Von der Person zur Unperson (Teil II)

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Von der Person zur Unperson (Teil II)

Natürlich hat man seine eigene Geschichte nicht im Griff. Und schon gar nicht, wenn man eine öffentliche/politische hat.

Geschichte wird gemacht …. (Fehlfarben), aber eben auch von anderen.

Veranstaltung in Weimar 2013 – die auch überwacht wurde.

 

Ich möchte den Wohlwollenden und den Feindseeligen gleichermaßen gerecht werden. Die Wohlwollenden wollen gerne wissen, wie andere über mich gedacht haben und die Feindseeligen wissen ganz genau, dass das Autobiographische nur die „halbe Wahrheit“ ist und stürzen sich auf all das, was die andere „halbe Wahrheit“ sein könnte.

 

 

 

 

 

1960er Jahre

Meine Mutter, mein Bruder und ich bildeten ein „Schwarzfahrerkollektiv“. Wir sammelten die weggeworfenen Fahrscheine, die nur auf 31 Tage ausgestellt wurden und hatten am Ende einen sehr großen Stapel an Fahrscheinen, mit denen wir uns dann einen Ausflug in die Stadt leisten konnten.

1970er Jahre

Aufgrund der polizeilichen Erfassung im Zuge der Beerdigung von RAF-Mitgliedern in Stuttgart-Degerloch 1977 wurde ich dem „RAF-Umfeld“ zugerechnet.

Die Straßenmalaktion in der Frankfurter Innenstadt brachte uns bei dem Sponti-Blatt „Pflasterstrand“ den Namen „Straßenguerilla“ ein. Das sahen Passanten damals nicht ganz so witzig und verrieten der Polizei, in welcher Kneipe wir unsere erste erfolgreiche Aktion feierten. Wir wurden alle festgenommen und bekamen wegen Sachbeschädigung eine Anzeige, die eingestellt wurde.

1980ff

Infolge einer Kritik an der RAF („Den Antiimperialismus neu bestimmen“) wurde ich von Antiimperialisten zum „Kollegen“ herabgestuft.

Die politische Intervention im Frankfurter Waldstadion 1982 könnte man auch unter „Spielverderber“ abbuchen – oder wer richtigen Verfolgungswillen hat auch als „Gewalt gegen Sachen“ qualifizieren:

„Unbekannte waren über den Zaun geklettert und hatten ‚Freiheit für El Salvador und Polen‘ auf die Anzeigentafel und die Tartanbahn gepinselt. Weil sich der Spray auf der Laufbahn nicht abwaschen läßt, schütteten Stadionarbeiter zunächst Sand auf die Parolen. Man wollte verhindern, dass die Fernsehkameras dergleichen in die bundesdeutschen und englischen Wohnstuben übertragen konnten. Zur Beseitigung muss jetzt eine Spezialfirma anrücken, die Oberfläche abschleifen und auf mehr als 100 Quadratmetern einen neuen Belag aufbringen. Zirkelbach: ‘Das kostet mehr als 10.000 DM‘.“ (FR vom 19.3.1982)

 

 

 

1982 erhielt ich eine Anzeige wegen „Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole gem. § 90 a StGB“ mit der mehrmaligen Aufforderung, mich bei der Staatsschutzabteilung der Polizei in Frankfurt (K 42) zu melden. Ich hatte einen Aufkleber in meinem Auto angebracht, das den ‚Hessenlöwen‘ (Landeswappen von Hessen) mt einem blutverspritzten Polizeiknüpppel zeigte.

 

 

 

 

 

Nach den tödlichen Schüssen auf Polizisten bei einer nächtlichen Aktion am 2.11.1987 gegen die Startbahn West kam es zu mehreren Veranstaltungen, die die Position(en) der Startbahnbewegung formulieren. Der Versuch, eines taz-Redakteurs, meinen Beitrag einzuordnen, brachte mir die sanftmütige Bezeichnung „Weizäcker der Autonomen“ ein.

Die Staatschutzabteilung im Polizeipräsidium Frankfurt (K 42) blieb hingegen beinhart: Dort wurde ich als „militanter Störer“ geführt.

1988 studierte auch das Kreisverwaltungsreferat in München den Text: „Stand autonomer Bewegung. Langlauf oder Abfahrt im Sturz“ – im Rahmen einer Verbotsverfügung – und kam zu folgender strafrechtlichen Würdigung:

Diese Äußerungen enthalten insbesondere in ihrem Gesamtzusammenhang die Aufforderung zu bzw. die Billigung von strafbaren Handlungen durch Befürworten von Gewalt gegen Sachen und Personen (…) jeweils in Verbindung mit § 316b Nr.2 (Umsägen von Strommasten) … § 211 (Mord), § 212 (Totschlag), §311 (Herbeiführen von Sprengstoffexplosionen) sowie § 111 i.V.m. § 123 (Hausfriedensbruch).“

Da war aber jemand sehr pingelig … was den Hausfriedensbruch angeht.

1990ff

Als wir den US-alliierten Krieg gegen den Irak (1991) als stinknormalen imperialistischen Krieg bezeichnet hatten und sich unsere Kritik ausdrücklich auch an „ehemals linke Juden“ richtete, die sich als Kriegsbefürworter (Bellizisten) präsentierten (Dan Dinner, Daniel-Cohn Bendit, Micha Brumlik u.v.a.m.), wurde die autonome L.U.P.U.S.-Gruppe vom Journalisten Eike Geisel als „Werwolf-Truppe“ bezeichnet – und damit sehr gewollt in die Nähe der geheimen NS-Organisation namens „Werwolf“ gebracht.

Diese Verwandlung blieb wiederum dem Verfassungsschutz verborgen. Ich blieb ein „Linksextremist“ – ohne Werwolf-Anwandlungen.

Auch die Polizei blieb in ihren alten Mustern verhaftet. Als wir im Rahmen von Anti-Kriegsaktionen am 23.1.1991 das Ordnungsamt in Frankfurt blockierten, wurden wir eingekesselt. Ich hatte auf dem Lautsprecherwagen die Polizei dazu aufgerufen, den Einsatzbefehlen ihrer Führung nicht zu folgen. Das wollte die Schutzpolizeiinspektion in ihrem Verlaufsbericht so verstanden wissen:

„Der auf dem ASTA-VW-Pritschenwagen befindliche Agitator, der die Demonstranten immer wieder aufwiegelte und über Lautsprecher ‚führte‘, wurde ebenfalls von einem Greiftrupp in Verwahrung genommen.“ (Verlaufsbericht vom 30.12.1991)

Mitte der 90er Jahre wurde ich vom Verfassungsschutz zum „Mitglied in einer terroristischen Vereinigung“ heraufgestuft, die die Bundesrepublik in Deutschland in größte Gefahr zu bringen trachtete. Die terroristische Vereinigung nannte sich ARMK, also ganz nah an der berüchtigten und robusten AK 47. Tatsächlich steht ARMK für „Autonome Rhein-Main Koordination“, die Ende der 1980er Jahre im Monatsrythmus autonome, anarchistische und militante Gruppen zusammenbrachte.

 

 

Im Zuge der geheimdienstlichen Überwachungsmaßnahmen wurde auch ein V-Mann eingesetzt, der den Decknamen „123“ bekam.

Er will an einem konspirativen Treffen teilgenommen haben, bei dem ich mich als „Berufsrevolutionär“ präsentiert haben soll. Nur die Frankurter Rundschau glänzte mit noch mehr Insiderwissen: „Traumberuf Terrorist“.

 

 

 

 

In diesem Jahrzehnt war viel los: Im Zuge eines (fristlosen) Kündigungsverfahrens wurde mir ein Schreiben des städtischen Jugendamtes in Frankfurt bekannt, in dem der Abteilungsleiter Sehnert meinen Arbeitgeber, eine evangelische Einrichtung, vor einer Weiterbeschäftigung warnte und mir bei dieser Gelegenheit den Titel „Agitator der sozialen Arbeit“ verlieh.

2000ff

Das 21. Jahrhundert fing gut, also vielversprechend an: Meine Freundin erklärte mich zum „Traummann“ – aber nicht fürs wirkliche Leben.

Im Zuge eines Aufrufes, einen Neonazi-Aufmarsch in Frankfurt zu verhindern, kommt es zu einer „Gefährderansprache“, die mich ganz persönlich darüber in Kenntnis setzen möchte, dass man mich im Auge behalten werde. Im Zuge einer anwaltschaftlichen Klage kommt heraus, dass ich seit Jahrzehnten von der Staatsschutzabteilung der Polizei in Frankfurt als „gewaltbereiter Störer“ geführt werde.

2007

Auf meinem Weg zum Übernachtungsquartier während des G-8-Gipfels in Heiligendamm verengen zwei „Privatfahrzeuge“ einen Waldweg. Jeweils zwei „Personen“ stehen an ihren Autos. Ich fordere sie auf, mit ihren Autos nicht weiter den Weg zu blockieren, ansonsten würde ich die Polizei rufen. Eine Person in Zivil tritt an das heruntergelassene Fenster und macht alles Weitere nicht mehr sehr rätselhaft: „Herr Wetzel, wir können doch diese Spielchen sein lassen.“

Auf dem Hintergrund der G8-Proteste in Heiligendamm fanden zwei Veranstaltungen statt, die von V-Leuten bespitzelt wurden: „Sie führten in der zweiten Jahreshälfte 2007 eine Informationsveranstaltung in Erfurt und Weimar durch. Dabei stellten Sie die gewalttätigen Ausschreitungen bei der ‚Internationalen Großdemonstration am 2. Juni 2007‘ in Rostock als legitme Aktionsform dar.“ (VS-Schreiben vom 27.5.2014)

 

2010

Der Verfassungsschutz ist mit einem Spitzel beim Gründungstreffen der „Georg-Büchner-Initiative“ in Frankfurt dabei: „Sie nahmen am 2./3. Juli 2010 in Frankfurt/Main am ‚1. Treffen der Aktionsgruppe ‚Georg Büchner‘ von circa 50 – 60 Personen teil und begrüßten die Teilnehmer. In der Diskussion wurde über geeignete ‚Angriffsziele‘ aus dem Bankenspektrum für Aktionen gesprochen.“ (VS-Schreiben vom 27.5.2014)

2011

Vom 17. bis 19. Juni 2011 fand in Köln-Kalk ein „Autonomenkongress (Changing Realitier)“ statt. Laut Bundesamt für Verfassungschutz/BfV soll ich daran teilgenommen haben. Außerdem will man meine „Eröffnungsrede“ (BfV-Schreiben vom 27.5.2014) dort gehört haben. Fakt ist allerhöchstens, dass sich der dort eingesetzte V-Mann sein Honorar verdienen wollte.

2014

Aufgrund einer Datenschutz-Anfrage an das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) erhalte ich als Antwort, dass ich zwar keinen Anspruch darauf hätte, aber man dieses Mal ein Auge zudrücken würden, um dann auf drei Seiten auszuführen, dass sie über meine Recherchen und Veranstaltungen zum NSU-VS-Komplex bestens im Bilde seien.

2015ff

Im Zuge der Recherchen zum NSU-VS-Komplex, der Publikationen und Veranstaltungen kamen zwei „Auszeichnungen“ dazu. Für die einen gelte ich als „NSU-Experte“. Für den Referenten der Rosa-Luxemburg-Stiftung und NSU-watch Beobachter des Prozesses in München Fritz Burschel mauserte ich mich zum „Meister der Verschwörungstheorie“, da ich hinter dem zehnjährigen „Behördenversagen“ keine Schlamperei, keinen Zufall sehe, sondern systemische Gründe.

Am Ende kommt dabei – wie sagt man – eine „schillernde“ und „umstrittene“ Persönlichkeit heraus. Das kann man doch so stehen lassen.

Wolf Wetzel

This is not the end …

8.4.2021

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