Verschwörungstheorien. Teil II: Ein Entgiftungskurs.

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Verschwörungstheorien – ein Entgiftungskurs in drei Gängen. Teil II.

Dies ist der zweite von drei Artikeln einer Reihe zum Thema „Verschwörungstheorie“. Es wird dabei auf politische, sprachliche, inhaltliche, historische und aktuelle Aspekte des (Kampf-)Begriffes eingegangen.

Teil I findet sich hier: https://wolfwetzel.de/index.php/2021/08/16/verschwoerungstheorien-ein-entgiftungskurs-in-drei-gaengen-teil-i/

Teil II

Das Schlagwort „Verschwörungstheorie“ wurde – wie ausgeführt – schon vor den Corona-Zeiten angewandt. Doch nun hat es als einziger freien Ausgang. Für den Vorwurf „Verschwörungstheorie“ gibt es keine Ausgangssperre, keinen Lockdown.

Im Gegenteil: Man kann in Corona-Zeiten die Welt und ihre Vermessung leicht überschaubar in zwei Hälften teilen. Die erste ist die offizielle Meinung (mitsamt dem Tross an Politikern, Experten, Journalisten, Wissenschaftlern und Psychologen). Die zweite Hälfte umschließt alle, die Kritik an der Corona-Politik und vor allem an den Corona-Maßnahmen üben. Obwohl die Motive, die Tragweite und die politische Selbstverortung sehr verschieden und vielfältig sind, werden sie geradezu zwanghaft in die Gemeinschaftszelle aus „Querdenkern“, „Schwurblern“ und „Aluhutträgern“ gesteckt.

Was will man in diesem Zusammenhang sagen, wenn man die Kritik als Verschwörungstheorie denunziert? Man will damit genau das, was man den „Verschwörungstheoretikern“ unterstellt: Man will nicht begründen, man will nicht streiten, man will sich nicht der Debatte stellen. Wie leicht wäre doch, die KritikerInnen in aller Öffentlichkeit zu Wort kommen zu lassen, Panels einzurichten, in denen Befürworter und KritikerInnen zu gleichen Teile zu Wort kommen? Warum macht man genau das nicht?

Stattdessen werden eingeübte Reflexe und Assoziationsketten abrufen. Demnach unterstellt man der Kritik, dass sie ganz andere Mächte am Werk sieht, als all jene, die nun alle um unsere Gesundheit besorgt sind. Wenn man also zum Beispiel sagt, dass der DAX mehr zählt als ein Inzidenzwert, dann beschreibt man nicht mehr eine Wirtschaftsordnung, sondern eine abgedrehte Verschwörungserzählung.

Wenn man dem allseits gepflegten Schutznarrativ wiederspricht, die Corona-Maßnahmen würden den Schutzbedürftigen (der Alten, der Risikogruppen usw.) dienen, dann beschreibt man nicht eine alltägliche Realität, die man in Altenheimen bis heute beobachten und beklagen kann, sondern … leidet unter Verschwörungsfantasien.

Im Großen und Ganzen geht es um die Weigerung, dass die Corona-Politik den Menschen, unsere Gesundheit in den Mittelpunkt des politischen Handelns stellt. Wer sich dem verweigert, verbreitet Verschwörungstheorien.

Erstes Beispiel: #allesdichtmachen

Bis April 2021 war die Welt noch in Ordnung. Die große Mehrheit hat die dritte Welle wie eine biblische Wahrsagung angenommen. Sie haben alles befolgt, selbst den größten Schwachsinn. Diejenigen, die das nicht hinnahmen, hat man als Verschwörungstheoretiker denunziert und ausgegrenzt. Und ein nicht klar zu quantifizierender Teil der Bevölkerung kann das Schweigen, das eigene Mitmachen kaum noch ausgehalten.

Dann tauchten – wie aus dem Nichts – über 50 Videoclips auf, die von SchauspielerInnen konzipiert und gedreht wurden. Viele davon hat man gerne gesehen, man hat sie sehr geschätzt – in tollen Rollen, als CharakterschauspielerInnen – bis dahin.

Das Besondere an den Clips ist, dass sie gar nicht die Corona-Maßnahmen kritisieren, sondern in vielen Facetten zeigen, dass es jetzt darauf ankommt, mitzumachen, noch eine Schippe draufzulegen, mit dem Mantra auf den Lippen: alle wollen nur unser Bestes, unsere Regierung, unsere Pharmaindustrie und all die Wirtschafts- und Demokratiekapitäne, die rund um die Uhr für uns da sind.

Die Clips zeigen uns noch mehr: Es geht nicht einfach darum, Maßnahmen und Verordnungen zu befolgen. Es geht darum, selbst Teil der Regierung zu werden, sie zu verinnerlichen, sich und andere anzuspornen, es noch besser zu machen. Früher galt der „deutsche Michel“ als Wahrzeichen des Untertanengeistes. Heute steht er für Co-Gouvernement, für Selbstoptimierung, für ein absolut selbstbewusstes, taffes Mitmachen.

Diesen Spirit-Change haben die brillanten Schauspieler*innen in der ganzen Tiefe, auf ganz hohem Niveau gezeigt. Wie schön hat es der Schauspieler Jörg Bundschuh zusammengefasst:

„Unterstützen Sie die Corona-Maßnahmen – mit und ohne Grund.“

Oder die Schauspielerin Nadja Uhl: „Hallo ich bin Nadja Uhl. Ich bin Schauspielerin und dank Corona habe ich gelernt zu schweigen.“

Auch der Schauspieler Volker Bruch ist eine Wucht, wenn er mit seinen ewig traurigen Augen uns wissen lässt: Es ist so wichtig, dass wir alle genug Angst haben. Bleiben Sie gesund. Und halten Sie sich an ihrer Angst fest.“

Und dass das noch nicht alles ist, dass wir noch zu viel mehr bereit sind, hat uns die Schauspielerin Kathrin Osterode vorgemacht. Sie will die Corona-Regeln einhalten, sie will sie auch in ihr Familienleben integrieren. Sie ist, das spürt man sofort, eine aufgeschlossene, ganz coole Mutter:

Für viele ist das Virus ja abstrakt. Für Kinder ist es das aber ganz besonders. Damit sich aber auch meine Kinder verantwortungsvoll verhalten, haben wir bei uns zuhause die Inzidenz-Regel eingeführt. Jeden Morgen schreiben wir hier den gültigen Inzidenzwert auf diese Tafel, um das Ganze für die Kinder spürbar und erlebbar zu machen. Und deshalb hat dann dieser Wert (sie macht nun das Licht dieser Schautafel an) auch ganz konkrete Auswirkungen auf das, was wir als Familie dürfen und eben nicht. Ab einem Wert von 100 gibt s zum Beispiel sofort Fernseh- und Internetverbot. Ab einen Wert von 80 gibt es lediglich keine Süßigkeiten und nur einmal am Tag raus. (…) Und wenn dann hier irgendwann einmal eine 30 steht, dann – das ist fest versprochen- dann machen wir alle zusammen eine Fahrradtour. So. Und damit das aber auch möglich wird, gibt es eben ab einem Wert von 150 kein Abendessen. Ab einem Wert von 200 Isolation im eigenen Zimmer und ab einem Wert von 250 wird das erste Kind zur Adoption freigegeben. Ab einen Wert von 300 dann das zweite. (die alles opfernde Mutter macht eine kurze Pause) Bitte, bitte helfen auch Sie, dass ich meine Kinder behalten darf.

Die Clips, die Aktion der meist beliebten und bekannten SchauspielerInnen schlug ein und erreichten ein Millionenpublikum. Dann schlug das Imperium samt Hofstaat zurück:

Es hagelte an Vorwürfen: #allesdichtmachen sei ein Akt von verwöhnten Millionären, die sich auf Kosten der Toten „bereichern“, sie würden die Opfer der Corona-Pandemie verhöhnen und/oder verleugnen. Sie seien einfach nur abscheulich und asozial. Es sei aller höchste Zeit, sie nicht länger für uns schauspielern zu lassen.

Die SchauspielerInnen kamen so gut wie nie zu Wort. Man fragte sie nicht, was sie damit bewirken wollten, man lud sie nicht zur Diskussion ein. Man richtete sie in Abwesenheit. Alles zusammen zeigte Wirkung. Fast 20 an der Aktion beteiligten SchauspielerInnen zogen ihre Videoclips zurück.

Nachdem man die Angeklagten um die Hälfte dezimierte, startete man die zweite Phase. Ein öffentlich-privates Ermittlungsverfahren a la McCarthy. Die Anklage lautete:

Die daran beteiligten SchauspielerInnen sind vielleicht nett und naiv. Sie sind aber Marionetten in einem großen Spiel, mit dem ganz geheime und heimtückische Ziele verfolgt werden. Also gilt es Drahtzieher, Hintermänner und geheime Mächte ausfindig zu machen, die hinter der biederen Maske der Mitmenschlichkeit ihr böses Spiel treiben. Man stellte Teams zusammen, man stampfte sie aus dem Boden, wie beim Berliner „Tagesspiegel“ und ließ sie nach Strich und Faden recherchieren.

Der Tagesspiegel und die Guten bekamen das, was man bestellt hatte:

#allesdichtmachen ist das Werk eines besonders gemeinen Drahtziehers. Wenn man wie die tapferen Tagespiegel-Rechercheure hinter die Kulisse schaut, dann kann man den Kopf dieser perfiden Kampagne liefern:

Dietrich Brüggemann. Bekannt als Regisseur, Gewinner des Silbernen Bären für das beste Drehbuch bei der Berlinale 2014. Nun enttarnt als „tragende Rolle“ in diesem Machwerk.

Aber ein Kopf alleine reicht ja nicht. Dahinter steht eine ganze Organisation, mit ganz bösen Absichten, die man nun ans Licht zerrt und dabei kein Risiko scheut: „Querdenker“, nicht ganz, aber so gut wie. Nennen wir es ein „antidemokratisches Netzwerk“. Das reicht.

Der Fall ist aufgeklärt: Die Idee der SchauspielerInnen mag vielleicht gut gemeint gewesen sein. Aber sie sind benutzt worden, wie Puppen in einem Puppenspiel. Jetzt haben sie die letzten Sympathien verspielt.

Kaum war der Skandal in allen Medien verbreitet, kam das Dementi. Der „Tagespiegel“ mußte öffentlich zugeben, dass seine Drahtzieher-Netzwerk-Story erfunden ist, dass sie nicht belegbar ist, dass dieser „Qualitätsjournalismus“ Gefahr läuft, juristisch zur Verantwortung gezogen zu werden:

„Der Tagesspiegel beschäftigte sich in mehreren Artikeln mit den Hintergründen der Video-Aktion #allesdichtmachen von mehr als 50 Schauspielerinnen und Schauspielern. In einem Text verfolgten die Autoren Hinweise auf ein „antidemokratisches Netzwerk“ als Ausgangspunkt der Aufnahmen; dies stellte sich im Nachhinein als nichtzutreffend heraus.“ (tagesspiegel.de vom 10. 6.2021)

Diesen Rückzieher ist keiner empörten Öffentlichkeit, keinem journalistischen Fakten-Check zu verdanken, keiner Demonstration, die gegen diese Verächtlichmachung auf die Straße gegangen ist.

Das ist dem „Drahtzieher“ zu verdanken, Dietrich Brüggemann, der sich nicht wegduckte, sondern den „Tagesspiegel“ zu dem zwang, was Dietrich Brüggemann mit Vorsatz und Absicht verweigert wurde: Eine Stellungnahme als Betroffener.

Dennoch hat diese Kampagne ihr Ziel erreicht: Die Auseinandersetzung um den Inhalt der Clips ist vollständig im Denunziationsstrom untergegangen. Die meisten SchauspielerInnen werden sich es das nächste Mal zehnmal überlegen, sich politisch einzumischen. Und die neutralen Zuschauer haben gelernt, dass es besser ist, sich rauszuhalten – und mitzumachen.

Was bleibt ist ein wunderbar ausgebreitetes Beispiel dafür, dass diejenige, die so sehr und so inbrünstig gegen „Verschwörungstheorien“ wettern, genau dieses Denunziationswerkzeug bestens benutzen. Sie sind die wahren Meister in diesem Metier.

Was bleibt, ist die erzwungene Stellungnahme von Dietrich Brüggemann im „Tagesspiegel“ vom 10. 6.2021. Ein wertvolles Dokument, für die Tatsache, dass jene, die am lautesten „Verschwörungstheorie“, schreien, selbst jene sind, die solche in die Welt setzen, buchstäblich aus dem Nichts zusammenbauen, um die Kritik an der Corona-Politik und den vielen professionellen Mitmachern (auch beim Tagesspiegel) zum Schweigen zu bringen.

Es ist aber auch ein Dokument dafür, dass jene, die überall vor Fake News warnen und nach Zensur rufen, die Profis in Sachen Fake News sind – und es bleiben wollen.

  1. Beispiel: Der Vorwurf, man wolle eine (indirekte) Impfpflicht durchsetzen, sei ein perfides Beispiel für eine Verschwörungserzählung

Vor einem Jahr war der Vorwurf der (expliziten/impliziten) Impfpflicht ein sicheres Merkmal für eine „Verschwörungstheorie“. Wer so etwas behaupte, verbreite Panik, sauge sich etwas aus den Fingern und versuche damit, ein tadelloses Anliegen zu diskreditieren. Nur ein Jahr später ist der Impfnachweis der barrierefreie Zugang zu Grundrechten.

Viele können sich sicherlich noch daran erinnern, dass der Vorwurf, die ganzen Corona-Maßnahmen liefen auf eine (explizite/implizite) Impfpflicht hinaus, als eine ungeheure und infame Unterstellung zurückgewiesen wurde. Jene, die dies befürchteten oder davor gewarnt hatten, wurden außergerichtlich als Verschwörungstheoretiker*innen angeklagt, also verurteilt.

Zur selben Zeit traten hochrangige ZeugInnen auf, die beteuerten und beschworen, dass es keine Impfpflicht gäbe, dass alles ganz freiwillig sei und dass niemand auch nur im Entferntesten an etwas Anderes denke. Wer dennoch vor einem „Zwei-Klassen-System“ (Geimpfte/Nichtgeimpfte) warne, betreibe das Geschäft mit der Angst. So erklärte beispielsweise Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer bereits im vergangenen Mai:

„Auch die Behauptung, dass diejenigen, die sich nicht impfen lassen, ihre Grundrechte verlieren, ist absurd und bösartig. Lassen Sie uns Falschnachrichten und Verschwörungstheorien gemeinsam entgegentreten.”

Seitdem die „Impfkampagne“ Fahrt aufgenommen hat, debattieren jene, die den Impfpflicht-Vorwurf für infam hielten, in aller Ruhe und Breite darüber, wie man jene privilegieren kann und muss, die geimpft sind. Es müsse jetzt darum gehen, dass jene ihre Grundrechte zurückbekommen sollen, die sich haben impfen lassen. Das sei man aus Gerechtigkeitsgründen denen schuldig.

Auf einmal musste es schnell gehen. Am Donnerstag (6. Mai 2021) stimmte der Bundestag der Rücknahme von Corona-Beschränkungen für vollständig Geimpfte und Genesene zu, am Freitag folgte der Bundesrat. Bei privaten Zusammenkünften sollen sie künftig nicht mehr mitgezählt werden. Auch die nächtlichen Ausgangsbeschränkungen gelten für sie nicht.

Vollständig geimpft, das heißt im Sinne der Verordnung, die an diesem Wochenende in Kraft tritt, dass ‚seit der letzten erforderlichen Einzelimpfung mindestens 14 Tage vergangen sind‘. Am Sonntag betrifft das knapp sechs Millionen Menschen (…) Die Geschwindigkeit und Einigkeit, mit der die Sonderrechte für Geimpfte beschlossen wurden, war erstaunlich – schon der Begriff ‚Sonderrechte für Geimpfte‘ provozierte bei vielen heftige Gegenwehr. In einem Rechtsstaat müsse klar sein, dass Einschränkungen nur mit gutem Grund möglich seien, um Leben und Gesundheit von anderen zu schützen, sagte etwa Bundesjustizministerin Christine Lambrecht. ‚Sobald dieser Grund wegfällt, muss genauso klar sein, dass dann auch diese Einschränkung nicht mehr erfolgen darf‘.” (n-tv.de vom 8. Mai 2021)

Das heißt, wenn man nur halbwegs auf dem Boden der Verfassung steht, dass Grundrechte ab nun an (Vor-)Leistungen geknüpft werden. Wer weiß, dass man sich Grundrechte nicht verdient, sondern dass man sie hat, dass sie kein Privileg sind, sondern voraussetzungslos allen zustehen, der handelt nicht fürsorglich, sondern verfassungsfeindlich.

Nun wird ein zentraler Verfassungsgrundsatz in aller Öffentlichkeit auf den Kopf gestellt und die Impfung als Zugangsberechtigung zu bzw. Rückgabe von Grundrechten festgeklopft.

Wie schleichend und sicher man vom Impfangebot zur (moralischen) Impfpflicht chargiert, macht die gut getimte Aussage des Kanzleramtsministers Helge Braun am 25. Juli 2021 deutlich: „Geimpfte werden definitiv mehr Freiheiten haben als Ungeimpfte.“

 

  1. Bespiel: Wenn der an „Verschwörungstheorien“ erhobene Vorwurf, sie seien unwissenschaftlich, einer Selbstschussanlage gleicht

Für Verschwörungstheorien oder –erzählungen sei besonders markant, dass sie unwissenschaftlich seien. Sie würden sich nicht den (wissenschaftlichen) Fakten stellen, sich jeder inhaltlichen Debatte entziehen und für Argumente unzugänglich seien. Anstatt wissenschaftlichen Standards zu genügen, evidenz-basiertes Wissen zu verbreiten, würden sie vielmehr auf Affekte, anstatt auf wissenschaftliche Erkenntnisse zu setzen.

Das folgende Beispiel zeigt, dass sich gerade jene, die mit diesem Verdikt arbeiten, jeder inhaltlichen Diskussion entziehen, mit der Begründung, alles andere seien Verschwörungstheorien, also indiskutabel.

Gelegentlich bekommt man davon eine öffentlich-rechtliche Aufführung. In diesem Fall ist es die Talksendung von Markus Lanz. Thema ist die erwünschte Impfung von Jugendlichen ab 12 Jahren. Was vorher nie in der Diskussion war, schon gar nicht in der wissenschaftlichen, soll nun medial auf allen regierungsnahen Kanälen für Akzeptanz sorgen. Der Grund sei ein ganz einfacher und sorgevoller. Kinder und Jugendliche sollen geschützt werden. Zur Flankierung wird hinzugefügt, dass damit alle etwas zur Bekämpfung der Pandemie beitragen würden, eben alle. Wer dem nicht folgt, sei ein „Gefährder“.

Bei „Lanz“ am 15. Juni 2021 sollte das mit geladenen Gästen diskutiert werden. Es ging um die neue, letzte Etappe der Impfkampagne, dieses Mal für Jugendliche ab 12 Jahren.

Dazu war auch der Chef der Ständigen Impfkommission (Stiko), Prof. Dr. Thomas Mertens, eingeladen. Ganz ruhig führte er aus, warum die Stiko eine entsprechende Empfehlung ablehnen muss. Es gäbe keine Studien, die belegen würden, dass von dieser Altersgruppe eine Gefahr ausginge. „Dabei ist sehr klar herausgekommen, dass die Krankheitslast Covid-19 für die Kinder dieser Altersgruppe, von der die Rede ist, keine wesentliche Rolle spielt.“ Auch zum berühmten Long-Covid-Syndrom gebe es in der weltweiten Literatur keine brauchbaren Daten. Daraufhin wurde er vom SPD-Chef Walter-Borjans süffisant angegriffen. Er habe doch eine Vorbildfunktion! Er müsse doch wissen, wenn er so etwas im Fernsehen sagt, dass das (schädliche) Auswirkungen auf die Impfkampagne habe. Dr. Mertens blieb ausgesprochen gelassen und bei der Sache: Er habe jahrzehntelang gelernt, evidenzbasiert zu arbeiten, warum soll er das jetzt unterlassen? Nur weil es gerade nicht passt? Im Übrigen sei die Siko nicht dazu da, das für wissenschaftlich zu halten, was der Politik in den Kram passt. Der SPD-Chef verzog die Miene und schwieg.

Dafür setzte Lanz noch einmal nach: „Zuletzt wollte Lanz noch vom Virologen wissen, ob er seine Enkel impfen lassen würde. ‚Nein, gesunde Kinder würde ich jetzt im Augenblick nicht impfen lassen‘, erklärte Mertens und rüffelte indirekt den Moderator: Es sei ‚grotesk‘ anzunehmen, dass er als Großvater eine andere Auffassung vertrete, die sich nicht mit den bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen deckt.“ (focus.de vom 16.7.2021)

Ein wirklich eindrucksvolles Beispiel dafür, dass es sich bei der Impfkampagne für Jugendliche um keine wissenschaftlich begründbare Maßnahme handelt. An deren Stelle treten vielmehr Unterstellungen und dringende „Empfehlungen“, die bisherige Haltung zu „überdenken“.

Es wird sicherlich der berechtigte Einwurf kommen, dass ein paar kleine wissenschaftliche Aussetzer nicht alle Corona-Maßnahmen diskeditieren. Schließlich bewegt man sich bei einer tödlichen Krankheit immer auf wackligem Terrain – sonst wäre es keine tödliche Krankheit. Das stimmt – aber eben in beide Richtungen: Wenn es keinen wissenschaftlichen Zaubertrunk gegen dieses Virus gibt, dann ist Kritik an einzelnen Maßnahmen nicht unwissenschaftlich, sondern elementarer Bestandteil wissenschaftlicher Vorgehensweise, die verschiedene Arbeitsthesen, verschiedene „Therapien“ entwickelt und prüft, solange es keinen eindeutigen Favoriten gibt.

Das hieße sehr einfach und sehr deutlich, dass anstelle von Denunziationen offene Diskussionen treten müssten, wo über das Für und Wider gestritten werden kann und muss. Warum setzt sich die (außer-)parlamenarische Linke nicht dafür ein? Warum organisiert sie nicht genau dies?

Genau das Gegenteil wird gemacht – nicht nur auf Regierungsseite, sondern auch von Teilen der Linken. Dabei sind sich beide anscheinend einig, dass sie wissenschaftsbasiert handeln, während die Kritiker vor allem Hokuspokus veranstalten.

Bereits hier wird eine Verschiebung sichtbar, die stillschweigend hingenommen, die gedankenlos angenommen wird und damit eine linke Selbstverständlichkeit in den Mülleimer wirft: Wer mit der „Wissenschaft“ argumentiert, wer behauptet, das und das sei wissenschaftlich evident (also unumstritten), folgt einem Herrschaftsnarrativ und am aller wenigsten der Wirklichkeit wissenschaftlicher Apparate, die weder neutral noch unabhängig von Herrschaftsinteressen arbeiten und Ergebnisse produzieren.

Wenn also Teile der Linken den gegenwärtigen Konflikt um die Corona-Maßnahmen in wissenschaftlich und unwissenschaftlich auflösen, dann haben sie nicht die Scheidelinie markiert, sondern die Aufgabe essentieller linker Wissenschaftskritik.

Dass die allseits postulierte wissenschaftsbasierte Evidenz ein Popanz ist, der keinen Tag auf der Intensivstation überlebt, soll hier erklärt werden.

Bei allen Unwägbarkeiten herrscht weitgehende Einigkeit darin, dass man gegen ein tödliches Virus vor allem die möglichen Infektions- und Übertragungswege eindämmen muss. Niemand bestreitet diesen allgemeinen Grundsatz.

Fast genauso unbestritten ist, dass sich das Virus „Covid 19“ in geschlossenen Räumen („Die Übertragung der SARS-CoV-2 Viren findet fast ausnahmslos in Innenräumen statt“), in beengten Verhältnissen und bei langer Verweildauer am besten ausbreiten kann. Tatsache ist auch, dass dort, wo all diese Kriterien zutreffen, Verordnungen und Maßnahmen tabu sind: Im Produktionssektor, in der Arbeitswelt. Dort gibt es keine einzige Maßnahme, die verordnet, die bei Missachtung sanktioniert wird! Das heißt: Die ganzen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie werden um ein großes ‚schwarzes Loch‘ herum erlassen. Denn all das Gerede von Solidarität und Zusammenstehen hört an den Fabriktoren auf. Die Produktion läuft seit Langem auf Hochtouren und nichts darf sie aufhalten, selbst Verordnungen zum Schutz vor der Pandemie nicht. Diese gibt es nämlich nicht – für die Arbeitswelt. Wenn man auf einer Parkbank um 22.05 Uhr sitzt, zahlt man dafür ein Bußgeld von 200 Euro (in Frankfurt). Wenn man ein paar Stunden später, dicht gedrängt in der U-Bahn zur Arbeit fährt, dann hat man alles richtiggemacht.

Dass das wissenschaftlich Irrsinn ist, wissen nicht nur Virologen. Für diese völlig naheliegende Schlussfolgerung braucht man keine verfemten Wissenschaftler zu zitieren. Auch wenn es einige überrascht:

Der Virologe Christian Drosten, Professor, Lehrstuhlinhaber und Institutsdirektor an der Charité in Berlin, ganz lange das Corona-Gesicht der Bundesregierung, ist sich dessen sehr bewusst. Auch wenn er auf den Bundespressekonferenzen nicht mehr zu hören ist, ist er nach wie vor öffentlich aktiv, zum Beispiel in Podcasts, wo er zur aktuellen Situation Stellung nimmt.

Mit Blick auf die 2021 beschlossene „Bundesnotbremse“ führt er aus:

„Wir haben da im Moment über all die Verhandlungen mit verschiedenen Interessengruppen gegenüber der Politik in Deutschland eine etwas schief verteilte Situation. Wir wissen alle, das Arbeitsleben ist relativ wenig eingeschränkt. Das Freizeitleben ist stark eingeschränkt. Das ist die Gewichtung, die wir in Deutschland gesamtgesellschaftlich so gewählt oder erreicht haben. Natürlich ist das, was jetzt als Bundesnotbremse bezeichnet wird, dann noch mal eine stärkere Verschärfung in den Bereichen gerade außerhalb dieses Wirtschaftslebens, wenn es eben um Ausgangssperren geht. (…). Das sind so Gebiete, in denen eigentlich schon Reduktionen gemacht worden sind und wo man jetzt noch mal die Reduktionen verstärkt. Man hätte das natürlich auch anders wählen können. Man hätte auch in anderen Gebieten des Erwerbslebens, der Wirtschaft stärkere Reduktion machen können. (…) Wenn man solche Maßnahmen gleichmäßig in allen Bereichen verteilt, dann haben Sie auch eine stärkere Gesamtwirkung, als wenn man nur an einem Ende ganz stark quetscht und am anderen Ende alles noch so lässt wie vorher.“

Anschließend erklärt die „etwas schief verteilte Situation“ so – auf eine Art und Weise, die deutlich macht, dass er nun nicht mehr als Virologe spricht, sondern als Politik-Berater:

„Na ja, also man kann das mehr in den Blick nehmen. Man kann an diesen Stellen auch Maßnahmen der Kontaktreduktion verhängen. Aber das hätte natürlich Auswirkungen auf bestimmte Wirtschaftszweige. Da geht es um Lieferketten und Produktion und so weiter. Das sind eben Bereiche der Wirtschaft, die man nicht von zu Hause vom Homeoffice machen kann. Da schlägt natürlich auch durch, dass die Personen, die in diesen Wirtschaftszweigen arbeiten, sozial nicht so gut dastehen und natürlich auch in Stadtteilen wohnen, wo vielleicht der Wohnraum günstiger ist und so weiter. Alle diese Dinge bedingen sich natürlich. Die kann man so beschreiben. Sollte man aber nicht als Wissenschaftler tun, sondern vielleicht eher aus anderen Kompartimenten der Gesellschaft. Kann man auch kritisieren und anprangern. Und man kann Änderungen fordern. Aber ich glaube, im Moment ist es vor allem wichtig, dass man sich klarmacht, wie es ist.“

Wenn also etwas von vom Grunde her unwissenschaftlich ist, dann die beschlossenen Corona-Maßnahmen, die überall dort nicht zur Anwendung kommen, wo sie wissenschaftlich geboten wären!

Dass der Lockdown eine von mehreren Möglichkeiten ist, das tödliche Virus zu bekämpfen, sei hier nur am Rande erwähnt. In diesem Beitrag geht es darum, zu belegen, dass sich die Lockdown-Logik selbst ad absurdum führt, aufgrund von Entscheidungen, die eben ganz und gar nicht medizinisch zu erklären sind.

Wolf Wetzel

Teil II (mit leichter Kürzung) publiziert auf den NachDenkSeiten am 21. Augst 2021: https://www.nachdenkseiten.de/?p=75349

Als Podcast: https://www.nachdenkseiten.de/?powerpress_pinw=75349-podcast

 

Verschwörungstheorien – ein Entgiftungskurs in drei Gängen. Teil II: Ein Entgiftungskurs.

 

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