Der Krieg bringt uns alle zusammen … um

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Der Krieg bringt uns alle zusammen … um

Alles hat seine zwei Seiten, ist eine beliebte Lebensweisheit. Damit liegen wir bereits außerhalb des wirklichen Lebens. Denn bei der Kriegsbeteiligung Deutschlands an der Seite des Selenskyj-Staates soll die eine auch die andere Seite der Medaille sein. Machen wir uns also schuldig und halten uns nicht daran.

Die eine Seite der Medaille

Lassen wir der „einen“ Seite den Vortritt. Diese widmet sich den guten Seiten dieses Krieges und warum wir, also die deutsche Bundesregierung, folglich auf der Seite der „Guten“ stehen. Krieg als Emanzipationsgeschichte. Ein regenbogenfarbenes, queeres Stahlgewitter.

„Plötzlich ist egal, wer wen liebt“

 

 

Das sagt Alina Sarnazka. Die 36-jährige Soldatin ist lesbisch, hat eine Partnerin und kämpft Mitte Juli an der Frontlinie Donezk, wo in diesen Tagen einer der Schwerpunkte der ukrainischen Gegenoffensive liegt. Wir erreichen sie an ihrem freien Tag zwischen zwei Fronteinsätzen, sie erzählt von ihrer Einheit. „Wir sind wie Schwestern und Brüder, wir sind eine Familie.“

 

Und dann gibt es da noch den 27-jährigen Borys Chmilewski aus Kiew. Dass er schwul ist, wissen die Kameraden in seiner Einheit.

Er berichtet, wie cool das Klima in der Truppe ist, denn für die anderen sei das Thema heute keine große Sache: „Es zählt nur, was man an der Front tut.“

Für diese traumhafte Erfolgsstory muss man ein wenig zurückblicken. Dann versteht man, wie viele für unüberwindbar gehaltene Grenzen mit diesem Krieg ab 2022 verschoben wurden. Vor dem Krieg, als den ab 2022, war die ukrainische Gesellschaft in der Mehrheit homophob. Das lag vor allem am russischen Einfluss.

„Aber wenn man zusammen kämpft und es um Leben und Tod geht, kommt man sich näher“, sagt Borys Chmilewski, und fügt hinzu: „Das zerstört einige Klischees über uns.“

Es gibt eben auch Zerstörungen, für die es höchste Zeit war. Was zu dem Fazit führt: „Und so, wie sich die Kameraden von Alina und Borys verändert haben, verändert sich auch die ukrainische Gesellschaft rasend schnell.“

Klar, der Krieg hat neben Sonnen- auch Schattenseiten, aber eben nur recht kleine. Dazu gehört, dass die gleichgeschlechtliche Ehe nicht in der Verfassung verankert ist, also diese nicht die gleichen Rechte haben. Daran soll sich vorerst nichts ändern. Aber daran stören sich Alina und Borys nicht groß. Denn sie wissen ja bombensicher, dass diese Diskriminierungen nicht wirklich etwas mit dem Selenskyj-Staat zu tun haben. Schuld ist einmal mehr der „Russe“: „Weil Putin und Russland sehr homophob sind, wollen die Menschen in der Ukraine jetzt nicht mehr homophob sein“, sagt Alina. Beide zusammen sind felsenfest davon überzeugt, dass diese Fortschritte auch nach dem Krieg bleiben werden. „Diese europäischen Werte sind ein Schritt auf unserem Weg in die Europäische Union”, sagt Borys.

Klar, der Krieg war bisher toxisch männlich. Es stimmt auch, dass bisher Kriege das Elend und die Unterdrückung in Friedenszeiten noch übertroffen haben. Aber jetzt sind Kriege queer, eine Emanzipationsgeschichte, gerade wenn sie von der Europäischen Union geführt werden. Dafür stehen (und fallen) Alina und Borys.

Die andere Seite der Medaille

„Plötzlich ist es egal, wen ich wirklich verehre“, sagt Imanov Bandera. „Es ist ein schrecklicher Krieg, aber er bringt uns zusammen.“ Es sprudelt aus ihm heraus. Seinen Namen haben wir zu seinem Schutz verändert. Aber nichts an seiner wahren Geschichte. Sie spielt sich in der Ukraine ab.

Wir treffen ihn in einer Kampfpause, als er gerade einen Tag Urlaub bekommen hat. Er ist müde und doch stolz und kann uns nicht genug davon mitteilen: „Wir sind wie Schwestern und Brüder, wir sind eine Familie.“ Damit meint er nicht seine eigene, sondern die Ukraine, die ukrainische Armee.

Er war schon einmal hier, in der Nähe des Frontabschnittes, der zurzeit hart umkämpft ist. Als sich 2014 die beiden Republiken Donbass und Luhansk für unabhängig erklärt hatten, wollte die ukrainische Armee ganz schnell diese separatistischen Bestrebungen im Keim ersticken.

Das gelang nicht. Dennoch war dies für ihn nicht das Ende. Im Gegenteil. Er hat eine wichtige Erkenntnis daraus gezogen: „Wenn man zusammen kämpft und es dabei um Leben und Tod geht, dann kommt man sich sehr nahe.“

Für kurze Zeit war es ganz schwer für ihn, als es Friedensverhandlungen gab, die zu den Minsk I und II Abkommen führten. Er fühlte sich überflüssig. „Ja, ich habe mich manchmal auch verraten gefühlt, von den Politikern, also denen, die nicht an der Front gekämpft haben.“ Dann hält er kurz inne, als würde er diese Zeit noch einmal abrufen.

„Aber dann ging es doch weiter. Wir erhielten die Nachricht, dass wir weiterkämpfen können. Unsere Vorgesetzten sagten uns, dass die Minsk I und II Abkommen nur zum Schein unterschrieben wurden. Zuerst dachte ich an Betrug. Aber dann verstand ich sehr schnell, wie klug das war.“

Imanov zupft an seinen Schnürsenkeln herum. „Ja, wir bekamen dann den Auftrag, an einer ‚Spezialoperation‘ teilzunehmen.“

Wir stutzten, denn das Wort „Spezialoperation“ kennen wir nur in einem ganz anderen Zusammenhang. Es war doch Russland, das ihn zum ersten Mal 2022 einführte. Imanov bemerkt unsere Irritation und atmet tief durch:

„Nun ja, es ist doch heute kein Geheimnis mehr, was wirklich passiert ist.“

Imanov scheint die Pause zu genießen.

„Selbst Ihre deutsche Bundeskanzlerin Angelika Merkel sprach davon, dass man mit diesen Abkommen nur Zeit gekauft habe. Ja, so war es: Wir waren schlecht ausgerüstet, wir hatten nicht genug Unterstützung aus dem Westen, wir mussten uns auf den Krieg erst vorbereiten, militärisch, ideologisch … und ihn herbeizwingen.“

„Wie meinen Sie das?“ Herr Bandera.

„Na ja, wir mussten alles tun, damit dieses Abkommen nicht umgesetzt wird und Russland jede Hoffnung rauben, dass diese Abkommen Bestand haben werden.“

„Und wie haben Sie das gemacht?“

„Den einen Teil der Geschichte kennen Sie ja: die Ukraine wurde aufgerüstet und die Armee wurde ausgebildet. Wir hatten ausgezeichnete und erfahrene Ausbilder aus den USA, aus England, Frankreich. Auch deutsche Ausbilder waren dabei. Ich weiß, darüber wollen Sie nicht so gerne reden. Aber bald werden Sie sicherlich damit prahlen. Da bin ich mir sicher.“

„Und was war der zweite Teil?“

„Ich gehe einmal davon aus, dass Sie sich das denken können.“

Er machte eine kleine Pause und schaute uns an.

„Sie kennen doch die OSZE-Berichte aus der Zeit 2014-2022.“

„Ja, doch, so ungefähr.“

„Wenn Sie dort gelesen haben, dass sich die Angriffe auf die abtrünnigen Gebiete Jahr um Jahr verstärkt haben, dann muss das doch jemand gemacht haben.“

Wir schauten in die Luft und ahnten, was kommen wird.

„Wir, also die Getreuen, bekamen den Auftrag, Angriffe zu unternehmen, denen da drüben das Leben zur Hölle zu machen. Dabei war das aller wichtigste, dass man das nicht der ukrainischen Armee in die Schuhe schieben kann. Deshalb nennen wir das ironisch unsere Spezialoperation. In dieser Zeit haben sich ganz besonders die national-gesinnten Kräfte sehr verdient gemacht. So kam ich zur Asow-Brigade.“

„Das verstehe ich nicht. Die Asow-Brigaden kennen wir doch erst, als Russland den Krieg 2022 begonnen hatte oder? Und da war doch die Schlacht um Mariupol, in der sich die Asow-Brigade den Heldenstatus verdient hat.“

 

„Das stimmt. Aber davor haben sie über viele Jahre sehr viele militärische Erfahrungen im verdeckten Krieg gegen die abtrünnigen Gebiete gesammelt. Das hat ihnen den Sonderstatus eingebracht. Nicht nur aus militärischer Sicht, sondern auch aufgrund ihrer patriotischen Einstellung.“

„Wir müssen jetzt nachfragen: War und ist der Hass auf die Russen so groß? Wird der tatsächlich so breit geteilt?“

„Sie kennen doch den großartigen ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan. Der Name sagt Ihnen doch etwas?“

Wir schauen uns an und haben dieselben Bilder im Kopf.

Es war ausgerechnet die Frankfurter Paulskirche, in der 2022 Serhij Zhadan mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde. Das ist nicht irgendeine Auszeichnung. Der „Friedens“preis zählt zu den wichtigsten europäischen Kulturpreisen. Die/der Preisträger/in muss, so steht es im Statut, in hervorragendem Maße „zur Verwirklichung des Friedensgedankens“ beigetragen.

„Also ja. Dann kennen Sie doch auch markante Passagen aus seinem hoch gepriesenen Werk ‚Der Himmel über Charkiw‘. Dort finden Sätze wie: ‚Die Russen sind Barbaren, sie sind gekommen, um unsere Geschichte, unsere Kultur, unsere Bildung zu vernichten.‘ Oder noch einfacher: ‚Brennt in der Hölle, ihr Schweine‘.“

Wir nicken.

„Okay. Wenn so etwas in Deutschland ausgezeichnet wird, dann kann es doch nicht falsch sein, oder?“

Wir sagen nichts dazu und wechseln das Thema, wobei uns auch das nicht wirklich gelingt.

„Herr Bandera, auf der einen Seite wird hier in Deutschland für diesen Krieg an Ihrer Seite geworben, dass man damit die Freiheit verteidige und dabei die russische Regierung gerne mit den Nazis vergleicht. Gleichzeitig verehren Sie und Ihre Kameraden die Asow-Brigade, die sich Nazisymbole bis unter die Haut sticht. Und dann verehren Sie Bandera als Nationalhelden, der ein Komplize des Nazi-Regimes in Deutschland war. Können Sie uns diesen Widerspruch erklären?“

„Ja, das ist eine wirklich schwierige Situation. Sprechen wir ganz offen darüber. Geld allein gewinnt keinen Krieg. Das wissen Sie doch am besten.

Es gehört eine nationale Identität dazu, eine Geschichte, in deren Fußstapfen wir treten wollen. Wir haben eben nur Bandera und den brauchen wir heute mehr denn je. Alle wissen das, auch unsere Freunde aus dem Westen. Aber wir sollen das nicht zeigen, uns damit zurückhalten. Halten sie diesen Umgang nicht für verlogen?“

Auflösung des Rätsels ohne Gewinnchancen

Für die „eine“ Seite habe ich die Frankfurter Rundschau gewonnen, die dem Krieg gegen Russland (also nicht den von 1941-44, sondern den ab 2022) wirklich viel bis alles abgewinnen kann.

 

Deren Titelstory ist mit zwei süßen Fotos verziert. Das erste zeigt eine lesbische Soldatin, das zweite einen schwulen ukrainischen Soldaten, der auf Sandsäcken postiert wurde.

Für die „andere“ Seite konnte ich niemand gewinnen. Also habe ich es selbst gemacht.

Wolf Wetzel

 

Publiziert im Magazin Overton am 19.9.2023: https://overton-magazin.de/kolumnen/kohlhaas-unchained/der-krieg-bringt-uns-alle-zusammen-um/

 

Quellen und Hinweise:

Plötzlich ist egal, wer wen liebt, FR vom 19. Juli 2023, Nr. 165

Rassismus und Menschenfeindlichkeit als deutsche Friedensbotschaft, Wolf Wetzel: https://overton-magazin.de/kolumnen/kohlhaas-unchained/rassismus-und-menschenfeindlichkeit-als-deutsche-friedensbotschaft/

„Euro-Maidan“ – das laute Schweigen des Antifaschismus, Hans Christoph Stoodt und Wolf Wetzel, 2014: https://wolfwetzel.wordpress.com/2014/04/14/euro-maidan-das-laute-schweigen-des-antifaschismus/

Der Krieg ist total en vogue, Wolf Wetzel, 2022: https://overton-magazin.de/kolumnen/kohlhaas-unchained/der-krieg-ist-en-vogue/

 

 

Der Krieg bringt uns alle zusammen … um

 

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