Google, Youtube und das “Kalifat Wissenschaft”

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Google, Youtube und das “Kalifat Wissenschaft”

Mit den Corona-Zeiten sind viele Sanktionen, Einschränkungen, Verbote und Zensurmaßnahmen verbunden. Das Besondere daran ist, das sie nicht politisch begründet werden, sondern medizinisch. Ist an die Stelle von Gott(-ergebenheit), eine gottähnliche Medizin getreten?

Seit Jahren geht eine meist stille Säuberungswelle durch die im Internet verfügbaren Medien. Was irreführenderweise ‚sozialen‘ Medien sein sollen, gehört Megakonzerne, wie Facebook oder Google & YouTube. Das bekommt man meist dann hautnah und knallhart zu spüren, wenn Inhalte, Beiträge und TV-Kanäle einfach geschlossen/gelöscht werden.

Nach deren Rechtsverständnis sind UserInnen keine Rechtssubjekte, sondern kostenlose Kommunikations-/Contentlieferanten, also vogelfrei. Das haben in den letzten Jahren einzelne missliebige Blogs und Videos erfahren. Doch in diesem Jahr nimmt diese Säuberungswelle ungeahnte Ausmaße an: Man löscht sektorenweit, großflächig und ist dabei bereit, auch einen internationalen Medienkrieg anzuzetteln.

In diesem Jahr machte man in Deutschland den Anfang mit der Löschung von Facebook- und Instagram-Accounts, die man der Querdenker-Bewegung zurechnet:

„Facebook hat knapp 150 Konten und Gruppen auf seinen Plattformen gelöscht, die der Internetkonzern der umstrittenen Querdenker-Bewegung zuordnet. Es sei weltweit die erste gezielte Aktion, die sich gegen eine Gruppierung richte, die eine “koordinierte Schädigung der Gesellschaft” (Coordinated Social Harm) hervorrufe, sagte Facebook-Sicherheitsmanager Nathaniel Gleicher. Betroffen seien auch die Accounts von Querdenken-Gründer Michael Ballweg. Die Aktion richtet sich gegen “Querdenker” auf Facebook selbst und Instagram. Nicht betroffen ist der Chatdienst Whatsapp, der ebenfalls zum Facebook-Konzern gehört.”
(Quelle: n-tv)

Nachdem das mehr oder weniger hingenommen wurde, holte man nun zu einem größeren Schlag aus, der institutionellen Charakter hat:

YouTube löschte alle Kanäle/Konten, die auf RT Deutsch liefen:

„Noch in der Nacht wurde eine offizielle Stellungnahme des Russischen Außenministeriums veröffentlicht. Es sprach von einem ‚beispiellosen Informationsangriff, der mit offensichtlicher Duldung, wenn auch nicht sogar auf Drängen der deutschen Seite begangen wurde‘. Zudem kündigte das Ministerium nun auch von amtlicher Seite ‚Vergeltungsmaßnahmen gegen YouTube selbst und deutsche Medien‘ an.“ (Telepolis vom 29. September 2021)

Man hat kaum die Bedeutung und Tragweite dieser Löschungen verstanden, da schlägt der Monopolist Youtube weiter zu. Nun wurden Beiträge der zweiten Videointervention ‚#allesaufdentisch nach Gusto gelöscht:

Offenbar hat Youtube einige der Videos gelöscht. Wie berichtet, teilte die Plattform den Beteiligten per E-Mail mit, dass die Clips gegen die „Richtlinien zu medizinischen Fehlinformationen verstoßen“. Youtube beanstandet offenbar, dass die in den entfernten Videos getroffenen Aussagen über Schutzimpfungen gegen Covid-19„der übereinstimmenden Expertenmeinung lokaler Gesundheitsbehörden oder der Weltgesundheitsorganisation (WHO) widersprechen“. Von der Löschung betroffen sind laut dem Medienbericht die Interviews mit dem Mathematik-Professor Stephan Luckhaus und dem Neurobiologen Gerald Hüther. Die beiden Wissenschaftler sprechen über Inzidenz und Angst und werden regelmäßig von Medien wie Focus und Cicero zu ihren jeweiligen Forschungsfeldern befragt. Welche Aussagen konkret Anlass für die Löschung boten, ist nicht bekannt.“ (Berliner Zeitung vom 11.10.2021)

Dass ein Konzern wie YouTube nicht einmal diese Entscheidung begründen muss, verweist doch recht eindeutig auf einen Epochenwechsel, auf eine Zeit, wo die Herren Herren über Leben und Tod waren.

#allesaufdentisch

Mit #allesaufdentisch antworten die beteiligten KünstlerInnen auf die teils vernichtende Kritik auf ihre erste Videointervention #allesdichtmachen. In dieser ging es auch darum, das Mitmachen und Einhalten aller Corona-Maßnahmen bis an die Schmerzgrenze der ganz „Guten“ auf die Spitze zu treiben. Jene ganz „Guten“, die sich für ganz modern, aufgeschlossen, taff und uneigennützig halten.

Die Angegriffenen reagierten hart und ziemlich unbandagiert: Die beteiligten KünstlerInnen seien herzlos, zynisch, sozialdarwinistisch und undankbar.

Mit #allesaufdentisch antworten sie auf ihre Weise, dieses Mal ganz ohne Ironie, ganz ohne Sarkasmus, geradezu unheimlich sachlich. Sie bringen das zur Sprache, was weitgehendst unterschlagen wird, indem man dem Widerspruch das Wort abschneidet oder das Unpassende erst gar nicht zu Wort kommen lässt, indem man – und das war die dominante Art der „Auseinandersetzung“ – die Beteiligten in Abwesenheit denunziert. Genau das, was eigentlich die banalste und basalste Art der Auseinandersetzung wäre, sich streiten, das angebliche Unbestrittene mit dem angeblich Umstrittenen zu konfrontieren, machen diese KünsterInnen und klappern fast alle Themenfelder ab, die in der Corona-Zeit unter den Tisch gefallen sind, also auf den Tisch kommen müssen. (…) Indem sie die strittigen Fragen angehen, sich aussprechen lassen, der „Sache“ nachgehen, machen sie das ‚Schlimmste‘: Sie zerstören ganz sachlich den Nimbus derer, die behaupten, sie machen alles nur der Evidenz, der Wissenschaftlichkeit … und ganz besonders der Solidarität zuliebe.

An die Stelle von Gott ist das Kalifat „Wissenschaft“ getreten

Man konnte es ahnen, man hätte es wissen müssen oder können. Der Chef des Weltwirtschaftsforums (WEF) Klaus Schwab hat sehr offen und geradezu frohlockend von der Gunst der Stunde gesprochen, die genutzt werden müsse. Denn mit dem tödlichen Virus vor Augen kann man (neben ganz viel Geld) sehr viel Politik machen, indem man sie für Wissenschaft, für Unangreifbar ausgibt. Wenn man eine Ausgangsperre oder ein Verweilverbot mit politischen Argumenten vertreten hätte, wären sie auf (viel) Widerstand gestoßen. Wenn man sie hingegen für medizinisch geboten und wissenschaftlich für evident hält, dann beißt man die Zähne zusammen und nimmt sie hin, weil man ja der Wissenschaft nicht das Wasser reichen kann.

Die Herrschaftsagenturen für Bewusstsein und Verblendungszusammenhänge brauchten dieses As nur aufheben und ausspielen, das ihnen die Coronakrise auf den Tisch gelegt hat. Man wischt dabei mit derselben Hand die Grundlagen einer bürgerlichen Demokratie vom Tisch, zu der auch die Aufklärung gehört. Mit dieser kam die Einsicht, dass (staatliche) Entscheidungen begründet werden müssen, dass Widerspruch essentiell ist und Bestandteil dessen sein muss, was am Ende zu einem tragfähigen Entschluss führt.

Nun scheint die Refeudalisierung politischer und gesellschaftlichen Verhältnissen einen großen Sprung zu machen – in Richtung Absolutismus.

An die Stelle der Rechtfertigung politischer Maßnahmen durch den Verweis auf Gott, wie das im Mittelalter der Fall gewesen war, ist nun der Verweis auf die Wissenschaft getreten. Dabei findet eine Ummodellierung wissenschaftlicher Standards statt. Bisher hatten „Mehrheits- und Minderheitsmeinungen“ im wissenschaftlichen Diskurs einen halbwegs sicheren Platz. Jetzt ist die Mehrheitsmeinung gottähnlich geworden und die Minderheitsmeinung hat wieder das Makel des Ketzertums bekommen, was bekanntlich nur einen Platz in dieser Ordnung findet: auf dem Scheiterhaufen.

Angesichts der mangelnden Erkenntnisse über das Coronavirus und der damit begründeten Ausrufung einer Pandemie und eines Ausnahmezustandes ist es eigentlich mehr als essenziell, dass im öffentlichen Raum die Meinungen von verschiedenen Experten vertreten sind. Jeder Widerspruch ist erlaubt. Es geht – gerade bei einer tödlichen Krankheit – um das Eingeständnis, das fast schon verschwörungstaugliches Raunen hervorruft, wenn man sagt und feststellt: Alle Entscheidungen bewegen sich in einem „Erkenntnisvakuum“. Das hat niemand anders als die SPD-Justizministerin Lambrecht konstatiert.

Folglich sind Sanktionen und Ausschluss aus der Diskussion und Denunziation als Verschwörungstheoretiker weniger ein Hinweis darauf, was die Regierung und das wissenschaftliche Staff wissen, als ein Hinweis darauf, dass die Herrschenden die berechtigte Sorge umtreibt, dass der wissenschaftliche Firnis sehr, sehr dünn ist.

Joachim Steinhöfel, Rechtsanwalt der KünstlerInnen spricht von einer neuen „Dimension des Rechtsbruchs durch Youtube“. „Legitime Stimmen“ würden „eiskalt zum Schweigen gebracht“. (s.o.)

Der Prozess. Kafka 2.0

Dieser reagierte schnell und beantragte eine einstweilige Verfügung, die den YouTube-Konzern dazu bringen soll, die gelöschten Videos wieder zugänglich zu machen. Demnach geht es explizit um zwei Videos, die von den Zensurmaßnahmen betroffen wurden. Das Landgericht entsprach den Anträgen und untersagte die Löschung der Videos „Inzidenz“ und „Angst“ am 11. Oktober 2021. Dazu führt der Hamburger Jurist Joachim Steinhöfel aus:

„Es wurde nicht mitgeteilt, was denn eigentlich konkret beanstandet wird. Das muss aber geschehen, damit der Nutzer darauf reagieren kann. Hier fühlt man sich an ‚Der Prozess‘ von Franz Kafka erinnert. Der Protagonist wird am Ende hingerichtet, kennt aber nicht mal den gegen ihn erhobenen Vorwurf“, sagte Steinhöfel auf Anfrage. Der Rechtsanwalt, der in einem der #allesaufdentisch-Videos selbst zum Thema Meinungsfreiheit spricht, kritisierte zudem den generellen Umgang der Videoplattform mit Löschungen von Videos zu Corona. „Die Chefin von Youtube hat in einem CNN-Interview gesagt, dass die Plattform alles löscht, was den Erkenntnissen der WHO zuwiderläuft. Das ist geradezu skandalös.“ (faz.net vom 11.10.2021)

Und dann fügt der Rechtsanwalt noch etwas sehr Wissenswertes hinzu:

„Die WHO sei eine Regulierungsbehörde der Vereinten Nationen, die nach dem Demokratieindex von The Economist zu etwa 25 Prozent aus Demokratien bestehe. Der Rest seien hybride, autoritäre oder totalitäre Regime. „Eine Regulierungsbehörde einer solchen Organisation kann nicht über die Reichweite der Meinungsfreiheit in Deutschland entscheiden.“ (s.o.)

Eine sehr hilfreiche Art und Weise, zu verstehen, was es mit dem gottähnlichen „Wissen“ (der WHO) auf sich hat.

Und noch etwas hilft dabei, die wissenschaftlichen Erkenntnisse der WHO einzuordnen. Viele gehen zurecht davon aus, dass es sich bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) um eine von wirtschaftlichen Interessen unabhängige, supranationale Behörde handelt, die von der Weltstaatengemeinde getragen wird. Das war einmal so.

Andrej Hunko, Bundestagsabgeordneter der Partei DIE LINKE hat in seinem Buchbeitrag „WHO – Wer bestimmt, was gesund ist?“ das Märchen von der WHO als Weltgesundheitshüter einigermaßen erschüttert:

„Im Falle der WHO setzten 1993 die USA unter George Bush zunächst durch, dass die Pflichtbeiträge der Mitgliedsstaaten eingefroren wurden: Das schon in den 1980er-Jahren eingeführte reale Nullwachstum wurde durch ein nominelles Nullwachstum ersetzt. Inflations- oder Währungsschwankungen wurden nicht mehr ausgeglichen und der Haushalt sinkt damit alljährlich real, also inflationsbereinigt. In die so organisierte Finanzierungslücke traten zunehmend freiwillige programmgebundene Beiträge der Mitgliedsstaaten sowie private Akteure mit ihren jeweiligen Interessen. Unter dem Strich bedeutet diese Entwicklung, dass die WHO sich heute nur noch zu etwa 20 Prozent aus regulären Mitgliedsbeiträgen finanziert, über die sie frei verfügen kann, während ca. 70 Prozent der Mittel zweckgebunden sind. Vor 30 Jahren machten die Mitgliedsbeiträge hingegen noch etwa die Hälfte der Einnahmen aus. (…) Was auf der Hand liegt: Mit den ‚freiwilligen Beiträgen‘ bestimmt der Geber, was gemacht wird. („LOCKDOWN 2020. Wie ein Virus dazu benutzt wird, die Gesellschaft zu verändern“, Wien 2020, S. 45)

Wenn man beide, in kapitalistischen Staaten eminent wichtige Faktoren zusammennimmt, dann kommt man bei der Gewichtung von wissenschaftlichen zu ökonomischen und machtpolitischen Faktoren auf ein Verhältnis von 1: 4.

Wenn uns also jemand erzählt, die Corona-Maßnahmen, der Ausnahmezustand, die Sanktionen, die Löschung von störenden Gegenreden seien ganz und gar wissenschaftsbasiert, der hat gerade einmal ein Viertel der Wahrheit erfasst und ausgesprochen.

Wie man „das Viertel“ für die ganze Wahrheit verkauft und dabei die Informationshochheit behält

Natürlich weiß man, dass man gegen die Legitimationskrise sehr vielschichtig vorgehen muss. Sanktionen und Repressionen sind das eine, aber nicht genug. Man muss die Macht auch produktiv einsetzen. Dazu führen die beiden Autoren Andreas Anton und Alan Schink des Buches: „Der Kampf um die Wahrheit: Verschwörungstheorien zwischen Fake, Fiktion und Fakten“ (Komplett Media 2021) aus:

„Die Corona-Pandemie hat einer ganzen Reihe von Faktencheck-Seiten neue Aufgaben und Ressourcen gebracht und viele neue Portale geschaffen. Mit der Konjunktur von Verschwörungstheorien geht insofern auch eine Konjunktur von Faktenchecks einher, die sich in den letzten Jahren fast schon zu einer eigenen journalistischen Sparte entwickelt haben. Die Geschichte des Kampfes gegen (vermeintliche) Desinformation und Verschwörungstheorien in der Pandemie reicht bis in die Zeit vor Covid-19 zurück. Bereits im Pandemie-Planspiel ‚Event 201‘, das im Oktober 2019 an der Johns-Hopkins-Universität den Ausbruch einer globalen Corona-Pandemie simulierte und an dem hochrangige Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Medien sowie dem PR- und Geheimdienst-Bereich teilnahmen, wird vor der ‚Ausbreitung von Desinformation‘ im Rahmen einer Pandemie gewarnt. Die verschiedenen Experten sind sich darin einig, dass die ‚Kontrolle und Reduzierung von Informationdas richtige Mittel sei, um mit einer pandemischen Krisensituation angemessen umgehen zu können. Dafür wird unter anderem eine später von der WHO adaptierte ‚Flutung-Strategie‘ vorgeschlagen, in welcher die etablierten Massenmedien global koordiniert (und zentral reguliert) mit ‚Fakten‘ versorgt werden sollten. In der antizipierten Krise sei durch mediale Berichterstattung unterstütztes Vertrauen in Pharma-Unternehmen und Regierungen besonders wichtig, betont die anwesende Vizepräsidentin [17] von NBCUniversal, da ansonsten behauptet werden könnte, die Vereinten Nationen oder die Pharmaindustrie hätten die Krise selbst inszeniert. Mehrfach wird in der simulierten Krisen-Diskussion auch konkret vor der Verbreitung von Verschwörungstheorien gewarnt. Gesponsert wurde die ‚Event-201‘-Übung unter anderem vom Weltwirtschaftsforum und der Bill & Melinda Gates Foundation. Die auffälligen Ähnlichkeiten zwischen der simulierten Krise im Planspiel und der echten Pandemie sind nach einem Faktencheck von USA Today reiner Zufall. Es mag wenig verwundern, dass später im Rahmen der echten Corona-Pandemie sowohl Event 201 und ähnliche Vorgänger-Simulationen als auch die daran beteiligten Akteure samt der WHO Gegenstand von Verschwörungstheorien wurden. Wenige Monate nach der Simulation, am 8. Februar 2020, gab WHO-Generalsekretär Tedros Adhanom ein Statement ab, in dem er zum Kampf gegen die ‚Infodemie‘, d. h. die digitale Epidemie von Falschinformationen und Verschwörungstheorien, aufruft: Bei der WHO bekämpfen wir nicht nur das Virus: Wir bekämpfen auch die Trolle und Verschwörungstheoretiker, die Falschinformationen verbreiten und die Reaktionen auf den Ausbruch unterminieren.

Adhanom erklärt, dass die WHO, gemeinsam mit Partnern aus dem Bereich der großen digitalen Unternehmen (Facebook, Google, Tencent, Baidu, Twitter, TikTok, Weibo, Pinterest und anderen), eine Offensive gegenüber der ‚Flut der Falschinformation‘ plane. Diese umfasse das Herausfiltern falscher Informationen sowie die Kooperation mit Influencern, die unter anderem auf Instagram und YouTube ihre Follower mit faktenbasierten Informationen versorgen sollten.

Ein eigens dafür eingerichtetes ‚Infodemie-Team‘ ist seither mit der Aufgabe betraut, ein globales Informationsmanagement zu betreiben. Im April 2020 greift auch der UN-Generalsekretär auf diese Agenda zurück und ruft die globale Zivilgesellschaft zu einem ‚Kampf gegen wilde Verschwörungstheorien‘ auf, die ‚das Internet infizieren‘.“

Bemerkenswert an den beiden Autoren ist eine besondere Form der Selbstisolation. Sehr eindrucksvoll führen sie aus, wie genau diese „Flutungs-Strategie“ vonstatten gehen soll, wer alles daran beteiligt ist, „Kontrolle und Reduzierung von Information“ vorzunehmen. Dieselben Autoren, die dies im Detail beschreiben, halten jedoch die naheliegende Annahme, dass Informationen gesteuert werden, massive Formen der Steuerungen und der Zensur die Corona-Zeit bestimmen für … – „Verschwörungstheorie“. Soviel wisenschaftliche Dissoziation muss man schon zu Paper und auf den Mark bringen (können).

Dass die beiden Autoren dieses Paket an Einflussnahmen und Meinungssteuerung nicht als machtvolle, koordinierte und strategisch geplante Manipulation bezeichnen und bloßlegen, sondern wider besseren Wissens für eine „Verschwörungstheorie“ halten, ist wohl eine besondere Form der Erkenntnisisolation.

Wenn sich Parameter ganz unwissenschaftlich verschieben

Wie gering die Bedeutung von wissenschaftlicher Evidenz ist, wie sehr Löschung und Zensurmaßnahmen von machtpolitischen Überlegungen geprägt sind, lässt sich an einem anderen Beispiel erklären. In einem Interview erklärt die indische Bestsellerautorin Arundhati Roy ihre Wut auf die Regierung in Pandemiezeiten und die Weigerung der Regierung Modi, die gesundheitlichen Gefahren ernst zu nehmen.

Dabei hat der Premierminister Modi nicht nur mächtige Verbündete. Er bekommt auch Schützenhilfe von unerwarteter Seite. Arundhati Roy führt dazu aus:

Und sehen Sie sich an, was in diesem Land geschieht. Zwei der reichsten Männer Indiens, Mukesh Ambani und Gautam Andani, sind quasi die engsten Berater Modis. Die Pressefreiheit wird immer weiter eingeschränkt, wenn man auf Twitter schreibt, dass wohl eher vier Millionen als 400.000 Inder an Covid gestorben sind, wird man verklagt. Twitter und Facebook helfen mit und sperren Accounts vom Menschen, die gegen die Regierung schreiben.“ (SZ vom 15. Oktober 2021)

Über Lieferketten im Kampf gegen die „Infodemie“. Über Löschung und Flutungen als Doppelstrategie

Eigentlich ist es doch ein Theaterspiel über das, was man als „Verschwörungsthoerie“ ins Reich der Fantasie verdammen will. Es gab Pandemie-Übungen lange vor der Corona-Pandemie, bei der nicht nur Mediziner und Virulogen zugegen waren, sondern alles, was man zum ideologischen Apparat zählen kann.

Dann erklärt die WHO die Pandemie zum Real- und Ernstfall und den Impfstoff zur einzigen Rettung aus der Pandemie. Das deckt sich exakt mit dem, worin die großen Spender der WHO ihre Investments haben. Dann triff ein, was man schon im Planspiel vorhersehen durfte. Die wissenschaftlichen Begründungen für den verordneten Ausnahmezustand, für die verschiedene Lockdown-Maßnahmen stoßen auf Unverständnis und sachkundigem Widerspruch. Nun tritt das ein, was man zur „Infodemie“ erklärt hat, also bekämpft werden muss, wie eine Krankheit, wie ein Virus. Man ist gut aufgestellt und alles läuft wie am Schnürchen. Die WHO hat die milliardenschweren Herren der Bewußtseinsindustrie zusammen und zusammen macht man sich an die Arbeit. Es handelt sich um das erwähnte „globale Informationsmanagement“, die Milliarden von UnserInnen „fluten“ können. Denn es geht neben Zensur und Löschung eben auch um die Informationshoheit. Mit dieser „Flutungsstratagie“ erreicht man sicher nicht die Herzen und den Verstand der Menschen, aber genau das, was man jetzt überall beobachten kann. Man hat das Thema satt, man will nichts mehr wissen. Man ertrinkt im Meer von Zahlen, Parametern und Meldungen. Also macht man einfach mit, denn alles andere ist mühsam, sehr zeitaufwendig und zermürbend.

Und die letzten in der Lieferkette dieses „Pandemiebekämpfung“ sind die Psychotherapeuten und Analysten, die die Wirkung dieses Lösch- und Flutungskonzepts kontrollieren und evaluieren sollen, um gegebenenfalls nachzujustieren.

Der gut dosierte Einsatz von „Furchtappellen“ und „Verlust-Frames“

Zuerst dachte ich an eine gut gemachte Satire, als ich von diesen Wortschöpfungen gelesen hatte. Dann sackte ich innerlich zusammen. Fast alles, was offiziell geleugnet und denunziert wird, findet sich wissenschaftlich aufgearbeitet und neu geframed … bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA):

„Die Bedeutung der Risikowahrnehmung für das Schutzverhalten (siehe Kapitel 3.3) und die generellen Befunde zur Wirkung von Furchtappellen und Verlust-Frames bei jungen Zielgruppen (siehe Kapitel 4.2) legen es nahe, dass dies geeignete Appellformen sind, um die Zielgruppe im Kontext der Corona-Pandemie effektiv anzusprechen.

Allerdings bringen Furchtappelle die Gefahr mit sich, Boomerang-Effekte (z. B. Reaktanz) auszulösen, wenn die Bedrohung als hoch wahrgenommen wird, jedoch das eigene Selbstwirksamkeitsempfinden, dagegen etwas tun zu können, gering ausfällt.

Deshalb gilt es, Risikobotschaften (Furchtappelle, Verlust-Frames) mit sachlichen Informationen (Wissenssteigerung), positiven Botschaften und klaren Handlungsempfehlungen zu kombinieren, um so die wahrgenommene Bedrohung zu erhöhen und gleichzeitig die Selbstwirksamkeit zu steigern.“

Wenn man sich das auf der Zunge zergehen lässt, dann müsste doch eine Riesenwut hochkommen, auf welche Weise mit Furcht und Verlust gespielt wird, wie gezielt man sie einsetzt und wie bewusst man sich dabei ist, die Dosen nicht zu hoch zu verabreichen, damit es zu keinen „Boomerang-Effekten“ kommt.

„Die heilige Inquisition – Wissenschaft oder Religion?“

Elisabeth Voß greift in einem sehr lesenswerten Beitrag die feministische Debatte auf und erinnert an ein Wissen, das eigentlich zum Selbstverständns einer Linken gehören muss: Ein ganz grundsätzliches Mißtrauen gegenüber der Wissenschaftsgläubigkeit und das sehr mühsam erkämpfte Wissen um ein Selbstverständnis, das sich jenseits der Apparaten-, Schul- und Pharmamedizin etabliert hat.

„Im Umgang mit Corona zeigt sich auch, wie wenig geblieben ist vom Aufbruch der alternativmedizinischen Bewegung der 1970/80er Jahre, als ausgehend von der Auseinandersetzung mit der Rolle von Ärzt:innen im Nationalsozialismus auch die einseitige Orientierung auf Pharmaindustrie und Medizintechnik kritisiert wurde.

Ganzheitliche Erfahrungs- und Naturheilkunde ergänzte die Schulmedizin, und in Selbsthilfegruppen fanden viele zu einem neuen, weniger entfremdeten Umgang mit sich selbst. Solche Erfahrungen von Selbstwirksamkeit waren etwas vollkommen Anderes als das, was von neoliberaler Seite als Eigenverantwortung gefordert wird und nur die Kehrseite von entwürdigenden Sparprogrammen darstellt. (…) Die Art und Weise, wie manche Linke heute auf Wissenschaftlichkeit beharren, die vermeintlich Eindeutiges festgestellt hätte, hat fast schon einen religiösen Charakter, denn wissenschaftliche Erkenntnisse sind vielfältig und widersprüchlich, ebenso deren Interpretationen durch Expert:innen aus medizinischen und anderen Fachgebieten.

Widersprüche und kontroverse Diskussionen sind ein Nährboden zur Gewinnung wissenschaftlicher Erkenntnisse, das unterscheidet Wissenschaft von Religion. Wissenschaft ist oft hilfreich, aber sie ist nicht die Wahrheit, sondern interpretierbar und auch manipulierbar, und ihre Erkenntnisse sind nicht unabhängig davon, wer sie finanziert.

Wenn diejenigen, die Unbotmäßiges äußern, harsch zurechtgewiesen und belehrt werden, dann ist ein Hauch von heiliger Inquisition zu spüren. Dafür reicht es mitunter schon, auf die Bedeutung des Immunsystems für den Verlauf von Infektionskrankheiten hinzuweisen. Früher wurden naturheilkundige Hexen verbrannt.“

 

Wolf Wetzel       25. Oktober 2021

 

Quellen und Hinweise:

#Alles dichtmachen – Ein tolles Schauspiel mit Michel*ine als Hauptdarsteller*in: https://wolfwetzel.de/index.php/2021/04/26/alles-dichtmachen-ein-tolles-schauspiel/

#allesaufdentisch: https://allesaufdentisch.tv/

#allesaufdentisch … und die Schädlingsbekämpfung: https://wolfwetzel.de/index.php/2021/10/06/allesaufdentisch-und-die-schaedlingsbekaempfung/

#Allesaufdentisch: Youtube löscht Protest-Videos: https://www.berliner-zeitung.de/news/allesaufdentisch-youtube-loescht-protest-videos-li.188012

Hat Youtube Videos zu Recht gelöscht? Faz.net vom 11.10.2021: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/youtube-loescht-unzulaessig-videos-zu-corona-themen-17580066.html

WHO – Wer bestimmt, was gesund ist?“, Andrej Hunko, in: „LOCKDOWN 2020. Wie ein Virus dazu benutzt wird, die Gesellschaft zu verändern“, Hg. Hannes Hofbauer & Stefan Kraft, Wien 2020

Sie werden kommen, da bin ich mir sicher, Interview mit Arundhati Roy, SZ vom 15. Oktober 2021

Corona-Pandemie: von Viren und Verschwörungstheorien, Teil I, Andreas Anton, Alan Schink: https://www.heise.de/tp/features/Corona-Pandemie-von-Viren-und-Verschwoerungstheorien-6220925.html

 

Empfehlungen für Kommunikationsmaßnahmen gegen die Pandemiemüdigkeit bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Fachliche Expertise/ Mai 2021: https://www.bzga.de/forschung/studien/abgeschlossene-studien/studien-ab-1997/impfen-und-hygiene/empfehlungen-fuer-kommunikationsmassnahmen-gegen-die-pandemiemuedigkeit-bei-jugendlichen-und-jungen-erw/

Linke Kritik(un)fähigkeit und patriarchaler Rollback, Elisabeth Voß: https://www.heise.de/tp/features/Linke-Kritik-un-faehigkeit-und-patriarchaler-Rollback-6225642.html?seite=all

 

Eine gekürzte Fassung dieses Beitrages findet sich auf der Plattform “Telepolis”:

https://www.heise.de/tp/features/Google-Youtube-und-das-Kalifat-Wissenschaft-6226944.html

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