Das Virus, der Kapitalismus und wir

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Das Virus, der Kapitalismus und wir

Ein weihnachtlicher Vorschlag zum Ausbruch aus der Einschließung

Verständlicherweise waren wir – wie alle anderen auch – am Anfang der Pandemie konsterniert, kopflos und überfordert: Zahlen, Tabellen, Virologen, ständig neue Begriffe flogen durch die Diskurs-Landschaften, untermalt mit Bildern von Särgen, die nur noch von Militärs abgeholt werden und einem den Rest geben.

Alle fragten sich, also auch die Experten: Was ist richtig, was ist übertrieben? Welche Schutzmaßnahmen helfen, welche sind unwirksam und falsch? Was macht man mit Wissen, was macht man, weil man wenig weiß? Was ist medizinisch begründet, was macht man aus anderen Gründen?

Das Erschreckende ist, dass wir – nach über zehn Monaten Pandemie – immer noch im selben, uns vorgegebenen Laufstall diskutieren bzw. uns darin emotional aufreiben. Trotz der „Wellenbrecher“ steigen die Infektionszahlen weiter. Also muss „nachgeschärft“ werden. Wer es ein wenig deutlicher haben möchte, dem sagt der CDU-Ministerpräsident Kretschmer aus Sachsen klar ins Gesicht, dass nun „ganz andere, ganz klare, autoritäre Maßnahmen des Staats“ (tagesspiegel.de vom 11.12.2020) nötig sind.

Die zweite Welle

Wir nehmen gedankenlos hin, dass die „zweite Welle“ nur mit noch stärkeren Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, der Kontakte beantwortet werden muss. Wir murren bei der einen oder anderen Maßnahme, aber im Großen und Ganzen bewegen wir uns in dem vorgegebenen Korridor – wie Stiere, die durch enge Gassen gejagt werden. All warten gebannt auf die „Strafrunden“.

Ab dem 16. Dezember 2020 wird der Einzelhandel (mit Ausnahme der Geschäfte für den täglichen Bedarf) bis zum 10. Januar 2021 geschlossen. Schulen, Kitas, Restaurants, Cafés, Kneipen und Kultureinrichtungen ebenso. Bußgelder werden bei Nichtbeachtung verhängt.

Und Arbeitgeber werden „dringend gebeten“ etwas zu tun, wozu andere gezwungen werden.

Das „öffentliche Leben“ wird drastisch heruntergefahren: Maximal fünf Personen aus maximal zwei Haushalten dürfen Zusammensein. An Weihnachten drücken Corona und Gott ein Auge zu:

„Vom 24. bis zum 26. Dezember sind demnach Treffen mit vier über den eigenen Hausstand hinausgehenden Personen aus dem engsten Familienkreis zulässig, dazu kommen Kinder im Alter bis 14 Jahre – ‚auch wenn dies mehr als zwei Hausstände oder 5 Personen über 14 Jahren bedeutet‘.“ (Tagesschau vom 13.12.2020)

Der engste Familienkreis wird definiert als Ehegatten, Lebenspartner und Partner einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft sowie Verwandte in gerader Linie, Geschwister, Geschwisterkinder und deren jeweilige Haushaltsangehörige.

Verstanden?!

Vollbremsung – auf dem Seitenstreifen

Der bayrische Ministerpräsident Söder hat die Entscheidungen für eine „Vollbremsung“ ab dem 16. Dezember 2020 so zusammengefasst:

„Corona ist außer Kontrolle geraten“, warnte Bayerns Regierungschef Markus Söder. „Die Lage ist eigentlich wieder 5 vor 12. Deswegen wollen wir keine halben Sachen mehr machen, sondern konsequent handeln. (…) Ab Mittwoch richtiger Lockdown in Deutschland, für alle, konsequent und auch klar verständlich und anwendbar.“

Und wer ist schuld daran? Na klar doch, die Party-Gänger*innen, die Zusammenkünfte in privatem Rahmen … die Corona-Rowdies und der Glühwein-Strich. Von da zu den „Covidioten“ ist es nicht weit. Man will uns damit sagen: Die Mehrheit spurt, aber wir müssen jetzt für die Wenigen büßen, die die Sau rauslassen. Alle machen (dabei) mit – auch ganz viele, die sich als Linke begreifen.

Verlassen wir einmal für wenige Momente das recht billige Aggressionsangebot. Fällt niemand bei dieser Art der Maßnahmen etwas auf, etwas besonders Merkwürdiges?

Vollbremsung?

Bei aller Unwissenheit, wie das Virus „tickt“, weiß man ganz Grundsätzliches über die Verbreitung von Viren und die Möglichkeit, sich davor so gut es geht zu schützen. Unbestritten gehören dazu Abstandhalten und gegebenenfalls das Tragen eines Mundschutzes. Man weiß noch etwas ziemlich sicher: Das Virus überträgt sich in geschlossenen Räumen besonders gut, bei einer langen Verweildauer in diesen und wenn sich dort viele aufhalten.

Wenn man also Kontakte reduzieren muss, dann macht man das vernünftigerweise dort, wo diese Kriterien erfüllt werden. Ahnen Sie, was dabei herauskommt?

Es ist nicht der Freizeit- und Privatbereich. Es ist der Arbeitsbereich. Dort ist man oft mehr als acht Stunden zusammen. Dort arbeitet man für gewöhnlich in geschlossenen Räumen, dort ist man im Stress und wenig aufmerksam. Wenn man die Kontaktparty im „Wirtschaftsleben“ mit dem vergleicht, was die Menschen nach der Lohnarbeit noch anstellen, dann ist das verdammt gering. Es ist sicherlich nicht übertrieben, wenn man das Fazit zieht, dass 80 Prozent der Kontakte im Arbeitsleben stattfinden.

Der Lockdown, die Einschränkungen finden aber nicht dort statt!

Was man also an Kontakten im Freizeit- und Privatbereich verbietet, sanktioniert oder einschränkt, hat nichts mit einer wissenschaftlichen Begründung zu tun. Es ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass man die „Wirtschaft“ – koste was es wolle – am Laufen halten will. Aufgrund der Maßnahmen und der Orte, die zur Bekämpfung der Pandemie (aus-)gewählt werden, bringt man „die Wirtschaft“ zum Verschwinden, für die man eine Gesundheitsgefährdung Tag für Tag in Kauf nimmt, an die keine Querdenker*innen-Demonstration heranreicht.

Auch Johannes Hauer hat in einem sehr lesenswerten Beitrag das Wörtchen Arbeit bei der Aufzählung der „gefährlichen Orte“, der Superspreader nicht gefunden:

Wo Ausgangsbeschränkungen gelten, darf nur noch in ‚Ausnahmen‘ das Haus verlassen werden, etwa für Spaziergänge, zum Einkaufen oder für die Arbeit. Dieses kurze Wörtchen ‚Arbeit‘ steht ganz unschuldig in den Aufzählungen, irgendwo zwischen Gassigehen und dem Wocheneinkauf. Dabei bringen der Arbeitsplatz sowie An- und Abfahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln ungezählte Kontakte zu Menschen fremder Haushalte mit sich, und das zumeist in geschlossenen Räumen. Der neuerliche Lockdown ändert hier nichts.“ (ND vom 12.12.2020)

Die Arbeitswelt, der Produktionsbereich wird unsichtbar gemacht. Die Scheinwerfer der Aufmerksamkeit sind auf das gerichtet, was jenseits davon passiert. Das ist nicht furchtbar neu, aber hilfreich zu verstehen, worauf wir „achten“ sollen, was in den Blick genommen wird. So ist die Straßenkriminalität fast immer im Blick, wenn man Kriminalität thematisieren, im wahrsten Sinne des Worts verorten will. Fast nie bekommt man bei diesem Thema Chefetagen und Konferenzzimmer (und Saunawelten) zu sehen.

Das bringt Johannes Hauer dazu, den französischen Philosophen Jacques Rancière zu Rate zu ziehen, der von einer „Aufteilung des Sinnlichen“ spricht, in der bestehende Hierarchien und Trennungen stabilisiert werden: Eine „Ordnung des Sichtbaren und des Sagbaren, die dafür zuständig ist, dass diese Tätigkeit sichtbar ist und jene andere es nicht ist, dass dieses Wort als Rede verstanden wird und jenes andere als Lärm.“ (Das Unvernehmen, 2002)

Was bedeutet dies für die Wahrnehmungsökonomie, also auch für uns? Wir haben die Parks und Corona-Partys im Auge, die Après-Ski-Gelage und machen sie für die Verschärfungen verantwortlich. Gleichzeitig sorgen wir mit dafür, dass man „aus dem Arbeitsplatz einen privaten Raum macht, der nicht von den Weisen des Sehens und des Sagens regiert wird, die dem eigen sind, was man öffentlichen Raum nennt.“ (Rancière).

Wem das zu philosophisch ist, dem empfehle ich das geniale Fazit dieses Beitrags:

Drei Menschen in einem Park sind ein öffentliches Ärgernis, 3.000 Menschen in einer Fabrik sind Privatsache.“

In der öffentlich-rechtlichen Diskussion über die Wirksamkeit eines „harten“ Lockdown blitzt ganz selten ein Lichtblick auf. Da wird zu bedenken gegeben, dass es harte Lockdowns in Frankreich und Spanien bereits gab und dass die Infektionszahlen dort heute höher sind als in Deutschland. Das wäre doch ein gewichtiger Grund, dem nachzugehen! Warum geht niemand diesem Einwand nach?

Man ahnt bei den Experten, dass sie die Antwort haben, dass man diese jetzt nicht hören will. Ein noch so harter Lockdown im Privatbereich kann das Infektionsgeschehen in der Arbeitswelt nicht verhindern.

Wenn Herr Söder sagt, dass jetzt keine „halben Sachen“ mehr gemacht werden, dann ist das nur dann keine Lüge, keine Täuschung, wenn man die Arbeitswelt nicht dazuzählt, wenn man die Verhältnisse auf den Kopf stellt:

Der Privatbereich ist heute (mehr denn je) öffentlicher, zu überwachender Raum und der gesamte Produktivsektor ist (mehr denn je) Privatsache. Dort gilt das, was man sich vom Privatleben verspricht: Keine staatliche Einmischung, keine staatliche Überwachung, keine (Corona-)Vorschriften.

Es verwundert also überhaupt nicht, dass man nun laut mit autoritären Maßnahmen droht. Wie will man auch einem halbwegs erwachsenen Menschen erklären, dass Kontakte in der Arbeitswelt kein Gesundheits- und Infektionsrisiko sind, in einem Cafe, in dem die Tische zwei Meter auseinanderstehen, aber schon.

Keine halben Sachen?

Gerade wenn es uns um die Gesundheit aller geht, wenn wir es tatsächlich mit der Solidarität ernst meinen, dann sollten wir endlich zusammen die Forderung aufstellen, dass der Lockdown dort stattfinden muss, wo die meisten Kontakte, die größte Ansteckungsgefahr besteht, also im Wirtschaftssektor.

Und da wir als Privatmenschen schon reichlich in Vorleistung getreten sind, ist es mehr als gerecht, wenn wir einen Lockdown im Wirtschaftssektor fordern und zum Ausgleich den Freizeit- und Privatbereich wieder zugänglich machen, mit alle den Hygienekonzepten, die schon längst da sind und nun vor verschlossenen Türen die Tyrannei des Unsinns verkörpern.

Diese Forderung würde zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Zum einen würden wir denen, die uns in Namen unsere Gesundheit das Leben schwermachen, nicht länger hinterherschleichen.

Zum anderen würden wir genau jene, die sich hinter unserer Gesundheit verstecken, aus der Deckung holen, wenn sie begründen müssen, warum die Verbreitung des Virus der Preis für den Kapitalismus ist, der „alternativlos“ ist.

Um genau diese rote Linie geht es. Halten wir sie mit ein, halten wir sie selbst für unüberschreitbar oder wagen wir uns, sie zu übertreten.

Es geht also dabei nicht nur um „die“, sondern auch um uns.

Wolf Wetzel

Publiziert auf „Telepolis“ am 16. Dezember 2020: https://www.heise.de/tp/features/Das-Virus-der-Kapitalismus-und-wir-4990952.html?seite=all

Wer Berichte, Informationen über den “Privatbereich” Arbeitswelt hat (zum Amazon, Tönnies, Automobilwerke etc.) kann mir diese gerne zukommen lassen: wolfwbox-mail@yahoo.de

 

Quellen und Hinweise:

Johannes Hauer, Die Stunde des Leviathan. Jetzt kommt der ‚harte Lockdown‘, zuerst in Sachsen, Neues Deutschland vom 12.12.2020: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1145676.corona-pandemie-die-stunde-des-leviathan.html

Das ist der 21. Corona-Brief. Zu den anderen geht es hier: Corona-Briefe

 

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