V-Mann packt aus: 10 Jahre Freunde bespitzelt

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V-Mann packt aus: 10 Jahre Freunde bespitzelt

Der V-Mann mit Deckname „Kirberg“ war von 1990–1999 Spitzel in autonomen und später in antifaschistischen Zusammenhängen. Das machte er für den Inlandgeheimdienst in Nordrhein-Westfalen (VS). Er wurde nie aufgedeckt und konnte fast zehn Jahre lang –fast am selben Ort – ein „Doppelleben“ führen.

V-Mann „Kirberg“ war kein ‚normaler‘ V-Mann. Diese werden in der Regel zur Zusammenarbeit mit dem VS oder der Polizei –meist unter Zuhilfenahme von anhängigen Strafverfahren – genötigt oder schlicht erpresst.

Die andere Variante eines Spitzels ist ein eingeschleuster Polizeibeamter, also ein verdeckter Ermittler.

Beides trifft auf Johannes Pietsch nicht zu. Er hat sich über die Unverschämtheit von Autonomen aufgeregt, die in Wuppertal ein Haus besetzt hatten und damit auch sein Leben durcheinander brachten.

Ein Kontakt zur Polizei, mit dem Ziel, dem Treiben ein Ende zu bereiten, brachte ihn auf die „rechte Bahn“. Leicht großkotzig und ahnungslos bot er der Polizei an, sich in dem besetzten Haus umzuschauen.

Auf diesen jungen „Aktiv-Bürger“ machte die Polizei den Verfassungsschutz/VS aufmerksam. Der VS kam auf Johannes Pietsch zu und bot ihm an, sich dort weiterhin umzuschauen. Das ehrte und schmeichelte Johannes Pietsch und dabei verdiente er auch ganz ordentlich. Im Durchschnitt so etwa 3000 DM im Monat.

Nach ein paar Jahren war er in der autonomen Szene integriert und fühlte sich dort auch ganz wohl. Er fühlte sich vor allem anerkannt und sein Schwulsein war kein Problem. Das, was er von außen als Bedrohung und Anmaßung erlebte, wurde Zug um Zug sein Zuhause.

Das brachte ihn in innere Konflikte mit seinem V-Mann-Dasein. Er versuchte mehrmals halbwegs halbherzig auszusteigen, doch sein V-Mann-Führer setzte alles daran, das er weitermachte. Zudem stand das recht viele Geld auf dem Spiel, das ihm ein flottes Leben ermöglichte.

Erst viele Jahre später konnte er nicht mehr und beendete seine V-Mann-Tätigkeit. Wenig später bekam er massive psychische Probleme, die bis hin zu Selbstmordgedanken reichten. Im Zuge mehrere Therapien wuchs der Gedanke in ihm, dieses Doppelleben öffentlich zu machen, sich diese Geschichte zu stellen.

Über einige Umwege nahm er 2017 Kontakt zu mir auf. Das war zu einer Zeit, als ich nach sechs Jahren NSU-Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes die Schnauze voll hatte. Die Arbeit konnte – wenn ich ehrlich bin – nicht viel bewirken. Es wirkte für mich eher wie das Gegenteil. Je mehr ich nachweisen konnte, wie eng der NSU-Komplex mit dem zusammenhängt, was der VS tat bzw. unterließ, desto mehr wollten sich Linke damit nicht mehr befassen – geschweige denn aktiv werden. Die meisten verstummten, einige Antifa-Gruppen lösten sich auf. Ich hatte sehr oft das Gefühl, in einen leeren Raum zu stehen, in dem meine eigene Stimme die einzige Zuhörerin war. Die zweite Reaktion aus der Linken war noch deprimierender. Im Kontext vom Auftreten von NSU-Watch, die deutliche Nähen zur Partei der LINKEN hatten, kam es zudem zu politischen Anfeindungen, die bis zu Denunziation reichten. NSU-Watch deckte im Grundtenor die „identitäre“ Deutung des NSU-Komplexes ab und glaubte ganz viel und ganz im Ernst für die Opfer von rassistischer Gewalt zu sprechen. Die Hervorhebung der geheimdienstlichen Mitarbeit beim Zustandekommen des NSU-Skandals denunzierten sie als Verschwörungstheorie, was für mich das Fass zum Überlaufen brachte.

Dennoch und vielleicht auch deshalb nahm ich den Kontakt auf. Denn wir hatten uns notgedrungen seit Jahrzehnten mit Geheimdienstarbeit und Spitzeln auseinandergesetzt. Da ein aufgeflogener Spitzel meist wenig erzählt und ein großes Glaubwürdigkeitsproblem darstellt, bot die Bereitschaft eines ehemaligen V-Mannes eine seltene Gelegenheit, über die Arbeitsweise des Verfassungsschutzes genauerer zu erfahren und die vielen Mutmaßungen und Spekulationen, die man so anstellt, auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen.

Zum anderen bin ich von einer sehr überschaubaren Beteiligung ausgegangen. Die Ex-V-Mann erzählt und mit dieser Dokumentation stellt sich der Ex-Mann seinen verratenen FreundInnen.

In diesem Kontext bot sich ein Kontakt zum NDR an, mit dem Ziel, dass diese Selbstenttarnung ein Name und ein Gesicht bekommt. Alles Weitere lag dann in den Händen des Ex-V-Mannes.

Da ich wenig Ressourcen und Kraft hatte, kam mir diese Version gelegen, die meinen schnellen Rückzug ermöglichen sollte.

Aber wie das so oft ist, klappte das nicht ganz … und es kam ganz anders als gedacht. Zum einen hatte ich meine Bedenken an der „Doku“, die unabgesprochen auch der Frage nachgehen sollte, ob V-Leute gut und richtig geführt werden. Das war nicht im geringsten mein Anliegen und meine Sorge. Ich machte dies dem TV-Team deutlich und auch dem Ex-V-Mann und hatte einen Grund mehr, auszusteigen.

Hinzu kam genau das, was in einer solch heiklen Situation nicht fehlen darf. Johannes Pietsch offenbarte gegenüber seiner besten Freundin, dass er Spitzel war und dass er mit dem Filmprojekt seine Selbstenttarnung betreibe, um sich selbst und den einstigen Freuden ins Gesicht sehen zu können.

Und wie im schlechten Film ist es auch unter „uns“. Die enge Freundin konnte dieses Geheimnis nicht für sich behalten und weihte weitere „enge FreundInnen“ ein. Als absehbar war, dass alles in einem emotionalen und politischen Destaster enden würde, brach auch Johannes Pietsch die Zusammenarbeit ab und ging davon aus, dass diese „Doku“ nie gezeigt werden würde. Nun ist sie doch öffentlich gemacht worden. Wer aus welchen Gründen Absprachen gebrochen hat und diese Entscheidung getroffen hat, müssen die Beteiligten klären.

So steht es jedenfalls als politisches Dokument allen zur Verfügung. Die STRG_F-Macher führen diese selbst zuende geführte Filmprojekt so ein:

Ein ehemaliger linker V-Mann packt aus, will reinen Tisch machen. Eigentlich passiert so etwas nicht. Es brauchte viele Vorgespräche und mehrere Anläufe, bis Jan P. sich wirklich vor die Kamera setzte. 10 Jahre lang hat er in den 90ern die links-autonome Szene Wuppertals und Solingens bespitzelt und seine Freundinnen und Freunde an den Verfassungsschutz verraten. Anschließend hat er 20 Jahre über sein Doppelleben geschwiegen. Es sei ihm ursprünglich darum gegangen, den Staat zu schützen. Doch heute überwiegen seine Zweifel, Handlanger für die falsche Sache gewesen zu sein.

STRG_F-Reporter Felix hat Jan P. getroffen und fragt sich: Was macht so ein Doppelleben mit Menschen – mit dem Verräter und den Verratenen?“ (STRG_F-Ankündigungstext)

Ein Film von Antonius Kempmann, Felix Meschede & Reiko Pinkert

Kamera: Dennis Wienecke, Henning Wirtz | Schnitt: Alexander Meyering | Grafik: Robert Kiehn

Redaktion: Anna Orth, Dietmar Schiffermüller

„STRG_F wird produziert von funk. funk ist ein Gemeinschaftsangebot der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD) und des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF).“

 

https://www.youtube.com/watch?app=desktop&v=tzBTJx-2aEM

31 Minuten

 

Wer an dem politischen Kern dieses Stoffes Interesse hat, findet dort einiges. Gerade auch, wie der Geheimdienst arbeitet, wie „freiwillig“ die Mitarbeit von V-Leuten ist und wie haarsträubend die Stellungnahme eines Prof. Markus Denzler (ab Minute 25:00), der an der Hochschule des Bundes für Nachrichtenwesen zuständig ist.

Er bildet dort die V-Mann-Führer aus, die die „Quellen“ führen sollen. In dieser kurzen Stellungnahme behauptet er allen Ernstes, dass sich V-Leute frei entscheiden (müssen), dass ihre Spitzeltätigkeit auf „Freiwilligkeit“ fuße und jede Form der Manipulation kontraproduktiv sei.

Diese Doku gibt auch in Andeutungen eine Antwort darauf, ob der Verfassungsschutz/VS Straftaten verhindert oder je nach Opportunität ermöglicht, fördert und dann entsprechend schützt.

Dazu liefert Johannes Pietsch mit Blick auf den Brandanschlag auf ein Abschiebebus ein recht klare Antwort. Aber auch im Fall „Solingen“ wir dies überdeutlich. Ein Teil des Interviews, das ich mit Johannes Pietsch geführt habe, widmet sich den Ereignissen rund um den Mordanschlag in Solingen 1993:

Der Mordanschlag in Solingen am 29. Mai 1993 und die halbe Wahrheit

Der Mordanschlag in Solingen 1993 und der Verfassungsschutz

 

Wolf Wetzel | 23.4.2022

 

 

 

 

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4 Kommentare

  1. Noch zwei Gedanken als Nachtrag:
    Was ist „die Antifa“? Wenn man sich als junger Mensch gegen Nazis positioniert, klingt „Antifa“ verlockend. Bewahrt man sich, selbst zu denken und nicht Parolen zu folgen, blickt man hinter die Kulissen. Dann ist man zwar rasch die – vermeintliche – Gruppenzugehörigkeit (Antifa, Linke u. dgl.) los, gewinnt aber die Möglichkeit zu einer selbständigen Existenz, zur freien und bewussten Kontaktaufnahme mit anderen Selbständigen. Die sogenannte „Antifa“ ist m. E. nichts anderes mehr als bloße Pose und dermaßen unterwandert, dass sie vermutlich nicht mehr real existiert.

    Auch mir wurde die „linke Heimat“ genommen. Aber dann dachte ich an meine Oma. Als ich ihr seinerzeit sagte, dass ich nicht zur Bundeswehr gehen werde, sagte sie mir: „Gut, dass du nicht zur Wehrmacht gehst, die bringt nur Unglück.“ Zuhörende (das war bei einer Familienfeier) meinten, sie sofort darauf aufmerksam machen zu müssen, dass es nicht mehr „Wehrmacht“, sondern nun „Bundeswehr“ heiße und sie strafrechtlich belangt werden könne, wenn sie von „Wehrmacht“ rede. Sie sagte dazu: „Was ein Unfug, Bundeswehr, Wehrmacht, das ist doch alles dasselbe.“ Und dann nahm sie einen Löffel Zucker, den sie in ihr Weinglas kippte, demonstrativ, während die empörte Zuschauerschaft ihre Köpfe schüttelte, weil sich das doch nicht gehöre. Sie kommentierte kurz: „Der Wein ist sauer.“
    Nein, meine Oma war nicht im herkömmlichen Sinn politisch aktiv. Sie war familiär aktiv und gegenüber allen Angreifern, insbesondere Behörden, höchst widerständig. Wer unter ihrem Schutz stand, war gegen alle Widrigkeiten gefeit.

    Ich vermisse sie sehr.

  2. Sehr geehrter Herr Wetzel, lieber Wolf,

    es scheint, als steige die Wichtigkeit einer Arbeit mit ihrem Undank. Eine Gesellschaft kann nur frei sein, wenn ihr Transparenz und Aufklärung innewohnt, die Wahrheit am Licht ist. In einer tendenziell totalitären oder gänzlich totalitären Gesellschaft ist Wahrheit unerwünscht, Aufklärung verhasst und Transparenz ein Tabu. Viele wollen es nicht wissen, wollen nicht in den Spiegel schauen. Meine größte Hochachtung für die Arbeit an der Aufdeckung des NSU-Komplexes. Eine Arbeit, die wichtig war und ist. Und für die der Autor, statt verdiente Anerkennung zu erhalten, auf Ablehnung stieß.

    In einer Zeit, in der „taz-Journalisten“, Jahrzehnte, nach dem die Säzzer-Bemerkungen geschreddert und die Säzzer entlassen wurden, gerne in ihrem Tabak-Cafe in der Dutschke-Straße hocken, gegenüber der Bildzeitung, der sie versuchen, hinterher zu hecheln, dabei posierend, als seien sie nicht die Kriecher vor dem Kapital, die sie sind, sondern „Linke“ oder gar „Revoluzzer“, diese Milchbubis und -mädels. Dutschke hätte denen vermutlich quer über die Tische gekotzt. Oder sie in ihrer Hohlheit schlicht ignoriert.

    „Ich hatte sehr oft das Gefühl, in einen leeren Raum zu stehen, in dem meine eigene Stimme die einzige Zuhörerin war.“

    Manchmal hilft es, sich umzuschauen. In diesem scheinbar leeren Raum gibt es noch jemanden, einen unscheinbaren Kommentator, der Sie hört. Und vermutlich nicht nur diesen, sondern noch viel mehr, die lieber die Wahrheit hören, so schlimm sie auch sei, als sich von Propaganda einlullen zu lassen.

    Vielen Dank für die Arbeit.

    1. Puhh, ganz herzlichen Dank. Du hast den Schmerz sehr gut herausgelesen, den ich mühsam in diesen Satz gepackt/versteckt habe, um nicht “zu” persönlich zu werden. Und natürlich geben mir diese Stimmen, wie die deine, ein wenig den trotzigen Halt, nicht zu verstummen.

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