Freestyle in Profiling – Einzeltäterschulung

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Freestyle in Profiling

by Dr. Snow

 

Gutachten zum Fall Stephan Ernst in der Mordsache Lübcke

Stephan hatte eine Kindheit ohne besondere Vorkommnisse. Dann kam die Wende und mit ihr die Volksparteien-Parole der 1990er Jahre „Das Boot ist voll“. Der Jugendliche Stephan verstand und wollte ein Flüchtlingsheim mit einer Rohrbombe in die Luft jagen. Dafür bekam er sechs Jahre Knast, die er gut nutzte.

 

Ernst suchte nach noch mehr Orientierung und schrieb im Knast den ehemaligen SA-Obersturmführer Herbert Böhme sowie den ehemaligen SS-Sturmbannführer Arthur Ehrhardt an, die zusammen die neofaschistische Zeitschrift „Nation und Europa“ herausgaben.

SS-Sturmbannführer Arthur Ehrhardt verstand sich im „Dritten Reich“ als Experte für den bewaffneten Untergrundkampf und arbeitete bis zum Zusammenbruch an einem Konzept des Partisanenkriegs gegen die Rote Armee. Sehr viel Zeit verbrachten sie zusammen, dieses Konzept an die Neuzeit anzupassen. Stephan Ernst zeigte rundum, was in ihm steckt und entwickelte eine sehr gute Sozialprognose.

Das hat wesentlich dazu beigetragen, dass sich der labile Charakter von Stephan Ernst extrem gut stabilisiert hat. Das wurde belohnt. Stephan Ernst wurde vorzeitig entlassen.

Als richtiger Neonazi machte er sich in den folgenden Jahren einen Namen. Unter anderem reiste er 2009 mit Kameraden nach Dortmund und beteiligte sich an Angriffen auf eine 1. Mai-Demonstration des DGB.

Danach wurde er Familienvater und lebte ein unauffälliges Leben.

2015 besuchte er als besorgter Bürger und Familienvater eine Veranstaltung, auf der unter anderem der CDU-Regierungspräsident Walter Lübcke den BesucherInnen erklärte, warum man Flüchtlinge aufnehme und warum dies mit christlichen Werten vereinbar sei. Dieses Ereignis ist schuld an einer Reaktivierung seine nazistischen Sub-Ichs.

Als er wieder zuhause war, war er abermals ein unauffälliger Familienvater. Das war und blieb er die folgenden Jahre.

Vier Jahre später, um genau zu sein, in der Nacht zum 2. Juni 2019 erinnerte er sich an diese Veranstaltung mit besagtem Regierungspräsidenten, als wäre es gestern gewesen. Man kann also durchaus von einer Retraumatisierung sprechen.

Es kam zu einer extrem spontanen Radikalisierung, einem extrem selten auftretenden SR-Syndroms, das in umgekehrter Weise mit dem Syndrom einer spontanen Entradikalisierung, kurz SE-Syndrom (in der Populärliteratur auch Eisenach-Syndrom genannt) korrespondiert.

Spontan fand er eine Waffe, die sich in einem Waffendepot befand, das er vor Jahren bereits auf dem Gelände seines Arbeitgebers angelegt hatte. Er entschied sich spontan für eine Kurzwaffe mit Kaliber 38 und fuhr los. Er wusste genau, wo der Regierungspräsident wohnt. So gegen 0.30 Uhr erschoss er Walter Lübcke auf seiner Terrasse.

Als dringend tatverdächtig verhält sich Stephan Ernst sehr lageangepasst. Es gelingt ihm ausgezeichnet, sich mit den aktuellen (Haft-)Umständen zu arrangieren. Er legt ein Geständnis ab, das in hohem Maße glaubwürdig ist, da es sich mit den Ermittlungsergebnissen deckt. Er bekräftigt, ganz alleine gehandelt zu haben und niemanden in seinen Plan eingeweiht zu haben.

Stephan Ernst hat ein großes Potenzial an Mitmach-Qualitäten. Man kann ihm ähnlich herausragende Resozialisierungsaussichten bescheinigen wie bei seinem ersten Haftaufenthalt.

KarlsRuhe, den 28. Juni 2019                                       Dr. Snow

P.S.

Tatsächlich hat ein Gutachter im Fall der Todesumstände in Eisanach 2011, als die beiden NSU-Mitglieder tot in ihrem Campingwagen gefunden wurden und ein Selbstmord begründet werden soll, den beiden NSU-Mitgliedern post mortem eine “spontane Deradikalisierung” bescheinigt: So sollte plausibel gemacht werden, dass die zwei Neonazis, bis an die Zähne bewaffnet, beim Anblick eines Streifenwagens zu dem Schluss gekommen seien, sich selbst umzubringen – ohne dabei zu vergessen, zwischendurch den Campingwagen anzustecken.

Mehr über die Ermittlungen im Fall Eisenach und dem dort verübten “einvernehmlichen Selbstmord”:

Selbstmord – was sonst oder: eine Patronenhülse zuviel

oder

Das unwahrscheinliche Ende des NSU | NachDenkSeiten vom 17. November 2016

Wolf Wetzel

1. Juli 2019

3 Kommentare

  1. Wirklichkeit übertrumpft jede Fiktion um Längen. Ein Anwalt könnte einen Jugendkumpel haben, der für ein großes deutsches Magazin schreibt. Und der wiederum könnte einen Bruder haben, der gerichtspsychiatrischer Gutachter ist. Gibt’s nicht??? Wenn’s um das Heil von Staat, Sozialdemokratie und Kapital geht, dann gibt’s nur eines: TOYOTA.

  2. guter artikel. aber ziemlich polemisch. etwas mehr sachlichkeit würde gut tun.
    und ein recht überflüssiger recherche-fehler: stepahn ernst hatte im knast die zeitschrift nation und europa abonniert und deren redaktion angeschrieben. er hat sich mitnichten direkt an die beiden erwähnten herausgeber der zeitschrift gewandt. beide sind 1971 verstorben. hätte man mit einem einfachen blick in den wikipedia eintrag von nation und europa checken können.
    grüße, der kampf geht weiter!
    hasta la victoria siempre!

    1. Hallo Karl,
      eine Satire macht eigentlich nur Sinn, wenn sie polemisch ist. Ich glaube, ich schreibe genug sachliche Texte. Wenn es daran läge…
      Und zur Satire gehört auch, dass die beiden SS-Männer “wiederauferstehen”, also gar nicht tot sind. Auch das darf man als Metapher verstehen. Hasta la victoria — ich befürchte, wir sind meilenweit davon entfernt.

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