Der silberne Löwe in Venedig für den Film „The Voice of Hind Rajab“ Und Springers „Welt“ dreht am Rad.

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Der silberne Löwe in Venedig für den Film „The Voice of Hind Rajab“

Und Springers „Welt“ dreht am Rad. (Teil II)

 

Springers „Welt“ hatte es geahnt und lud nochmal nach, bevor das eintrat, was nun geschah.

„The Voice of Hind Rajab“ bekam am 6. September 2025 den Silbernen Bären in Venedig. Und wieder toste Applaus auf. Und wieder war deutlich zu spüren, dass die Beklemmung über das, was kaum noch in Worte zu fassen ist, hier ihren Ausdruck fand. Die Hoffnung, dass Filmen eben doch etwas verändern können, erlebte eine Sternstunde.

 

Die „Welt“ konnte an den Fakten, die diesem Film zur Grundlage dienten, nichts aussetzen. Alleine deshalb ärgerte sich die „Welt“ grün und blau:

 

„Das Telefonprotokoll ist echt, der Titel der Aufnahmen wird eingeblendet, darin das Datum: 29. Januar 2024. Sogar die Stimme des Kindes wird unverfälscht wiedergegeben – verängstigt, zart und unendlich verletzlich. Schon darin liegt manipulative Wucht.“

 

 

 

Die Wirklichkeit als „manipulative Wucht“?

Eigentlich ist das, was man aus der Wirklichkeit macht, was man zeigt, was man weglässt, die Technik der Manipulation. Darin kennt sich die „Welt“ sehr gut aus. Jetzt ist die Wirklichkeit selbst schuld. Das ist „Welt“-Rekord.

Und genau deshalb ist die „Welt“ außer Rand und Band:

Wie kann man nur die Realität für die Realität halten?

Wie kann man die Realität so darstellen, dass das Verbrechen kein Versehen ist, sondern geplant und gewollt ist? Wie kann man nur aus einem – zugegeben selten so lückenlos dokumentierten Fall ein „Tribunal“ machen? Die „Welt“ weiß doch, dass Tribunale, Gerichte bis hin zum ICC in Den Haag nur noch heruntergerissene Vorhänge darstellen!

Was hinter dem Film tatsächlich gespielt wird, weiß hingegen die „Welt“ exklusiv – ganz in antisemitischer Enthüllungsmanier. Dafür braucht sie weder Beweise noch Gerichte:

„Oberflächlich betrachtet verzichtet er auf die billigen Mechanismen des Betroffenheitskinos: keine Streichermusik, kein Anklagepathos. Stattdessen eine beharrliche Kargheit. Doch die täuscht. Sie geht im minimalistischen Büßerkleid des Dokumentarischen, ist in Wahrheit aber die Tarnuniform eines Films, der insgeheim radikal Partei ergreift“ (…)

„The Voice of Hind Rajab“ zeigt, wie dünn die Linie zwischen Zeugenschaft und Agitation sein kann. Was sich als Pazifismus ausgibt, wirkt wie ein Brandbeschleuniger.

Damit beweist Springers „Welt“ einmal mehr, dass nur sie hinter die Oberfläche schauen kann, dass man sie nicht mit einem Film täuschen kann, der in Wahrheit ein „Tarnuniform“ für etwas ganz Ins-Geheimes ist, das nur die „Welt“ kennt.

Manche werden einfach sagen, ich kann auch meinen Frosch befragen, aber die Art der „Welt“-Enthüllung ist nicht willkürlich. Sie benutzt „gekonnt“ die Klaviatur der antisemitischen Ideologie und kann auf eine jahrhundertlange Einübung zurückgreifen.

 

Der Antisemitismus ist eine Ideologie und ein Herrschaftsinstrument zugleich.

Das heißt eben auch, dass der Antisemitismus die Zeit reflektiert, also v/erklärt, in der er wirkt. Daraus ergibt sich, dass der Antisemitismus für die jeweiligen Herrschaftsinteressen angepasst wird. Die entsprechenden Wirklichkeitspartikel gibt es in den verschiedensten historischen Epochen:

Sei es der religiöse/christliche Antijudaismus, der den „Judas“ als Verräter und Gegenbild zu „Jesus“ erfunden hat.

Sei es den „Geldjuden“ in Zeiten des Feudalismus, als Geldgeschäfte für Christen verboten waren und auf diese Weise der „Geldjude“ für alles herhalten sollte, was mit Schulden und Zinsen zu tun hatte.

Auf all dies konnte der deutsche Faschismus ausnutzen und dabei eins draufsetzen: Er erfand das Gespenst von der „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“. An dieser Mischform erkennt man am deutlichsten, dass es nicht um die Juden ging, sondern um das Generieren von alten (und neuen) Feindbilder. Das neue Feindbild war dabei der Kommunismus in Gestalt der KPD. Diese bekämpfte man am besten, indem man den Antikommunismus mit dem Antisemitismus in einer Zuchtanstalt kreuzte. Das all dies nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatte, war mehr als gleichgültig. Festhalten kann man jedenfalls, dass der Antisemitismus im Dritten Reich, im deutschen Faschismus Staatsraison war.

Und auch im Nachkriegsdeutschland hält sich der Antisemitismus dort hartnäckig, wo man Bill Gates nicht für seine milliardenschweren Politiken verantwortlich macht, sondern wegen seiner jüdischen Herkunft.

Auch so kann man das, was der Kapitalismus von Profit- in Machtakkumulation umwandelt, ins „jüdische“ Wesen umlenken – was ja nichts anders bedeuten soll als: Der Kapitalismus ist ganz in Ordnung, wenn es nicht die „Bill Gates“ gäbe.

 

Dass der Antisemitismus spätestens nach 1967 ein Schattendasein führt, die bedingungslose Solidarität mit dem jüdischen Staat Israel zur parteiübergreifenden „Staatsraison“ avanciert ist, ist kein Zufall und auch keine willkürliche Haltung.

Es ging in den verschiedenen Phasen des Antisemitismus nie um „den Juden“, sondern um die Aufrechterhaltung von Herrschaftsverhältnissen, indem man von jenen ablenkte, die davon profitieren.

 

Zentrale Merkmale des Antisemitismus

Obgleich der Antisemitismus also in der je wirksamen Epoche verschieden modelliert ist, gibt es ganz zentrale Merkmale, die für alle Modelle gelten müssen.

Die antisemitische Verschwörungsideologie imaginiert eine omnipotente Macht der Juden.

Diese zieht im Verborgenen ihre Fäden und hält so die Wirtschaft, die Politik und unser aller Leben in der Hand. Was dem normalen Menschen verborgen bleibt, erkennt der Antisemitismus: Hinter dieser abstrakten Macht verbergen sich die Juden, die für Elend und Reichtum, für Schmutz und Glanz gleichermaßen verantwortlich gemacht werden.

Mithilfe dieses imaginierten Feindes werden die wahren Herrschaftsverhältnisse auf den Kopf stellt.

Damit verteidigt man sie zugleich – indem man in „die Juden“ all das hineinprojiziert, was der Kapitalismus an Elend und Ausbeutung produziert. Dabei erweist sich der Antisemitismus als Schutzheiliger des Kapitalismus: Er erfindet das „schaffende Kapital“, das gut, ehrlich und blütenweiß ist. Und als Gegenbild schafft er das „raffende Kapital“, das Verderben, Elend und Hunger produziert. Man muss es vorsichtshalber dazusagen: Mit dem „raffenden Kapital“ sind die Juden gemeint.

Der Antisemitismus verortet die Macht dort, wo sie nicht ist.

Der Antisemitismus lebt und gedeiht im Irrsinn: Er macht aus marginalisierten und diskriminierten Juden einen übermächtigen Feind, den man gefahrlos aus dem Weg räumen „muss“. Er ist damit ein Komplize der Herrschaft und nicht sein „größter“ Feind. Diese antisemitische Verschwörungsideologie ist also das Gegenteil einer Analyse:

Sie gibt vor, hinter die Oberfläche, hinter das Vordergründige zu schauen und macht tatsächlich das Gegenteil: Sie verblendet und verschleiert Herrschaftsverhältnisse und macht jene dafür verantwortlich, die am meisten darunter leiden.

Die Ideologie des Antisemitismus kann man als eine doppelte Paradoxie begreifen:

 

  • Man behauptet, Herrschaftsverhältnisse zu durchschauen, indem man sie zum Verschwinden bringt.
  • Der Antisemitismus bietet uns Schuldige an, um die wirklich Mächtigen zu schützen.

 

Und genau all dies macht die „Welt“ & co gekonnt: Sie lenken von den wahren Herrschaftsverhältnissen in Gaza/in Palästina ab und macht jene, die diese Herrschaftsverhältnisse bekämpfen für diese verantwortlich.

Das gipfelt in der Behauptung der Genozid-Freunde, dass der „Verteidigungskrieg“ in Gaza morgen zuende sei, wenn die „Hamas“ aufgibt, die Waffen niederlegt und den Besatzern das Land überlässt. Widerlicher kann man einen Konflikt nicht ins Gegenteil verkehren, indem man den Kolonialisierten die Kolonialisation zur Last legt.

 

Zurück zu den Kolonialherren.

Noch reißt sich die „Welt“ zusammen … und prognostiziert, dass dieser Film einen Preis gewinnen wird, weil das Publikum, die Jury noch nicht so abgebrüht sind, wie die „Welt“.

Wenn es jedoch nach der „Welt“ ginge, dann hätte man das nie so weit kommen lassen dürfen. Also nicht das Massaker, das sich in unzählige Massaker einreiht. Nein, die sind okay. Aber dass so etwas in Venedig gezeigt wird, Standing Ovations erhält, das muss man doch verhindern können.

Wie wäre es mit einem Einmarsch deutscher Truppen pardon Polizisten als Amtshilfe getarnt, für die faschistische Ministerpräsidentin und Freundin Meloni?

Deutsche Polizisten wird es für diesen Sondereinsatz zuhauf geben. Gerade deutsche Polizisten aus der Hauptstadt schlagen sich hervorragend: Kinder jagen und verprügeln, Frauen ins Gesicht schlagen, Menschen von hinten zu Boden rammen. Arme brechen und abends ihre Kinder streicheln. Das machen sie Woche für Woche. Niemand hält sie auf! Weder die „Welt“, noch die Justiz, noch die Regierenden in Berlin.

Es musste schon Kitty O’Brien, eine junge Frau aus Irland sein, die unerwartet Ärger bereitete. Nicht sie. Sie wurde mehrmals ins Gesicht geschlagen, hielt ihr blutverschmierten Händen den Schlägern entgegen und wurde von schwerbewaffneten Polizeibeamten festgenommen – für nichts und wieder nichts. Eben, weil deutschen Polizisten das können und straflos dürfen. Es war die irische Botschaft, die diesen Fall zur Sprache und an die Öffentlichkeit brachte. Abgesehen davon, prügelt die Polizei weiter.

Zurück zum Marsch auf Rom bzw. Venedig. Es wird doch möglich sein, dass die deutsche Polizei dort einmarschiert und sich wie gewohnt durch die Reihen prügelt, das Film-Team von der Bühne schleift und nach Deutschland deportiert … Und wer sich dabei an irgendetwas erinnert, der hat Recht.

Wolf Wetzel

 

Quellen und Hinweise:

Über 335 Schüsse auf ein 5-jähriges Kind in Gaza, das ‚lebt‘. The Voice of Hind Rajab, Wolf Wetzel, Teil I, 2025: https://wolfwetzel.de/index.php/2025/09/05/ueber-335-schuesse-auf-ein-5-jaehriges-kind-in-gaza-das-lebt-the-voice-of-hind-rajab/

Das Kino als Tribunal. Von Jan Küveler, Welt-Chefkorrespondent Feuilleton vom 5.9.2025: https://www.welt.de/kultur/article68b950efe741757b51ad6e95/Gaza-Film-The-Voice-of-Hind-Rajab-in-Venedig-Das-Kino-als-Tribunal.html

The Voice of Hind Rajab won the Silver Lion grand jury prize at the Venice Film Festival on Saturday: https://x.com/IpIndependent/status/1964416200936738948

Exposing germany, Kitty O’Brien, September 2025: https://www.instagram.com/reel/DOLTODFDO8p/

Der eliminatorische Nationalismus. Zwischen Krieg und Krieg in Gaza um Palästina, Wolf Wetzel, 2023: https://wolfwetzel.de/index.php/2023/11/29/der-eliminatorische-nationalismus-zwischen-krieg-und-krieg-in-gaza-um-palaestina/

Das israelische Kriegskabinett tut alles, dass sich Auschwitz wiederholt, Wolf Wetzel, 2025: https://wolfwetzel.de/index.php/2025/05/12/das-israelische-kriegskabinett-tut-alles-dass-sich-auschwitz-wiederholt/

 

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