Bewegung 2. Juni. Von 1975 bis 2021

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Der „2. Juni“ – im Jahr 1975

Ich wollte an der Uni telefonieren und betrat ein Telefonhäuschen. Dort, wo eigentlich die Telefonbücher liegen sollten, lag ein Stapel von Flugblättern. Das war zu dieser Zeit nichts Ungewöhnliches. Ich nahm ein Flugblatt an mich und las es im Gehen, bis mir klar wurde, was ich da in der Hand hielt.

Es war ein Flugblatt, das die Entführung des Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz begründete. Die Gruppe, die das Flugblatt unterschrieb, nannte sich „Bewegung 2. Juni“. In dem vierseitigen Flugblatt waren unter anderem ein Brief einer verzweifelten Frau abgedruckt, die den CDU-Politiker um Hilfe bat. An alles andere kann ich mich nicht erinnern.

Was es mit der „Bewegung 2. Juni“ auf sich hatte, konnte kaum jemand entgangen sein. Die Zeitungen und das Fernsehen waren voll davon: Besagte „Bewegung 2. Juni“ hatte 1975 den Spitzenkandidaten der CDU in Berlin, Peter Lorenz entführt und forderte für seine Rückführung die Freilassung von Gefangenen der RAF und vom „2. Juni“.

Die mediale Aufregung war riesengroß, denn es kam nicht alle Tage vor, dass ein hochrangiger Politiker gefangen genommen wurde. Neben dieser Dreistigkeit war die alles bestimmende Frage, ob man sich erpressen lassen will, also, ob die Bundesregierung auf die Forderung des „2. Juni“ eingehen soll.

Wir, das waren Jugendliche, die ihre ersten Schritte in Richtung Politik machten, waren in der Jugendzentrumsbewegung aktiv und waren von dem Häuserkampf in Frankfurt schwer begeistert, auch wenn wir weit weg vom Spielfeld standen und mit der Schnelligkeit, Heftigkeit und Radikalität der Ereignisse kaum, also ganz und gar nicht Schritt halten konnten.

Das Grundgefühl war aber auch ohne viele Bücher und ohne viel Theorie leicht zu spüren: Wir wollten raus aus der Biederkeit und Angepasstheit, raus aus der eigenen Familie, raus aus der Schule, etwas wagen, etwas erleben.

So wenig wir die Steine abwogen, die auf Polizisten geworfen wurden, um sich zur Wehr zu setzen, um etwas zu verteidigen – wie ein besetztes Haus zum Beispiel, so wenig Maßstäbe hatten für diese Entführung. Wir fanden sie einfach nur mutig – und je mehr sich die Medien und die Politiker darüber ereiferten, was denen denn einfällt, umso besser fanden wir das.

Vielleicht spielte auch eine nicht unwesentliche Rolle, dass wir zum ersten Mal erlebten, wie die Mächtigen am Rad drehten, wie sie plötzlich ohnmächtig waren, sich (zer-)stritten und ganz und gar die Souveränität und Unangreifbarkeit verloren, die wir tagtäglich zu spüren bekamen und die wir für ein Naturgesetz hielten.

Als nächstes habe ich das Flugzeug auf dem Rollfeld in Erinnerung, das bereitgestellt wurde, um die Gefangenen auszufliegen. Ganz offensichtlich hatten sich jene im Regierungslager durchgesetzt, die das Leben ihres Kollegen nicht aus Spiel setzen wollten.

Das Ganze wurde live übertragen, was Bedingung dieses Deals war: Plötzlich sieht man „Terroristen“, wie sie den Zurückgebliebenen zuwinken und dann im Flugzeug verschwinden.

 

Mit dem Flugzeug verschwand auch alles andere. Zurück blieb eine Erklärung. Wenn der „Tagesspiegel“ recht hat, haben wir das folgendem Umstand zu verdanken:

Auch nach der Lorenz-Entführung waren viele Sympathisanten bereit für einen Gefallen. So wurde die vom „2. Juni“ nach der Lorenz-Freilassung in einer Auflage von 30 000 Stück gedruckte Rechtfertigungserklärung von etwa 120 Helfern überall in Berlin verteilt. „Das war für die Polizei ein Schock“, freute sich noch Jahre später Ralf Reinders.“

Nicht ganz 20 Jahre später. Es war das Jahr 1993.

Der „Wiedervereinigung“ 1989/90 folgten die Pogrome und ein Wettlauf von oben und unten um den besten Nationalismus: Die einen wollten einen lockeren, unverkrampften und gesunden, die anderen einen mit Stiefel und Vergangenheit. Es kam zu mörderischen Angriffen auf Flüchtlinge und MigrantInnen und zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Linken und Nazis. In diese Zeit fiel ein Angriff auf ein Nazi-Treffen in Berlin (1992). Was nicht beabsichtigt war, passierte: Der Funktionär der neofaschistischen Partei ‚Deutsche Liga‘ Gerhard Kaindl wurde schwer verletzt und starb. Das war der Startschuss für eine großangelegte Repressionswelle. Mehrere Mitglieder (oder vermeintliche) der Gruppe „Antifa Gençlik“ wurden verhaftet. Es kam zu Aussagen, die die nächste Repressionswelle fütterte.

In dieser Phase wurden mehrere Gruppen aus verschiedenen Städten eingeladen, um sich auszutauschen, um – wenn möglich – ein gemeinsames Vorgehen zu besprechen.

Bei dieser Gelegenheit lernte ich „Ronny“ kennen, also Ronald Fritzsch, der zur „Bewegung 2. Juni“ gehörte und 1989 nach dreizehn Jahren Knast, wieder in Freiheit war. Mir blieb die ruhige Art im Gedächtnis, die er ausstrahlte. Wenn mir die Erinnerung keinen Streich spielte, lag ihm viel daran, die betroffene Gruppe in Schutz zu nehmen, anstatt die Frage des Verrates in den Mittelpunkt zu stellen.

Ronny wird dieses Jahr 70 Jahre alt.

Ich bin dankbar für diese Erfahrung, für diese Begegnung.

  1. September 2021

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2 Kommentare

  1. Danke für diesen wunderbar geschriebenen Artikel, in dem ich mich so gut wiederfinden kann. Sowohl im Lebensgefühl der Siebziger und der Einschätzung der Lorenzentführung wie auch in dem Abscheu über die schwülstige, tränenreiche Nationalismusschwelgerei im Zuge der Wiedervereinigung.
    In der Provinz hab ich leider keinen der Protagonisten vom 2. Juni kennenlernen können. Aber es gab ein großes Netzwerk von Sympis.
    Schön, dass es noch Protagonisten gibt!

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