Blinde Passagiere – Blinde Öffentlichkeit? Eine Buchbesprechung zu Karl Heinz Roth’s neuem Buch

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Blinde Passagiere| Karl Heinz Roth

Eine Buchbesprechung  von Klaus Wernecke, Markus Mohr, Michael Kronawitter.

Auch die Bevölkerung in der Bundesrepublik ist seit zwei Jahren mit den gravierenden Folgen von massiven staatlichen Eingriffen in viele Bereiche der Gesellschaft konfrontiert. Begründet werden die Maßnahmen mit dem Infektionsschutz und der Vermeidung einer Überlastung des Gesundheitssystems aufgrund eines neu identifizierten Coronavirus. Nun hat der Arzt und professionelle Historiker Karl Heinz Roth mit dem Buch “Blinde Passagiere” eine umfassende Darstellung zur “Coronakrise und die Folgen” vorgelegt.

 Kunstmann Verlag: Blinde Passagiere ...

 

 

 

 

Seine Darstellung und Analyse wurden im April 2020 begonnen und wesentlich im Mai 2021 abgeschlossen (überarbeitet bis Juli des Jahres). Geschrieben „aus einer globalen Perspektive“, versucht Roth „das vor unseren Augen ablaufende Pandemiegeschehen zum Gegenstand einer zeitgeschichtlichen Analyse zu machen, in die alle wesentlichen Aspekte integriert sind.“ (10)

 

 

 

Die Pandemie von 2020/21 sei ein „lange vorausgesagtes Ereignis“. (20) Sein „Menetekel“ waren die Pandemien Sars (2002/03) und Mers (ab 2012). Im März 2019 kam eine chinesische Forschergruppe „zum Ergebnis, dass eine weitere Pandemie vom Sars-Typ bevorstehe, und dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit von China ausgehen werde.“ Die dichte Besiedlung im Süden und Osten des Landes, eine enge Koexistenz mit speziellen Wildtieren (Fledermäusen) und die traditionelle Esskultur zählten für sie zu den fördernden Faktoren. Die Biologen forderten „eindringlich den Aufbau eines Frühwarnsystems, damit der nächste Ausbruch schon in der Entstehungsphase unterdrückt werden konnte. Eindreiviertel Jahr später sollte sich diese wissenschaftlich fundierte Warnung bitter bewahrheiten.“ (36)

Roth problematisiert aber auch die durch Kaptitalinteressen beförderte Fokusierung auf Impfstoffe und die Übertreibung der Pandemiegefahr:

Die in den 1950er und 1960er Jahren im Globalen Süden mühselig aufgebauten Fundamente des Public Health begannen zu erodieren und zu zerfallen, weil sie zugunsten der vielfältigen Impfkampagnen vernachlässigt wurden. Aber auch die neuen Sonderberater des Generaldirektors aus den Forschungsabteilungen der Pharmaindustrie leisteten sich manchen Fehltritt. Um beispielsweise ihre neu entwickelten Vakzine gegen die Vogel- und Schweinegrippe (Saison 2005 und 2009) weltweit zu etablieren, suggerierten sie gewaltige Pandemiegefahren, die stark übertrieben waren” (53)

Roth dokumentiert weitere, zum Teil noch frühere fachwissenschaftliche Warnungen vor möglichen, kommenden Sars-Epidemien. Sie hätten nur völlig unzureichende praktische Folgen in der staatlichen Prophylaxe-Planung.

Seit den 1980er Jahren war weltweit ein folgenreicher Rückbau des öffentlichen Gesundheitswesens zu beobachten.“ (83)

Die beschleunigte Entwicklung wirtschaftsliberaler Optionen lieferten die Initialzündung zu einer stärker kapitalgesteuerten Gesundheitspolitik. Auch das begünstigte das Wirken von „Philanthropen“ vom Schlage des Microsoft-Mitgründers Bill Gates. Er hatte sich 2008 aus dem operativen Geschäft zurückgezogen und über die von ihm und Melinda Gates gegründete Bill & Melinda Gates Foundation  in vielfältiger Weise im Gesundheitswesen engagiert. So erklärte Bill Gates im März 2015 bei einem Medienauftritt im kanadischen Vancouver, die Menschheit sei nicht mehr durch Atomkrieg bedroht, sondern in wachsendem Maße den Risiken verheerender Viruspandemien ausgesetzt, die im schlimmsten Fall 30 Millionen Todesopfer fordern könnten. Roth hier: „Während er dieses Worst-Case-Szenario präsentierte, wechselte der Power Point -Spot vom Atompilz zu einem überdimensional vergrößerten Corona-Virus.“ (42)

Wer auf den (wachsenden) Einfluss von Großstiftern und Pharma-Firmen auf die internationale Gesundheits-Politik verweist, ist schnell mit dem Vorwurf der  Verschwörungstheorie konfrontiert. Solche Anwürfe sind offenkundig Ablenkungsmanöver. Sie vernebeln die auch hier bestehenden Verflechtungen von ökonomischer und politischer Macht. Von dem ehemaligen sozialdemokratischen Bundestagsabgeordneten und Gesundheitspolitiker Wolfgang Wodarg ist das schon 2015 instruktiv beschrieben worden. (FN 1)  Auch von Roth wird das belegt und erklärt. Die Centers for Disease Control (CDC) waren als eine Zentralbehörde der US-Gesundheitspolitik 1946 gegründet worden und galten jahrzehntelang als das „Flaggschiff des öffentlichen Gesundheitswesens der USA.” Und weiter führt Roth aus:

Ihre Abteilungen zur Kontrolle der Influenza und zur Aufdeckung neuer viraler Infektionskrankheiten hatten auch international eine herausragende Rolle gespielt; in enger Zusammenarbeit mit der WHO [World Health Organisation] hatte sie sich an der Ausrottung der Pocken beteiligt … Inzwischen waren aber die CDC nur noch ein Schatten ihrer selbst. Aufgrund ihrer chronischen Unterfinanzierung waren sie zu einem Spielball konservativer Investoren geworden, die missliebige Forschungsprojekte wie etwa eine Studie über die Zusammenhänge zwischen privatem Waffenbesitz und häuslicher Gewalt zu Fall brachten und die laufenden Projekte an das Profil der neuen Großstiftungen anpassten. Darüber hinaus hatte die Bush-Administration den internationalen Aktionsradius – so etwa das epidemiologische Frühwarnsystem – beschnitten und ihren Einfluss auf die Gesundheitspolitik der USA durch Deregulierungsmaßnahmen geschwächt. … Stattdessen machten größere und kleinere Thinktanks im Umfeld der Washingtoner Politikberatung das Rennen.“ (75 f)

Privat geführte Großstiftungen „philanthropischer“ Unternehmer und Manager der Pharmaindustrie mischten sich zunehmend in die Planspiele zur Pandemiebekämpfung ein. „Dabei brachten sie ihre Interessen nachhaltig zur Geltung … dadurch entstand eine groteske Schieflage: Die Bevorratung weitgehend wirkungsloser Medikamente und die Kapazitätssicherung für unsichere Impfstoffe gingen mit der Ausklammerung aller Vorsorgemaßnahmen für die allgemeine Infektionshygiene einher.“ Eine Kampagne zur „Kostendämpfung“ und die damit verbundene weitere „Ökonomisierung“ des Gesundheitswesens führte zwar, so Roth, einerseits zu „Effizienzsteigerungen und Qualitätsverbesserungen“, andererseits „zum teilweise drastischen Abbau von Kapazitäten.“ So wurden „systematisch durchdachte Vorkehrungen für epidemiologische Ausnahmesituationen zu Makulatur.“ (83 f)

Starke Defizite gäbe es auch bei der Entwicklung und Beschaffung von Testkapazitäten zur gentechnischen Diagnostik (PCR-Tests). „Die Tests blieben in den meisten Ländern auf Patienten mit erheblichen Krankheitssymptomen und hospitalisierte Schwerkranke beschränkt. Dadurch wurde die entscheidende Chance verspielt, eine Pandemie, bei der vier von fünf Infizierten symptomlos blieben oder kaum behandlungsbedürftig erkrankten, in ihrer Ausbreitungsphase einzudämmen.“ (240) Als sich ein Fiasko der Pandemiebegrenzung abzeichnete, meldeten sich Biomathematiker zu Wort. „Sie verstanden zwar in der Regel nichts von Infektionshygiene und der medizinischen Basisversorgung der Bevölkerung im Epidemiefall, aber sie beherrschten das Feld der komplexen Differentialgleichungen und Modellrechnungen.“ (241) Man könnte hinzufügen: Bescheiden bis kaum vorhanden sind ihre Kenntnisse in Sozialökonomie. Ein zentrales Defizit vieler ihrer Prognosen war jedoch die mangelnde Qualität und Quantität der zugrunde gelegten Parameter. So erwartete eine britische Arbeitsgruppe für den Fall einer unkontrollierten Virusausbreitung in Großbritannien 510.000 und in den USA zwei Millionen Tote. Auch eine andere weniger exzessive britische Vorhersage war „immer noch erschreckend“. Roth: „Kassandra spricht“. (240 ff; s. a. 358) In einer so Roth „weitgehenden Unkenntnis des tatsächlichen Pandemieverlaufs, was durch die falschen Gewissheiten der biomathematischen Modellrechnungen noch verschlimmert wurde“ (253) führten diese und andere ab Mitte März 2020 publizierten Worst-Case-Szenarien zum „Großen Lockdown“, der durch viele Regierungen verfügt wurde: Mit der Folge der drastischen Einschränkung von Freiheits- und Bewegungsrechten der Bevölkerung. Mit weitreichenden Ausgangssperren wurde das öffentliche und kulturelle Leben eingefroren, als nicht systemrelevant erklärte Gewerbebetriebe geschlossen. Roth urteilt: „Dieser pauschale Rundumschlag genoss zeitweilig die Weihen eines Allheilmittels. Die Fehler und Versäumnisse der vergangenen Wochen blieben undiskutiert.“ (293)  Die Macht der Exekutiven wuchs dramatisch, von den Parlamenten war kaum noch etwas zu hören. In der Öffentlichkeit dominierten die „Befürworter eines kompromisslosen Einfrierens des öffentlichen und privaten Lebens … Auch die Medien unterstützten diese Strategie fast uneingeschränkt, teilweise forderten ihre Akteure noch weiterreichende Maßnahmen.“ (252) Doch die Hardliner mussten nach einigen Monaten erste Rückzieher machen.

Die von einer Reihe von Regierungen, oft mit ideologischer Unterstützung massenmedialer Komplizen, verhängten Lockdowns interpretiert Roth als ein letztlich überflüssiges Mittel: Sie seien epidemiologisch zu wenig wirksam und mit üblen sozialökonomischen Folgen verbunden. Zur Legitimation ihrer autoritären Politik fabrizierten deren Akteure ein Bild von Worst-Case-Szenarien. Roth dokumentiert eine Reihe von maßlosen Überzeichnungen drohender Corona-Gefahren., national wie international. Aus seiner Sicht beförderten die administrativ verfügten und kontrollierten Kontakt- und Mobilitätsbeschränkungen „autoritäre Tendenzen und setzten elementare Grundrechte außer Kraft.“ Dazu passt eine weitere Feststellung:

„Die epidemiologisch und gesundheitswissenschaftlichen versierten Lockdown-Kritiker erhielten zu den Krisenstäben keinen Zutritt.“ (299)

Im Unterschied zum Aufenthalt in geschlossenen und zudem schlecht belüfteten Räumen sieht Roth den Aufenthalt im Freien als weitgehend gefahrlos an. Die in einigen Ländern mit Polizeigewalt durchgesetzte Internierung in geschlossenen Räumen hält er für eher Infektionsfördernd. (303)

Roth referiert die Ergebnisse mehrerer empirischer Untersuchungen zur Wirksamkeit von „Lockdowns“. Von den biomathematischen Modellrechnungen unterschieden sie sich erheblich. Eine Studie des US-Amerikanischen National Bureau of Economic Research zeigte: Die Entwicklung der pandemiebedingten Sterblichkeit verlief in den untersuchten 25 US-Bundesstaaten und 23 weiteren Ländern ähnlich, „und zwar unabhängig davon, ob während der ersten Pandemiewelle ‚harte‘, ‚weiche‘ oder überhaupt keine Lockdown-Maßnahmen ergriffen worden waren.“ Hier lag eine Göttinger Arbeitsgruppe – sowie zunächst auch das Robert-Koch-Institut – daneben: es hatte sich – entgegen ihrer ersten Behauptung – „kein Zusammenhang zwischen der Infektionsdynamik und den behördlichen Restriktionen nachweisen lassen.“ (306 f)

Doch der Ruf nach noch mehr Härte von oben blieb zunächst in der öffentlichen politischen Diskussion stärker. Es meldeten sich, so Roth, „auch Spezialisten mit Tunnelblick, die die Welt nur noch aus der Perspektive der von ihnen erforschten Mikroben wahrnehmen.“ (321) Es kam bei wieder steigenden Infektionszahlen im Herbst 2020 zu einem weltweiten „Schisma der bio- und medizinwissenschaftlichen Community“. Anfang Oktober 2020 veröffentlichte eine Gruppe von Medizinwissenschaftlern eine Erklärung (Great Barrington Declaration), in der sie „auf die gravierenden Nebenwirkungen der Lockdowns hinwies und ein Alternativkonzept vorschlug, das auf den gezielten Schutz der besonders Gefährdeten setze, während die übrige Bevölkerung unter Beachtung der Basishygiene zu ihrem Alltagsleben zurückkehren sollte.“ Dagegen folgte im Dezember 2020 ein Aufruf von 300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, der zu einer rigorosen Eindämmung der Virusausbreitung aufforderte. Die auch in Fernseh-Talk-Shows präsente deutsche Bio-Physikerin Viola Priesemann hatte ihn mit ins Leben gerufen. „Damit war ein unverhohlener wissenschaftlicher Führungsanspruch verbunden: Der Politik sollte eine ‚vision to guide the managment oft he pandemic‘ vorgegeben werden“, um die Infektionszahlen auf einem niedrigen Niveau zu halten. (322 f) „Die Zustimmung war enorm … Auch Expertinnen und Experten des sozialistischen Spektrums sprangen auf den Zug auf und erweiterten den Appell mit Forderungen nach einer Einbeziehung der Wirtschaft“.  (323) In beiden Lagern des „Schismas“ waren, so Roth, Exponenten des Big Business, der Finanzwelt und der Großstiftungen vertreten.

Sein erstes Fazit: Zentrale Faktoren der Gesundheitspolitik prägten den Verlauf der Pandemie national wie international: Das „weitgehend renditeorientierte Gesundheitssystem  der USA“, dazu die „weit fortgeschrittene Abhängigkeit der WHO von freiwilligen Geldgebern und projektorientierten Großstiftungen“, die „Majorisierung der nationalen Pandemiepläne durch die Pharmaindustrie“ sowie „die Ausgrenzung der überwiegenden Mehrheit der Unterklassen des globalen Südens aus den Strukturen des Public Health.“ (326; s. a. 327)

Im letzten Teil seiner Abhandlung thematisiert Roth die psychosozialen und die weiteren gesellschaftlichen und damit verflochtenen politischen Folgen der Coronakrise.

Die „Maßnahmen“ der Exekutiven wurden gegen Ende des Jahres 2020 wieder repressiver. Um die Bevölkerung fügsam und folgsam zu machen, wurde bewusst eine kollektive Grundangst verbreitet, die „Medienakteure begierig aufgriffen und omnipräsent machten.“ (351). Roth verweist hier auf  ein bekanntgewordenes internes Papier des Bundesinnenministeriums, in dem unter anderem eine härtere Kommunikationsstrategie verlangt wurde. Gefahren seien stärker zu betonen, sonst drohe Anarchie.“ Zu den „angstverstärkenden und depressionsauslösenden Maßnahmen“ gehörte „die Entscheidung der Gesundheitsbehörden, ihre Unfähigkeit zur gezielten Infektionsvorbeugung durch die Isolierung der Bewohner der Alten- und Pflegeheime kompensieren zu wollen.“ (353) Zur Erklärung der „Angst“-Welle bemüht Roth auch die durch Gerüchte angeheizte „Grande Peur“ auf dem Lande am Vorabend der Französischen Revolution und deren „Reaktionsmuster“. Doch die waren geprägt durch langjährige Erfahrungen mit einer spätfeudalen Obrigkeit. Oder betrachtet Roth die Machtverhältnisse in der gesundheitskapitalistischen Welt gar als spätfeudal? Inwieweit es zu einer Refeudalisierung der modernen Welt durch die Politik der Großkonzerne kommt, wäre einmal eine gründlichere Überlegung wert.

Mit einer „angeblich alternativlosen Zwangslage“ rechtfertigten Regierungen weltweit „die Aushebelung elementarer Grund- und Menschenrechte. Thomas Hobbes´ ‚Leviathan‘ war wiedergekehrt und überformte die politischen Systeme in all ihren Varianten.“ (394) Dabei spielte in einigen süd- und ostasiatischen Ländern der Einsatz von Big Data-Systemen eine zentrale Rolle. Eine nähere Betrachtung zeigt nationale Unterschiede bei der staatsrechtlichen Begründung autoritärer Repression. Eine Reihe von Regierungen griff auf Notstandsrechte zurück, die in ihren nationalen Verfassungen stehen. Die BRD hätte auf die seit 1968 in ihrer Verfassung vorhandene Notstandsklausel zurückgreifen können. Doch das wäre historisch allzu belastet gewesen. „Stattdessen wählte sie einen weniger spektakulären Weg durch die seuchenhygienische Hintertür. Zunächst schuf sie Fakten und bereitete ein erstes Maßnahmenpaket zur Pandemiebekämpfung vor. Wenige Tage später beschaffte sie sich dafür eine nachträgliche parlamentarische Zustimmung“. Die „Selbstentmachtung des Parlaments öffnete der Exekutive Tür und Tor.“ Bis April 2021 folgten drei weitere Gesetzesnovellen mit Präzisierungen und Verschärfungen der im Gesetz festgeschriebenen „seuchenhygienischen Generalvollmacht“ der Bundesregierung. (394 ff)

Die von größeren Teilen der Bevölkerungen zunächst hingenommene Preisgabe von Grundrechten beruhte, so betont Roth, „auf einer falschen Prämisse, nämlich der Suggestion einer alternativlosen allgemeinen Eindämmungsstrategie – über Alternativen wurde nicht gesprochen.“ (399) Diese „Suggestion“ wurde auch durch eine staatstragende Haltung vieler Medien entwickelt, ja häufiger wird der Staat hier noch angespornt, mehr Härte bei der Durchsetzung repressiver Maßnahmen zu zeigen.  Exemplarisch dafür der Anfang Februar 2021 veröffentlichte Beitrag des Schriftstellers Thomas Brussig in der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel: „Mehr Diktatur wagen“. Hier heißt es u. a.:

„Wie mit dem Coronavirus umzugehen ist, ist Behau der Wissenschaft und nur der Wissenschaft. … ‚Mehr Diktatur wagen!‘ wäre das Gebot der Stunde. … Die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen ergibt sich aus der Frage nach ihrer Wirksamkeit. … Die Demokratie sollte ihre Rituale und Umständlichkeiten nicht so wichtig nehmen. Corona … hat einen Lernprozess ausgelöst“. (SZ 9.2.2021)

Dieser unverhohlene, wörtliche Aufruf zu einer – wenn auch zeitlich begrenzten – Diktatur an prominenter Stelle eines gutbürgerlich-liberalen Blattes nähert sich einem Diktum von Carl Schmitt: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“ (Zur Aktualität von Carl Schmitt s. a. Roth 403) – Kann man eine bestellte Diktatur auf Knopfdruck wieder abbestellen?

Politische Opposition gegen die staatliche Corona-Politik.

Öffentliche Kritik an repressiven Maßnahmen der Exekutiven und „dem über die Zivilgesellschaft hereingebrochenen Ausnahmezustand“ kam von „linken Intellektuellen“ in Frankreich, Italien und „verhaltener“ in Deutschland.  Hier nennt Roth den Juristen und Journalisten Heribert Prantl und den Juristen Norman Paech. Sie kritisierten die Aushöhlung des Grundgesetzes auch durch eine Selbstentmachtung des Parlamentes. Der Sozialwissenschaftler Joachim Hirsch sah eine Verstärkung der schon länger bestehenden Tendenz zur Formierung eines autoritären Sicherheitsstaates. (401)

Das waren „jedoch nur Einzelstimmen. Eine deutliche Mehrheit votierte unter der Parole ‚Zero Covid‘ für eine mit Solidaritätsfloskeln bemäntelte Verschärfung der autoritären Maßnahmen.“ (402) (FN 2)

Für Roth macht „ein Blick auf die sozialen Triebkräfte der ‚Querdenken‘-Bewegung … deutlich, dass der Übergang des repräsentativ-demokratischen Systems zum Ausnahmezustand der Lockdowns tatsächlich eine politische Legitimationskrise ausgelöst hat. Die herausragenden Exponenten der überwiegend digital operierenden ‚Querdenken‘-Netzwerke entstammen überwiegend den Funktionseliten; diese Dissidenten sind als Ärzte, Rechtsanwälte, Kulturschaffende, Publizisten und mittelständische Unternehmer tätig. Sie sind mehrheitlich überzeugt, dass die Dynamik der Pandemie den Übergang zum autoritären Krisenregime nicht rechtfertige, ohne präzise Alternativen aufzeigen zu können.“ (401) Eine pauschale Etikettierung dieser Kritiker der Corona-Politik als rechtsradikal teilt er nicht.

Die wachsende soziale Ungleichheit im Angesicht der Pandemie ist Roth ein zentrales Thema: „Weltweit vergrößerte sich der Anteil der informellen, prekären und unterbezahlten Beschäftigten auf zwei Drittel.“ (387). Ein Kampf gegen Tarif-Einschränkungen bis hin zur Demontage sozialer Standards gelang in der Pandemie-Krise eher in Branchen mit nennenswerter gewerkschaftlicher Organisierung. Wieweit sich Basis-Aktivisten der DGB-Gewerkschaften zu Handlangern einer scharfen Coronapolitik der Regierung machten, bleibt fraglich. Die Gruppe Gewerkschaftslinke Hamburg zum Beispiel kritisierte in ihrer großen Mehrheit die pauschale Diffamierung der Demonstrationen gegen die Regierungspolitik als „irrational“ oder gar „rechts“.  (FN 3)

Auf die inzwischen ausgefranste Diskussion über legitime und illegitime Proteste gegen die aktuelle Corona-Politik kann Roth nur noch am Rande eingehen (399 ff). Sein Buch hatte ja, wie oben erwähnt, im Mai, mit Nachschlag im Juli 2021 Redaktionsschluss. Dazu zählt aktuell die Frage nach einem Impfzwang in der BRD, per Gesetz – für wen, ab wann und wie lange? Wie weit und wie tief reicht die Stärkung nationalistischer Tendenzen? Roth sieht sie – zum Beispiel – selbst bei chinesischen Dissidenten. (400)

Zur Eigendynamik, zur internationalen Verbreitung wie zu den machtpolitischen und zeitlichen Grenzen eines weltweiten Corona-Autoritarismus muss man wohl auf künftige kritische Historiker vertrauen. Hier schon bestehende Trends zu registrieren und zu analysieren könnte auch eine Aufgabe für Roth in einem Folgeband sein. Im Jetzt und Heute legt er einen aktuellen wie fundamentalen ersten Beitrag zur globalen Reisegeschichte der „Blinden Passagiere“ vor. Die Hauptstränge der interpretierenden Erzählung sind:

  1. Die neoliberale Wende der globalen Gesundheitspolitik, verstärkt und dirigiert auch durch Pharmakonzerne und die Geldgeber aus Großstiftungen, verhinderte vorbeugende effiziente Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung, die möglich gewesen wären. Sie wurden sogar von einigen Wissenschaftlern gefordert.
  2. Der Mangel an Prophylaxe hatte tödliche Folgen in den ersten Wellen der Pandemie.
  3. Die harten Lockdowns bis hin zu Ausgangssperren waren eine unnötige Schikane der Bevölkerung weil zu wenig wirksam.
  4. Nachhaltiger wären in den Phasen 2 und 3 Organisation und Praxis einer umfassenden Basishygiene gewesen.

Schlussdiskussion

Zu Beginn seiner Abhandlung führt Roth die Erfahrungen mit der Pest aus dem weit zurück liegenden Mittelalter ein. Dabei starben in Mitteleuropa fast 30% der Bevölkerung.  Zu fragen ist hier, ob die Einführung der natürlich schlecht dokumentierten Pest für die die vorhandene Thematik eigentlich zielführend ist – es sei denn man beabsichtigt schon zu Beginn einen tatsächlich apokalyptischen Ton der Untersuchung zu setzen – was Roth doch erkennbar nicht will, wie aus seinen weiteren Darlegungen hervorgeht. Hier wäre es vielleicht besser angezeigt gewesen sich neben der Spanischen Grippe auch auf die nach dem zweiten Weltkrieg vorhandenen Grippewellen zu konzentrieren. Sie sind besser dokumentiert als die Pest und sie haben sich in Gesellschaftstypen ausgebreitet, die erheblich näher zur Situation der Gegenwart  liegen

Hier schreibt der Verfasser teilweise die Erkenntnisse aus Lehrbüchern der Medizin und Medizingeschichte der letzten Jahrzehnte zusammen und erzählt sie im Subsound etwas großväterlich im Sinne unhinterfragbarer Wahrheiten widerspruchsfrei dem Publikum. Leider werden hier von Roth historisch wichtige wissenschaftliche Kontroversen zu Fragen nach Isolation, Quarantäne und weiteren Maßnahmen, die eng mit Kontrolle und Herrschaft verbunden sind und auch medizinhistorisch interessant wären, weg gelassen.

So steht es für Roth in seiner Darstellung “außer Frage (….) dass es sich bei Covid-19 um eine schwere Pandemie handelt, (die) selbst die effizientesten Gesundheitssysteme massiven Belastungsproben” aussetzt.  (216) Zumindest wäre dann hier der doch eigentlich irritierende Befund zu diskutieren gewesen, ob es in der Bundesrepublik schon im März 2018 eine Pandemie gegeben hat. Denn zu dem Zeitpunkt  der damaligen Influenzawelle sind insgesamt etwa so viele Menschen gestorben, wie zum Höhepunkt der COVID-19 Welle im Dezember 2020. Bekanntlich gab es während der Influenza-Welle 2017/18  nicht eine einzige Gegen-Maßnahme, allerdings kam es zu einer kurzzeitigen massiven Überlastung des Gesundheitssystems (wie immer wieder in der kälteren Jahreszeit). Mehrfach belegt ist inzwischen, dass im Jahr 2020 keine stärkere Überlastung (relativ zu den anderen Jahren)  des Gesundheitswesen inklusive der Intensivstationen stattgefunden hat. Allerdings gab es jede Menge Formen von krimineller Bereicherung von Kliniken an den verschiedenen Prämienmodellen und sogar vermehrt Kurzarbeit und zusätzlich Klinikschließungen.

In Bezug auf die von Roth selbst nachgerechnete Übersterblichkeit in Deutschland, stellt er die von ihm als „bedrückend“ beschriebenen Ergebnisse seiner Berechnungen selbst unter den Vorbehalt der  fehlenden Altersstandardisierung. Inzwischen wurden in fachwissenschaftlichen Publikationen  unter Einbeziehung eben dieser Alterstandardisierung (Zunahme des Anteils der älteren Bervölkerung und Lebenserwartung) nachgewiesen, dass der Befund der Übersterblichkeit nicht zutreffend ist, und damit ein fundamentaler Baustein der Begründung für einschneidende Massnahmen fehlt. (FN 4)

Manchmal zeigt sich in ein paar Rohtschen Darlegungen eine fragwürdige Fortschrittsgläubigkeit ein. Da wo er schreibt:

“Weitaus größere Aufmerksamkeit haben indessen einige Impfstoffe gefunden, bei denen nicht mehr die Eiweißpartikel selbst, sondern die für ihre Kopie in der menschlichen Zelle erforderlichen Genabschnitte injiziert werden. Sie führen in den infizierten Zellen eine starke Expression des als Antigen wirkenden Virus-Proteins herbei und stimulieren eine nachhaltige Immunantwort. Dieses Verfahren wurde in den letzten Jahrzehnten im Rahmen der gentechnischen Krebstherapie entwickelt und gilt heute als sicher und etabliert.” (184)

Wie bitte? Die Einführung von  mRNA-Impfstoffen soll heute als sicher und etabliert gelten?  Zumindest aus der Sicht  des Vorstandes der Bayer AG von Stefan Oelrich stellte sich das auf einer Konferenz zu Beginn des November 2021 als erheblich weniger etabliert dar:  “Wenn wir sie vor zwei Jahren öffentlich angeboten hätten, wären sie bereit gewesen, sich eine GEN- oder ZELLTHERAPIE in ihren Körper injizieren zu lassen? Wir hätten wahrscheinlich eine Ablehnungsquote von 95 Prozent”. (FN 6)

Nicht überzeugend ist der Abschnitt in dem Roth die aktuelle Frage nach dem Ursprung des Virus abarbeitet. Zwischenzeitlich ist ja ein Teil der e-mail- Kommunikation, der eng mit der industriellen und staatlichen Förderung verquickten ForscherInnen bekannt geworden. Roth greift zwar in seiner Darstellung  die Laborunfall-These von Wuhan auf, indem er schreibt, dass „das neuartige Virus in einem Forschungslabor synthetisiert worden und anschließend daraus entwichen sei.“ Und eben dieses „mit der Annahme verknüpft (werde), der Laborunfall sei ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt der Biowaffenforschung.“ Roth hält diese Annahme für „unwahrscheinlich“ und untermauert seine Einschätzung mit der Aussage: „Es wurde inzwischen wissenschaftlich überprüft”, um dann noch hinter her zuschieben: „Gleichwohl halte ich eine derart enge Fragestellung für nicht zielführend“ (160) Das irritiert dann doch, ist es denn wie Roth meint “wissenschaftlich überprüft” oder eher nicht, oder ist das im Grunde egal? Jedenfalls genügt Roth für seinen “wissenschaftlich überprüft”- Befund gerade mal eine einzige Quelle, in der auf einen Aufsatz des US-Virologen Kristian G. Andersen verweist (457) Nach dem redaktionellen Abschluss  von Blinde Passagiere” ist bekannt geworden, dass eben dieser Virologe welcher in der Fachzeitschrift „Nature Medicine“ die Laborthese zur „Verschwörungstheorie“ erklärt hatte, „noch am Tag vor seiner Teilnahme an besagter Telefonkonferenz in einer E-Mail an Anthony Fauci geschrieben hätte, >er und zwei seiner späteren Mitautoren (Edward Holmes und Robert Garry) seien sich einig, dass das Virus nicht natürlich entstanden sei, sondern aus einem Labor entwichen sein dürfte<“. (FN 5)

In einer ausführlichen Besprechung seines Buches wird Roth von Max Henninger gewissermaßen eine Verharmlosung der Problematik vorgeworfen.  Indirekt unterschiebt er der Darstellung von Roth eine „Synonymisierung von „endemisch“ und „harmlos“ der er – wie er formuliert – „aufs Schärfste“ widerspricht. Die Darstellung komme „an manchen Stellen den auf eine möglichst minimale Beschränkung des Wirtschaftslebens abzielenden Beschwichtigungsdiskursen entgegen.“ Eine Reihe seiner Aussagen  enthielten die „unglückliche Wirkung, vorschnellen Optimismus” zu schüren, doch „zu Sorglosigkeit“ gäbe es angesichts der Long-Covid-Problematik keinen Anlass, die von Roth verbreiteten Einschätzungen seien „durch den Verlauf der Omikron-Welle widerlegt.“ (FN 7)

Die Abhandlung von Roth eine Symphonie aus dem Geist der Verharmlosung? Natürlich ist in Rechnung zu stellen, dass Prognosen immer schwer zu machen sind, gerade wenn sie sich auf die Zukunft beziehen. Allerdings scheinen der konkrete Verlauf und die konkreten Wirkungen der von Henninger in düsteren Farben gemalten  Omnikron-Welle seine eigenen Befürchtungen zu widerlegen. Aber seine an Roth in der Empirie verfehlt geübte Kritik verweist auf eine Problematik, mit der alle konfrontiert sind, die sich mit den Potentialen von Krise, Krankheit, Tod und Teufel auseinandersetzen. Es ist immer auch eine politische Frage, wann denn genau der Zeitpunkt gekommen ist, die Katastrophe zu proklamieren und den Notstand auszurufen. Ist erst mal die Katastrophe erklärt, wird in der Regel von denen sorgfältig darauf geachtet, dass niemand außer ihnen selbst am Lichtschalter steht, um es an oder auszuschalten. Und in eben dieser politisch interessiert hergestellten Dunkelheit realisieren sich private Interessen, die eine bei Licht geführte öffentliche Diskussion scheuen wie der Teufel das Weihwasser.

Die historische Darstellung von Roth konzentriert sich sich wesentlich auf einen Abriss zum “schwarzen Tod” und der apokalyptischen Bedrohung der Menschheit. Die eben auch gemeinsame evolutionäre Entwicklung von Viren und Menschen, deren Immunsystem eine jahrtausendelange Koexistenz in größter Eintracht und teilweise Symbiose, mit einigen immer wiederkehrenden Schwächephasen, keinesfalls aber Ausrottungstendenzen erkennen lässt, findet keinen Eingang in seine großen Überblicksüberlegungen. Durch diesen Zugriff wird eine Alternativlosigkeit im Umgang mit dem Virus befördert. Auch so richtet Roth seinen Fokus weg von den Implikationen kapitalistischer Herrschaft, die von einem Teil der Wissenschaft schon immer im Sinne einer Bevölkerungskontrolle (Isolation, Bewegungeinschränkung) unterstützend beantwortet wurde, hin zu eine kleinteiligen “Hygienekritik”, die dann aber im Detail im Nebulösen bleibt. Sind mit Basishygiene die zweifellos wichtigen Basiswerte wie gute Ernährung, sauberes Trinkwasser, Kanalisation und zweckmäßiger Wohnraum gemeint  – die weder von der Melinda-Gatesstiftung noch anderen Philanthropen gefördert werden – oder doch, wie immer wieder angedeutet, Händedesinfektion, Masken und in letztendlicher Konsequenz Abstand, Isolation und Ausnahmezustand? Die wissenschaftlich umstrittene Wirksamkeit letzterer Maßnahmen findet bei Roth keine Erwähnung.  Auch wenn Roth dazu rhetorisch auf Distanz geht, dass sich in der Diskussion zu der Anti-Corona-Maßnahmen neben “besonnenen Fachleute des öffentlichen Gesundheitswesens”  immer  “auch Spezialisten mit Tunnelblick (ins Spiel einbrachten), die die Welt nur noch aus der Perspektive der von ihnen erforschten Mikroben wahrnehmen“ (321), so macht er sich doch deren Blick auf die Mikroben  – zumindest was eine der wichtigen Grundannahmen zur apokalyptischen Gefahr durch Viren betrifft – in seinem Buch überwiegend zu eigen. Völlig unzureichend beleuchtet er die massive Ausgrenzung und Diffamierung von “besonnenen Fachleute des öffentlichen Gesundheitswesens, Epidemiologen und Kliniker, aber auch Spezialisten” die von Anfang an eher einen Fehlalarm vermuteten, der nicht zum erstenmal durch Profitinteressen der Pharmaindustrie, durch übertriebene Angst vor Viren und zwanghafte Kontrollbedürfnisse getriggert sein könnte. Diese Gruppe erfuhr nicht nur die gesellschaftliche Diffamierung als “rechts” und unsolidarisch beispiellose Ausgrenzung, sondern wurde mit Strafanzeigen, Hausdurchsuchungen und andere Formen staatlichen und ökonomischer Sanktionen überzogen. Die Zensurmaßnahmen gegen alternative Sichtweisen, die im digitalen Zeitalter vor allem durch die Tech-Giganten vollzogen wurden, erinnern an eine orwellsche Dystopie. Warum Roth, der in der eigenen Biographie als sehr erfahren bezeichnet werden kann, hier eine so große Leerstelle lässt, ist schwer nachvollziehbar

Gleichwohl: Es ist der Darstellung von Roth hoch anzurechnen, dass sie sich in instruktiver Weise um eine Kontextualisierung der Corona-Pandemie bemüht, damit falsche Dramatisierungen des Pandemieegeschehens meidet, und so auch zu einer Rationalisierung der Diskussion beiträgt. Damit hat Roth zu der Corona-Problematik in der Perspektive für ein sozialistisches Gesundheitssystem einen außerordentlich ernst zu nehmenden Beitrag vorgelegt. Auch dadurch transzendiert er den auf den Straßen zwischen zehntausenden von Demonstrantinnen ausgetragenen Tanz um den Leviathan.

März 2022

Karl Heinz Roth Blinde Passagiere / Die Coronakrise und die Folgen, Kunstmann München 2022 502 S, 30 Euro

 

(FN 1) Wolfgang Wodarg, Falscher Alarm: Die Schweinegrippe-Pandemie, in: Mikkel Borch-Jacobsen (Hrsg) Big Pharma / Wie profitgierige Unternhmen unsere Gesundheit aufs Spiel setzen, München 2015, S. 310 – 331  (veröffentlicht im Netz unter: Pandemie als Geschäftsidee) URL: https://www.wissenschaftsladen-dortmund.de/wp-content/uploads/2020/04/2020-03-25-Wodarg-Die-Schweinegrippe.pdf

(FN 2) Als ein Beispiel für einen Ruf von „links“ nach noch autoritärerer Staatsführung präsentierte sich, so der Rezensent, der Aufruf einer „ZeroCovid“-Initiative vom Januar 2021.  Auch von „Linken“ unterschrieben und via Internet zum Anschluss beworben: „Das Ziel darf nicht in 200, 50 oder 25 Neuinfektionen bestehen – es muss Null sein. …Wir setzen uns dafür ein, dass die Sars-CoV-2-Infektionen sofort so weit verringert werden, dass jede einzelne Ansteckung wieder nachvollziehbar ist. …Darum fordern wir diese unerlässlichen gesellschaftlichen Maßnahmen:

  1. Gemeinsam runter auf Null: Das erste Ziel ist, die Ansteckungen auf Null zu reduzieren. Um einen Ping-Pong-Effekt zwischen den Ländern und Regionen zu vermeiden, muss in allen europäischen Ländern schnell und gleichzeitig gehandelt werden. Wenn dieses Ziel erreicht ist, können in einem zweiten Schritt die Einschränkungen vorsichtig gelockert werden. Die niedrigen Fallzahlen müssen mit einer Kontrollstrategie stabil gehalten und lokale Ausbrüche sofort energisch eingedämmt werden. …Um dieses Ziel zu erreichen, brauchen wir eine solidarische Pause von einigen Wochen. Shutdown heißt: Wir schränken unsere direkten Kontakte auf ein Minimum ein – und zwar auch am Arbeitsplatz! … Wir müssen die gesellschaftlich nicht dringend erforderlichen Bereiche der Wirtschaft für eine kurze Zeit stilllegen. Fabriken, Büros, Betriebe, Baustellen, Schulen müssen geschlossen und die Arbeitspflicht ausgesetzt werden. Diese Pause muss so lange dauern, bis die oben genannten Ziele erreicht sind.“

Dieser Appell richtete sich nicht abstrakt an eine zu schaffende ideale Weltregierung, sondern mit konkreten Forderungen („fordern wir“) an die in Europa aktuell bestehenden Häupter der Exekutiven im Allgemeinen und an die Regierung Merkel im Besonderen. Eine vorgeblich entschiedene Linke bettelt beim Staat, seine Macht zur pandemischen Flurbereinigung einzusetzen. „Es muss Null sein“ und „jede einzelne Ansteckung wieder nachvollziehbar“, „Die niedrigen Fallzahlen müssen mit einer Kontrollstrategie stabil gehalten werden.“ Eine schwarze Utopie.

Welche Folgen hätte ein völliger Stillstand der Wirtschaft, von Produktion, Handel und Transport für die Bevölkerung im Allgemeinen und die abhängig Beschäftigten im Besonderen? Für die medizinische Versorgung? Auch aktuell für’s Impfen? Wie lange soll der komplette Lockdown real dauern („einige Wochen“, „so lange dauern, bis die oben genannten Ziele erreicht sind“ – vielleicht Monate oder doch Jahre?) und vor allem: mit welchen Gewalt-Mitteln flächendeckend durchgesetzt und kontrolliert? Dazu nichts Näheres.

(FN 3) Gruppe Hamburger GewerkschafterInnen, Offener Brief an alle KollegInnen und GenossInnen, die am 15.1. in Hamburg an der vom Hamburger Bündnis gegen Rechts organisierten Demo teilgenommen haben!, Hamburg vom 14. Januar 2022,  URL: https://gewerkschaftslinke.hamburg/2022/01/14/offener-brief/

(FN 4) Schon im Februar 2021 errechnete das Team um den Statistikprofessor Göran Kauermann an der LMU (München), dass 2020 keine Übersterblichkeit im Vergleich zu den Jahren 2016-2019 festzustellen war., siehe: Elke Bodderas, „Dann wäre klar gewesen, was wirklich in Deutschland geschieht“ (Interview mit Göran Kauermann), in: WELT vom 19.2.2021, URL: https://www.welt.de/politik/deutschland/plus225323039/Uebersterblichkeit-Dann-waere-klar-gewesen-was-wirklich-geschieht.html

In den regelmäßigen update der Forschungsgruppe Kauermann (CODAG) ist ersichtlich, dass es regionale zeitlich begrenzte Übersterblickeit 2020 gab, die aber ähnlich in den Vorjahren, vor allem in der kalten Jahreszeit, messbar war, siehe: LMU Covid-19 Data Analysis Group, URL: https://www.covid19.statistik.uni-muenchen.de/newsletter/index.html

In einer weiteren Publikation im Oktober 2021 beschäftigen sich unter anderem Wissenschaftler an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg Essen (UDE) mit der Frage der Übersterblichkeit. Sie hatten die Zahl der Sterbefälle der Jahre 2016 bis 2020 in Deutschland, Spanien und Schweden analysiert. Im Ergebnis konnten sie zeigen, dass es in Deutschland im Jahr 2020 trotz Covid-19 eine Untersterblichkeit und keine Übersterblichkeit gab, siehe: Kowall B, Standl F, Oesterling F, Brune B, Brinkmann M, Dudda M, et al. (2021) Excess mortality due to Covid-19? A comparison of total mortality in 2020 with total mortality in 2016 to 2019 in Germany, Sweden and Spain. PLoS ONE 16(8): e0255540. vom 3.5.2021, URL: https://doi.org/10.1371/journal.pone.0255540

Populärwissenschaftlich wurde dazu berichtet unter anderen: JeS/af, Trotz Covid-19: 2020 keine Übersterblichkeit in Deutschland, auf: mdr wissen vom 22.10.2022, URL: https://www.mdr.de/wissen/in-deutschland-keine-uebersterblichkeit-durch-covid-100.html

O.N., Demografischer Wandel / Untersterblichkeit in Deutschland trotz Covid-19-Pandemie / Laut einer neuen Berechnung von Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Essen gab es in Deutschland im Jahr 2020 trotz der Covid-19-Pandemie eine Untersterblichkeit und keine Übersterblichkeit, auf: Forschung und Wissen vom 28.10.2021, URL: https://www.forschung-und-wissen.de/nachrichten/medizin/untersterblichkeit-in-deutschland-trotz-covid-19-pandemie-13375462

(FN 5) Marcel Gyr, Ursprung der Pandemie: «Der Begriff ‹Verschwörungstheorie› wurde nicht von den Medien in die Welt gesetzt, sondern von Wissenschaftern – sie führten die ganze Welt in die Irre» / Ist Sars-CoV-2 aus einem Labor in Wuhan entwichen? Verschiedene E-Mails, die kürzlich in den USA offengelegt wurden, werfen ein neues Licht auf die Debatte um den Ursprung der Pandemie. Der Hamburger Physikprofessor Roland Wiesendanger ist überzeugt, dass das Rätsel mit der Freigabe von zwei weiteren Dokumenten gelöst werden könnte, in: Neue Zürcher Zeitung vom 3.2.2022, URL: https://www.nzz.ch/feuilleton/kommt-das-virus-aus-einem-labor-in-wuhan-dem-raetsel-auf-der-spur-ld.1666314

(FN 6) Zitiert nach: Henning Rosenbusch, (Twitter-Accout vom 4.11.2021) URL: https://twitter.com/rosenbusch_/status/1456319266245038089

(FN 7) Max Henninger, (Besprechnung zu K.H. Roth, Blinde Passagiere) auf: Sozial.Geschichte Online vom 8.2.2022, Nr. 31 / 2022, URL: https://sozialgeschichte-online.org/2022/02/08/rezension-karl-heinz-roth-blinde-passagiere/

 

 

 

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