Herzlichen Glückwunsch zum 92. Geburtstag, Jean Ziegler!
Jean Ziegler ist am 19. April 92 Jahr alt geworden. Eine Hommage an einem Menschen, der sich nie den Verhältnissen der Herrschenden gebeugt hat.

Ich erinnere mich noch sehr genau an eine Szene, die Jean Ziegler mehrfach beschrieb: Er war in Genf einige Tage dessen Chauffeur, als dort 1964 die erste Unctad-Weltzuckerkonferenz der UNO stattfand, bei der auch Che Guevara als kubanischer Industrieminister eine Rede hielt, . Dem revolutionären Kuba fehlte es an Botschaftspersonal und Dienstwagen. Ziegler meldete sich. Dass er genommen wurde, erklärt sich damit, dass er 1959, als er als Student der Soziologie auf dem Rückflug von New York nach Genf in Kuba Zwischenstation machte, Che Guevara schon einmal getroffen hatte.

Damals war die spätere Kultfigur mit dem Barett, die jeder durch das legendäre Bild des berühmten Schweizer Fotografen René Burri kannte und noch heute Zieglers Büro schmückt, ein unbekannter Kämpfer für soziale Gerechtigkeit. Der noch jugendliche Ziegler stellte sich ihm als Journalist vor, der – was stimmte – für Schweizer Zeitungen eine Reportage über die kubanische Revolution schreiben wolle.
Jetzt traf er Che Guevara, der inzwischen Industrieminister der Revolutionsregierung war, wieder und war von dieser Persönlichkeit, dem revolutionären Elan und dessen Aura völlig begeistert. Am Abend vor der Abreise der kubanischen Delegation, die im achten Stock des Genfer Intercontinental-Hotels unterbracht war, fasste Ziegler allen Mut zusammen und bat ihn, mit nach Kuba kommen zu dürfen. Da trat Che ans Fenster, von dem aus man das nächtliche, stark erleuchte Genf liegen sah und antwortete:
„Dein Platz ist hier. Hier ist das Gehirn des Monsters, hier musst du kämpfen.“
Hans See, der mit Jean Ziegler befreundet ist, hat ebenfalls eine Würdigung geschrieben:
„Jean Ziegler zum 92sten Geburtstag (19.04.2026)
Am 19. April 2026 wird mein Freund, lange Zeit Mitherausgeber der BCC-Zeitschrift „BIG Business Crime“, 92 Jahre alt. Nach Erscheinen seines bisher letzten Buches ist es – altersbedingt – sehr still um ihn geworden. Seine Familie schirmt ihn zu Recht von den Medien ab. Aber leider auch von seinen Freunden. Das ist verständlich, aber traurig. Hier dennoch meine Würdigung und Gratulation in der Hoffnung, dass sie auch ihn erreicht.
Das letzte Buch Jean Zieglers erschien 2024 in Paris. 2025 in deutscher Übersetzung bei C. Bertelsmann. Der Titel richtet sich an alle, die die bestehende „kannibalische Weltordnung“ des Neoliberalismus ablehnen und bekämpfen. Sein Inhalt wirbt von der ersten bis zur letzten Seite für einen entschieden antinationalistischen demokratischen Sozialismus, als Alternative zu den derzeit weltweit stärker werdenden sozialdarwinistischen Rechtspopulisten. Allzu vielen Menschen fehlen seine Argumente. Sie neigen zur Resignation, zur Anpassung, Unterwerfung, zum Mitläufertum und zur Beschönigung der Realität. Er kämpft weiter: „Trotz alledem!“ Und er verspricht im Untertitel, auch zu begründen, warum er die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht aufzugeben bereit ist.
„Die Welt droht in Schutt und Asche zu versinken“.
Der erste Satz des Buches lautet: „Die Welt droht in Schutt und Asche zu versinken“. Ziegler erstellt nach eigenem Bekunden in diesem Buch ein Inventar „der wichtigsten Katastrophen, welche die Welt heimsuchen und der Strategien, die es zu erschaffen gilt, um sie zu überwinden“. (S.9)

Schon damals sah er, was heute die halbe Welt befürchtet, dass sich ein Dritter Weltkrieg anzubahnen droht, in dem es auch zum Einsatz von Kernwaffen kommen könnte.
An erster Stelle sieht Ziegler nicht etwa die Kriege, sondern die Katastrophe des Hungers in der Welt. Im Mittelalter war der Hunger Schicksal, durch Missernten und Mangelwirtschaft verursacht. Heute muss dieses Übel als Verletzung des Menschenrechts auf Nahrung dem kapitalistischen System angelastet werden, weil dieses System einen nie zuvor in der Weltgeschichte dagewesenen Überschuss und Überfluss an Lebensmitteln produziert, der Millionen von Menschen systemisch vorenthalten wird.
Wie – fragt Ziegler – kommt dieser Welthunger zustande? Und er erklärt, was die satten Welterklärer unserer kapitalhörigen Medien in Nachrichten, Kommentaren, Talkshows und Dokus verschweigen. Sie müssten es nicht. Aber sie nutzen ihre verfassungsrechtlich garantierte Freiheit, über die heutigen Formen des Bauernlegens in unterentwickelten Ländern, über die Boden- und Nahrungsmittelspekulation „westlicher“ Großinvestoren sowie die tödlichen Folgen dieser Bereicherungspraktiken zu schweigen.

Oder aber so zu berichten, dass der Eindruck entsteht, die Menschen der Hungerländer seien selber schuld an ihrem Elend.
Die zweite große Katastrophe ist für Ziegler der Untergang der Vereinten Nationen. Unter dieser Überschrift setzt der ehemalige UNO-Diplomat sich mit Putins Angriffskriegen auf souveräne Staaten und Israels von den USA bedingungslos unterstützten Rachefeldzug gegen die Hamas-Terroristen auseinander. Es sind für ihn nur zwei Beispiele für das totale Versagen der UNO-Menschenrechtscharta und Beweise für die dringende Notwendigkeit, die UNO grundlegend zu reformieren. Es geht um das Privileg des Vetorechts, das nach Ziegler abgeschafft werden muss, wenn die UNO weiterbestehen soll. Sie wird gebraucht, denn:
„Es ist kein Sieg über die kannibalische Weltordnung möglich, kein dauerhafter Frieden ohne eine funktionierende normative internationale Ordnung“. (S.87)
Dass die kannibalische Wirtschaftsordnung, die heute die Welt regiert, dass Migration, Ziegler sagt „Bevölkerungsbewegungen“, von nie dagewesenen Ausmaßen hervorruft, und dass dies immer mehr Staaten veranlasst, ihr Asylrecht zu beseitigen, ist für Ziegler die dritte große Weltkatastrophe. Hier setzt er sich mit den meist von der satten Öffentlichkeit des so genannten „freien Westens“ unbeachteten Kriegen in vielen Teilen der Welt auseinander, aber auch mit den übrigen Ursachen erzwungener Migration wie Armut, Elend, Hungersnöte, Bürgerkriege, Dürreperioden, Umweltzerstörung und Klimakatastrophen. Sein vernichtendes Urteil über die Asylpolitik muss man gelesen haben. Unmöglich, sie in diesem Rahmen auch nur andeutungsweise zu skizzieren.
Zerstörung des „Geschichtssinnes“
Ein erschütterndes Kapitel ist das über eine der größten Katastrophen der Menschheit, die der „Entfremdung“, die er an vierter Stelle platziert. Die kannibalische Weltordnung zerstört nach Zieglers Analyse das Fundament menschlichen Daseins, „den Geschichtssinn“ des Menschen, den Ziegler mit dem Orientierungssinn der Zugvögel vergleicht. Er spielt bei den Aufständen gegen die Herrschaften der kannibalischen Weltordnung eine entscheidende Rolle, weil es bei den materiellen wie bei den ideologischen Klassenkämpfen um Bewusstseinsinhalte geht. Die Herrschenden haben inzwischen geradezu die Allmacht über die materielle Produktion und damit auch die Deutungshoheit bei der Beurteilung ihrer eigenen Praxis. Wir ahnen nur, was das bedeutet.
Die SPD – das „Rote Kreuz des Kapitalismus“
Ziegler versteht es hervorragend, die inhumane Ideologie dieser Weltordnung, die wir unter dem Namen Neoliberalismus abzuhandeln pflegen, in ihren Praxisfeldern und ihren politischen Folgen zu konkretisieren. Sozialdemokrat Ziegler stellt fest: Es ist die auch inzwischen von vielen Sozialdemokraten, er zitiert Gerhard Schröder, fatalistisch übernommene Behauptung der Investoren und ihrer Kapitalstrategen, „dass niemand etwas gegen die Kräfte des Marktes ausrichten kann“, (S.127) Ziegler sieht hier das wirkungsmächtigste Ergebnis der Entfremdung, die er heute als die „Hauptwaffe der Kapitalisten“ identifiziert, „um das Denken der Menschen zu beherrschen“. Das erklärt für mich auch den Niedergang der SPD, die Ziegler nur noch als das Rote Kreuz des Kapitalismus kritisiert.
In seinem Kapitel über die „Verweigerung der sozialen Gerechtigkeit“ kommt Ziegler auch auf die kulturpessimistische „Frankfurter Schule“ und Habermas zu sprechen, der damals noch lebte. Er zitiert den Sozialphilosophen erstaunlich ausführlich, weil der die „globale Privatisierung“ als entscheidende Schwächung der normativen Fähigkeit der Staaten diagnostizierte. „Sie nimmt den meisten Wahlen und fast allen Volksabstimmungen ihre Bedeutung und raubt den öffentlichen Institutionen ihre Macht“. (S.159)
Das aber lasten die rechten Demagogen weltweit den Regierenden an und gewinnen damit Wahlen und vermeintlich auch die Legitimität, Bürger- und Menschenrechte einzuschränken, soziale Errungenschaften rückgängig zu machen, Freiheiten zu beschneiden, aber nicht um den Menschen, sondern dem Markt gerecht zu werden. Ziegler: „Ungleichheit und Unterdrückung stehen in der Beziehung von Ursache und Wirkung, Je größer die Ungleichheiten, desto heftiger die Wut und der Widerstand, die sie provozieren. Und desto verheerender die Unterdrückung, die sie auslösen.“ (S.173)
Hier verweise ich auf Zieglers Buch „Der Hass auf den Westen“. Das wäre ein ganz großes Thema, um alle bisher angedeuteten Probleme angemessen zu diskutieren.
Aber bleiben wir bei Jean Zieglers „Trotz Alledem!“. Das Schlusskapitel handelt von der Hoffnung. Und Ziegler, der sagt, er sei Kommunist und glaube an Gott, der aber vor allem ein demokratischer Sozialist ist, glaubt mit Blick auf die katastrophalen Zustände doch lieber an die „planetarische Zivilgesellschaft“, die sich seit Jahrzehnten allmählich formiert und in ihren Kämpfen gegen die „absurde Ideologie“ des triumphierenden Neoliberalismus in immer neuen Formen, also auch aus ihren Niederlagen lernend, vergrößert, stärker wird und Hoffnung verbreitet. Sie allein kann nach Ziegler die Bürger- und Menschenrechte verteidigen und durchsetzen, die dazu bestimmt sind, „die Weltwirtschaft zu regulieren und den kapitalistischen Dschungel zu zivilisieren“. (S.195)
Der Kapitalismus „im Wahnsinnsstadium“
Eine zentrale Waffe der globalen Zivilgesellschaften ist für Ziegler der Kampf gegen das organisierte Verbrechen, gegen Wirtschaftsverbrechen und Korruption. Daher hat er Business Crime Control unterstützt. In seinem 1997 erschienenen Buch „Die Barbaren kommen – Kapitalismus und Organisiertes Verbrechen“, setzt er sich mit der von mir und Dieter Schenk 1991 gegründeten Bürger- und Menschenrechtsorganisation Business Crime Control kritisch auseinander.

Er konstatiert damals schon, was wir alle noch für eine verfrühte und überspitzt formulierte Diagnose hielten, der Kapitalismus sei „im Wahnsinnsstadium angelangt“. Wenn nichts unternommen werde, würde „die Wirtschaft schon bald von Verbrecherfürsten regiert“. Heute wissen wir, was er meinte.
Diese nahezu prophetische Gabe hat unseren „westlichen Gesellschaften“, vor allem ihren kapitalunabhängigen Nichtregierungsorganisationen eben nicht nur kritische Analysen und Diagnosen geliefert, sondern auch plastisch vor Augen geführt, dass wir, obgleich doch selbst kritische Köpfe, viel zu lange übersehen, uns schönreden, ignorieren, was längst katastrophale Realität ist. Wer Zieglers Bücher liest, begreift, dass ein Vladimir Putin, ein Donald Trump, ein Benjamin Netanjahu nicht vom Himmel fallen, auch der weltweite Aufstieg der Rechtspopulisten und Faschisten keine Zufälle sind, sondern dass diese Entwicklungen eine Geschichte und viele Vorgeschichten haben, die bei allen Widersprüchen und Irrationalitäten der großen historischen Linie der Logik des Kapitals folgen. Einer Logik, die sich der Demokratisierung – notfalls mit faschistischer Gewalt – widersetzt und die nach Zieglers Überzeugung gebrochen werden muss, wenn die Menschheit in Menschenwürde leben und am Ende diese historische Epoche überleben will.
Ich danke und gratuliere Jean Ziegler – und hoffe, dass ich das auch im Namen der Leserinnen und Leser meines Newsletters darf – und empfehle, ihn durch die Lektüre seiner Bücher zu ehren, zumindest, der hier genannten. Das hilft ihm und uns. Sehr lesenswert auch die Biographie, die Jürg Wegelin über Jean Ziegler verfasst hat: Titel: „Das Leben eines Rebellen.“ Eine kritische Biographie, die – ganz in seinem Geiste – auch ihn selbst nicht verschont, aber mit größtem Respekt seine Lebensleistung (seine Fehler inbegriffen) angemessen würdigt.
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Wolf Wetzel | 24.4.2026
Quellen und Hinweise:
Der schmale Grat der Hoffnung. Meine gewonnenen und verlorenen Kämpfe und die, die wir gemeinsam gewinnen werden“, Jean Ziegler, C. Bertelsmann, 2017
Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen, Jean Ziegler, 2015, C. Bertelsmann Verlag, München
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