Die Wahrheit wird uns nicht davonlaufen? So … ganz sicher!

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Die Wahrheit wird uns nicht davonlaufen? So … ganz sicher!

Über Verrat und den Umgang damit | Teil I

Am 19. Juli 2020 veröffentlichten autonome Antifaschist*innen aus Wuppertal einen Text auf der Plattform „Indymedia“: „Die Wahrheit wird nicht davonlaufen!

Der Text möchte „unsere Genoss*innen und Mitstreiter*innen der neunziger Jahre (…) über den V-Mann Jan Pietsch informieren“, den viele in der autonomen und antifaschistischen Szene in Wuppertal und Solingen als „hilfsbereiten“ und schwulen Typ gekannt haben und gleichzeitig von 1991 bis 1999 als V-Mann des Verfassungsschutzes gearbeitet hatte.

Der ganze Anfang gibt ein sehr spätes Outing eines V-Mannes vor, der vor allem in der autonomen Szene in Wuppertal und in antifaschistischen Zusammenhängen in Solingen aktiv war. Wer nicht rückwärts liest, bekommt den Eindruck, Wuppertaler Genoss*innen (aus den 1990er Jahren) haben den damaligen Genossen „Jan“ nun auch als V-Mann mit dem Decknamen „Kirberg“ enttarnt! Eine späte, aber dennoch lobenswerte Recherche, will man vermuten.

Genau das suggeriert dieser Text und damit fängt das Trauerspiel schon an, was ganz besonders makaber wird, wenn man in der Überschrift die „Wahrheit“ anruft, die angeblich den Verfasser*innen nicht davonlaufen kann.

Was man später, ziemlich verdeckt und nebenbei erfährt, ist die Tatsache, dass es sich um keine Enttarnung eines V-Mannes handelt, der über zehn Jahre das Vertrauen in der Wuppertaler und Solinger Szene genossen hatte. Diesen Eindruck erschleicht sich dieser Text lediglich.

Das Wissen, dass Johannes Pietsch über zehn Jahre unerkannt ein „Doppelleben“ als Genosse und Spitzel geführt hat, ist einzig und alleine dem ehemaligen V-Mann zu verdanken, der es nicht mehr ausgehalten und einen Weg gesucht hatte, dies öffentlich zu machen. Eine Entscheidung, die eine sehr weitreichend war und ist, wenn man weiß, dass man damit zwischen allen Stühlen sitzt und gegebenenfalls von allen Seiten fertig gemacht wird.

Dass das Wissen über diese V-Mann-Tätigkeit kein Werk einer gelungenen antifaschistischen Recherche ist, sondern einzig und allein dem Ex-V-Mann zu verdanken ist, ist kein nichtiger, zu unterschlagender Unterschied, sondern ein ganz wichtiger, um das Folgende zu verstehen.

Der Text hat noch eine zweite Ebene, die dazukommt und die ganze Angelegenheit kompliziert bis ekelig macht – erst recht, wenn man sie verschweigt.

Die Verfasser*innen unterschlagen nicht nur, wie sie zu diesem Wissen gekommen sind, sie verschweigen auch die Umstände, die dazu führten, dass die beiden im Text erwähnten „Journalisten“ sie nicht ins Vertrauen gezogen haben, warum „sie es nicht für nötig gehalten haben“, Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Ganz offensichtlich würde das dem blütenweißen Auftritt schaden, wenn man erklärt bekommt, warum man sie nicht vorzeitig miteinbezogen hatte. Wer den Text ohne Wissen dieser Unterschlagungen liest, darf und soll den Eindruck gekommen, dass sich Ganz Gut und Ganz Böse gegenüberstehen: Auf der einen Seite die wahrheitsliebenden und kämpferischen Antifaschist*innen mit den ehrenwertesten Absichten, die man sich vorstellen kann – und auf der anderen Seite zwei „Journalisten“, die einen V-Mann, eine Spitzel „hofieren“. Sagen wir doch einfach, Söldner der Medien, die nur ganz billige und niederträchtige Motive haben können. Ohne zu wissen, welchen Berufe die Unterzeichner*innen nachgehen, ist klar, wer hier die Guten und die Selbstlosen sind.

Wo alle Welt und die Linken erst recht beklagen, wie kompliziert und verwirrend die Welt (geworden) ist, hier ist sie so einfach, geradezu im archaischen Urzustand. So schön kann die Welt aufgeteilt sein, so viel Lüge und Verlogenheit kann auch mit „Antifaschismus“ einhergehen.

Mit der Ausweisung der beiden „Journalisten“ aus politischen Zusammenhängen und der Aberkennung politischer Motive, ist der Weg frei, die Sau rauszulassen. Denn, und so enden die Verfasser*innen auch am Ende ihres Textes: Der V-Mann, der Spitzel und die beiden „Journalisten“ haben alle dasselbe verdient: Nichts … plus die entsprechende Warnung an die wahren (längst verschwundenen) Genoss*innen:

Uns kommen die Tränen … Diese Selbstinszenierung machen wir, die Betroffenen von 10 Jahren Spitzelei und Verrat, natürlich nicht mit. Zeitpunkt und Umfang der Aufarbeitungen, der politischen Schlussfolgerungen und Aktionen bestimmen weder der Täter noch die beiden Journalisten, sondern wir Betroffene.“

Nachdem man die Front wie in einer Hollywood-Westernstadt aufgebaut hat, kann man mit einer breiten Palette an gezielten Geringschätzungen loslegen, um jenen niedrigschwelligen Zuspruch zu erhalten, den sie auch ernten, wenn man sich die Kommentare bei Indymedia dazu antuen will.

Alle in diesem Beitrag Aufgeführten sind Scheiße: der V-Mann mit richtigem Namen und Adresse, seine „Lebensbeichte“, die nur Anführungszeichen verdient (also seine zweite Täuschung), die beiden „Journalisten“ aus Berlin und Frankfurt, die man ganz leicht „enttarnen“ kann/soll und … ganz viel Selbstgerechtigkeit, die zum Himmel stinkt.

Obgleich Genoss*innen aus dem 1990er Jahren, haben sie es nicht verlernt, mit den szene-gerechten Indices umzugehen: Den beiden „Journalisten“, die auch noch aus der linken Szene kommen, handelten „unterirdisch“ und „übergriffig“ – also genug Platz für jede Form des Igittigitts und noch mehr Platz für assoziationsschwangere, genreübergreifende Phantasien.

All das passierte nicht aus einer spontanen Erregung heraus, aus dem „Handgemenge“, sondern wohl überlegt und genau kalkuliert. Sie hatten genug Zeit, ihren Ton zu wählen, das recht komplizierte politische Verhältnis untereinander zu erwähnen, ihren Ärger (nicht eingeweiht worden zu sein) von dem zu trennen, was man als gemeinsames politisches Anliegen schützt.

Kein Wort über sich, über ihre Schwierigkeiten, in völlig zerrütteten und verloren gegangenen Zusammenhängen zurecht zu kommen … und nun von der angestaubten Geschichte eingeholt zu werden.

Nur die (Mit-)Verfasser*innen sind klasse, außerhalb der Wertung. Sie sind „Opfer“, „Betroffene“ und dürfen jetzt alles und behalten sich das auch vollmundig vor.

Was man alles auch „outen“ soll, wenn man mit der Wahrheit so eng ist

Was man in dem 11-seitigen Beitrag mit keinem einzigen Satz erwähnt, ist die Tatsache, dass sich zwei der Mitverfasser*innen mit einem dieser „Journalisten“ getroffen hatten, Ende April dieses Jahres. Es war ein recht langes und ausführliches Gespräch. Die Erwähnung dieses Treffens, die Wiedergabe des Besprochenen, hätte ganz offensichtlich gestört.

Das Wiedersehen war alles als freudig, denn der Mann aus Wuppertal und der besagte Journalist hatten sich vor etwa 15 Jahren ziemlich zerstritten. Es war kein Bruch zwischen zwei Männer, sondern ein Bruch, der durch die ganze Vorbereitungsgruppe ging, die die Aktionen gegen das jährliche „Traditionstreffen“ der Gebirgsjäger in Mittenwald organisiert hatte.

Genau dieser Bruch stand auch am Anfang dieses Treffens fünfzehn Jahre später. Denn es ging nicht nur um einen massiven politischen Dissens, sondern auch um einen Vertrauensbruch. Sich also fünfzehn Jahre später zu treffen, mit diesem Gepäck, ist alles andere als leicht. Mehr noch: Genau dieses Zerwürfnis ist erst der Zugang zu den besonderen Umständen, die in die VS-Mann-Geschichte hineinspielen. Um diesen Bruch wussten beide aus Wuppertal Angereisten.

Die Beiden aus Wuppertal wissen also auch sehr genau um die Motive des „Journalisten“. Und die (Mit-)Verfasser*innen dieses Indymedia-Berichtes wissen um all die Details, die dazu führten, dass sie so spät von diesem V-Mann in ihren Reihen erfahren haben.

Warum verheimlichen sie dieses Treffen? Warum verheimlichen sie, dass sie das 30-seitige Interview bekommen haben? Warum erklären sie nicht in ihrem Text, wie es zusammenpasst, dass man Johannes Pietsch Äußerungen und Absichten als „Lebensbeichte“ abtut und gleichzeitig – ohne jede Kenntlichmachung – den Inhalt des Interviews ausschlachtet, also verwendet?

Über eine Freundin von Johannes Pietsch erfuhren die Beiden, dass „Jan“ ein V-Mann war und dass er diese V-Mann-Tätigkeit öffentlich machen will und über Umwege Kontakt zu mir aufgenommen hatte.

Der Mann aus Wuppertal nahm Kontakt zu mir auf und schlug ein Treffen vor, das dann auch Ende April zustande kam. In diesem Treffen stand verständlicherweise zuerst die Frage im Raum, warum ich sie nicht über das Vorhaben des V-Mannes informiert hatte. Ich nannte ihnen ausführlich die Gründe:

Der erste lag darin, dass ein sehr massiver Streit, der politische und persönliche Gründe hatte, meinen einzigen Kontakt (zu dem Mann) nach Wuppertal „verbrannt“ hatte. Das schloss für mich aus, diese Person zu kontaktieren bzw. diese Person ins Vertrauen zu ziehen.

Der zweite Grund lag in dem Vorhaben selbst begründet. Nach sehr langer Anlaufzeit und vielen Unterbrechungen war die Entscheidung getroffen worden, ein Interview zu machen, das seine Geschichte darlegt und die Gründe, warum er seine V-Mann-Tätigkeit öffentlich machen will. Mit der Veröffentlichung dieses Interviews sollte die Basis geschaffen werden, auf der Johannes Pietsch auf jene Personen zugeht, die er verraten hatte.

Der dritte Grund lag in meinen Lebensumständen. Ich hatte kaum noch Kraft und Zeit, mich mit diesem „Elend“ zu beschäftigten. Ich hatte mich fast ein Jahrzehnt mit dem NSU-VS-Komplex auseinandergesetzt und hatte schlicht die Schnauze voll – das hatte auch mit jenem Teil der „Linken“ zu tun, der es vorzieht „Verschwörungstheoretiker“ ausfindig zu machen, anstatt durch eigene Analysen zu überzeugen und unterschiedliche Analysen in einer solidarischen und öffentlichen Weise auszutragen, anstatt von Verschwörungstheorien zu schwadronieren.

Ich stimmte dem Kontakt zu dem Ex-V-Mann also dennoch zu, weil ich „Verschwörungstheorien“ über einen Verfassungsschutz, der „auf dem rechten Auge blind“ sei und/oder neonazistische Verbrechen nur aus Versehen und/oder Blödheit möglich mache, satthabe und lieber die Kraft und Anstrengung darauf verwende, Gelegenheiten zu nutzen, die helfen, „Dark rooms“ auszuleuchten. Dazu gehören sehr naheliegend das Tun von V-Männern und das Tun von Geheimdiensten, die sie „führen“. Dazu gehört kein Raunen, sondern das Wissen von Ex-V-Leuten zum Beispiel oder auch von „Bullen“, die ausgestiegen sind und viel mehr zur Aufklärung beigetragen können, als jene, die unentwegt „lückenlose Aufklärung“ fordern und sich damit erkenntnislos im Kreis drehen.

Alle drei Gründe habe ich sehr ausführlich und sehr verständlich den beiden „Wuppertaler*innen“ erklärt. Ich hatte ihnen einen Text mitgegeben, in dem all dies aufgeführt war, um zu vermeiden, dass man etwas „überhört“ oder „anders“ in Erinnerung hat.

Dieses Misstrauen sollte sich als sehr berechtigt herausstellen.

In dem Gespräch mit den beiden Wuppertaler*innen ging es folglich darum, wie man damit weiter umgeht. Wir einigten uns klar und deutlich darauf, dass ich ihnen das knapp 30 Seiten lange Interview zur Verfügung stelle, damit sie die Möglichkeit haben, die darin enthaltenden Details mit ihrem Wissen abzugleichen. Es wurde verabredet, dass sie mir ihr Wissen zukommen lassen, damit ich den Ex-V-Mann damit konfrontieren kann. Ein weiteres Treffen sollte dazu dienen, das weitere Vorgehen zu besprechen.

Und was findet man dazu in dem Text? Sie führen ihre eigene Recherche mit folgenden Worte ein:

„Erst Mitte April 2020 wurde uns ein 29 seitiges – stark bearbeitetes – schriftliches Interview zugänglich gemacht. Wie wir heute nach der Veröffentlichung auf den „Nachdenkseiten“ wissen, gibt es weitere Interview-Teile, die uns der Journalist nicht zugänglich gemacht hat. (…) Darüber hinaus haben wir das 29-seitige Interview mit Pietsch, den Artikel auf den www.nachdenkseiten.de und einen 2 Jahre alten Text von Pietsch zu seinen „Zielen“ ausgewertet. Hinzu kamen Informationsbröckchen, die uns der Spitzel und die beiden Journalisten zugeworfen haben, damit wir uns an ihrer medialen Verwertung unserer Geschichte beteiligen.“

Wenn man weiß, wie sie in den Besitz diese Interviews kamen, dann ist das doch ein sehr unangenehmes Gestottere, um die wahren Umständen zu verheimlichen: „uns zugänglich gemacht“ … das klingt ganz geheimnisvoll, konspirativ und verwegen. „Informationsbocken, die uns der Spitzel und die beiden Journalisten zugeworfen haben“. Mann, wieviele Verbiegungen der tatsächlichen Begebenheiten waren nötig, um so eine Szene zu erfinden, in der die „Wuppertler*innen wie Hunde gefüttert und abgespeist werden. Und all diese Demütigungen haben die beiden Wuppertaler*innen über sich ergehen lassen! Aber dann haben sie doch noch rechtzeitig alles durchschaut: Man fütterte sie, damit „wir uns an ihrer medialen Verwertung unserer Geschichte beteiligen“.

Wie können die beiden Wuppertaler*innen solche Märchen verbreiten.

Über zwei Wochen vergingen, als ich an unsere Vereinbarung erinnerte. Trotz Nachfrage kam nichts zurück. Ich nehme an, dass sie das vollkommen in Ordnung finden, vielleicht sogar als großen Coup feiern. Denn sie sind „Opfer“, „Betroffene“ und die dürfen alles machen. Aber warum stehen sie dann nicht zu diesen schmutzigen Tricks? Warum müssen das alles so kaschieren und umschreiben?

Und genau hier tut sich ein eklatanter Gegensatz auf, der weit über persönliche Verletzungen hinausreicht. Der Kern dieses Konfliktes sind Umgehensweisen, die heute noch mehr Destruktionskraft entfalten als vor 30 Jahren.

Mit dem Opfersein kann man ein Geschehen beschreiben, aber kein „Vorrecht“ begründen

Ohne Frage sind die „Wuppertaler*innen“ Opfer eines Verrats geworden. Aber dieses Opfersein rechtfertigt nicht ihr Tun, macht ihre Antworten, ihre Reaktionen nicht sakrosankt. Ich habe so oft in den letzten 30 bis 40 Jahren Aktionen, Haltungen und Entscheidungen erlebt, die mit dem Opfersein gerechtfertigt wurden und sich auf diese Weise selbst verabsolutiert haben. Das ist der Tod einer politischen Idee, einer politischen Bewegung. Und genau das führt zu einem Umgang und zu einer Form der „Selbstermächtigung“, die sich auf den Weg begibt, das zu reproduzieren, was eigentlich und wesentlich der Grund dafür war und ist, sich aufzulehnen, nicht mehr mitzumachen.

Konkret: Die Wuppertaler*innen fühlen sich verständlicherweise „übergangen“. Aber sie haben nicht eine Minute recht damit, die Motive, die Umstände, die Intensionen vom Tisch zu wischen und in den Dreck zu ziehen, die diese Diskrepanz erklärbar machen. Sie haben nicht einen „guten“ Grund, deshalb zu lügen, andere zu täuschen und politische Schwierigkeiten zu unterschlagen, an den sie auch beteiligt sind – ganz und gar nicht als „Opfer“.

Und sie wissen, dass jedes Wort davon erstunken und erlogen ist: „Erst als die Zeit für eine ‚journalistische Verwertung‘ reif schien, wurden wir als Betroffene interessant.“ Sie schreiben das im Wissen der wahren Umstände! Damit belügen sie nicht nur mich, sondern auch alle, die sie mit diesem „Outing“ erreichen und ansprechen wollen.

In der Tat hat Johannes Pietsch das Vertrauen all derer missbraucht, die ihn für einen schwulen, netten, leicht besonderen Typ hielten. Aber die berechtigte Wut über hintergangenes Vertrauen wird fahl, wenn man genau diese Methode untereinander anwendet. Der Grund, diesen Wuppertaler Kontakt nicht zu nutzen, bestätigt sich auf diese Weise abermals.

Aber wie niederträchtig ist es, wenn Genoss*innen zu einem kommen, um auf so hinterfurzige Art an das 30 Seiten lange Interview zu kommen?

Als klar war, dass die V-Mann-Geschichte in diffusen Kanälen und mit ganz unterschiedlichen Wissensständen durch die „Szene“ geistert, entschloss ich mich, anlässlich des 27. Jahrestag des Mordanschlages in Solingen (1993), ein Teil des Interviews zu veröffentlichen, der dies zum Thema hat.

Mit diesem Interview kann man deutlich belegen, dass der Verfassungsschutz weder anderswo noch in Solingen „auf dem rechen Auge blind“ war, sondern – ganz vorsichtig formuliert – tatbegünstigend gewirkt hat. Und das auf doppelte Weise: Mit dem Neonazi und V-Mann Bernd Schmitt und mit dem V-Mann „Kirberg“ aufseiten der Antifa. Genau das, was in den Kommentaren auf Indymedia mit „Verschwörungstheorie“ gebrandmarkt wird, ist am Beispiel Solingen Praxis des Verfassungsschutzes. Und wer immer noch behauptet, der Verfassungsschutz mache mit ein paar schwarzen Schafen sein eigenes Ding, der wird auch am Beispiel Solingen eines Besseren belehrt. Ohne den Schutz der regierenden und regierungswilligen Parteien, wäre eine solche Polizei- und Geheimdienstpraxis nicht möglich. Diese sichere Erkenntnis, um die geht es im Kern, stößt verständlicherweise auch und gerade bei jenen „Linken“ auf wütende Reaktionen, die eben über kurz oder lang „mitgestalten“, also mitregieren wollen.

Nach der Veröffentlichung des Beitrages: Der Mordanschlag in Solingen am 29. Mai 1993 und die halbe Wahrheit auf den NachDenkSeiten am 22. Mai 2020 bekam ich von dem Wuppertaler Mann die Mail, dass das Interview voller „fachlicher“ Fehler sei und dass er mir dringend raten würde, ihn sofort wieder zu löschen. Über die Zusage und gemeinsame Absprache, die nicht eingehalten wurden, verlor er kein Wort.

Die (ganze) Geschichte ist ganz selten ein Schönheitssalon

Johannes Pietsch ist zu dem Schritt, seine V-Mann-Tätigkeit öffentlich zu machen, nicht gezwungen worden. Er hätte gefahrlos sein Doppel-Leben für sich behalten können. Einzig und alleine seine Entscheidung, sich dem zu stellen und denen gegenüberzutreten, die er als Freund*innen verraten hatte, hat zu dem geführt, womit wir es jetzt zu tun haben.

Mit diesem Schritt hat er keine „Selbstinszenierung“ betrieben, sondern sein Leben auf den Kopf gestellt, mit all der Ungewissheit, die mit einem solchen Schritt einhergeht. Sich denen stellen zu wollen, die ihn nur als netten hilfsbereiten schwulen Typen kannten, sich dem Verrat zu stellen, ist kein Spaß und keine „neue Rolle“, wie es höhnisch in der Erklärung heißt.

Soweit ich das beurteilen kann, ist Johannes Pietsch nicht daran zerbrochen, weil er in den zehn Jahren „Unruhestifter“ und „autonome Gewalttäter“ zur Strecke bringen wollte, sondern weil er sie als Freunde, vielleicht sogar als Genoss*innen verraten hat. Das hat er nicht mehr ausgehalten.

Wenn autonome Antifaschist*innen aus Wuppertal im Wissen um diese Umstände am Ende ihres Beitrages schreiben: „Uns kommen die Tränen …“ dann entspricht das vielleicht dem, was man von knallharten Autonomen erwartet, zeigt aber doch eher, wie schnell man die eigene Geschichte in einen Frisiersalon verwandelt.

Es gab (und gibt) für die Genoss*innen aus den 1990er Jahren (bis heute) zahlreiche Möglichkeiten, sich mit dem Thema Verrat auseinanderzusetzen. Das fängt mit dem Verrat von Ulrich Schmücker an, der 1974 von Mitgliedern des „2. Juni“ hingerichtet wurde. Ende der 80er Jahre gab es eine lange und vielschichtige Auseinandersetzung um Aussagen und Verrat im Zuge der tödlichen Schüsse and der Startbahn West 1987. Und mindestens genau so viel Material gibt es zu dem Verrat des Autonomen Tarek Mousli 1999, der in der Berliner Szene als „Märchenprinz“ gehandelt wurde. Dazu findet man einige unterirdische, aber auch sehr beeindruckende Reaktionen.

Dieser Beitrag aus dem Jahr 2020 gehört zu den „unterirdischen“.

Wolf Wetzel („Der Journalist aus Frankfurt“)

Wer wissen möchte, wie mein Verhältnis zu V-Leuten ist, der kann das an der Geschichte des V-Mann 123 überprüfen: Ihm habe ich es zu “verdanken”, dass ein Überwachungsmaßnahme durch den Verfassungsschutz fortgesetzt/verlängert wurde, um nach Beweisen für ein Strafverfahren nach § 129a (Mitgliedschaft in der einer terroristischen Vereinigung) zu suchen:

V-Mann 123 – ein Volltreffer oder ein Fantasieprodukt

 

Quellen und Material:

Die Wahrheit wird uns nicht davonlaufen! Autonome Antifaschist*innen aus den Neunzigern – Wuppertal 19.6.2020

Gewalt und Solidarität. Zur Ermordung Ulrich Schmückers durch Genossen. Dokumente und Analysen. Peter Brückner/Barbara Sichtermann, Wagenbach Verlag, Berlin 1974 (Reihe: Politik 59)

Tod eines Märchenprinzen – Über den Umgang mit Verrat und das Schweigen über die RZ/Rote Zora aus: Die Hunde bellen … von A bis (R)Z – Eine Zeitreise durch die 68er Revolte und die militanten Kämpfe der 70er bis 90er Jahre, autonome L.U.P.U.S.- Gruppe, Unrast Verlag 2001

Der Beitrag kann hier nachgelesen werden: https://wolfwetzel.de/index.php/2007/08/01/von-a-bis-rz/

Anna und Arthur halten das Maul. Die Aussageverweigerungskampagne der Startbahnbewegung 1987-91 und ihre Folgen

Der Mordanschlag in Solingen am 29. Mai 1993 und die halbe Wahrheit, NachDenkSeiten vom 22. Mai 2020: https://www.nachdenkseiten.de/?p=61185

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