und ihr kennt eure Fehler am besten, hört daher auf, andere lautstark zu beschuldigen, niemand (?) wirft euch etwas vor: wahrscheinlich seid ihr sowieso eure strengsten Richter. Unterstellt nicht anderen, den Journalisten, blind dem Spitzel zu vertrauen, was ihr selbst ein Jahrzehnt getan habt.

Und daher, noch einmal zu einer anderen Sache, der Kommunikation zwischen Genoss*innen: Ich habe mich in gewisser Weise naiv gestellt, um das Wirkliche hinter eurem harten, wütenden und lauten Vorgehen zu erklären. Mir liegt es fern, euch einen neuen Vorwurf daraus zu machen. Der Verfassungsschutz wird sich jedoch wahrscheinlich köstlich über die Fernwirkung seiner Tätigkeit amüsieren, und hat wahrscheinlich jetzt schon einige V-Leute aktiviert, um ein paar weitere Früchte zu ernten. Zum Beispiel, damit seine Tätigkeit in Solingen aus dem Fokus rückt. Die sogenannten Rechercheergebnisse in der Indymediakommentarspalte sind möglicherweise erste Auftragsarbeiten.

So gedanken-, prinzipien-, verantwortungslos und oberflächlich können Linke doch nicht aus freien Stücken sein – oder täusche ich mich … sind das heute die Verkehrsformen untereinander?

Auch wenn ich nur am Rand davon erfahren habe, nein, ein blindes Vertrauen gab es nicht. Ein solch merkwürdiges und seltenes Anliegen wie das von Pietsch stieß auf handfestes Misstrauen. Und genau daran kann es auch liegen, dass seit 2017 drei Jahre vergangen sind.

Ja, ihr ahnt es: mein Freund Wolf suchte 2017 Rat bei mir. Und ich riet ihm – Details sind unwichtig und Verschwiegenheit hier golden – zu hochgradigem, extremen Misstrauen und Vorsicht. Und ich habe ihm zu schrittweisen, beständig überprüften Maßnahmen geraten, um in keine aufgestellte Falle zu geraten. Und das ist, auch Freunde machen Fehler, kein Blankoschein, weder für ihn, noch für mich, dem punktuellen Ratgeber, der ahnte, welche soziale, persönliche Sprengwirkung die Aufdeckung bei Euch auslösen kann. Wer ging ein persönliches Risiko ein, und wer steht wie ihr im Fokus geheimdienstlichen Interesses?

Die Frage könnt ihr euch leicht selbst beantworten. Nach dieser langen Phase der Überprüfung gab es in unserem Leben wesentlich Existentielleres als diese Geschichte – ja, es war nachlässig, und meine Aufmerksamkeit ließ nach, insbesondere interessierte mich wenig das “Kreiseln des Berges” um die Fernsehproduktion, die eigenen, manchmal befremdlichen Gesetzmäßigkeiten folgt. Von außen hatte ich da scheinbar nichts beizutragen.

Aussageverweigerungskampagne “Anna und Arthur” 1988

Ihr zitiert „Anna und Arthur“ und greift gleichzeitig denjenigen an, der damals maßgeblich diese immer noch treffsichere Formel in den Auseinandersetzung mit den Aussagen nach dem 2.11.1987 (Schüsse bei einer Demonstration an der Startbahn West, bei der zwei Polizisten tödlich verletzt wurden) zur Brandmauer gegen den um sich greifenden Aussagespirale Verrat gemacht hat, der (wie so oft) und nicht alleine in einer wirklich grauenvollen Lage für „uns“ Verantwortung übernommen und Kohlen aus dem Feuer geholt hat.

Ihr leitet euren Text mit der Bundestagsblockade 1993 ein und wisst, dass er und ich mit euch und vielen anderen diese großartige Mobilisierung initiiert und organisiert haben – Ihr benennt Wolf nicht einmal als Genossen der Vergangenheit. Dreiviertel der hier Lesenden werden diese Geschichte nur von der Ferne kennen, davon war die Hälfte vielleicht nicht einmal geboren.

Und doch ist es von brennender Aktualität: Wenn die Verkehrsformen der Linken so toxisch bleiben, ist deren Niederlage vorprogrammiert.

Wir laufen, und dafür brauchen wir keine Spitzel, Gefahr, wie die noch ältere Linke in gegenseitiger Denunziation, Unterstellungen, Hass, Ressentiments und Konkurrenzneid (z.B. gegen die Journaille – klingt das nicht schon fast wie “Lügenpresse?”) unterzugehen. Die langwierige Auseinandersetzung innerhalb der radikalen Linken zwischen “Antideutschen” und “Anti-Antideutschen” gibt davon ein beredtes Beispiel.

“Daß zwischen linken Gruppen Konkurrenz herrscht ist bekannt. Aber wird die Bedeutung dieser Konkurrenz begriffen? Unsere Revolution wird nie Gestalt annehmen, solange nicht die Gruppe A imstande ist, nicht nur neidlos, sondern zustimmend einen Erfolg der Gruppe B mit anzusehen, solange nicht gelernt wird, daß Kooperation und Solidarität, aber auch Kritik aneinander auf der Autonomie der Beteiligten und der Anerkennung dieser Autonomie durch die jeweils anderen beruht. Dies schließt jede Diskriminierung von Genossen (im Original!) in Bezug auf Herkunft, Bildungsprozesse, Erfahrung und spezifische Form von kritischer Tätigkeit aus (ob am Schreibtisch, in der U-Bahn oder bei Ford).”

(Peter Brückner, Barbara Sichtermann, Gewalt und Solidarität, Wagenbach 1974, S.87)

 

Ihr empfindet möglicherweise eure Autonomie beschädigt – dies hat der V-Mann bei euch angerichtet, vor mehr als zwanzig Jahren, und nicht die Genossen, die 20 Jahre später euch nicht darüber informierten. Ihr fühlt euch verraten – das tat der Spitzel, und ja, dass er dies tat, diese Verletzung wurde euch zwei Jahre vorenthalten, aber dies ist keine Wiederholung des Verrats. Ihr wollt über eure Geschichte alleine entscheiden – ja, und nein, diese Geschichte hat der Verfassungsschutz indirekt schon mitgeschrieben, ihr gewinnt sie, im besten Fall zusammen, zurück. Und ich plädiere dafür, bleibt stolz auf eure wertvolle Geschichte, sie ist euch nicht genommen, genauso wenig wie eure Autonomie.

Die Lebensbeichte des Spitzels kann ein abschreckendes Beispiel für die potentiellen Nachahmer und Nachfolger sein – noch Jahrzehnte später droht euch euer Verrat, euer verachtenswerter Betrug einzuholen. Es gibt kein ruhiges Hinterland in Euch selbst! Und daher, lasst es, hört auf, stellt den Verrat ein!

Denn: “Ein Mensch, das ist immer ein Begriff von Hoffnung, von Erwartung: er erwartet etwas vom Leben, das Leben erwartet etwas von ihm.” (Brückner/Sichtermann, S.16)

Emil Goldmann

Frankfurt im Juni 2020 (ein ehemaliger Genosse mit einem bürgerlichen Beruf)

 

Teil I der Debatte findet sich hier:

Die Wahrheit wird uns nicht davonlaufen? So … ganz sicher!

 

Emil Goldmann hat mehrere Beträge über die Theorien des Faschismus und Antifaschismus verfasst, die alle sehr empfehlenswert sind:

Der Feind steht rechts! Vierter Teil

 

Quellen und Hinweise:

Wie man gegen Polizei und Justiz die Nerven behält, Eschen, Plogstedt, Sami, Serge 1973

Gewalt und Solidarität, Peter Brückner und Babara Sichtermann, 1974

Die Niederlage der RAF ist eine Niederlage der Linken. Bad Kleinen, Steinmetz und der Bruch in der RAF, Ein vorläufiger Bericht, 1993

Die Hunde bellen … Von A bis RZ, autonome LUPUS-Gruppe, Unrast Verlag 2001

Spitzel, eine kleine Sozialgeschichte, Markus Mohr, Klaus Viehmann, 2004

Sexualität und Wahrheit – Vierter Band: Die Geständnisse des Fleisches, Michel Foucault, 2019

 

 

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