Management der Apokalypse? Eine Replik zu einer Zwischenbilanz der Corona-Krise durch Karl Heinz Roth

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Management der Apokalypse?

Eine Replik zu einer Zwischenbilanz der Corona-Krise durch Karl Heinz Roth

Von Klaus Wernecke, Markus Mohr, Michael Kronawitter

Im Frühjahr dieses Jahr legte der Arzt und Genosse Karl Heinz Roth ein umfangreiches Buch im Antje Kunstmann Verlag zu der Corona-Krise vor. Ausweislich der auf der Verlagswebsite aufgeführten Ausschnitte aus einer Reihe von Besprechungen scheint es allerorten Anklang gefunden zu haben:

„Eine notwendige Pionierarbeit.“ (konkret); Roth, „ist einzigartig qualifiziert, um das fächerübergreifende Spektrum der Pandemie und ihrer Auswirkungen zu betrachten.“ (Süddeutsche Zeitung); „Eine enorme Fleissarbeit und ein überzeugendes Grundlagenwerk“ (B & B – Bücher & Bilder); Roth hat ein „Standardwerk über die Corona-Pandemie geschaffen hat, das enorm zur Versachlichung der gesellschaftlichen Diskussion beitragen kann.” (nd /Neues Deutschland) „Das 500 Seiten starke Buch (…) hat mit Zeitgeist- und Schwurbelprosa nichts zu tun.“ (taz); „Besser kann man Debatten nicht führen.“ (Stadtrevue Köln) (1)

Bei dem letzten Hinweis haken wir gerne ein, wir haben uns selber auch schon umfangreich mit seinem Buch auseinandergesetzt (2) Nun hat sich Roth in einem Interview mit der Jungen Welt eine Art Zwischenbilanz zu der Corona-Krise gezogen. (3) Dazu gibt es von unserer Seite ein paar Anmerkungen zur Sache selbst, die auch die Komposition des Rothschen Buches aus dem Frühjahr berühren.

Dabei schlägt bereits die Überschrift zu diesem im Sound schriftlich geführten Interview einen apokalyptischen Grundton an.

Collage | Wolf Wetzel

Bereits sein Buch eröffnete Roth mit einem Hinweis auf die verheerenden Wirkungen der Pest im Mittelalter und gerade nicht auf das erheblich besser dokumentierte Pandemiegeschehen der Influenza im 20. Jahrhundert: „Hunderttausende Leben hätten gerettet werden können“ wird hier der als „Fachmann“ angesprochene Roth aus dem Gespräch zitiert. Roth führt weiter aus, dass er in Sachen Corona zunächst angenommen habe, dass es sich „um eine mittelschwere Pandemie, vergleichbar mit einer Influenzapandemie“ handele. Doch dann hätten ihm „die ersten Berichte aus China“ deutlich gemacht, „dass sich da etwas wesentlich Schlimmeres anbahnte.“ Roth führt dann als eine Art Zwischenbilanz folgende Zahlen von Corona-Infizierten und Toten an:

„Offiziell sind bis Anfang September knapp 600,4 Millionen Infizierte und rund 6,5 Millionen Todesopfer registriert worden. (….) Weltweit haben sich 2,7 bis 2,8 Milliarden Menschen mit SARS-CoV-2 angesteckt, und 8,3 Millionen sind dem Erreger zum Opfer gefallen. Das sind wohlgemerkt Minimalschätzungen. Die Experten der Weltgesundheitsorganisation rechnen mit zwölf Millionen Pandemieopfern. In einigen Gegenden, beispielsweise den USA, sind schon jetzt weitaus mehr Menschen an Covid-19 gestorben als während der Influenzakatastrophe 1918 bis 1920. In anderen Weltregionen, vor allem Afrika und Ostasien, sind es dagegen erheblich weniger. Im globalen Durchschnitt hat die Coronapandemie schon jetzt mehr Menschenleben gefordert als in allen schweren Influenzapandemien nach der Spanischen Grippe zusammengenommen.“

Wenn man das so zur Kenntnis nimmt entsteht im Kopf der Leserinnen der Eindruck als handele sich bei den mutmaßlich 12 Millionen an der Pandemie Gestorbenen um Tote, die neben allen anderen Todesursachen zusätzlich angefallen sind.  Zweifellos ist jeder Tote zu beklagen, keine Frage. Selbstverständlich ist jede Form von Sozialdarwinismus energisch zurück zu weisen. Allein: Die Tatsache zu erwähnen, dass mit Covid-19 überwiegend Menschen im fortgeschrittenen Alter gestorben sind, deren durchschnittliche Lebenserwartung erreicht bzw. überschritten war, und deren Tod mit einem gut ausgestatteten Gesundheitssystem und rationaler evidenzbasierter Therapie vermeidbar und damit eine Lebensverlängerung möglich gewesen wäre, ist kein Sozialdarwinismus. Das Leben endet immer mit dem Tod, – wenn man von den Träumen mancher Transhumanisten absieht. Hinter seine eigenen Ansprüche fällt Roth allerdings zurück, wenn er kumulative, für das menschliche Vorstellungsvermögen horrende Zahlen von an Covid-19 Infizierten und Verstorbenen präsentiert. Es sind genau diese Zahlen, die zur Erzeugung von Angst eingesetzt wurden und im Prinzip unseriös, ja im Rothschen Sinne unwissenschaftlich sind: Zum einen kann jede Erkrankung, deren Auftreten bzw. Attribution als Todesursache über mehrere Jahre kumuliert wird als Bedrohung inszeniert werden. Zum anderen fehlt hier das ins Verhältnis setzen: zu anderen Jahren, zu anderen Erkrankungen und schließlich zur allgemeinen Sterblichkeit.

In seinem Buch hatte Roth noch eigene Berechnungen zur sogenannten Übersterblichkeit gemacht und beansprucht, dass sie unter den Vorbehalt der fehlenden Altersstandardisierung gelesen werden müssen. Nun bedient er mit der Wiederholung fragwürdiger kumulativer Zahlen in seinem Interview den üblichen viralen Katastrophismus ohne den der Kapitalismus für manche nicht mehr denkbar scheint.

Dabei hätte Roth allen Grund zur Korrektur gehabt: Inzwischen haben bezogen auf Deutschland nicht nur die von Roth geschätzten Wissenschaftler Zahlen vorgelegt (Uni Essen, Bundesamt für Statistik), die keine (Uni Essen) oder nur minimale (Destatis) Abweichungen der erwarteten Sterblichkeit in Deutschland für 2020 zeigten. Die Betrachtung der Übersterblichkeit macht wirklich Sinn. Das wird auch von Roth in seinem Buch konstatiert, da so viele wahrnehmungsbedingte oder interessegeleitete Verzerrungen ausgeschlossen werden können. Anzumerken wäre hier noch, dass mit Verschwinden der hohen Zahl an Corona-Toten im Jahr 2021, das gerne der Impfung zugeschrieben wird, im gleichen Jahr eine erhöhte Übersterblichkeit festgestellt werden kann. Sie tritt interessanterweise nicht, wie im Zusammenhang mit Corona fast ausschließlich bei der Alterskohorte der über 70 bis 80-Jährigen, sondern auch bei jüngeren Jahrgängen auf. Diese objektiven Befunde, die zumindest die Frage erlauben, ob hier mit potentiellen Impfnebenwirkungen und Folgen der auch von Roth kritisierten Maßnahmen ein Zusammenhang bestehen könnten, finden bei Roth keine Erwähnung. Das macht insofern einen beunruhigenden Sinn, weil man damit möglichen Vorwürfen aus dem Weg geht, ein Verschwörungstheoretiker zu sein.

Die Behauptung von Roth, dass bei einem anderen Umgang mit positiv auf Coronaviren getesteten Menschen Hunderttausende Leben hätten gerettet werden können, ist nicht von vorneherein von der Hand zu weisen. Richtigerweise werden von ihm ja auch die Lockdowns als ineffizient und als eine Art Schrotschussmethode beschrieben, „die mit ihren allgemeinen Kontaktbeschränkungen, Ausgangssperren, Grenzschließungen und Reiseverboten ungeheure soziale, politische und wirtschaftliche Schäden“ angerichtet haben.  Aber auch hier verbietet sich der apokalyptische Ton, denn natürlich könnten jedes Jahr, sagen wir, auch tausende von Menschenleben bei einer veränderten Praxis in der bundesdeutschen Straßenverkehrspolitik gerettet werden. Das was als ein „allgemeines Lebensrisiko“ zumutbar ist, bzw. was einem von wem auch immer zugemutet wird, ist politisch immer umstritten. Sowohl in seinem Buch als auch in dem Interview rekurriert Roth auf einen Begriff, der bei ihm unbestimmt bleibt – den der „Basishygiene“. In dem Interview hebt er hier besonders die Situation „im globalen Süden“ hervor, wobei er aber zugleich deutlich macht, dass dort aufgrund von „AIDS, Tuberkulose, Malaria und andere Massenkrankheiten (und), nicht zuletzt wegen der weit verbreiteten Mangelernährung, des unterentwickelten Gesundheitswesens“ Covid-19 „nicht so sehr im Zentrum der Gesundheitskrise wie in den hoch entwickelten Regionen“ gestanden habe. In unserer Besprechung von „Blinde Passagiere“ sind wir auch auf die Problematik des zunächst einmal sympathisch erscheinenden Begriffes eingegangen:

„Sind mit Basishygiene die zweifellos wichtigen Basiswerte wie gute Ernährung, sauberes Trinkwasser, Kanalisation und zweckmäßiger Wohnraum gemeint – die weder von der Melinda-Gatesstiftung noch anderen Philanthropen gefördert werden – oder doch, wie immer wieder (von Roth) angedeutet, Händedesinfektion, Masken und in letztendlicher Konsequenz Abstand, Isolation und Ausnahmezustand? Die wissenschaftlich umstrittene Wirksamkeit letzterer Maßnahmen findet bei Roth keine Erwähnung.“

Auch Überlegungen zu ihrer gesellschaftlichen Reichweite sucht man vergeblich.

Das sind skeptische Anmerkungen. Und der Text des Interviews gibt hier auch keinen weiteren Aufschluss. Ob es denn womöglich sein kann, dass der von Roth eigentümlich diffus verwendete Begriff der „Basishygiene“ mit einem Millimeter Umdrehung in die Praxis einer Staatshygiene weitergedreht werden kann – womit man dann eben doch wieder bei allen – auch von Roth zurecht abgelehnten – Lockdown-Maßnahmen der Pandemie-Eindämmung landet?

In dem Interview in der Jungen Welt äußert Roth zwar zunächst Skepsis in Bezug auf die behördlicherseits eingeschlagene Strategie des Impfens

Impfstoffe kommen „nur zur Wirkung, wenn sie mit den übrigen Komponenten kombiniert werden: Prävention, Infektionshygiene, Mobilisierung und Ausbau des öffentlichen Gesundheitswesens, Entwicklung neuer Medikamente und Optimierung der medizinisch-klinischen Behandlung“ –

was jedoch, so Roth weitgehend unterblieben sei. Zugleich beklagt er frei von allen kritischen Erwägungen auf die Komposition dieser Impfstoffe, dass eben diese „nicht in allen Weltregionen gleichzeitig in einer koordinierten Aktion eingesetzt“ worden seien. Liest man das denn richtig?

In „Blinde Passagiere“ hatte Roth auch die massiven Interessen des pharmaindustriellen Komplexes benannt, Impfungen als Gamechanger im Infektionsgeschehen zu präsentieren, um damit geradezu schwindelerregende Profite zu machen, die eben einer gesundheitlichen Basisgrundversorgung vorgezogen werden.

Nach der Lektüre seiner Zwischenbilanz in diesem Interview stellt sich die Frage, warum er im Jahr 2022 hier nicht nochmal die vorliegenden Daten und Befunde in eine Reevaluation miteinbezieht.  Denn immer mehr Studien zeigten im Laufe des Jahres 2021, dass der versprochene Infektionsschutz durch die Impfung nicht gegeben war. Die gesammelten Daten einer im Jargon der Pharmaforschung als „Anwendungsbeobachtung“ zu bezeichnenden neuartigen Impfung auf Basis einer Gentherapie erfüllten spätestens mit Auftreten neuer Mutanten des Coronavirus nicht mal mehr den Anspruch einer reduzierten Wahrscheinlichkeit von Krankenhausbehandlung oder Tod durch Covid-19. Aber man musste die zahlreichen Studien gar nicht zur Kenntnis nehmen. Eben das kann man an dem Wirken des amtierenden Gesundheitsminister Karl Lauterbach, der seinem Vorgänger Jens Spahn als ausgewiesener Pharmalobbyist alle Ehre macht, ablesen. In einer Presskonferenz von Ende August 2022 zur Einführung des Infektionsschutzgesetzes führt dieser allen Ernstes aus, dass eine weitere Impfung zwar keine Infektion verhindere, aber dennoch hilfreich sei – und zwar aufgrund der Tatsache, dass Geimpfte früher Symptome entwickeln und sich daher früher in Isolation begeben würden. Das könne helfen, Infektionsketten zu unterbrechen.“ (4)

Auch ein Kommentar von Roth zur sogenannten einrichtungsbezogenen Impfpflicht, die bis heute für die Scharen unterbezahlter Pflegekräfte gilt, und die zur Folge hat das Imfpunwillige im Gesundheitssektor mit der Drohung konfrontiert sind, ihre Einkommensquelle und mitunter ihrer Existenz beraubt zu werden, wäre nicht zu viel verlangt gewesen.

Stattdessen werden wir in dem Interview durch Roth mit dem Allgemeinplatz der ungerechten kapitalistischen Welt abgespeist, die durch die Patentregelung die Versorgung der Ärmsten in der Welt verhindere. Daran ist nichts falsch, vor allem dann, wenn es sich um nachweisbar nützliche Medikamente handelt. Bloß die Ausgebeuteten, Angeschissenen und Armen Afrikas hatten trotz autoritärer Kampagnen so gar keine Lust: weder auf patentierte, noch patentfreie Impfstoffe gegen Covid-19.

Die Impfkampagnen in den afrikanischen Ländern waren durchweg erfolglos, weniger wegen profitsichernder Patente, als schlicht wegen mangelnden Interesses in der Bevölkerung an den neuen Impfstoffen. In der Demokratischen Republik Kongo sind gerade einmal 0,1 Prozent der etwa 80 Millionen Einwohner geimpft, im Südsudan sind es keine fünf, in Tansania sechs Prozent. Während rund zwei Drittel der Industrienationen das weltweite Impfziel von 70 Prozent der Bevölkerung erreicht haben, sind auf dem afrikanischen Kontinent insgesamt weniger als 19 Prozent geimpft. (5)

Und trotzdem deuten alle Zahlen darauf hin, dass auf dem afrikanischen Kontinent keine höhere Sterblichkeit aufgrund von Corona-Infektionen zu verzeichnen war und ist, nicht nur im Vergleich zu den Industrieländern, sondern auch im Vergleich zu den Vorjahren innerhalb Afrikas. Denkbar hier, dass das auch mit der Altersstruktur zusammenhängt, die von der in den westlichen Metropolenregionen deutlich abweicht. Jedenfalls blieben die auch von vielen Linken prognostizierteen Coronabedingten Leichenberge gerade bei den Ärmsten Afrikas aus. Davon unberührt bleibt das durch Armut ohnehin unerträgliche Sterben im kapitalistischen Normalzustand.

Folgen können wir Roth dort, wo er sich kritischer als in seinem Buch zu der Initiative „Zero-Covid“ äußert, dessen „völlige Unbedarftheit“ ihn erschreckt habe:

„Sich China und andere ‚harte‘ Lockdown-Regimes zum Vorbild (zu nehmen, und) zu glauben, die Gesellschaft sechs Wochen lahmlegen und dann nach ihrer Freilassung die Verstaatlichung des Gesundheitswesens in Angriff nehmen zu können, ist nicht nur realitätsfremd, sondern auch extrem autoritär und etatistisch.“

Die brutale Wahrheit der mit „Zero-Covid“ verbundenen Praxis zeigte sich in der Region Shanghai nicht zuletzt im Frühjahr 2022, als 26 Millionen Menschen für mehr als 20 Tage ohne Nahrung und Medikamente weggesperrt wurden – mit den entsprechenden gravierenden Konsequenzen für die, die auf eine medizinische Grundversorgung täglich angewiesen sind (6)

Deutlich widersprechen wollen wir Roth da, wo er auf die Frage, ob er einen Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Corona sieht, unter anderem auf bestimmte Fledermausarten verweist, die mit dem Virus koexistieren und das als „Teil eines spezifischen ökologischen Systems“ benennt. An diese Systeme, so zeigt sich Roth überzeugt, „rückt der Mensch infolge kapitalistischer Urbanisierung immer näher heran,“ womit dann auch „das Risiko der fatalen Einbeziehung in diese Kreisläufe“ steige. Ja stimmt diese Aussage so? Zumindest in Europa ist die Tendenz seit vielen Jahrhunderten offenkundig, dass der Mensch doch weiter von der Tierhaltung wegrückt. Der direkte Kontakt zwischen Menschen und (vor allem Haus-)Tieren war jedenfalls in vorindustriellen Zeiten nicht nur in Europa durchaus enger und wurde mit der Industrialisierung und modernem Städtebau immer stärker eingeschränkt. Nicht schön aber leider auch wahr: Auch Wildtiere wurden in vielen Regionen dezimiert oder ausgerottet.

Zwar führt die Massentierhaltung zu perversen Zuständen, die beispielsweise Medikation und umfangreiche Impfprogramme der immungeschwächten Tiere notwendig machen. Ein enger Kontakt zu den Tieren ist in den digitalisierten Fleischfabriken aber aber nicht mit dem gemeinsamen Nachtlager im Stall im Mittelalter zu vergleichen und ist auch nicht später im 19. und 20. Jahrhundert unter einem Dach gegeben. Das minderwertige Fleisch in Klarsichtfolie verpackt und auf dem Teller der Konsumenten gelandet ist in der Regel durchgegart, und damit frei von potentieller Übertragung. Die These, dass mit der industriellen Massentierhaltung und den „in die Wildnis wachsenden Slums“ die Gefahr von Zoonosen fulminant gestiegen sei, gilt bei manchen Linken als gesetzt (7). Dass dieser These auch eine substantielle Antithese gegenübersteht, wird von ihnen ausgeblendet. Zoonosen gehören zur Geschichte und Biologie des Menschen. „Mit seiner uns so falsch erscheinenden Aussage reaktualisiert Roth eine Tendenz, die es bereits in seinem Buch gibt: Er tendiert dazu, die gemeinsame evolutionäre Entwicklung von Viren und Menschen zu negieren, deren Immunsysteme jahrtausendelang in größter Eintracht und teilweiser Symbiose, mit einigen immer wiederkehrenden Schwächephasen koexistierten, ohne dass Ausrottungstendenzen zu erkennen wären.“

Bedauerlicherweise findet die nicht unplausible Hypothese, dass Covid-19 auch ein Ergebnis fahrlässiger Forschung mit dem Ziel von Veränderung von Viren zu hochpathogenen Erregern sein könnte, in dem Text des Interviews keinen Eingang. Obwohl diejenigen Wissenschaftler, die dies These von Anfang an für die wahrscheinlichere Entstehungsgeschichte hielten, aufgrund der bekannten Fakten inzwischen rehabilitiert sind, gilt in der Linken die Erwähnung weiterhin als verdächtig. Die Umschiffung dieser Thematik verstärkt allerdings die Gefahr, eine hochgefährliche (Herrschafts-) Technik weiterhin unter dem Deckmantel der Biodefense, also dem angeblichen Schutz der Menschheit, dem militärisch-pharmindustirellen Komplex ungestört zu überlassen. Selbst im aktuellen Krieg in der Ukraine gibt die USA offen zu, dort zahlreiche Biolabore betrieben zu haben, wahrscheinlich zur Verteidigung des freien Westens vor slawischen Viren.

Die Ambivalenz bzw. Ausklammerung zwingender Schlüsse aus den von Roth konstatierten Befunden in seinem Buch ist problematisch. Roth`s Buch lässt sich auch als Projektionsfläche für krude zurechtgebogene Weltuntergangsphantasien, eingebaut in kritische und psychoanalytische Theorie, verwenden. Als exemplarisch dafür kann eine aktuelle Besprechung des Buches von Roth gelesen werden. Voller Verve im Zoonosenwahn und CO2-Narkose sieht beispielsweise Ulrich Krug in seiner Rezension von „Blinde Passagiere“ seine Weltsicht und Welterklärung bestätigt, um dabei gleichzeitig jeden linken Widerspruch gegen die herrschende Impfideologie als narzistische Kränkung abzuqualifizieren. Und so kann Krug dann – obwohl im Widerspruch zur Maßnahmenkritik von Roth – in seiner begeisterten Rezension fordern:

„Der viel gefürchtete Maßnahmenstaat erweist sich wieder einmal als unwillig, geeignete Maßnahmen zu ergreifen; von verpflichtenden Impfungen kaum eine Spur, dafür umso weniger Testpflichten.“ (8)

Was stimmt da nicht? Fehlt im Werk von Roth möglicherweise eine unmissverständliche Herrschaftskritik am Viruswahn, eine deutlichere Kritik linker Affirmation einer totalitären Hygiene – und Präventionspolitik?

Karl Heinz Roth täte gut daran, nicht nur als medizinischer Fachmann, sondern gerade als soziologischer Fachmann und als linker gesellschaftlicher Veränderungsfachman – umgangssprachlich wird das hier und dort immer noch mit dem Begriff: „Revolutionär“ benannt – dem von Drosten und einer Reihe von Linken postulierten „pandemischen Imperativ“ zu widersprechen. (9) Dass dem Paradigma der Infektion eine so große Bedeutung für das Verhalten eingeräumt wurde und wird, dass es alles dominiert, verdient genauerer Analyse. Andere Dimensionen von Beziehungen, die wir zu Menschen haben (ökonomische, soziale, libidinöse, Macht-, Abhängigkeits- und Interdependenzbeziehungen), spielen in diesem Blickwinkel keine Rolle mehr und verstellen den Blick auf das, was ein schönes Leben abseits kapitalistischer Vergesellschaftung ausmachen könnte. (10) Die Vorstellung seine Kinder, seine Geliebte selbst im Falle einer tödlichen Infektion nicht mehr zu berühren, Körperkontakte zu unterbinden und statt im Angesicht des Todes die Hand zu halten, körperliche Beziehung (Lust und Liebe) dem Diktat eines sterilen verpackten Hygieneregimes zu überlassen, ist gruselig. Sie war jedoch in den hochindustrialisierten Ländern bittere Realität.
Warum muss Roth die durchaus hinterfragbaren Prognosen von Apokalypse durch die nächste drohenden Pandemie und Klimaveränderungen fast schon mantrahaft wiederholen?
Eine aktualisierte weniger apodiktisch auf Naturkatastrophen rekurrierende Kritik des in sich auf erweiterter Stufenleiter in barbarischere Formen transformierenden Kapitalismus, käme auch ohne Zoonosenwahn und CO2-Narkose aus. Ein selbstkritischer Schlussgedanke zur Linken im Interview versöhnt allerdings wieder, wenn er uns auch in der Depression zurücklässt: „Unsere Generation ist gescheitert. Vielleicht werden die ins aktive Leben eintretenden Generationen aus unseren Fehlern lernen.“

Klaus Wernecke, Markus Mohr, Michael Kronawitter

Oktober 2022

 

(1)      Karl Heinz Roth – Blinde Passagiere. Die Corona-Krise und Ihre Folgen, München 2022, URL: https://www.kunstmann.de/buch/karl_heinz_roth-blinde_passagiere-9783956144844/t-0/

(2) Klaus Wernecke, Markus Mohr, Michael Kronawitter. Blinde Passagiere – Blinde Öffentlichkeit? Eine Buchbesprechung zu Karl Heinz Roth’s neuem Buch, auf: wolfwetzel.de vom 26.3.2022, URL: https://wolfwetzel.de/index.php/2022/03/26/blinde-passagiere-blinde-oeffentlichkeit-eine-buchbesprechung-zu-karl-heinz-roths-neuem-buch/

(3) Klaus Gietinger (Interview mit) Karl-Heinz Roth: »Hunderttausende Leben hätten gerettet werden können« / Über die Fehler im Kampf gegen die Coronapandemie und das Zusammenspiel von Virus und Kapitalismus, in: Junge Welt vom 15.10.2022, (Beilage S. 1 / 2) URL: https://www.jungewelt.de/artikel/436730.medizingeschichte-hunderttausende-leben-h%C3%A4tten-gerettet-werden-k%C3%B6nnen.html

(4) Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, (Statement auf der Bundespressekonferenz zum Infektionsschutzgesetz vom 24.8.2022, ab Min:38:45ff), URL: https://www.youtube.com/watch?v=e2b2f5zeKRI

(5) Bernd Dörries, Corona / Afrikas tragische Impfmüdigkeit / Lange fehlte auf dem afrikanischen Kontinent der Impfstoff, jetzt verfällt er. Corona hat den Schrecken verloren. Das ist gefährlich für alle auf der Welt, auf. SZ.de vom 2.5.2022, URL: https://www.sueddeutsche.de/politik/afrika-corona-impfstoffe-1.5574246

(6) Vgl. Georg Fahrion, Christoph Giesen, Die Wut der Gefangenen / Der rabiate Corona-Lockdown ruiniert die Wirtschaftsmetropole Shanghai. Infizierte werden in Lager gesperrt, viele Einwohner hungern, in: SPIEGEL N. 17 vom 23.4.2022 S. 84Ff; Jens Berger: China: der große Sprung zurück, auf: nachdenkseiten vom 27.4.2002, URL: https://www.nachdenkseiten.de/?p=83299

(7) Vgl. Mike Davis, Vogelgrippe / Zur gesellschaftlichen Produktion von Epidemien, Berlin / Hamburg 2005, URL: https://www.assoziation-a.de/buch/Vogelgrippe

(8) Uli Krug, Gar nichts im Griff / Karl Heinz Roths Studie »Blinde Passagiere« zeichnet die Covid-19-Pandemie detailliert nach – als Konsequenz der kapitalen Globalisierung und des austeritären Staats, in: Jungle World Nr. 41 vom 13.10.2022, URL: https://jungle.world/artikel/2022/41/gar-nichts-im-griff

(9) O.N., Was ist der pandemische Imperativ? Bedeutung, Definition, Erklärung, auf: www.bedeutungonline.de vom 8.11.2020, URL: https://www.bedeutungonline.de/was-ist-der-pandemische-imperativ-bedeutung-definition-erklaerung/#:~:text=Der%20Virologe%20Christian%20Drosten%20formuliert%20den%20pandemischen%20Imperativ,getestet%2C%20und%20Dein%20Gegen%C3%BCber%20geh%C3%B6rt%20einer%20Risikogruppe%20an.%E2%80%9D

(10) Vgl. Bernadette Grubner, Viruslust: Sozialität, Triebökonomie und Herrschaft in der Pandemie, in Freie Assoziation – Zeitschrift für psychoanalytische Sozialpsychologie, 1/2021, S. 49–68, URL: https://www.psychosozial-verlag.de/catalog/product_info.php/products_id/21383

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Ein Kommentar

  1. Herausragendes Charakteristikum von Menschen gegenüber allen anderen Erdgeschöpfen ist: Lügen. In einer Studie wurde festgestellt, dass von Menschen sozialisierte Affen das Lügen lernen. Das geht schnell, sie sind ja Verwandte unserer Vorfahren.

    Selbstverständlich hat der prinzipiell lügende Mensch seine Hauptgabe zuerst perfektioniert. Für Sprach-Interessierte: Jede Phonemkonglomeration, die ein Mensch von sich gibt, kennzeichnet mindestens 3 Lügenebenen (sich selbst gegenüber, anderen gegenüber und aus Prinzip).

    Wenn das Wort „Impfung“ auf die Verabreichung einer biochemischen Mischung verwendet wird, deren Ausgangsbasis auf eine Geschichte von 3 Jahrzehnten fehlgeschlagener Forschung blickt und die von einer ehemaligen Mitarbeiterin eines Herstellers, die nun für die Zulassungsstelle arbeitet, nur als „bedingt zugelassen“ gekennzeichnet wird (Verrat an ihrem ehemaligen Arbeitgeber?), dann sollte zumindest Obacht geboten sein. Die es in unserer heutigen Gesellschaft offensichtlich nicht mehr gibt.

    Es gibt ein Märchen, das heißt „Des Kaisers neue Kleider“. Märchen sind für Kinder, deshalb wird das abgetan. Stattdessen treten die EU-Ratspräsidentin und der schlandsche Bundespräsident nackt vor Kameras des öffentlichen Rundfunks und zeigen der infantilisierten Bürgerschar so etwas Ähnliches wie ein Gemächt. Und der Kinderschutz schreitet nicht ein, sind ja Erwachsene, die das applaudieren. Soviel zur moralischen Verfasstheit unserer Republik.

    Wenn ich als Pazifist gegen Soldatentum bin, heißt das nicht, das ich etwas gegen Soldatinnen und Soldaten hätte. Auch irregeleitete Menschen brauchen Hilfe und Schutz, z. B. Schutz vor einer „Impfpflicht“ genannten widernatürlichen Maßgabe einer durchgeknallten Regierung. Bezogen auf Pflegekräfte kann ich nur meiner Hoffnung Ausdruck verleihen, das sämtliche Leute, die sich an deren Quälerei schuldig gemacht haben, eines Tages genau auf diese angewiesen sein werden (der Tag wird unweigerlich kommen, Naturgesetz).

    1975 saß ich in London in der oberen Etage eines Doppeldeckers. Ein Mann (zerschlissene Kleidung, dem Anschein nach betrunken, die Hosen nass) setzte sich und plötzlich rannten alle weg, weil von ihm ein scharfer, ätzender Geruch ausging. Ich blieb – solidarisch – sitzen. Ja, es war unangenehm. Mein Freund rief mir zu: „Komm da weg!“ Habe ich nicht gemacht, ich blieb da. Und fragte mich, wie es sein konnte, das dieser kaum bewegungsfähige Mann sich dort platzieren konnte. Darauf fand ich keine Antwort, der Mann selbst konnte meine Fragen nicht beantworten. Da ich heute hier noch schreiben kann, bin ich damals wohl nicht von irgendetwas Üblem infiziert worden. Und auf die Frage, weshalb (angeblich?) Linke, Transparenz und Aufklärung zurückweisen und stattdessen „herrschenden Narrativen“, also kapitalistischer Propaganda folgen, habe ich auch keine Antwort gefunden. Nur die Vermutung, dass das satte und saturierte Leute sind, Kapitalisten-knechte halt.

    Selbst im sogenannten Mittelalter, in Pest-, Cholera- und Leprazeiten, gab es Menschen, die auf andere Menschen zugegangen sind. Und in der heutigen Zeit gibt es Menschen, die sich sogar weigern, ihren Eltern und Großeltern in ihrem Sterben beizustehen. Weil das nicht konform mit der herrschenden Propaganda wäre. Weil sie als unangepasst betrachtet werden könnten, von den Propagandisten.

    Welche Epoche haben wir gerade? In der Feigheit, Verlogenheit und Heimtücke vorherrschend sind? Das Zeitalter der Solidarität vielleicht? Oder Biedermeier 2.0? Militarisierte Gartenzwerge?
    Zur Erinnerung: 1933 hieß es „Tausendjähriges Reich“. Also müssen wir nur noch 911 Jahre durchstehen. Moment mal: 9-11? Oh, oh.

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