Wozu dieser ganze Corona-Wahnsinn Teil II

Veröffentlicht von

Wozu dieser ganze Corona-Wahnsinn? Teil II

Wenn man die Corona-Zeiten nicht als medizinisches Phänomen begreift, sondern als ein gesellschaftliches, herrschaftspolitisches, dann stellen sich Fragen: Wozu dieser ganze Aufwand? Wozu der Lockdown, der bislang über 1.400 Milliarden Euro kosten wird? Stürzt der Staat die Wirtschaft in eine starke Rezession, um Menschenleben zu retten? Wozu all diese Einschränkungen, die gerade auch jene empört, die bisher noch nicht „auf der Straße“ waren? Wozu eine Angst, die geradezu pandemisch alles – Menschen, Wissen und Erfahrungen – mit- und voneinander isoliert?

Das Besondere an dieser Krise ist, und das wird schnell vergessen: Diese Krise hat nicht die Finanzwirtschaft verursacht (wie 2007ff.), sondern der Staat selbst, der durch den staatlich verordneten Lockdown auch massiv die Wirtschaft geschädigt hat.

Um die zentrale Rolle des Staates in dieser Krise zu begreifen, ist es hilfreich und ganz schlau, den Staat als „ideellen Gesamtkapitalisten“ zu begreifen, wie dies in der marxistischen Wirtschaftstheorie gemacht wird. Denn man wird sehen, dass der Staat – im besten Fall – mehr ist als bloßer Gehilfe des Kapitals, aber eben auch mehr als die Summe aller Einzelkapitale.

Was macht einen in diesem Sinne verstandenen Staat aus?

Jeder Einzelkapitalist ist des anderen Feind. Wie können und müssen sie aber dennoch ihre gemeinsamen Interessen formulieren und zur Geltung bringen? Hier kommt der Staat ins Spiel. Wenn er seine Rolle gekonnt ausübt, dann ist er eben nicht nur Promoter eines Großkonzernes (sei es Siemens, VW oder RWE). Er muss es schaffen, sozusagen die Quersumme aller Kapitalinteressen zu verkörpern. Das geht gelegentlich auch auf (überschaubare) Kosten von Big Players, wie beim Atomausstieg.

Der Staat als „ideeller Gesamtkapitalist“ ist deshalb ein ideeller, weil es für die „Quersumme“ keine objektive Bestimmung gibt. Denn es geht eben nicht nur um eine Addition von Kapitalinteressen, sondern auch um eine Vision, die über das Einzelinteresse hinausweist.

Was gelingt dem Staat als „ideellem Gesamtkapitalisten“ in und mit der Corona-Krise?

Dass die Corona-Krise bislang über 1.400 Milliarden Euro verschlungen hat, die der Staat selbst zu verantworten hat, verlangt mehr als Schuldenmachen. Er muss sich rechtfertigen, gegenüber der Wirtschaft, aber eben auch gegenüber den Bürger*innen. Bei all den vielen Ungewissheiten. Eines ist ganz sicher: Die Schulden werden von ihnen getragen. Das verlangt nach einem Szenario, das noch bedrohlicher ist als Lohneinbußen, das weitere Lebensverschlechterung in Kauf nimmt, wenn man nur mit dem Leben davonkommt.

Dass die für die zweite Corona-Welle beschlossenen Einschränkungen in Gänze den Privatbereich der Menschen treffen, ist Ironie und Gipfel der Unwissenschaftlichkeit zugleich. Ist jetzt also bewiesen, dass Corona keinen Bock auf Fabrikhallen und Großraumbüros hat? Dennoch sind diese Maßnahmen ungeheuer effektiv: Denn je widersinniger, je unlogischer sie sind und je gedankenloser sie hingenommen werden, desto eher sind die Menschen erschöpft, gegen das zu kämpfen, was erst noch auf sie zukommen wird.

Dass der Staat und alle Zulieferer unentwegt betonen, dass man die Bürger (noch mehr) überzeugen müsse, dass man die Maßnahmen „kommunizieren“ müsse, gehört zum Voodoo-Zauber dieser Tage.

Der Staat wird – aller Voraussicht nach – nicht nur die Verluste auf Kapitalseite in Grenzen halten (was er bereits mit Milliarden-Hilfen unter Beweis gestellt hat). Er wird auch einen neuen Akkumulationszyklus anstoßen, der in der Luft lag und durch Corona richtig Wind bekommt: Es geht um den ewig und drei Tage angekündigten Umbau der Wirtschaft, um eine Transformation der Energiewirtschaft, um den Ausstieg aus der fossil angetriebenen Mobilität, um die Forcierung der Digitalisierung. Das geht immer und notwendigerweise mit Friktionen einher, also Unstimmigkeiten zwischen den Verlierern und Gewinnern der Transformation. Ich würde in der Tat die These wagen, dass Corona der ideale Beschleuniger dieser „Wende“ ist.

Damit einher geht das Ende des „schlank“-gemachten Staates, eines Nachtwächterstaates, der tatsächlich dem Butler im Luxushotel sehr nahekommt. Es geht, und darum wird gerade hart gerungen, um die „Rückkehr des starken Staates“ (Noll).

Das Corona-Regime mithilfe des Notstandes übt dies ein, mit einer herzensguten Zustimmung, die bis in die Linke hineinreicht, die schon oft und lange die Rückkehr des keynesianistischen Staates herbeigesehnt hat. Die Corona-Krise hilft zugleich dabei, den Föderalismus als überholt und irre zu brandmarken, um noch mehr Befugnisse zu zentralisieren. Und während wir uns in die Begründetheit der Corona-Maßnahmen verbeißen, werfen andere einen weitaus größeren Blick auf die „Gunst der Stunde“. Zu den Think Tanks, deren Aufgabe es ist, reale (Verwertungs-)Schwierigkeiten in neue „Visionen“ zu transformieren, gehört sicherlich auch das jährlich stattfindende Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos, zu dem Konzernchefs, Politiker und Wirtschaftsstrategen eingeladen werden. Auch wenn es zum Image des Weltwirtschaftsforums gehört, kritisch zu sein, formuliert ihr Chef Klaus Schwab die nicht verhandelbare Basis sehr klar:

„Nein, der Kapitalismus ist nicht das Problem. Ich bin davon überzeugt, dass die unternehmerische Kraft jedes Einzelnen die Triebfeder für echten Fortschritt ist – und nicht der Staat. Aber diese individuelle Kraft muss in ein System von Regeln eingebettet werden, das ein Überborden in die eine oder andere Richtung verhindert. Diese Funktion muss ein starker Staat erfüllen. Der Markt löst allein keine Probleme. Ich plädiere nicht für eine Systemänderung. Ich plädiere für eine Systemverbesserung.“ (Der Neoliberalismus hat ausgedient, zeit.de vom 21. September 2020)

Tatsächlich braucht es diesen „starken“ Staat in vielerlei Hinsicht:

Er muss als „ideeller Gesamtkapitalist“ den Kapitalismus auf 4.0 bringen, was eben auch bedeutet, Gegenwind auszuhalten, auch aus den „eigenen Reihen“, was sich ideologisch und politisch unter anderem in der Präsenz der AfD ausdrückt.

Diese ökonomische Transformation wird ohne staatliche Subventionen und Absicherungen nicht gehen. Das heißt, dieser Staat braucht mehr und nicht weniger Steuerungsmittel, wozu im Kapitalismus auch ein Batzen Geld gehört, also erhöhte Steuereinnahmen. Die Außerkraftsetzung der „Schuldenbremse“ ist ein Schritt in diese Richtung.

Und dieser Staat wird eine größere Rolle spielen (müssen), wenn die Analyse richtig ist, dass die „Globalisierung“, wie sie in den letzten 20 Jahren betrieben wurde, zu Ende ist. Denn, um hier ein ganz großes Fass aufzumachen: Die Globalisierung des Kapitalismus nach dem Zusammenbruch des Ostblockes sollte die Erzfeinde Russland und China einfach auffressen, mit Kapital fluten. Das gelang nicht. Im Gegenteil: China steht heute ganz weit oben in der kapitalistischen Pyramide und kann im „freien Wettbewerb“ nicht mehr besiegt werden.

Es wird zu einer Renationalisierung kommen, die schon seit einiger Zeit die bestimmende Gegenbewegung ausmacht. Dazu zählen Handelsschranken/-embargos (nicht anderes als Wirtschaftskriege), Abschottungsmaßnahmen bis hin zur Rückverlagerung von „systemrelevanten“ Produktionen. Die Geschichte mit den Schutzmasken, die in China hergestellt wurden und in Deutschland nicht verfügbar waren, ist ein schwach maskierter Versuch, diese „Wende“ zu bebildern. Es geht in Zukunft darum, Grenzen hochzuziehen, wozu es einen starken Staat braucht.

Last not least, wird diese „Zeitenwende“ dreifach Geld kosten, vor allem zu Lasten derer, die schon immer fürs Ausbaden da sind. Zum einen werden die über 1.400 Milliarden Euro, die die Lockdown-Politik bislang gekostet hat, von den genommen, die eh wenig haben.

Zum zweiten wird die Transformation viele Arbeitsplätze kosten und – gerade in Corona-Zeiten – zu vielen Zugeständnissen führen, die nichts anderes bedeuten, als dass die (noch) Beschäftigten die Krise ausbaden.

Und drittens wird die Renationalisierung Produkte notwendigerweise teurer machen und vor allem jene belasten, die eh jeden Cent umdrehen müssen.

Und während viel zu große Teile der Linken vollauf damit beschäftigt sind, die Bedenken und Befürchtungen des Querdenkerspektrums als Verschwörungstheorien abzutun, schüttelt der Chef des Weltwirtschaftsforums folgenden Satz einfach aus dem Ärmel:

„Die sozialen und wirtschaftlichen Ungleichgewichte werden weiter zunehmen, die Ungerechtigkeiten und die Umweltzerstörung werden wachsen. Wenn wir dagegen nichts unternehmen, werden die Veränderungen irgendwann auf anderem Wege kommen, durch gewalttätige Konflikte oder Revolutionen etwa. Das lehrt uns die Geschichte.“ (s.o.)

Und das ist in der Tat eine zentrale Aufgabe von Think Tanks: Den Gefahren, die den Kapitalismus selbst infrage stellen, eine bezahlbare Alternative entgegenzustellen, die den Kapitalismus nicht abschafft, sondern neue Stabilität verleiht.

Ausnahmezustände zeichnen sich nie durch den Anlass aus, sondern durch das, was man mithilfe des Anlasses alles durchsetzen kann

Warum überlässt es die Linke weitgehend den „Querdenkern“, dem nachzugehen? Warum tut sie – völlig ungeprüft und faktenfrei – so, als sei das alles Alarmismus, und wenn gar nichts mehr hilft, eine Verschwörungstheorie mehr? Auf Seiten der Querdenker mag einiges querliegen, aber wenn eine Linke nicht mehr dazu sagen kann, dann macht sie sich selbst überflüssig.

Spürbar verbittert muss man fragen:

Hat die Linke schon einmal davon gehört, dass im Kapitalismus bestimmte Prioritäten (also Menschenwohl, Lebensglück usw.) wenig zählen, andere viel mehr – und das mit und ohne Corona?

Warum versucht sich die Linke nicht daran, diese gesellschaftlichen und politischen und staatstheoretischen Verschiebungen selbst einzuordnen, ohne „Verschwörungstheorie“?

Gibt es ökonomische, staatstheoretische und politische Gründe für die Suspendierung von Grundrechten, die wenig bis nichts mit der Bekämpfung der Pandemie zu tun haben?

Gibt es berechtigte und belegbare Gründe dafür, dass das Wohl und die Gesundheit der Menschen nicht an oberster Stelle stehen – weder vor, noch in, noch nach der Pandemie?

Wurden „Notstände“ nicht immer für ganz andere Zwecke genutzt?

Anstatt diese Frage zu stellen und mit Antworten zu überzeugen oder gar zu glänzen, überlässt man all dies den „Querdenker*innen“.

Was von viel zu vielen Linken als Verschwörungstheorie abgetan wird, ist keine abgedrehte Ansicht von irrlichternden Querdenkern.

Die Pandemie als Elektrotaser

Die, die die Pandemie in der Tat als Chance begreifen, die „noch nie dagewesenen Schockwellen“ dafür zu nutzen, „die Menschen empfänglicher machen für Visionen des radikalen Wandels“ (Prinz Charles, 2020), müssen nicht auf die Straße gehen. Sie verbringen lieber ihre Zeit im Buckingham-Palast in London, wie der eben zitierte Prinz Charles.

Die anderen sitzen in den Chefetagen von Großkonzernen oder in Thinktanks, wozu ganz sicher auch das Wirtschaftsforum in Davos zählt, das alljährlich Big Player und Regierungspolitiker und –berater zusammenbringt, um das zu formulieren, was zum Portfolio des „ideellen Gesamtkapitalisten“ gehört. Dazu gehört bemerkenswerter Weise auch Prinz Charles, der exakt das bestätigt, was Naomi Klein in ihrem Buch „Die Schock-Strategie“ den Herrschenden vorwirft: Menschen im Schockzustand zu etwas zu zwingen, dem sie ansonsten nie zustimmen würden.

Dass die Pandemie für ganz besondere Anliegen ein Segen ist, dass man die Erschütterungen und die Ängste der Vielen nutzen kann und muss, hat Klaus Schwab, Gründer des WEF, kaum misszuverstehen, so formuliert:

„Viele von uns fragen sich, wann wir wieder zur Normalität zurückkehren. Die kurze Antwort ist: nie. Nichts wird je wieder zu dem kaputten Gefühl von Normalität zurückkehren, das vor der Krise geherrscht hat, weil die Coronavirus-Pandemie einen fundamentalen Wendepunkt in unserer globalen Entwicklung markiert. Manche Analysten nennen es eine Weggabelung, andere eine Krise biblischen Ausmaßes, aber im Kern läuft es darauf hinaus, dass es die Welt, wie wir sie in den ersten Monaten von 2020 kannten, nicht mehr gibt. Sie hat sich im Kontext der Pandemie aufgelöst.“

Und dann formuliert Klaus Schwab ein Anliegen, das lange vor der Pandemie ganz oben auf der Agenda stand und nur auf den „Stier“ wartete, der die Arena in Atem halten wird:

„Es ist unsere Aufgabe, den Stier bei den Hörnern zu packen. Die Pandemie gibt uns die Chance: Sie stellt eine seltene und eng befristete Gelegenheit dar, über unsere Welt nachzudenken, sie uns neu vorzustellen, und einen Neustart zu wagen.“

Wenn man seine ersten Aussagen zum Ende des kapitalistischen Zyklus unter dem Pseudonym „Neoliberalismus“, seine Warnung vor gewalttätigen Unruhen bis hin zu Revolutionen, mit denen zusammenlegt, die die Pandemie als einmalige Chance begreifen, den Kapitalismus zu retten, dann bekommt man eine Ahnung davon, warum wir mit Kurven, Fallzahlen, Abstandsregeln, Ausgangssperren und Risikogebieten in Atem gehalten werden sollen.

Dass Corona die Welt nicht auf den Kopf stellt, ist bereits gesagt. Der darin sich begründende Ausnahmezustand spitzt aber die krassen Widersprüche zu, die schon vorher an den Rand ihrer Duldung gestoßen sind. Corona kann aber nicht nur tödlich sein. Mit Corona, also mit der Angst, kann man gar Wundersames schaffen: indem viele und viel zu viele glauben, dass man jetzt eben zusammenhalten müsse, dass es jetzt um uns alle gehe, am allerwenigsten um Klassenunterschiede. Mit der Metapher der Krankenschwester, der Pfleger im Gesundheitswesen als „Systemrelevante“ hat man gekonnt eine klassenlose Gesellschaft kreiert, in der der Boss von AEG und die Pfleger im Krankenhaus eins werden.

Zeit zur Demaskierung (auch ohne Maske)

Dauerhafte Angst, ständig ändernde Erklärungen und Maßnahmen greifen nicht nur die psychische Gesundheit an, sie machen auch schwindelig, orientierungslos und apathisch. Man hört auf, in Zusammenhängen zu denken, auf Widersprüche zu achten. Man stumpft ab, man nimmt es hin, meistens mit einer Erklärung, die nur noch das eigene Mittun rechtfertigt.

 

Gerade hat die Bundeskanzlerin Angelika Merkel nochmals betont, dass es jetzt das Wichtigste ist, „Kontakte zu vermeiden“.

Wenn das das Allerwichtigste ist, um „unsere“ Gesundheit zu schützen, muss sich doch eine Linke fragen: Warum werden überall Kontaktmöglichkeiten begrenzt, verboten, sanktioniert, anstatt Bedingungen zu schaffen, unter denen sie gefahrlos möglich sind? Es gibt COVID-19-taugliche Entlüftungsanlagen/Raumluftreiniger, die man längst in Altenheimen und Schulen einsetzen könnte, um nicht länger in Angst zu leben, sondern lebenswichtige Kontakte möglich zu machen. Ist die eine Milliarde Euro zuviel, während man das „Leben“ von Großunternehmen mit 200 Milliarden beatmet?

Für eine Linke ist zentral, Zusammenhänge herzustellen, Behauptungen zu überprüfen und die allergrößten Zweifel anzumelden, wenn eine Regierung verkündet, dass es jetzt (plötzlich) darum gehe, dass wir alle zusammenstehen, um ganz gemeinsam die Krise zu bewältigen. Wenn die immer größer werdenden ökonomischen und politischen Unterschiede, die seit Jahrzehnten gewollt, gefördert und gerechtfertigt werden, ganz plötzlich nicht mehr zählen, dann müsste eine Linke wie eine Eins dastehen und sagen: Ihr habt sie nicht mehr alle!

Vielleicht fühlen sich Linke auch geschmeichelt, wenn sie das Gefühl haben, mit in einem Boot zu sitzen, und gar gelobt werden, wenn sie ihren Beitrag dazu leisten, die Querdenker*innen“ zu denunzieren. Das macht sie nicht unentbehrlich, sondern sehr bald überflüssig.

Halten jene Linke auch den WEF-Boss Klaus Schwab für einen lausigen Querdenker? Man hat das Gefühl, dass es geradezu stört, wenn man auf deren Stimmen verweist, die auf die Gunst der Stunde pochen, den Schockzustand dazu nutzen, um den Kapitalismus neu aufzustellen, bevor die Lokomotive gegen die Wand fährt. Denn der hier bereits zitierte Klaus Schwab ist alles andere als ein Alarmist und verwirrter Zeitgeist. Im Gegenteil: Dem nachzugehen, die Vision von einem „Reset“ abzuklopfen, schafft einen Horizont, der über zum Teil selbst aufgestellte Zäune hinausweist.

Thomas Kuczynski hat dies in einem Beitrag getan und schreibt dazu sehr Erhellendes und Hilfreiches:

„Die jetzige Weltwirtschaftskrise deutete sich schon an der Jahreswende 2018/19 an. Die Corona-Pandemie war lediglich Anlass zu ihrer bedeutenden Verschärfung, eine ‚Corona-Krise‘ ist sie nicht. Die Pandemie hat nur Probleme des vor über dreißig Jahren eingeführten neoliberalen Kapitalismus ganz offen zutage treten lassen, die über kurz oder lang sowieso zu einer schweren Wirtschaftskrise geführt hätten (…) Die vom Neoliberalismus gepriesenen Allheilmittel des Marktes und der Privatisierung haben offenbar zurzeit ausgedient (…) In der Tat scheint es sich nicht um eine für das kapitalistische Wirtschaftssystem normale zyklische Krise zu handeln, sondern um eine sogenannte systemische Krise.“ (Thomas Kuczynski)

Nützliches Chaos

Sicherlich ist die von Dr. Hontschik erwähnte Einheitsfront in Sachen medialer Pandemie zutreffend. Und doch enthält diese manchmal auch ungewollt Entlarvendes, wie der Leitartikel der Frankfurter Rundschau vom 17./18.10.2020, mit dem Titel: „Nützliches Chaos“. Dort vergleicht der Redakteur die Corona-Maßnahmen mit der Kugel im Flipperautomaten: „Sie schießen eine ab und gucken, was passiert.

Dieses leicht dissonante Bild spiegelt sicherlich auch die wachsende Sorge wider, dass man wachsende Probleme bekommen könnte mit der Zustimmung.

Aber wirklich besonders an diesem Beitrag ist etwas Anderes: Er bringt etwas zusammen, was bei einem Teil der Linken wüste Beschimpfungen auslöst und in tiefen Schützengräben endet: Genau dann, wenn man den Kampf gegen die Pandemie mit der Systemfrage zusammenbringt. Man reibt sich die Augen! Die Systemfrage zu stellen, war einmal ein Merkmal der Linken. Und genau das tut der Leitartikel.

Zuerst schwört uns der Leitartikler zum x-ten Mal ein, dass das, woran viele festhalten wollen, nur „eine vordergründige Freiheit zelebriert“. Diese müssen wir aufgeben, denn es gehe um mehr als um unsere Gesundheit, um dann auf den Punkt zu kommen:

„Manche stellen bereits die Systemfrage. Ist China, weil es auch dann zum schärfsten Mittel greifen kann, wenn es nicht erforderlich ist, am Ende überlegen?“

Die Antwort auf diese Systemfrage hat er sofort parat:

„Eine Gesellschaft, die nur eine vordergründige Freiheit zelebriert, durch Reisen, Partys und grölende Verstöße gegen Hygienevorschriften, könnte sich am Ende in der Tat als unterlegen erweisen.“

Man könnte auch sagen: Hier geht um ein „Geisterspiel“ zwischen Kapitalismus a la carte und einem Kapitalismus ‚Made in China‘ – bei dem wir zuhause bleiben sollen.

Es ist kein großes Risiko, vorauszusagen, dass der Kapitalismus nicht „verantwortungsvoll(er)“ (Klaus Schwab), sondern „chinesisch(er)“ (Xi Jinping) wird.

Was tun? (mit und ohne Maske)

  • Erstens: Mischen wir uns ein. Lassen wir uns nicht isolieren und ausspielen.
  • Zweitens: In Erinnerung an Max Horkheimer: Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch zu Corona schweigen.
  • Drittens: Gehen wir zusammen für zwei Jahren auf Entzug und verzichten auf drei Schlagwerkzeuge: Verschwörungstheorie, Querfront, Antisemitismus.
  • Viertens: Ersetzen wir diese durch eine Theorie, eine Praxis, durch eine Form der Kollektivität, die nicht separiert, denunziert, sondern fasziniert.
  • Fünftens: Der WEF-Chef Klaus Schwab bewirbt einen „verantwortungsvollen Kapitalismus“, um Unruhen zu vermeiden, um einer Revolution zuvorzukommen. Da ein „verantwortungsvoller Kapitalismus“, nur mit dem Adjektiv schmeichelt, um mit dem Hauptwort zuzuschlagen, würde mir das, wovor er warnt, näherliegen und ich würde vorschlagen, uns dorthin auf den Weg zu machen.

Wolf Wetzel

Teil I findet sich hier: https://wolfwetzel.de/index.php/2020/11/26/den-stier-bei-den-hoerner-packen-backstage-corona/

Quellen und Hinweise:

 

 

Aufrufe: 467

Ein Kommentar

  1. Beeindruckend analysiert und mit viel Überblick formuliert.
    Bleibt, hinzuzufügen, was unter chinesischem Kapitalismus zu verstehen ist, denn der scheint, glaubt man den chinesischen offiziellen Verlautbarungen, lediglich Instrument in einer Synthese aus Volksregierung und Menschenrechten, Kollektivismus und Subjektivität. Insofern ist es kein Wunder, daß die westlichen inneren Kreise (nach Bernd Hamm) momentan Sturm machen auf die potenten chinesischen und russischen Gegenpole, bzw. sich überhaupt als Gegenpol verstehen, während die Chinesen und Russen auf Kooperation und Symbiose zugunsten einer absoluten Gemeinsamkeit setzen, die von der “einfachen” Landbevölkerung bis zur Regierungsspitze reichen und möglichst viele Formen von Subjektivität berücksichtigen und schließlich soll, mit dem Ziel einer globalen Übereinkunft und Fortentwicklung der Aufklärung (als theoretische Grundlage des Westens hinsichtlich der Menschenrechte) und der Volksorientierung (daß diese theoretische Grundlage eben für alle gelten soll und von diesen weiterentwickelt wird und nicht nur für einen kleinen Teil, getreu dem Motto: unten muß oben füttern, damit für unten was übrigbleibt).
    Will meinen: wenn sich die chinesische Philosophie und Ideologie durchsetzen sollten, müßten sich hiesige Eliten warm anziehen. Diese reagieren nun mit Kontrolle (Überwachung und Modifikation) nach innen und bedienen sich zum Beispiel eines Sozialkreditsystems aus China, nur daß es hier kommt wie ein Dieb in der Nacht, was typisch ist, mit den formulierten Zielen der Rettung von Mensch und seiner Umwelt als Täuschungsmanöver, und (Handels-) Krieg(en), um den hegemonialen Anspruch zu erfüllen, der sich theoretisch in einer endgültigen Installation des neoliberalen Gedankenguts äußert, praktisch ein modernes Feudalsystem installiert, das jedweden Ansprüchen der Aufklärung widerspricht, also Subjekte zu Objekten macht und alles frühzeitig zu unterdrücken in der Lage ist, was erkennen ließe, daß der Fisch vom Kopfe her stinkt.
    “Was tun? (mit und ohne Maske)” – schon richtig. Also vielen Dank noch einmal!

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.