Subversion in Coronazeiten. Ein Beitrag von Gerhard Hanloser

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Subversion in Coronazeiten. Ein Beitrag von Gerhard Hanloser

Die Ordnung zu durchbrechen war das Letzte, das während des Lockdowns angesagt zu sein schien. Eine Suche nach dem wühlenden Maulwurf mit Johannes Agnoli.

 

Subversion war für den 68er-Theoretiker und 2003 verstorbenen Berliner Politologen Johannes Agnoli praktische und theoretische Arbeit, die auf die Umwälzung hinausläuft. Sie soll einlösen, was der Marxsche kategorische Imperativ postulierte: Nämlich alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein gedemütigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes und verächtliches Wesen ist. Alltagssubversion, so bekannte Agnoli in einem Gespräch mit Christoph Burgmer im Jahr 2001, bestünde darin, Freiheit und Gleichheit in den menschlichen unmittelbaren Verhältnissen zu praktizieren. Geschichtliche Emanzipation, welche die Subversion anstrebt, entstehe demnach im Alltag, und zwar in jenem von Familie, Schule und Universität. Und er schließt:

„Mich interessiert in der Politik, ob es möglich sei, diese Fähigkeit der Emanzipation zu entwickeln, die sich im Grunde gegen die Politik, wie ich sie verstehe, richtet.“

Subversion besteht für Agnoli folglich in der Weigerung, die Machtstrukturen des Staates und auch die Herrschaftsstrukturen der Gesellschaft anzuerkennen.

 

Dies sind starke und herausfordernde Worte. In Pandemiezeiten schienen sie schlicht beiseitegeschoben zu sein. Oft drängte sich der Eindruck auf, dass die ersten Lockdownopfer Begriff und Haltung der Kritik, der Skepsis und schließlich der Subversion waren. Die staats- wie kapitalkritische subversive Linie war ohnehin schon schwer ramponiert; in den nominell linken Parteien hat sie kein Gewicht, in den außerparlamentarischen Szenen dominieren subkulturelle Codes mit eigenen Moralregimen. In prekären Zeiten drängen einzelne Vertreter dieser Szenepolitik in Die Linke als Partei, andere verbleiben außerhalb, im prekären Milieuraum, der kaum eine gesellschaftliche Attraktivität zu entfalten vermag. Die Tradition eines kritischen Denkens, die Rudi Dutschke noch verkörperte, ist abgebrochen, der Faden der Subversion war bereits ausgefranst, bevor er endgültig zerrissen ist. Der Lockdown mit seinen neu geschaffenen Parametern von erforderlicher und eingeforderter Wohlgefälligkeit scheint dies schlussendlich ratifiziert zu haben.

Anpassung und Ordnung, Sauberkeit und Wohlanständigkeit wollten auch weite Teile der Bewegungslinken durchsetzen: „Coronaleugner*innen raus!“ steht in Kreuzberg 61, „Schwurbler*innen raus aus den Kiezen!“ wird gesprüht und sieht sich in Opposition zu einem anarchistischen Anti-Spahn-Graffiti. Mit #Zerocovid hat sich eine linke Front aus queerfeministischen Diskurslinken, DKP-Streitern und (ex-)trotzkistischen Aktivist*innen für einen Kriegskommunismus auf der Höhe des Pandemiegeschehens ausgesprochen – und dabei vergessen, dass der „Staat des Kapitals“ (Agnoli), der ja Anrufungsobjekt der Zerocovid-Forderungen war, dem eingeforderten harten und konsequenten Lockdown eher nicht „solidarisch“ nachkommen werde. So war dem Projekt, das ja darauf aufmerksam machen wollte, dass Kapitalinteressen vor Menschenleben gehen, bereits eine Fehlkonstruktion inhärent.

War Idee wie Praxis der Subversion dahingegen unter den Lockdownkritiker*innen und „Coronarebellen“ verbreitet? Der Verfassungsschutz ist eindeutig: Er schuf sogar angesichts der Legitimation der Beobachtung von Teilen der „Querdenker“-Szene eine eigene Kategorie, nämlich jene der verfassungsschutzrelevanten „Delegitimation des Staates“. Agnoli hatte bereits in seiner Zeit darauf hingewiesen, dass sich in den realsozialistischen wie den bürgerlichen Lexika die Definition der „Subversion“ gleichen: „die Subversion gilt als von außen gesteuert, feindselige Tätigkeit – auf der einen Seite gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung, auf der anderen gegen den realen Sozialismus.“ Nun sollte die angeblich staatsgefährdende Subversion der „Querdenker“ auch als von außen kommende Gefahr ohne jeglichen Bezug zur real herrschenden Politik dargestellt werden. Linker Einspruch gegen diese Überwachung und Repression, die natürlich auch andere politische Strömungen treffen könnte, erfolgte nicht, denn die Mehrheit der Linken hatte „Querdenken“ ja als „rechts“ markiert. Dabei wurde dreierlei übersehen: Die Querdenker-Szene war so geschlossen und politisch einheitlich nicht und artikulierte in einigen Randbereichen auch Kritik, die an linkes Denken und Handeln anschlussfähig hätte sein können, besonders in Hinblick auf unbegrenzte Machtbefugnisse des Staates; die klassischen Akteure des Rechtsradikalismus versuchten anders als die Linke unter den Lockdown-Unzufriedenen zu wirken, zu agitieren, zu okkupieren und zu rekrutieren – allerdings nicht reibungsfrei und mit unklaren Ergebnissen; der Verfassungsschutz wollte sich neue Legitimation, operative Felder und Überwachungsmöglichkeiten erschließen mit einer höchst schwammigen Begründung, wonach sich „eine neue Form des Extremismus entwickelt“ habe, „für den es noch keinen Namen gibt“, der aber ähnlich gefährlich sei „wie die anderen Formen“.

Wenn es also etwas gab, was von Seiten der Herrschenden als objektiv gegebene Subversion angesehen wurde, so waren es jenes Sammelsurium aus Maßnahmenkritiker*innen und „Coronarebellen“, die nirgends einen guten Leumund hatten, vor allem nicht in der parlamentarischen Linken und der Antifa. Allenthalben, so gab Agnoli zu bedenken, sieht der Staat Ruhestörer und gefährliche Subjekte am Werk. „Sofern die Ordnung, das heißt das jeweils gültige ‘Wertesystem’, das Licht darstellt, erscheinen subversive Gedanken und Gestalten als finstere Gesellen, eben als lichtscheue Elemente“. Sprach hier der Denker der Revolte von den „Coronarebellen“? Hätte sich Agnoli über diese vermeintlich subversiven Strömungen gefreut? Die Frage ist so abwegig nicht. Agnolis staats-, wie kapitalismuskritisches Denken vor Augen müsste die Antwort allerdings eher Nein lauten. Zum einen ist nicht jede Ablehnung und jede Negation fortschrittlich. Agnoli war Hegelianer genug, um zu wissen, dass aus der „leeren Negation“ nichts Positives erwachsen kann. Und ihm war klar, dass nicht alles, was Negation ist, aus „ungehobenen Schätzen“ besteht. Zum anderen agiert die historisch fortschrittliche Subversion gegen irrationale Herrschaft, nicht gegen sachlich begründete Autorität an sich. Wie viel irrationaler Anteil in den Lockdownmaßnahmen steckte, hätte allerdings offen diskutiert und kommuniziert werden müssen. Doch der „gute Bürger“ sollte sich in Coronazeiten ja nicht nur an augenscheinlich Sinnvolles wie das Maskentragen halten, sondern unterlag auch wenig zielführenden Ausgangssperren. Die in den offiziellen Medien vorgenommene Diskursverengung und moralisierende Abwertung abweichender Meinungen führten dazu, dass ein generelles Zweifeln sich in hermetischen Filterblasen zu einem „subversiven Gegenwissen“ (Oliver Nachtwey) verdichtete, sich öffentlicher Korrektur entziehen konnte und zuweilen verschroben-irrationale Züge annahm. Insofern trug das System mit vom Bundesinnenminister propagierten „Angst“-Narrativen, das Staat und Bürger zusammenschweißen sollte, am hässlichen Gesicht der Gegenreaktion einen nicht unerheblichen Anteil.

Aufklärerische Subversion ist freilich nicht Rebellion um der Rebellion willen. Sie ist mit Aufklärung und dem Emanzipationsdenken verbunden, sie betreibt keine Zerstörung der Vernunft. Allerdings kommt ihr eine je eigene, zeitlich bedingte Qualität zu, bei Thomas Müntzer artikulierte sie sich beispielsweise religiös, kleidete sich also in zeittypische ideologische Formen. Auch heute finden sich Elemente einer Alltagsreligiosität, die Anpassung wie Aufbegehren gleichermaßen prägen. Diese Alltagsreligion besteht allerdings nicht nur im Glauben an die Kraft von Amuletten, dem Talisman oder der Lieblings-Heilkunde-Schule, sondern ist auch im nüchtern kalkulierenden Sachverstand anzutreffen, der alles in scheinbar eindeutige Indizes, Zahlen und Quanten zu übersetzen weiß. Fetischismus hat viele Gesichter.

Aber wichtiger noch: für unsere Zeit, die Agnoli „Spätkapitalismus“ genannt hätte, ist Subversion für den aus Italien kommenden Neomarxisten mit der Praxis der Arbeiterklasse verknüpft. Hier wirkt Subversion als Kampf gegen entfremdete Lohnarbeit und Ausbeutung. Agnoli hätte wohl die Mikropolitik der Streiks und Verweigerungen der Lohnabhängigen verfolgt, die sich teils gegen unzureichenden Gesundheitsschutz artikulierten und zuweilen einen „Lockdown von unten“ erzwangen, teils gegen die lockdownbedingte Unterbindung, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. In dem zerklüfteten Multiversum der aktuellen und globalen Arbeiter*innenklasse gestaltete sich subversives Handeln recht unterschiedlich, zuweilen konträr. Ewiges Problem ist das Kleinbürgertum, das wusste Agnoli, der sich auch als Faschismustheoretiker einen Ruf erworben hatte. In den heutigen Zeiten des generalisierten Kleinbürgertums drängt sich die Faschismusgefahr in besonderer Weise auf. Sichtbar wurde dies nicht nur bei den diversen Aufmärschen der „Querdenker“-Bewegung, aber hier erschien sie eben im besonders grellen Licht, wie die Recherchearbeit diverser Antifagruppen zeigt.

Agnoli hielt nichts von der Psychoanalyse oder einer kritischen Sozialpsychologie. Sein Subversionsbegriff müsste mit den Überlegungen von Erich Fromm kombiniert werden, um Subversion von der Regression frei zu halten. Nach Erich Fromm kann in gesellschaftlichen wie persönlichen Krisensituationen eine rebellisch-trotzige Pseudo-Auflehnung vornehmlich Unterwerfung suchender oder ausüben wollender Charaktere aufbranden. Personen mit solcher Disposition rennen geradezu blind gegen beliebige Formen der Autorität an, auch um den Preis, dabei selber Schaden zu erleiden. Sobald sie jedoch die Möglichkeit der Einordnung, der Anerkennung oder Machtteilhabe erhalten, als Anschein von Aufwertung ihres beschädigten Ichs, lassen sie von ihrer rebellischen Attitüde ab.

Genau dies passiert nun angesichts der Lockerungen und wiederhergestellten individuellen Freiheiten bei jenen, deren „Renitenz gegen das Vorfindliche“ (Agnoli) im letzten Jahr nur im heftig eingeklagten Zurück zu dem kapitalistischen Normalbetrieb bestand. Diese fliegen nun nach Mallorca, wenn’s geht ohne Impfung, aber mit der BILD-Zeitung unterm Arm und Zoten über Karl Lauterbach auf der Zunge.

Andere aus dem Spektrum der Maßnahmenkritiker*innen wie beispielsweise die „Freie Linke“, die sich gegen Staat und Kapital zur Wehr setzen wollen, müssen sich in Selbstkritik wie Selbstbewusstsein gleichermaßen üben. Selbstkritik, weil ihre Agitation zuweilen wenig überzeugende Züge trug und von nicht nachvollziehbarer Verstiegenheit geprägt war. Außerdem muss sich dieses Protestmilieu fragen, ob die Distanz zu Reaktionärem, Neofaschistischem und Sozialdarwinistischem deutlich genug eingenommen wurde. Doch es könnte dann auch mit Johannes Agnoli die Anfeindungen von Presse und hegemonialer Linker damit kontern, dass schon immer von herrschender Seite die subversive Theorie und Praxis umstandslos zu Mist erklärt wurde:

„Vergessen wir also nicht, wie es in einem italienischen Lied heißt, dass auf den Diamanten nichts wächst, auf dem Mist aber, da wachsen die Blumen“.

Die hegemoniale Linke dahingegen glänzte so schön wie ein frisch geputzter Diamant in der Herrscherkrone. Sie konnte in Lockdownzeiten einem Saalordner gleich vor allem eines nicht ertragen: den subversiven Witz, uneindeutigen Humor, der seit jeher subversive Kunst ausmachte. Nicht die Existenz des König empörte sie, sondern der Hofnarr.

Ja, wir sind bei #allesdichtmachen. War diese Kunstaktion subversiv? Ja und nein. Die von Dietrich Brüggemann, Jan Josef Liefers und anderen initiierten Kurzfilme zur Lockdownkritik hatten starke aufklärerische und kritisch-polemische Elemente. Im besten Fall wirkten sie subversiv durch Überaffirmation einer Pro-Lockdownhaltung, die besonders im privilegierten Milieu der Guteingerichteten grassierte. Ironie zu verstehen, fällt vielen schwer. Eine weitverbreitete Kritik an den Filmen – die weniger vom vielbeschworenen „Mann auf der Straße“ kam, sondern eher vom linkselitären Konkret-Magazin – lautete: „Was haben diese Millionäre denn rumzujammern?“. Das Ressentiment scheint auch bei Linken abrufbar zu sein. Sicherlich entstammen maßgebliche Teile der mit #allesdichtmachen aktiv gewordenen Schauspielerinnen und Schauspieler einem privilegierten Milieu, aber zum einen ist dies in der Geschichte der aufklärerischen Subversion nichts Ungewöhnliches, zum anderen unterstellt es den Kritisierten eine soziale Blindheit, die diese gerade in einigen ihrer Filme kritisierten.

Hervorzuheben ist dabei Nadine Dubois Beitrag, der sehr treffend auf die Klassengesellschaft hinweist, in der die privilegierten Kreise in Lockdownzeiten auf ihrer Dachterrasse sitzen, während Lieferboten und Müllmänner weiter die Drecksarbeit zu machen haben. Der Beitrag verweist auch auf die halbe Lockdownpolitik, in der nämlich im Freizeitbereich „alles dicht“ gemacht wurde, nicht jedoch in maßgeblichen Bereichen der Ökonomie. Die Verdrehung des Solidaritätsbegriffs wurde kritisch aufgespießt, indem Dubois freundlich-fröhlich-pseudoempathisch dem Betrachter erklärte, dass sich nun auch für die Bessergestellten die Möglichkeit eröffne, in „solidarische Aktion“ zu treten: nämlich im denunziatorischen Fotografieren der anderen, der „schrecklich Egoistischen“, die sich nach der Arbeit zum Feiern versammeln. Auch andere Filme machen auf eine Denunziationswut aufmerksam, die durchaus in Teilen des angstbewegten Bürgertums grassiert. Insofern standen sie in einer klaren Traditionslinie der Subversion, schließlich hatte auch Diderot herausgestellt, dass die „guten Bürger“ zuweilen die „schlechtesten Menschen“ und „gefährlichsten Feinde“ der Aufklärung darstellen.

Klug und subversiv waren auch jene Filme, die bereits die Reaktionen antizipierten wie beispielsweise jener von Christian Ehrich: Dass man „naiv“ andere Interessen bediene, den Rechten in die Hände spiele, Applaus von der falschen Seite bekomme, ja, selbst rechts sei. Diesen Sophismus der „Kontaktschuld“ und der Association Fallacy ereilte ja dann auch die Schauspielerinnen und Schauspieler und die Organisatoren dieser kleinen Kunstaktion in Form haltloser Beiträge des Tagesspiegels.

Die Mehrheit der Filme bediente sicherlich eine liberalistisch unterlegte Freiheitsemphase, teilweise waren sie schlicht Nonsens und wenig gut durchdacht. Linke Kommentator*innen bemängelten das weitgehende Fehlen einer linken Eindeutigkeit. Das mag schon sein. Aber soll Kunst wieder ins enge Korsett des sozialistischen Realismus gezwängt werden oder gar nur noch volkspädagogischen Erziehungsmaßnahmen gehorchen? Ist das eine gebotene Notwendigkeit in Pandemiezeiten? Subversion steht nun mal auf der Seite der Freiheit. Und sie löst sich souverän von ihr aufgeheischten Referenzsystemen, die interessanterweise als Stütze neuer linker Denkweisen fungieren.

Ein FREITAG-Autor meinte so auch nicht in den Filmen Subversives entdecken zu können, sondern ausgerechnet in den gehässigen Reaktionen darauf, die sich bis in die Punk ‘N’ Pop-Kultur der linken Szene zeigte. Rapper Haxans Zeile „Jan Josef Liefers, halt dein gottverdammtes Maul“ wird zitiert und neben Punk-Hymnen auf Christian Drosten durch die Berliner Band ZSK und Egotronic musikalische Untermalung der neuesten Antifa-Parole „Wir impfen euch alle!“ gestellt. Ganz wohl ist dem Autoren dabei nicht: „Das könnte einem staatstragend vorkommen …“ Könnte. Der Konjunktiv. Er ist gesetzt, um sogleich negiert zu werden: „Der Skandal ist doch, dass die genannten Songs tatsächlich subversiv wirken, vor allem im Vergleich zu den Vorsängern der Volksgemeinschaft, von Xavier Naidoo bis hin zu Nena, die mehr und mehr rechte Milieus ansprechen.“ Im beliebig gesetzten Vergleich ist noch jede Subversion zur Strecke gebracht worden. Oder einfach umgestülpt worden. Vor dem phantastischen Antifa-Narrativ, in dem es eine gefährliche Xavier Naidoo-Volksgemeinschaft geben würde, kann jeder kluge Gedanke aus dem Feld geschlagen werden, auch der eigene. Denn natürlich sind die genannten Bands – von Egotronic über ZSK bis Rapper Haxan – alles andere als subversiv. Sondern sehr staatstragend. In ihrem Hass gegen die Uneindeutigen, die Querstehenden, gegen die „Schwurbler*innen“ kommt bei ihnen sogar ein autoritärer Reflex zum Zug.

Welch Ironie. Die größten moralisierenden Vereindeutiger*innen in der Coronakrise, die Jan Josef Liefers aufs Maul geben wollen, die eigenen linken WGs zu septisch reinen Quarantänestationen erklärten und denen spielend die FFP2-Maske zum zweiten Gesicht wurde, haben in den Vorpandemiezeiten mit queer theory das gefahrlose Spiel der Uneindeutigkeit vor allem in Hinblick auf Identität und Geschlechterperformanzen propagiert. Gab es zuerst keine Natur, nur Diskurs, so sollte plötzlich eine Naturkatastrophe jeden kritischen Diskurs unterbinden. Der Umschlag soll nicht verwundern, lebbar und mit der Realität vermittelt war und ist ja weder das eine noch das andere. Der Maskenball der Verstellungen stellt jedoch Kontinuität dar. Beide Male sind es moralisierende Gebote, die von der sinnlichen Vernunft, den Mühen der Ebene kritischen Denkens und Handelns, den Schwierigkeiten des mal gelungenen, mal weniger gelungenen Lebens meilenweit entfernt sind. Diese Ideolog*innen der neuesten radikalen Linken verwechselten ihr marktgängiges Identitäts-Spiel mit subversiven Gesten und verkannten den autoritären Charakter ihrer Mikropolitiken. Sie wollten in ihren kleinen Szenen schon ständig politisch korrekt agieren und waren in den besonderen Lockdownzeiten besonders anfällig für moralisierende Appelle des Staates.

Denn in der aktuellen Linken gibt es die Grundfigur, alles richtig machen zu wollen. Dieses Bedürfnis giert auf Anerkennung durch Anpassung und Wohlverhalten sprachlicher wie anderer Art. Das ist schlicht das Gegenteil von Subversion. Und diese Figur sorge dafür, dass der „radikale Linke“ der besonders „gute Bürger“ in Lockdownzeiten war.

 

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