Die Welt ist unsere Klinik

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Die Welt ist unsere Klinik

Zur Eröffnung des „harten Lockdowns“ in Deutschland am 16. Dezember 2020 strahlte ARTE den Krimi „Der ewige Gärtner“, eine Verfilmung des Romans „The Constant Gardener“ von John le Carré aus. Man wollte damit den berühmten Krimiautoren John Le Carré ehren, der kürzlich verstorben ist.

Es sind sehr viele Romane von John Le Carré verfilmt worden. Aber genau dieser passt in die Corona-Zeit, als hätte sich jemand bei der Auswahl etwas gedacht. Wenn man ganz hintersinnig sein will, könnte man sogar vermuten, dass gerade dieser Film ein Wink mit dem Zaunpfahl ist. Im Mittelpunkt dieser Krimis steht das Geschäft mit der Angst und auf welche Weise ein Impfstoff auf den „Markt“ gebracht wird und wie man „Leben retten“ und „Über Leichen gehen“ zusammenbringt.

Dieser Film würdigt also nicht nur einen brillanten Krimiautor. Er ruft zugleich ein Wissen über Pharmakonzerne ins Gedächtnis, denen nicht unsere Gesundheit am Herzen liegt, sondern der Profit. Das macht sie nicht besonders böse, sondern zu erfolgreichen Geschäftsleuten, die am Profit, an Marktanteilen gemessen werden und nicht an der Menschenliebe. Das ist also nicht die dunkle Seite des Kapitalismus, sondern seine Grundbedingung.

Was der Film zeigt, ist ein „Film“, der seit Jahrzehnten genauso Wirklichkeit ist: Das milliardenschwere Geschäft mit der Angst, mit tödlichen Krankheiten und das jahrzehnte alte Wissen, dass Pharmakonzerne so ähnlich agieren wie die Waffenindustrie. Sie versprechen Schutz, leben und profitieren vom Tod.

Der fiktive Pharmakonzern „ThreeBees“ in diesem Film hat das Firmenmotto:

 

Wer bis zum traurigen Ende im Film durchhält, bekommt keinen Trost in der Wirklichkeit. Seit ein paar Tagen werden alle Sender, alle Nachrichten, alle Experten auf die nächste Stufe der Pandemie stimmungsaufhellend eingestellt: Der Impfstoff gegen COVID 19 ist da und natürlich unglaublich wirksam, so um die 95 Prozent. Man will ja nicht total übertreiben.

Wurden wir bisher vor allem mit Bildern aus der Intensivstation „sensibilisiert“, so kommen nun – komplementär – die Rettungsbilder dazu: Wir sehen Impfzentren aus dem Boden sprießen und hören Experten, wie man die Bevölkerung durchimpfen will.

Manche machen Hoffnung, dass man bis Frühjahr 2021 damit durch ist, womit das Erreichen der 70 Prozent-Marke gemeint ist. Dann geht man von einer „Herdenimmunität“ aus.

Seitdem kreist alles nur noch um die lästige Zulassung der verschiedenen Impfstoffe. Man spürt in diesem Szenario, dass es jetzt darum geht, „bürokratische“ Hindernisse zu überwinden. Hand aufs Herz: Wer ist wirklich für deren Aufrechterhaltung? Niemand. Und schon hat man wieder eine Mehrheit zusammen.

Damit ist buchstäblich die lästige Frage vom Tisch gefegt, warum man bei anderen Impfstoffen vier, sechs oder gar zehn Jahren brauchte, bis sie die Zulassung bekommen hatten? War das nur „bürokratische“ Korinthenkackerei oder macht(e) das Sinn? Wie will man die Langzeitwirkung erfassen und berücksichtigen, wenn man sich diese Zeit nicht nimmt? Wie will man die Zuverlässigkeit eines Impfstoffes gewährleisten, wenn man darüber gar nichts weiß, gar nichts wissen will?

Dazu könnten doch ganz viele Virologen und Mediziner etwas sagen? Also zumindest jene, die man in Talkshows einlädt. Fragt man sie dazu? Nein. Sagen die Virologen und Mediziner etwas dazu, ohne gefragt zu werden? Nein.

Man weiß, dass es darauf keine medizinische Antwort gibt, die auch nur halbwegs auf validen und überprüfbaren Fakten beruht.

Die Entscheidung, den Impfstoff dermaßen ungeprüft auf den Markt zu werfen, hat politische Gründe.

Ich habe in dem Beitrag: Das Virus, der Kapitalismus und wir ausgeführt, dass der harte Lockdown ab dem 16. Dezember 2020 zur Eindämmung der Pandemie auf etwa 20 Prozent des Infektionsgeschehens zielt, auf den Privatbereich. Wenn rechnerisches und epidemiologisches Wissen miteinander korrelieren, dann werden die meisten Kontakte (also Übertragungswege) gar nicht durch den Lockdown unterbunden, sondern bewusst in Kauf genommen. Wenn diese Analyse richtig ist, dann weiß man, dass die behauptete Vollbremsung vor allem Spuren im Privatleben der Menschen hinterläßt und davon ablenkt, dass das hauptsächliche Infektionsgeschehen hingenommen wird.

Wer genau diese Strategie gefordert hat, wer exakt diese auch bekommen hat, ist kein großes Geheimnis, schon gar kein besonders verschwiegenes: Als sich im November 2020 abzeichnete, dass der Lockdown (light) im Privatbereich das Infektionsgeschehen nicht deutlich senken kann, meldete sich Hubertus Bardt, der Geschäftsführer des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) kurz und knapp zu Wort:

„Lockdown light darf nicht auf Industrie übergreifen.

Die ökonomischen Auswirkungen der derzeitigen Beschränkungen sind zwar nicht so gravierend wie der Lockdown im Frühjahr, kosten aber dennoch rund 17 Milliarden Euro. Entscheidend ist nun, dass die Maßnahmen weder verschärft noch über den Winter verlängert werden – und dass die Industrie verschont bleibt.“ (IW-Nachricht vom 16. November 2020)

Dem Ruf der „Wirtschaft“ wurde weitgehend Folge geleistet. Der „harte Lockdown“ für den Privatbereich ab dem 12. Dezember 2020 hat keinerlei epidemiologische Grundlagen, sondern folgt ökonomischen „Notwendigkeiten“.

Dass es bei einem Lockdown nicht so sehr darauf ankommt, ob er light oder heavy verordnet wird, sondern ob er das Mobilitätsgeschehen, also die Ansteckungsgefahr tatsächlich beeinflussen kann/will, ist auch ohne medizinisches Wissen einleuchtend. Dass ein wie auch immer ausgepreister Lockdown im Privatbereich genau das nicht kann, ist wissenschaftlich keine Sensation, wenn man die Studien dazu öffentlich zugänglich machen würde, wenn sich alle jene daran messen würden, die den „harten Lockdown“ befürworten, mit und ohne Regierungsauftrag.

Genau dies hat Christof Kuhbandner in einem ausführlichen Telepolis-Beitrag getan und kommt nach Auswertung verschiedener Studien zu dem Schluss:

Zusammenfassend basiert die Empfehlung eines harten Lockdowns in der 7. Ad-hoc-Stellungnahme (der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, d.V.) auf keiner belastbaren wissenschaftlichen Grundlage. Als Begründung der Notwendigkeit eines harten Lockdowns wird zum einen nur auf arbiträre Einzelbeispiele verwiesen, obwohl umfassende publizierte Studien existieren, welche die Wirksamkeit von Lockdowns grundlegend in Frage stellen.“

Wer an dieser „Strategie“ nichts ändern will, hat nur einen Ausweg: So schnell wie möglich, so viele wie möglich „durchimpfen“. Das ist zwingend, erst recht, wenn man bei jeder Gelegenheit betont, dass das Zwingende ganz freiwillig ist.

Natürlich ist den Experten, Politikern und Kommunikationsstrategen nicht entgangen, dass das Vertrauen der Bevölkerung ins Wanken geraten ist, dass man sich gar nicht mehr so sicher ist, dass man ganz freiwillig die 70-Prozent-Marke erreicht.

Wie erreicht man sie dennoch? Wie dehnbar der Begriff „Freiwilligkeit“ sein kann, kann man in dem Film „Der ewige Gärtner“ begutachten. Aber das ist eben Afrika.

Wie macht man es also in der Ersten Welt?

Einen Tag nach Ausstrahlung des John Le Carré-Filmes sorgten geladene (Dauer-)Gäste in einer Corona-Sonder-Sendung für eine zeitgerechte Adaption des Filmstoffes. Man muss hinzufügen, dass bei solchen Fernsehformaten der Korridor für abweichende Meinungen ungefähr bei +/- 5 Prozent liegt. Das heißt: Wenn man einmal jemanden einlädt, die/der den Corona-Maßnahmen widerspricht, dann hat man zum Ausgleich auch jemanden, dem die Einschränkungen nicht weit genug gehen.

Zum gemeinsamen Einstimmen erklärten die Gäste den neuen Impfstoff für sicher, ohne die Fünf-Prozent-Klausel in Anspruch zu nehmen. Als das allumfassend geklärt war, stand die Frage der Akzeptanz, des Vertrauens im Raum.

Sogleich hatte jemand aus dem Kreis der Geladenen eine tolle Idee. Man müsse Prominente für den Impfstoff gewinnen, also nicht für eine Impfung, sondern für dessen Bewerbung.

Der Megastar Angelina Jolie hatte Angst vor Krebs und wusste um die erblichen Vorbelastungen. Also entschloss sie sich, vorsorglich die Brüste, die Gebärmutter und die Eileiter entfernen zu lassen. Das machte sie danach auch öffentlich. Ganz stolz berichtete der Geladene, dass danach die Auftragsbücher in den Krankenhäusern voll waren, mit Frauen, die dasselbe machen wollten.

Der illustre Kreis der Geladenen war verzückt. Ja, so müssen wir es machen. Wir brauchen Sympathieträger. Ja, fantastisch, es muss ja nicht wieder Angelina Jolie sein.

Im Film – wie im wirkliche Leben – geht es um die Vermarktung eines lebensrettenden Medikaments, das gegen AIDS bzw. gegen COVID 19 helfen sollte.

Es werden sicherlich einige einwenden, dass man das „damals“ nicht mit heute vergleichen kann. Das stimmt – auch wenn die Antwort alles andere als beruhigend ist

In dem Film, damals, war Afrika das kontinentale Versuchslabor. Wenn etwas schieflief, der Impfstoff tötete, dann blieb das eine „afrikanische“ Angelegenheit und man verschonte uns mit Bildern, die uns mit den Folgen konfrontierten.

Jetzt ist einiges anders: Der Impfstoff gegen COVID 19, der jetzt auf den „Markt“ kommt, wird in Europa getestet. Zuerst kommen die Risikogruppen dran. Das ist eine großartige Geste. Und ein kleiner Hinweis darauf, dass die Dritte Welt zur Ersten Welt zurückkehrt.

Und nun zurück zum Film:

„Das Leben von Justin Quayle, eines Diplomaten im britischen Hochkommissariat in Nairobi, gerät aus dem Gleichgewicht, als seine Frau Tessa, eine Menschenrechtsaktivistin, ermordet im Norden Kenias aufgefunden wird. Dass die Behörden zu dem Schluss kommen, Tessa sei Opfer einer Beziehungstat geworden, macht es für den sonst so besonnenen Mann doppelt schwer. (…)

Justin hat bis dato ein beschauliches Leben geführt und ehrliche Leidenschaft nur für sein Gärtnerhobby und seine Frau empfinden können. Doch jetzt ist alles anders. Statt in gewohnter Manier zur Tagesordnung überzugehen und möglichst keine Gefühle zuzulassen, quält ihn die Frage, wer für ihren bestialischen Tod verantwortlich ist. Justin stellt Nachforschungen über Tessas Arbeit an; als Sozialarbeiterin engagierte sie sich für die Menschen jenseits der gepflegten Golfplätze. Die Spurensuche führt ihn von Nairobi über London und Berlin zurück in die Krisengebiete Südafrikas.

Überall stößt er auf das Pharmaunternehmen ThreeBees, das kostenlose Impfprogramme anbietet und Verbindungen bis in die Regierungsspitzen zu haben scheint.

Ungeachtet handfester Drohungen (…) versucht Quayle, die tiefgreifenden Intrigen des Pharmaunternehmens, dessen Aids-Mittel verheerende Folgen nach sich zieht, aufzudecken.“ (Ankündigungstext bei ARTE)

Und jetzt viel „Spaß“ bei diesem Film, der wirklich sehr berührend ist – gerade weil es viele „Tessa’s“ und „Quayle’s“ in der Jetztzeit braucht, um dem inneren Lockdown zu entgehen.

Wolf Wetzel

Publiziert bei Telepolis am 28. Dezember 2020: https://www.heise.de/tp/features/Die-Welt-ist-unsere-Klinik-4999402.html

 

Quellen und Hinweise:

Wolf Wetzel, Das Virus, der Kapitalismus und wir, telepolis vom 16. Dezember 2020:

https://www.heise.de/tp/features/Das-Virus-der-Kapitalismus-und-wir-4990952.html

Hubertus Barth (IW), Lockdown light darf nicht auf Industrie übergreifen: https://www.iwkoeln.de/presse/iw-nachrichten/beitrag/hubertus-bardt-lockdown-light-darf-nicht-auf-industrie-uebergreifen.html

Der ewige Gärtner, ARTE: Die nächste Ausstrahlung ist am Mittwoch, 6. Januar um 00:45:

https://www.arte.tv/de/videos/045540-000-A/der-ewige-gaertner/

Christof Kuhbandner, Warum die Wirksamkeit des Lockdowns wissenschaftlich nicht bewiesen ist, Telepolis vom 18. Dezember 2020: https://www.heise.de/tp/features/Warum-die-Wirksamkeit-des-Lockdowns-wissenschaftlich-nicht-bewiesen-ist-4992909.html

Einige Reaktionen auf dem telepolis-Forum:

Dieser Beitrag ist recht oft gelesen worden und hat zu über 600 Kommentaren geführt. Sicherlich nicht nur für den Autor ist es manchmal schwer, einzelne Kommentare, also die Nichtbezugnahme, die schwer erklärliche Wut auf den Autor zu schlucken. Und dennoch sind sie hilfreich und wichtig – denn ansonsten bleibt die Wirkung eines Beitrags eine black box. Das Telepolis-Forum hat noch einen Vorteil, den ich zu schätzen gelernt habe: Es besuchen sehr unterschiedliche Leute „Telepolis“. Wenn mich der Eindruck nicht täuscht, ist die Mehrheit kritisch gegenüber den Mainstream-Medien und sucht nach dem, was man dort nicht (mehr) findet. Dennoch würde ich nicht sagen, dass die Mehrheit der Kommentator*innen links sind. Das hat einen Vorteil: Sie halten sich nicht an linke Benimm-Regeln, die viel zu oft notwendige Differenzen unterdrücken, anstatt sie auszuagieren.

Ich möchte einige wenige Kommentare herausgreifen, weil sie Nahtstellen in der Diskussion, im Selbstverständnis sichtbar machen, aber vielleicht auch „Unterschwingungen“, die bei dem Thema Leben und/oder Tod mitklingen und auf die wir achtgeben müssen.

 

Leser: „Die Querdenker meckern, die Wirtschaft ging kaputt. Wolf Wetzel meckert, dass man die Wirtschaft nicht kaputt macht. Recht machen kann man es sowieso niemandem. Ich weiß nicht, was mehr nervt, die Pandemie oder das Genörgel.“

Antwort: Da haben Sie einen wunden Punkt getroffen: In der Tat geht es den “Querdenkern” um einen Kapitalismus, dessen grundsätzlichen Bedingungen (Profit-Maximierung, hemmungslose Vernutzung jeder Ressource, solange profitabel und handelbar) in böse Charaktere verschoben werden.

Deshalb sage ich, dass ein wirklicher Lockdown ein kompletter sein muss, um mit dieser Vorstellung herauszubekommen (-kitzeln), ob es wirklich um die Gesundheit aller (und der Schwächsten obendrauf) geht oder eben ganz bewusst und ganz systemimmanent um etwas Anderes. An diesen Widerspruch möchte ich ran. Im Übrigen würde man die “Wirtschaft” nicht kaputt machen. Sie würde aber im weltweiten Ranking einige Punkte einbüßen und für die tut man ziemlich viel.“

 

Leser: „Nur: So läuft es nicht. Die einsame Journalistin, die ganz allein das Komplott ausheben muss und dabei umgebracht wird. Es ist genau umgekehrt: da sind Milliarden von Augenpaaren von Trumpisten und Bolsonaristen auf den Impfstoff gerichtet und wenn da auch nur die kleinste Unregelmäßigkeit zu sehen ist, wird das unüberhörbar skandalisiert. Längst vor Corona war die Impfgegnerszene bestens organisiert, in Deutschland rund um den Kopp-Verlag. Das sind aber keine Anthroposophen, das sind Nazis. Wäre ja auch mal schön, wenn sich TP des Themas annähme. Dass man mit dieser Klientel Auflage machen kann, das hat John le Carré durchaus begriffen. Wird jetzt nicht verschwiegen, bloß, weil er verstorben ist. Aber das ist nichts gegen einen Bhakdi, der nun wirklich abgesahnt hat. Dass nun das, was wir jetzt sehen, zumindest zum Teil auf sein Konto geht, who cares?“

Antwort: „Hallo A., es ist immer hilfreich für eine Kommunikation (wenn sie gewollt ist), dass man keinen fiktiven Pappkameraden aufbaut, sondern sich mit dem Text auseinandersetzt. Ich bin kein “Impfgegner” (und habe sogar einen Impfpass) und habe sehr viel zur rechten „Kapitalismuskritik” geschrieben (wozu ganz sicher auch der Kopp-Verlag gehört). Das ändert doch gar nichts an der Kritik, die ich formuliert habe! Du schießt Bälle ins Tor, auf einem Feld, das ich gar nicht betreten habe.“

 

Leser: „Hemmungslose Vermischung von Argumenten, bis nichts als braune Soße im Topf ist. Ja – die Macht und das Profitstreben der Pharmakonzerne ist ein ungelöstes Problem – das allerdings primär durch Privatisierung und Vermarktwirtschaftlichung des Gesundheitswesens entstanden ist. Wenn man die Kontrolle über die Akteure aufgibt und das einem Markt überlässt, muss man sich nicht wundern, wenn einem das über kurz oder lang um die Ohren fliegt.

Ja – es gibt einen gewissen Druck bei manchen Medikamenten, die zu den gültigen Regeln verfügbar zu machen – und der Druck ist nicht rein medizinischer Natur. Welche Risiken das speziell im Falle der Corona-Impfstoffe birgt, hängt aber nicht davon ab, wie erfolgreich die Impfung gegen Pocken oder Kinderlähmung war, und auch nicht davon, ob die Masernimpfung fragwürdig ist.

Das Heranziehen von tradierter Kritik ist kein Argument für sich. Und mal abgesehen davon, dass insbesondere die mRNA-Technik schon sehr lange beforscht wird und schon eine Weile als weitgehend harmlos – im engeren Wortsinne – gelten, kommt natürlich im Falle von Corona eine Abwägung dazu, die vollkommen anders aussieht als etwa bei den Masern – und wiederum anders als bei der Grippe.

Mit dem Sars-CoV2 haben wir ein Virus in der Welt, dass einen hochpotenten Infektionsmechanismus nutzt – nicht jedes Virus kann stundenlang als Aerosol infektiös bleiben -, über Tage den Wirt symptomlos für die Weiterverbreitung nutzen kann und dann noch die Fähigkeit hat, sehr unterschiedliche Zelltypen im Wirt zu kapern.

Selbst wenn die Impfung schwerwiegende Nebenwirkungen hätte – solange sie weniger Menschen tötet oder mittelfristig schädigt, ist sie ein Gewinn gegenüber dem Ist-Zustand. Dazu kommt, dass damit die Chance einhergeht, einen Zustand wieder herstellen zu können, der eine Ausrottung des Virus durch Tracing ermöglichen kann. Wenn wir die Chance nicht nutzen, riskieren wir, dass das Virus sich weiterentwickelt und mehr Potenzial in jeder Richtung entwickelt.

Die Pharmakonzerne sind immer noch zu mächtig – und sie lügen, dass die Schwarte kracht. Aber eine hilfreiche Impfung zu vermeiden wird sie nicht schwächen.

Schwächen könnte sie, auf den ultimativen Bestandsschutz von Besitz zu verzichten, so dass etwa Verfahren zwangsweise Public Domain werden können. Aber solange jeder beim Straßenausbau um 20 Zentimeter seines Vorgartens kämpft, kann die Macht der Konzerne nicht gebrochen werden. Das Besitzstandsdenken des kleinen Mannes schützt die Macht der Konzerne und Eliten.

Und dann muss man mal, wenn man einigermaßen gebildet und erwachsen ist, sich für das kleinste Übel entscheiden. Sich aus einer Fundamentalopposition heraus die Argumente zusammenzuklauben und zu verrühren, bis das eigene Lala-Land wie eine Konsequenz aussieht, ist pubertär und dumm.“

Antwort: „Ich kann Ihre Argumente gut nachvollziehen. Das machen wir alle, jeden Tag: Es ist so, wie es ist, also machen wir das, was dem “ist so” nicht in die Quere kommt.

Aber es gibt auch einen – sehr langsamen und anstrengenden – Weg, da raus zu kommen: Man kann den Horizont dafür öffnen, dass es anders geht und dass das nötig ist, weit über die Pandemie hinaus. Das dürfte doch aushaltbar sein und kein Grund, das Lala-Land auszurufen. Übrigens gab es noch nie epochale Veränderungen, weil man das „kleinere Übel“ gewählt und ausgehalten hat, sondern weil man ein „Lala-Land“ vor Augen hat(te). Was Sie hier verächtlich als Lala-Land abtun, nannte man früher Utopie.“

Leser D. : „Ich sehe, dass der Autor nicht im Ansatz Ahnung hat, wie Entwicklung und Zulassung von Impfstoffen funktioniert. Das kann passieren, wenn man sein Wissen über Pharmakonzerne aus Krimis bezieht. Ich betreibe also gerne etwas Aufklärung:

‚Damit ist buchstäblich die lästige Frage vom Tisch gefegt, warum man bei anderen Impfstoffen vier, sechs oder gar zehn Jahren brauchte, bis sie die Zulassung bekommen hatten? War das nur “bürokratische” Korinthenkackerei oder macht(e) das Sinn?‘ (Zitat aus dem Beitrag)

Sonst dauert es so lange, weil nicht die ganze Welt auf einmal intensiv und einigermassen kooperativ und mit riesigen Finanzspritzen versehen an etwas forscht. Hier war bereits letzten Winter das Virus sequenziert, noch bevor er in Europa ausbrach – und es gab Vorerfahrungen mit SARS und MERS (und nein, Impfstoffe dagegen gab es nur deswegen nicht, weil sich diese Epidemien schnell selbst limitierten und auslöschten – und nicht, weil es besonders schwierig sei oder so). MRNA Impfstoffe als Plattform werden auch schon seit zig Jahren erforscht und auch in der Veterinärmedizin eingesetzt – beim Menschen nur deswegen nicht, weil sie unhandlich für individuelle Impfungen sind wegen der Kühlung (wobei das Problem nun ja auch von Moderna gelöst wurde). Es stand also alles bereit und es war klar, dass die Entwicklung rasant schnell gehen wird und die Fortschritte sehr schnell kommen werden. Zumindest jedem der einigermassen vom Fach ist. Übrigens sind über 200 Impfstoffe in der Entwicklung, aktuell 8 in Phase III, es ging also nicht bei jedem Impfstoff und jeder Plattform so schnell wie bei mRNA. Das wiederum hat auch einen Grund, es ist vergleichsweise schnell und einfach brauchbare Mengen mRNA herzustellen.

Sonst dauert auch gerne bei selteneren Erkrankungen alleine schon die Rekrutierung von ausreichend Probanden für Phase III mehrere Monate. Und bei Erkrankungen die nicht gerade so akut grassieren dauert die Auswertung auch länger, bis genug der Probanden exponiert wurden, so dass man den Schutz beurteilen kann.

Dann das rolling review Verfahren – ja, normalerweise setzt man nicht so viele Mitarbeiter der Zulassungsbehörde auf mehrere verschiedene Projekte, BEVOR es klar ist ob das zielführend oder vertane Liebesmühe ist. Hier hat man es dennoch getan, damit es noch schneller geht.

Also ja, es hat völlig nachvollziehbare und gute Gründe, warum es diesmal so viel schneller ging.

‚Wie will man die Langzeitwirkung erfassen und berücksichtigen, wenn man sich diese Zeit nicht nimmt?‘ (Zitat aus dem Beitrag)

Hier liegt ein sehr weit verbreiteter Irrtum zugrunde. Impfungen haben keine Nebenwirkungen, die plötzlich aus dem Nichts fünf Jahre später auftreten. Nebenwirkungen von Impfungen, auch die seltenen, treten binnen Tage, spätestens Wochen auf. Was man bei der Zulassung eines Impfstoffs grundsätzlich noch nicht weiss und auch noch nicht wissen kann, sind also NICHT die oft postulierten “Langzeitfolgen”, sondern die sehr seltenen Nebenwirkungen. Wenn in der Phase III 22.000 Probanden geimpft wurden, KANN eine sehr seltene Nebenwirkung, die nur in einem von einer Million Patienten aufgrund seiner persönlichen ‚Konfiguration‘ vorkommt, nicht bekannt sein. Das ist bei diesem und jedem anderen Impfstoff so und auch bei Medikamenten. Es ist nicht machbar, jedes benötigte Mittel (Impfstoff oder Medikament) erst 20 Jahre lang an 10 Mio Probanden zu testen, um die wenigen äusserst raren Nebenwirkungen zu erfassen, während drumherum Menschen sterben wie die Fliegen. Deswegen werden Impfstoffe und auch Medikamente dann zugelassen, wenn ihr Nutzen nachweislich ihre Restrisiken sehr deutlich überwiegt.“

„Hallo D.,

eigentlich hast du es gar nicht nötig, so abschätzig und abwertend zu sein, wenn du so viel Wissen einbringen kannst (wobei es immer hilft, wenn du sagst, wie du an dieses Wissen herankommst, also auch überprüfen kannst). Und vielleicht erstaunt dich das, aber ich hätte keine Mühe, meine Zweifel zurückzustellen, die ich formuliert habe. Wenn sie jemand ausräumen kann, dann wäre das der Sinn einer Diskussion, einer notwendigen Kontroverse.

Ich möchte dir also glauben, von Herzen – und davon ausgehen, dass dieser Impfstoff so sicher ist, wie er sein kann. Dann würde ich darum bitten, mir dieses Vorgehen zu erklären, den Gaby Weber in einem Beitrag für Telepolis für Argentinien ausgeführt hat:

“Doch nun musste das Gesundheitsministerium zugeben, dass weder Pfizer/BioNtech noch Moderna oder AstraZeneca den ersehnten Stoff liefern werden. Pfizer habe “unakzeptable Bedingungen” gestellt, so Minister Ginés González García. Der Konzern habe darauf bestanden, dass

  • Argentinien darauf verzichtet, mögliche juristische Auseinandersetzungen vor heimischen Gerichten auszutragen;
  • das Unternehmen im Streitfall das Gericht aussucht;
  • Argentinien die Entschädigungen zahlt, die aufgrund von Nebenwirkungen eingeklagt werden und;
  • Vertraulichkeit gewahrt bleibt.

Der argentinische Kongress hat aber darauf bestanden, dass der Pharmakonzern die Haftung übernehmen müsse. Das habe Pfizer abgelehnt.” (https://www.heise.de/tp/features/Impfchaos-in-Suedamerika-4999720.html)

Dieses Vorgehen widerspricht nicht nur allen marktüblichen Regeln (wozu auch Haftungspflicht gehört), es widerspricht auch eklatant dem Umgang mit einem sicheren Produkt. Wenn du also diesen Graben zuschütten kannst, dann würde das sehr helfen.”

Noch am selben Tag antwortete mir  Leser D., dieses Mal doch recht wortkarg:

„Hallo, das passt leider nicht zu meinem Informationsstand:

‚Für den eher unwahrscheinlichen Fall von Impfschäden, also schwere Komplikationen oder bleibende Schäden, gibt es eine Haftung und die Chance auf Schadensersatz und Schmerzensgeld. Laut Rechtsanwalt Tsambikakis haftet dann der Staat: ‚Dann hat man Anspruch auf Versorgung und müsste den Bund verklagen.‘ Im Falle eines Impfschadens ist eine staatliche Entschädigung und Versorgung gesetzlich durch das Bundesversorgungsgesetz und das Infektionsschutzgesetz geregelt.“

 

Leser: „Naja, letztens hieß es noch, Covid19 wäre 5x ansteckender als die Influenza … Heute heißt es in der Überschrift wieder “Das Geschäft mit der Angst”. Also ich finde Telepolis sorgt in der Corona-Krise ordentlich für Verwirrung. Mit diesen einmal so und einmal so Artikeln. Heute ist die Impfung sinnvoll morgen wieder böse und der Impfzwang wird uns alle den Rest geben. Und weil das immer noch nicht reicht müssen wir zum Schluss alle sterben.“

Antwort: „Ich verstehe Ihre Kritik – aber genau das ist die Stärke von telepolis: Man diskutiert und stellt alle Pole der Debatte vor. Man (also die Redaktion) weiß es so wenig genau wie alle anderen – mit und ohne “Fach”wissen. Deshalb ist ein Virus ein tödlicher – weil man zu wenig weiß. Und genau deshalb muss die Suche nach Antworten auch große Widersprüche aushalten. Das halte ich für einen großen Verdienst von telepolis.“

 

 

 

 

https://www.heise.de/tp/features/Die-Welt-ist-unsere-Klinik-4999402.html

 

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