Gaza-Krieg – in Deutschland

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Gaza-Krieg- in Deutschland

Der Krieg in Gaza tobt seit drei Monaten. Seit Wochen wird berichtet, dass die humanitäre Situation unerträglich geworden ist und auf eine Katastrophe zusteuert.

Aber auch hier gibt es einen Krieg, einen Krieg der Worte. Das ist ganz und gar nicht ungewöhnlich, da Israel und Palästina eine besondere Bedeutung in Deutschland einnehmen. Zu recht. Der Holocaust, die Shoa fand in Deutschland statt und dieses Menschheitsverbrechen hat mit dazu beigetragen, dass die (Ex-)Kolonialherren den Staat Israel in Palästina geschaffen haben. Ich gehöre zu den Menschen, die noch Eltern hatten, die vom „Jud“ sprachen und sofort in ein großes Schweigen fielen, wenn man sie darauf ansprach. Von daher war für viele politisch Aktive in den 1960er und 1970er Jahren der Staat Israel eine richtige und notwendige Antwort, zumal das Kibbuz-System für uns etwas war, das eine andere Gesellschaftlichkeit, einen Traum von einer besseren, gerechten Welt verkörperte.

Wer um diese Vorgeschichte weiß, kann verstehen, dass dieses Thema so viele Emotionen auslöst. Der Kampf gegen den Antisemitismus war folglich für viele eine nicht zu hintergehende Grundlage für das eigene Selbstverständnis.

Jahrzehntelang war dieser Kampf notwendigerweise ein Kampf gegen die eigenen Eltern, gegen die „Ewiggestrigen“, gegen alte und neue Nazis, gegen alle Parteien, die mehr mit dem Schutz von Nazis beschäftigt waren, als mit dem Kampf dagegen.

Nicht selten und weithin verbreitet war das leise vorgetragene Statement, dass die Juden „uns“ ausnutzen, wenn sie Wiedergutmachung fordern. Selbst die paar Millionen DM waren bereits für viele zu viel. Einige Israelis mit sehr bissigem Humor ließen die Deutschen deshalb wissen: „Ihr habt uns den Holocaust nicht verziehen.“ Eine bitter-wahre Täterumkehr.

Von daher war der Kampf gegen Antisemitismus, gegen Faschismus keine Staatsangelegenheit. Man musste beides gegen den Staat und ihn tragenden Parteien durchsetzen.

Doch seit einiger Zeit ist der Kampf gegen Antisemitismus „Chefsache“ und die „bedingungslose Solidarität mit Israel“ deutsche Staatsraison. Ist das der erfolgte historischen und politischen Auseinandersetzung geschuldet oder den neuen geostrategischen Begebenheiten, wozu auch der Atomstaat Israel gehört, der seine Gründung dem „Westen“ verdankt und dies nun politisch zurückzahlt?

Die staatliche Okkupation dieses Kampfes gegen Antisemitismus hatte schwerwiegende Folgen. Viele Gruppierungen im linken Spektrum zerstritten sich, denn nun geriet die jahrzehntelang geübte Palästina-Solidität in Verruf. Ist der Kampf gegen die israelische Besatzung antisemitisch – also auch seine Unterstützung? Ist der palästinensische Befreiungskampf ein Kampf gegen die Juden, mit dem Ziel, sie ins Meer zu treiben?

Viele kamen angesichts dieser verwirrenden Fragen und Positionswechsel ins Trudeln und Straucheln. Irgendwann einigte man sich auf das Schweigen. Man machte um das Thema Israel-Palästina einen großen Bogen.

Die Tabuisierung dieses Themas, die Ersetzung der notwendigen Diskussion durch Denunziation und Diffamierung betraf jahrelang nur einen kleinen Kreis von politisch Aktiven. In Corona-Zeiten konnte man dieses vergiftete Klima wieder erleben – dieses Mal betraf es jedoch alle.

Tatsächlich hat der x-te Gaza-Krieg 2023 einiges aufgebrochen. Man bekommt – abseits der Laufstallmedien – genug zu sehen und zu hören, was das Schweigen und Wegsehen unmöglich machen müsste.

Und so kam es dann im Magazin Overton zu einer offenen Auseinandersetzung. Ausgangspunkt war ein Betrag von Herr Rieveler über einen Deutsch-Palästinenser namens Abed Hassan, der in einigen TV-Sendern als „deutsche Stimme aus Gaza“ vorgestellt wurde. Er berichtete aus Gaza, da er wenige Tage zuvor dorthin gereist war, um seine Familie zu besuchen.

 

 

Er berichtete ausschließlich über die humanitäre Situation und war sicherlich ein kleines Trostpflaster dafür, dass die Berichte fast ausschließlich mit Bildern der israelischen Armee arbeiteten, da die Ermordung von Dutzenden Journalisten in Gaza durch die israelische Armee Gaza „pressefrei“ machte.

 

 

Dieses kleine Gegengewicht aus „palästinensischer“ Sicht war für Herrn Rieveler, der ab und an auch für das Magazin telepolis schreibt, der Anlass, über dessen „zwei Gesichter“ zu schreiben. Das eine kenne man ja. Geschenkt. Das andere würde er den LeserInnen offenbaren: Das Gesicht des „modernen Antisemitismus“.

Ich suchte nach Belegen, nach Beweisen und fand sie nicht. Sie waren an den Haaren herbeigezogen.

Ich schrieb im Magazin Overton eine Erwiderung. Darin warf ich ihm vor, den Vorwurf des Antisemitismus zu instrumentalisieren, was schon einigen Menschen hier in Deutschland den Beruf und Ruf gekostet hat, abgesehen von dem Schmerz, sich als Antisemit denunziert zu sehen.

Ich verwies dabei sehr schlicht und konzentriert darauf, dass es Grundelemente für den Begriff des Antisemitismus gibt, die man nicht hintergehen soll.

Dazu gehört, dass der Antisemitismus einen imaginären Feind, den Juden erfindet, der an allem schuld ist, womit die tatsächlichen Macht- und Herrschaftsverhältnisse verschleiert und geschützt werden.

PalästinenserInnen in den besetzten Gebieten imaginieren aber keinen übermächtigen Feind – sie sind mit ihm tagtäglich konfrontiert. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Besatzer ein Jude, eine Atheistin oder ein Agnostiker* ist.

Wenn Abed Hassan also zum Beispiel vom Teufel spricht, dann ist es derselbe Teufel, den der Herausgeber Levi in seiner Kolumne im Haaretz meint, der nun in der Mitte der israelischen Gesellschaft angekommen ist.

 

Und wenn Abed Hassan davon spricht, dass Israel die Palästinischer „ausrotten“ will, dann kann man sich zwischen Übertreibung oder dem Vorwurf des Genozids entscheiden, denn dieser beinhaltet die „Absicht“ so etwas zu tun – was zahlreihe israelische Regierungsmitglieder geradezu wortwörtlich angekündigt haben.

 

 

Die Antwort darauf gab Herrn Rieveler im Magazin Overton vom 11. Januar 2024:

„Eine Replik auf Wolf Wetzels Kritik an meinem Artikel „Die zwei Gesichter des Abed Hassan“.

Ich möchte nur den Anfang zitieren, denn er legt damit den Grundstock für das was folgt:

„Wolf Wetzel hat sich in einem am 4. Januar erschienenen Beitrag an meinem am 27. Dezember erschienenen Text abgearbeitet. Wenn ich seine Auslassungen richtig interpretiere, wirft er mir vor, per Antisemitismusvorwurf an einen Deutsch-Palästinenser „zudecken“ zu wollen, dass die Palästinenser eigentlich gar nichts gegen die Israelis hätten und dass an allem Übel Israel schuld sei. Überdies ginge es mir darum, Israelkritik zu diskreditieren. Wetzels „Israelkritik“ in seiner Replik lässt sich wie folgt zusammenfassen: Während die Hamas und ihre Schergen sich lediglich gegen das himmelschreiende Unrecht wehrten, dass Israel ihnen seit 1948 antue, verübten die Israelis einen „Massenmord“ an den Bewohnern des Gazastreifens. Die Taten der Hamas möchte Wetzel nicht explizit verurteilen, die Reaktion der Israelis hält er für illegitim.“

Bereits der Anfang ist ausschließlich eine Mischung aus Schmähung und Denunziation, dieses Mal nicht nur gegen Abed Hassan, sondern auch gegen mich.

Er setzt darin die Methode fort, die er immerhin konsequent durchhält. Er antwortet mit keinem einzigen Wort auf meine Kritik an der Verwendung des Antisemitisvorwurfes. Stattdessen, da verrät er sich dann doch, will er sich ganz auf meine „Auslassungen“ werfen – also auf all das, was nichts mit meiner Kritik zu tun hat. Denn in meinem Text ging es weder um Hamas, noch um Massenmorde, noch um (legitime) Israelkritik. Es ging um den Herrn Rieveler und seine haltlose und niederträchtige Behauptung, Abed Hassan sei das Gesicht des „modernen Antisemitismus“.

Herrn Rieveler hat viele Reaktionen, auch im Kommentarbereich ausgelöst. Es geht dabei um sehr grundsätzliche Fragen, die wir gemeinsam klären müssen. Das hat nichts mit diesem Streit zu tun, der ausgesprochen unpersönlich ist.

Corona-Syndrom

Zuerst muss man die vielen sehr unterschiedlichen Reaktionen verdauen. Man spürt, dass sich da schon lange etwas angestaut hat und dass diese Kontroverse die Chance bieten, darüber zu sprechen, die politischen Meinungen und Unterschiede auszuloten. Das ist viel zu lange unterlassen worden und deshalb begrüße ich das sehr.

Denn meine Erwiderung (entgegen der Behauptung von Herrn Rieveler) zielte ausdrücklich nicht darauf, seinen Beitrag nicht zu veröffentlichen, sondern ihn zu diskutieren, anstatt alles nebeneinander – wie in einem Kaufhausregal – stehen zu lassen.

Wo endet Meinungsvielfalt?

Der zweite Punkt ist nicht minder spannend und gemeinsam zu diskutieren – wozu es keine Gaza-Palästina-Kenntnisse braucht. Einige im Forum stellten die Frage nach der Meinungsvielfalt bzw. –freiheit. Wo endet sie? Wie unterschiedlich, wie gegensätzlich dürfen sie sein?

In den 1980er Jahren und noch einige Jahre später galt der Satz:

„Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.“

Der Satz ist schnell gesagt, aber was ist Faschismus? Bereits an dieser Hürde würden so manche, ich würde behaupten, die meisten von uns, scheitern.

Wo gehen Meinungsverschiedenheiten in Denunziationen und Diffamierungen über?

In diesem Punkt bin ich mir sehr klar: Wenn man wie Herr Rieveler gegen eine Person einen so schweren Vorwurf erhebt und auf den Widerspruch mit Häme, süffisanter Abfälligkeit und weiteren Denunziationen (wie „Israel-Hass“) antwortet, ist die Grenze erreicht.

Menschen, wie den Deutsch-Palästinenser Abed Hassan vor solchen unerträglichen Angriffen zu schützen, ist meine Aufgabe. Denn der Vorwurf ist keine Lappalie und wenn jemand in diese Denunziationsspur tritt, dann erwarte ich von ihm, dass er sich mit dem Kern meines Widerspruches auseinandersetzt, anstatt gleich zu Beginn den Joker zu ziehen, wenn er auf meine „Auslassungen“ eingehen will, womit er gewollt die Diskussion verweigert.

Mich gegen die Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfes zu wenden, mache ich so ausdauernd, weil mir der wirkliche Kampf gegen Antisemitismus sehr wichtig ist und durch solche Rieveler’sche Methoden ad absurdum geführt wird.

Deshalb war mich auch so wichtig, auf den Antisemitismusvorwurf gegen Roger Waters und gegen die indonesische Künstlergruppe Ruangrupa (auf der Documenta 15) einzugehen.

Wenn aber Herr Rieveler genau diese cancel culture bedient und füttert, seine Denunziationsmaschine sogar noch auf Hochtouren bringt (von wegen „Israelhass“), dann will er auf die Unhaltbarkeit seines Vorwurfes nicht eingehen, sondern noch eins draufsetzen. Er weiß ganz genau, dass das keine Meinung ist, wenn er Abed Hassan und mich in die Nähe von Hamas bringt, was in der Tat (wie ein Leser zurecht anmerkte) einem Aufruf zur möglichen Kriminalisierung ist. Davor möchte ich andere und mich selbst schützen.

Wolf Wetzel

 

Quellen und Hinweise:

Wer deckt was (auf und zu)? Wolf Wetzel, 2024: https://wolfwetzel.de/index.php/2024/01/04/wer-deckt-was-auf-und-zu/

Palästinenser brauchen keinen imaginären Feind, Wolf Wetzel,2024: https://overton-magazin.de/hintergrund/kultur/palaestinenser-brauchen-keinen-imaginaeren-feind/

Was ist israelbezogener Antisemitismus? Eine Replik auf Wolf Wetzels Kritik an meinem Artikel „Die zwei Gesichter des Abed Hassan“, Hans-Dieter Rieveler, 2024: https://overton-magazin.de/kommentar/gesellschaft-kommentar/fakten-sind-der-groesste-feind-des-verschwoerungstheoretikers/

 

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