Wege in den Krieg. Über Wortführer und Platzverweise.

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Wege in den Krieg

Über Wortführer und Platzverweise

Mit einer Aktualisierung bezüglich des Post vom Mainzer-Fußballspieler Anwar El Ghazi.

 

Man verbrennt heute keine Bücher mehr. Das ist „aus der Zeit gefallen“ – wie der Pazifismus, wenn man den SPD-Führern Glauben schenken will. Das hat ganz wenig damit zu tun, dass man „gefährliches Wissen“ nicht auslöschen will, sondern mit den modernen Zeiten, die angepasste Methoden verlangen. Dazu zählt „Shadow Banning“, weitaus effektiver als öffentliche Bücherverbrennungen. Aber auch eine ganz alte Methode: Die Macht der Worte nicht aus der Hand geben.

Öffentlich-rechtliche Wortanweiser und Sprachführer

In den ersten Tagen nach dem gewaltsamen Ausbruch aus dem Gaza-Gefängnis Anfang Oktober 2023 wurden wahrscheinlich auch die öffentlich-rechtlichen Anstalten vom nicht für möglich gehaltenen überrascht. Denn sie kennen recht genau die Situation in Gaza. Das bezieht sich nicht nur auf die katastrophalen Lebensverhältnisse für die über zwei Millionen Bewohnerinnen. Sie wissen auch, dass Gaza ein von Israel geführtes Freiluftgefängnis ist. Man kann nicht raus, man ist wie in einem Gefängnis den „Wärtern“, also der israelischen Besatzungsmacht hilflos ausgeliefert. Eine Flucht ist so gut wie aussichtslos. Aber genau das passierte am 7. Oktober 2023. Hunderten gelang es, die Mauern zu überwinden und über 200 Geiseln zu nehmen, die sie bei ihrem Rückzug mit nach Gaza nahmen.

In den deutschen Medien war in den ersten Tagen von militanten Palästinensern bzw. militanten Hamas-Kämpfern die Rede. Doch dann wurden sie aus dem Sprachverkehr gezogen. Seitdem ist in allen öffentlich-rechtliche-privaten Medien nur noch von „Hamas-Terroristen“ die Rede.

Ein synchronisierter Zufall?

 

Ein Strategiepapier der ARD mit Stand vom 18.10.2023 belegt dies: „Glossar Berichterstattung Nahostkonflikt. Zur internen Nutzung.“ Natürlich weiß auch die ARD um die Macht der Bilder. Sie weiß aber auch um die Macht der Worte. Worte können Lotsen sein, die zum Nach- und Weiterdenken anregen.

Damit die Worte die „richtige“ Lotsenfunktion erfüllen, haben ARD-Mitarbeiter diesen Glossar zum „Nahostkonflikt“ erstellt. Darin geht es um die „richtigen“ Begriffe, die das erwünschte „Verständnis“ befördern sollen.

Wie manipulativ dieser Vorgang ist, wissen die Macher sehr wohl. Deshalb schreiben sie auch etwas fürs schlechte Gewissen rein, wenn sie betonen, dass das alles nur Anregungen und Hilfestellungen seien.

Die „AG Sprache“

Wirklich bemerkenswert ist dabei, was den ARD-Sprachführern gerade jetzt besonders wichtig ist. Wie gesagt: Die ARD-Mitarbeiter kennen den „Israel-Palästina“-Konflikt nicht erst seit dem 7. Oktober 2023. Ohne das „davor“, ohne den Kontext ist er beliebig konturierbar. Und genau darum geht es diesem ARD-Glossar: Man will, man muss Zusammenhänge kappen. Man muss Gedankengänge verstopfen bzw. zuschütten, die auf der Hand liegen.

Es ist also ganz und gar kein Zufall, dass es den ARD-Wortführer auch um bestimmte Worte geht. Ganz oben auf der Agenda steht naheliegender Weise das Wort „Krieg“.

Man hat beim diesem Wording bereits viel Übung. So gibt es das Wort „Angriffskrieg“ in der medialen Dauerbeschallung erst mit dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2022. Davor waren Kriege, die man gut fand, die man unterstützt hatte, „humanitäre Interventionen“ oder „Luftkampagnen“ oder für ganz Einfältige „gerechte“ Kriege. Auch der von Israel gewonnene „6-Tage-Krieg“ 1967 nannte man in Deutschland besonders gerne „Blitzkrieg“ – was ein Angriffskrieg war.

Zum „Krieg“ machen sich also die ARD-Wortführer folgende Gedanken:

(…) nach unserem Austausch in der 10:30 Uhr heute noch mal ein Blick auf die Formulierungen in der Berichterstattung über Nahost. Wie bereits gestern geschrieben, müssen wir das von Tag zu Tag anschauen, beispielsweise ob und wie wir das Wort „Krieg“ verwenden. Heute gibt es diese Hinweise und Bitten:

Wir sprechen weiterhin von „Angriff/en aus Gaza auf Israel“ oder „Terrorangriff/e auf Israel“. Es kann aber auch „Krieg gegen Israel“ verwendet werden. (…)

Bitte passt auch auf, wie wir das Wort „Angriff“ genau verwenden: In dieser Situation sind es „Gegenangriffe von Israel auf Gaza“. Es ist verkürzt zu sagen oder schreiben „Angriffe auf Israel und Gaza“.

 

Man will es also unbedingt festklopfen und in die Köpfe der Menschen hämmern: Israel wird angegriffen, Israel ist dem Terror ausgeliefert. Was Israel jetzt (und immer) macht, sind „Gegenangriffe“. Damit soll klargestellt werden, dass sich Israel nur verteidigt, selbst wenn fremdes Land okkupiert und dem Erdboden gleichgemacht wird. Während also Israel nach diesem Sprachgebrauch alles Recht auf seiner Seite hat, muss die Gegenseite möglichst vollkommen „rechtlos“ sein.

Das würde aber in dem Wort von „(militanten) Hamas-Kämpfern“ nicht durchscheinen. Im Gegenteil: Wenn es sich um „Kämpfer“ handelt, dann könnte man auf den Gedanken kommen, dass diese ein Recht haben, zu kämpfen. Die „AG Sprache“ weiß natürlich um dieses (international verbriefte) Recht: Wer in einem besetzten Land lebt, unter Besatzung leidet, der hat ein Recht, sich zu verteidigen, auch bewaffnet. Sie werden also nach UN-Recht als „Kämpfer“ anerkannt und genießen einen Kombattanten-Schutz. Aber genau diesen Gedanken-Gang will die „AG-Sprache“ auf jeden Fall zumauern. Dabei wird sie sehr deutlich und ganz nebenbei verrät sie, wie ihre „Empfehlungen“ gemeint sind:

Hamas-„Kämpfer“ bitte vermeiden!

Wie bereits von der Chefredaktion festgelegt, sollten wir nicht euphemistisch von Hamas„Kämpfern“, sondern von Terroristen schreiben und sprechen. Als Synonyme bieten sich „militante Islamisten“, „militante Palästinenser“. „Terrormiliz“ oder ähnliches an.

 

Wahrscheinlich wird es den ARD-Mitarbeitern gar nicht aufgefallen sein, wenn sie diese „Empfehlungen“ lesen und wie Dienstanweisung devot umsetzen. Was eingangs explizit als freundlicher Service angeboten wird, ist im Kern eine Chefanweisung.

Das ARD-Wording hat eine eindeutige Aussage: Man will aus „Kämpfern“ unbedingt „Terroristen“ machen, und sie damit vogelfrei machen.

Dass „Kämpfer“ auch Terror verüben können (wozu auch die Geiselnahme von Zivilisten gehört), steht dabei außer Frage. Das beweisen viele Armeen auf dieser Welt.

Das ändert jedoch nichts daran, dass ein (bewaffneter) Widerstand gegen eine Besatzungsmacht legitim ist und die Aufrechterhaltung einer Besatzung gegen internationales Recht verstößt.

Dass es keine Mutmaßung ist, wenn ich sage, dass die „AG-Sprache“ gegen ihr eigenes Wissen handelt, beweist ein kleiner Absatz in der „ARD Begriffsdatenbank“, unter der Rubrik „Hamas“ versteckt:

Die UNO spricht nicht von Terroristen, sondern von “bewaffneten Gruppen”. Die Chefsprecherin des UNO-Menschenrechtsbüros, Ravina Shamdasani, sagte am 11.10.23 der Deutschen PresseAgentur in Genf: “Dies ist eine bewusste Wortwahl. Im Zusammenhang mit bewaffneten Konflikten definiert das humanitäre Völkerrecht den Begriff Terrorismus nicht. Wir sprechen deshalb von bewaffneten Gruppen. Bewaffnete Gruppen sind klar definiert, und sie haben die Verpflichtung, das humanitäre Völkerrecht einzuhalten. Die Gewalt zwischen Israel und Gaza passiert im Kontext eines bewaffneten Konflikts und in einer Besatzungssituation. Hamas fällt unter das humanitäre Völkerrecht, weil es als bewaffnete Gruppe Teil des Konflikts ist.”

Platzverweise

Dass öffentlich-rechtliche Anstalten einen „Bildungsauftrag“ haben, also für eine „markt-gerechte“ Wahrnehmung der Welt sorgen sollen, kann man gerade mit Blick auf diese „AG-Sprache“ nicht in Abrede stellen. Ob sie dabei eher Orwell gerecht wird, als dem Prinzip der Aufklärung, darf hier ganz offen bleiben.

Wie man an den kapitalgedeckten Medien sieht, funktioniert diese freiwillige Gleichschaltung. Denn was ich hier der „AG-Sprache“ entgegenhalte, ist keine revolutionäre Zumutung, sondern die Berücksichtigung und Anwendung des UN-Völkerrechts. In dem genannten ARD-Glossar taucht nicht einmal das Wort UN-Recht oder UN-Charta auf.

Aber es gibt eben doch Ausreißer, manchmal sogar prominente Ausreißer. Dazu gehören auch Bundesligaspieler. Eigentlich Lieblinge von vielen Deutschen, wenn sie nur Fußball spielen … und in diesem Fall Tore schießen.

Aber wenn sie sich nicht „marktgerecht“ verhalten, dann hört der Spaß auf. Wie im Fall des Mainzer-Fußballspieler Anwar El Ghazi:

Fußball-Bundesligist FSV Mainz 05 hat den Vertrag mit Profi Anwar El Ghazi nach dessen antiisraelischen Beiträgen in den sozialen Medien beendet. Dem Niederländer sei am Freitag »mit sofortiger Wirkung gekündigt« worden, teilte der Klub am Freitagabend mit. Der Verein reagiere mit dieser Maßnahme auf die Äußerungen und Posts des Spielers in den sozialen Medien, hieß es weiter.

Zuvor war bekannt geworden, dass die Generalstaatsanwaltschaft Koblenz ein Ermittlungsverfahren gegen El Ghazi eingeleitet hatte. Das hatte die Generalstaatsanwaltschaft auf Anfrage des Sport-Informations-Dienstes bestätigt. »Gegen den Beschuldigten besteht nach unserer Bewertung der Anfangsverdacht der Störung des öffentlichen Friedens durch Billigen von Straftaten in Tateinheit mit Volksverhetzung durch Verbreiten eines Inhalts«, teilte die Koblenzer Generalstaatsanwaltschaft mit. (spiegel.de vom 4.11.2023)

Es gehe um „antiisraelische“ Äußerungen, in anderen Medien werden sie als „propalästinensische“ markiert. Meist bekommt man als „Beweis“ nur Halbsätze und ganz viel Ausdeutungen präsentiert. Man muss sich also halbwegs anstrengen, um herauszubekommen, was El Ghazi gesagt bzw. geschrieben hatte. Was bis heute nicht in Gänze vorgelegt wurde, findet sich als Post von Anwar El Ghazi hier:

Haltloser kann diese Hexenjagd nicht sein.

Wessen Existenzrecht wird in Frage gestellt?

El Ghazi hatte Mitte Oktober in einem dann wieder gelöschten Instagram-Beitrag geschrieben: „Vom Fluss bis zum Meer, Palästina wird frei sein.“

Die ZDF-Redaktion will dies so verstehen: „Gemeint ist, dass sich Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer ausdehnen sollte. Damit wird Israel gewissermaßen das Existenzrecht abgesprochen.“ (zdf.de vom 3.11.2023)

Gewissermaßen. Ach ja. Na klar!

Das wissen alle halb- und viertelgare medialen „Staatsanwälte“ in den Medien? Auf die Idee zu kommen, ihn zu fragen, wie er es gemeint hat, kommen die umherschweifenden Selfmade-Richter nicht. Und selbstverständlich reicht der Hinweis auf ein generalstaatliches Ermittlungsverfahren wegen des „Anfangsverdacht der Störung des öffentlichen Friedens durch Billigen von Straftaten in Tateinheit mit Volksverhetzung“.

„Vom Fluss bis zum Meer, Palästina wird frei sein.“ Ich weiß nicht, welche Bedeutung man diesem Spruch geben kann. Ich weiß nur eines: Mit „gewissermaßen“ will man den Angeklagten gar nicht erst fragen, schon gar nicht zu Wort kommen lassen. Man betreibt Selbstjustiz.

Dieselben, die gewissermaßen, also fabulieren, was diese Parole bedeutet, regen sich nicht, wenn es in der israelischen Regierung Koalitionspartner gibt, die Israel in „biblischen“ Grenzen verorten. Dieses „Großisrael“ (Eretz Israel) erstreckt sich „vom Euphrat bis zum Nil“. Das heißt, dass es in diesem Selbstverständnis gar kein Palästina (mehr) gibt.

Was El Ghazi mit dem zitierten Spruch meint, wissen wir nicht. Aber wir wissen sehr genau, was die Netanjahu-Regierung seit Jahren betreibt. Sie kommt Jahr für Jahr diesem religiösen Wahnsinn näher, was in der Siedler-Politik (im Westjordanland) seinen Ausdruck findet. Wenn also jemand ideologisch und mithilfe nackter Gewalt ein Existenzrecht mit Füssen tritt, dann ist das Existenzrecht Palästinas. Und das muss man nicht gedanklich selbstsuggestiv ableiten, sondern anhand der Fakten als evident begreifen.

Anfangsverdacht der Volksverhetzung

Ich habe auch einen Anfangsverdacht, bei dem der Anfang lange, sehr lange zurückliegt. Wenn man in Gaza mit über zwei Millionen Menschen von „Hamas-Terroristen“ spricht, die man „auslöschen“ will, dann erfüllt das nicht den Straftatbestand der Volksverhetzung?

Wenn deutsche Politiker unentwegt eine Regierung unterstützen, die seit Jahrzehnten das Völkerrecht bricht, besetzte Gebiete nicht räumt, sondern ausbaut, also unbelehrbar ist und als Wiederholungstäter in Erscheinung tritt, dann stören doch deutsche Politiker den „öffentlichen Frieden“ in massiver Form? Oder gibt es bereits eine Rechtsprechung A und B?

El Ghazi hat sich nach dem Rausschmiss kurz und knapp geäußert:

„Stehe für das ein, was richtig ist, auch wenn du alleine dastehst“, meinte El Ghazi auf Instagram: „Der Verlust meines Lebensunterhalts ist nichts im Vergleich zu der Hölle, der die Unschuldigen und Schutzbedürftigen im Gaza ausgesetzt wurden.“

Ich habe großen Respekt vor dieser Haltung.

Keine Macht für niemand

Inmitten dieser dystopischen Zeiten, die eigentlich keine Zukunft kennt und hat, sondern nur verschiedene Vergangenheitsformen, ist die Ankündigung der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) ein Lichtstrahl durch vernagelte Fester und Köpfe.

Während viele schweigen und sich in die Schutzbunker der kleinen Lebenswelten zurückziehen, andere darüber streiten, ob eine Karikatur von Partei, das „Bündnis Sahra Wagenknecht – für Vernunft und Gerechtigkeit“ der neue und letzte Parteientypus sein wird, bevor man das Parteiensystem ganz auflöst, will die RLS über neue Formen gesellschaftlicher Teilhabe bzw. Selbstorganisation diskutieren: Über die Idee der Räte und ihre praktische Umsetzung:

„Die Idee der Räte als eine viel demokratischere Form der politischen Partizipation wieder in die Debatte zu bringen, das ist der Hintergedanke der Konferenz,“ sagte Krunoslav Stojaković vom Europareferat der RLS dazu.

Anstatt also zu diskutieren, wie rechts man sein muss, um rechts zu verhindern, verlassen die RLS-Organisatoren dieses Rennen in den Abgrund und werfen wieder eine Utopie in den Raum. Das genau in dieser Zeit zu tun, gebührt großen Respekt.

„Dabei soll der urlinke Ansatz der Räte-Demokratie aber nicht nur in der Theorie im üblichen Panel-Format besprochen, sondern gleich durch ein Rollenspiel in die Praxis umgesetzt werden. ‚Der Donnerstagabend wird der Mittelpunkt der sein‘, so Stojaković. ‚Dafür haben wir mit dem Theaterregisseur Alexander Karschnia zusammengearbeitet, der den Abend unter dem Schlagwort Keine Macht für niemanden oder alle Macht den Räten? kuratiert. (ND vom 07.11.2023)

Kein Schuss, eine Platzpatrone

Doch bevor der Theaterregisseur Alexander Karschnia sein Stück in Szene setzen kann, toppt ihn ein geradezu surrealistisches Theater – ohne Vorhang und Bühne. Zu den vielen Panels rund um die Frage der „Räte“ wurde unter anderen der ehemalige Labor-Chef Jeremy Corbyn eingeladen.

Aber dann grätschte Lena Fuchs, Pressesprecherin für den Veranstaltungsort, die Volksbühne dazwischen:

„Aufgrund der Haltung, die Jeremy Corbyn aktuell zum Nahost-Konflikt vertritt, haben wir entschieden, ihm keine Öffentlichkeit in der Volksbühne zu bieten.“

Jeremy Corbyn lässt in seinen letzten Äußerungen zum Gaza-Palästina-Krieg keine Zweifel daran, dass Kriegsverbrechen Kriegsverbrechen sind, egal, wer sie begeht. Aber genau das ist zu viel in der Kriegsverbrecherszene. Und natürlich darf es in Deutschland „keine Öffentlichkeit“ dazu geben, dass der Staat Israel seit seiner Gründung alle UN-Resolutionen missachtet, die die Aufgabe der besetzten Gebiete fordert – und das im Schutz des Welthegemons und seiner Verbündeten.

Und was sagt die RLS-Kongressleitung dazu:

„Er wird ‚aufgrund der aktuellen Ereignisse im Nahen Osten leider nicht teilnehmen‘, erklärte Krunoslav Stojaković. Die pro-palästinensischen Positionen seien aufgrund des aktuellen Krieges zwischen Israel und Gaza zu einem Problem geworden, wie Stojaković weiter erläuterte.“ (ND, s.o.)

Verwaschener und wachsweicher kann eine Reaktion nicht sein. Abgesehen davon, dass Jeremy Corbyn möglicherweise mehr Zustimmung in Israel erhält, als in Gaza, wäre es doch Aufgabe einer Stiftung, die den Namen Rosa Luxemburg trägt, über eine Antikriegsposition nachzudenken, die den Namen der Stiftung verdient:

„Sieg oder Niederlage kommt unter diesen Umständen (imperiale, reaktionäre Kriegsparteien auf beiden Seiten im Ersten Weltkrieg, d.V.) für die europäische Arbeiterklasse in politischer genau wie in ökonomischer Beziehung auf die hoffnungslose Wahl zwischen zwei Trachten Prügel hinaus. Es ist deshalb nichts als ein verhängnisvoller Wahn, wenn die französischen Sozialisten vermeinen, durch militärische Niederwerfung Deutschlands dem Militarismus oder gar dem Imperialismus aufs Haupt zu schlagen und der friedlichen Demokratie die Bahn in der Welt zu brechen. Der Imperialismus und in seinem Dienste der Militarismus kommen vielmehr bei jedem Siege und bei jeder Niederlage in diesem Kriege vollauf auf ihre Rechnung, ausgenommen den einzigen Fall: wenn das internationale Proletariat durch seine revolutionäre Intervention einen dicken Strich durch jene Rechnung macht.“ („Junius-Broschüre“, 1915)

Stattdessen macht sich die RLS indirekt zur Fürsprecherin der „pro-israelischen“ Seite, die anscheinend kein „Problem“ darstellt.

Alle Macht der Feigheit.

„Später war es zu spät.“ (Erich Kästner)

Ich ordnete ganz lang Erich Kästner als beliebten Kinderbuchautor ein. Da ich aber als Kind keine Kinderbücher las, blieb er mir weitgehend unbekannt. So auch seine berühmten Kinderbücher „Emil und die Detektive“ und „Das doppelte Lottchen“. Dass er auch zu den wenigen gehörte, die über die 1920 und 1930er Jahren nachdachten und sich und seinesgleichen fragte, warum sie damals still und stumm geblieben waren, ist ein großer Verdient.

Er musste dabei zwei hohe Hürden überspringen: Zum einen die Tatsache, dass er zwar Gegner der Nazis war, aber sich völlig ohnmächtig fühlte, dagegen aufzubegehren. Er blieb sitzen, im wahrsten Sinne des Wortes, während alle um ihn herum aufstanden und im Zuge einer Boxveranstaltung Nazilieder brüllten.

Auch als in Berlin, am 10. Mai 1933 in aller Öffentlichkeit Bücher verbrannt wurden, darunter auch seine, tat er nichts, um dies zu verhindern: „Ich war nur passiv geblieben. […] Ich hatte angesichts der Scheiterhaufen nicht aufgeschrien. Ich hatte nicht mit der Faust gedroht. Ich hatte sie nur in der Tasche geballt.“

Er blieb stumm, als viele tausend Menschen als Schaulustige und Claqueure die „Feuersprüche“ bejubelten, bevor dann die Bücher verbrannt wurden:

  • „Gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebensauffassung. Ich übergebe dem Feuer die Schriften von Karl Marx und Kautsky.“
  • „Gegen Dekadenz und moralischen Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe dem Feuer die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner.“
  • „Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkrieges, für Erziehung des Volkes im Geiste der Wehrhaftigkeit! Ich übergebe dem Feuer die Schriften des Erich Maria Remarque.“

Er stahl sich davon.

Die zweite Hürde, die nicht ganz so hoch war wie die 1933, befindet sich im Nachkriegsdeutschland. Schweigt man weiterhin über diese Ohnmacht, die eigene Schmach? Schreibt man darüber, dass man kein Held war, kein Widerstandskämpfer, obwohl man die Nazis hasste? Schreibt man darüber, was man tun kann und muss, um so etwas zu verhindern?

Erich Kästner tat dies – mit einer eindrucksvollen Klarheit, die einen beschämen, berühren muss … sollte. Denn man spürt aus seinen Worten heraus, dass sie für die Gegenwart bestimmt sind, für unsere Gegenwart, mit Blick auf das, was wir nicht tun, was wir tun.

Am 10. Mai 1958 sprach Erich Kästner in einer Gedenkrede in Hamburg bei der Tagung des PEN Deutschland anlässlich des 25. Jahrestages der Bücherverbrennung genau darüber:

„Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf. Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat. Das ist die Lehre, das ist das Fazit dessen, was uns 1933 widerfuhr. Das ist der Schluss, den wir aus unseren Erfahrungen ziehen müssen, und es ist der Schluss meiner Rede. Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen, ehe sie die Macht übernommen haben.”

Wolf Wetzel  14.11.2023

Wege in den Krieg

Quellen und Hinweise:

44 Seiten Sprachregelung der ARD zum Nahostkonflikt – ein unglaublicher Skandal, Albrecht Müller/NDS vom 27. Oktober 2023: https://www.nachdenkseiten.de/?p=105894

RLS-Konferenz: Alle Macht den Räten. Die Konferenz ‚Europa den Räten‘ der Rosa-Luxemburg-Stiftung will Europa radikal neu denken – ohne Jeremy Corbyn: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1177558.eu-wahlen-rls-konferenz-alle-macht-den-raeten.html

Volksbühne lädt den ehemaligen Labour-Chef Jeremy Corbyn aus – der helle Wahnsinn, NDS vom 7. November 2023: https://www.nachdenkseiten.de/?p=106312#more-106312

„Ich verurteile die Gewalt gegen alle Zivilisten“, Jeremy Corbyn 2023: https://jacobin.de/artikel/jeremy-corbyn-ich-verurteile-die-gewalt-gegen-alle-zivilisten

„Jeremy Corbyn wurde vom “Europa der Räte”-Kongress ausgeladen. Dagegen haben Ines Schwerdtner, Raul Zelik und ich ein Statement geschrieben. Ines und Raul werden unsere Kritik in den Kongress tragen, ich aber sage meine Teilnahme aus Protest komplett ab: https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=pfbid0319ss8vKSPpG5fhriRJM8hV4WjynJA5ktwc535XGRVBGV2zLbKhHRhj2uUzGoXmT1l&id=100009892711258&notif_id=1699615344415487&notif_t=feedback_reaction_generic&ref=notif

Über das Verbrennen von Büchern, Erich Kästner, Atrium Verlag AG, Zürich, 2013

Der eliminatorische Nationalismus, Wolf Wetzel, 2023: https://wolfwetzel.de/index.php/2023/10/23/der-eliminatorische-nationalismus/

Die verlorene Unschuld – zum Teufel mit den Opfern. Eine Auseinandersetzung mit linken Positionen zu Israel, Wolf Wetzel, 2001: https://wolfwetzel.de/index.php/2001/04/09/die-verlorene-unschuld-zum-teufel-mit-den-opfern/

 

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