Geschichte wird gemacht … aus erster und zweiter Hand

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Geschichte wird gemacht … aus erster und zweiter Hand

Im Zuge eine Veranstaltung über die Geschichte der autonomen Bewegung und meine “Verwicklungen” versuchte ich die wichtigsten Stationen abzurufen, die das treffend beschreiben können. Je länger ich über die letzten 40 bis 50 Jahre nachgedacht habe, desto mehr fiel mir dazu ein, desto mehr verhedderte ich mich in Details: Wann und wo war das genau und was war ausschlaggebend dafür, es zu tun?

Es hat sich also gelohnt, meine spontanen Erinnerungen mit dem abzugleichen, was ich an Quellen und Dokumenten hatte. Die größte innere Anstrengung bestand/besteht jedoch darin, das Erinnerte nicht so zu beschreiben, wie es mir heute passt, sondern so, wie es damals gemeint war. Das ist nicht immer „identisch“, was gut und produktiv ist (auch das damit verbundene peinliche Gefühl, das einen ab und an umschleicht)

Natürlich hat man seine eigene Geschichte schon gar nicht selbst im Griff. Die Gefahr besteht immer, dass man sich eine Vergangenheit zusammenstellt, die zur Gegenwart passt. Es werden also Ereignisse ‘vergessen’, die einem heute übelgenommen werden könnten, die einen Schaden bei dem anrichten könnten, wo man heute steht, wo man hinwill.

Und natürlich ist die Geschichte, gerade die öffentliche/politische Geschichte einer Person nie nur die eigene. Geschichte wird gemacht …. (Fehlfarben), aber eben auch von anderen.

Ich möchte den Wohlwollenden und den Feindseeligen gleichermaßen gerecht werden. Die Wohlwollenden wollen gerne wissen, wie andere über mich gedacht haben und die Feindseeligen wissen ganz genau, dass das Autobiographische nur die „halbe Wahrheit“ ist und stürzen sich auf all das, was die andere „halbe Wahrheit“ sein könnte.

Die Gewitzten könnten sagen, dass ich beides in der Hand behalten möchte: meine eigene Geschichte und jene, die mehr über sich verraten, als über meine „verborgenen“ Seiten.

Da ist durchaus etwas dran. Ich möchte der Vergesslichkeit und der Denunziation gerne ein Schritt voraus sein. Wenn’s sich einrichten läßt.

Der erste Teil dieser Rekonstruktion ist also meine Geschichte:

Biographische Berg- und Tal-Stationen von 1972 bis 2020

Der zweite Teil widmet sich all denen, die sich zu meiner Person geäußerte haben – aus wirtschafts-politischen und beruflichen Interessen:

Von der Person zur Unperson von 1970er Jahren bis heute

Beides zusammen auszuhalten ist glücklicherweise kein Kunststück, das mir alleine obliegt.

Biographische Berg- und Tal-Stationen

1972

„Bolivianisches Tagebuch“ von Ernesto Che Guevara als Lektüre im Religionsunterricht

Pfeifkonzert gegen Frank-Josef Strauß in Stadthagen. Antwort von FJS: „Nicht pfeifen, denken!“

1973

Schulstreik gegen Numerus Clausus in Offenbach mit Streikkomitee, Vollversammlungen und Arbeitsgruppen

Erste Demonstration gegen den US-Krieg in Vietnam/Offenbach, mit Wasserwerfereinsatz und nassen Kleidern

Besuch der Stadtverordnetenversammlung in Offenbach: „Eine randalierende Gruppe sehr junger Leute, die als Jugendliche zu bezeichnen hochgestapelt wäre, war am 15. März im Stadtverordnetensaal aufgetreten und hatte eine Sitzung zum Platzen gebracht. Ihre Leistung bestand darin, unnachgiebig zu grölen, man verlange ein Jugendzentrum.“ (FAZ vom 30.5.1973)

Am 8. Mai wurde schließlich ein leerstehendes Haus besetzt, nachdem die Stadtverordneten auf das „Grölen“ nicht reagiert hatten: „Am 8. Mai erschraken alle miteinander. Die Unleidlichen waren ins leerstehende, zum Abriss bestimmte Haus Kaiserstraße 73 eingezogen, prahlten damit, keiner ‚Gewalt der Bullen‘ zu weichen, und proklamierten (…), hier ihr Jugendzentrum einzurichten.“ (FAZ vom 30.5.1973)

Rauswurf aus dem elterlichen Wohnheim und „Entlassung“ aus der Schule („auf Wunsch der Eltern“)

1974

Volljährigkeitserklärung und Rückmeldung zur Leibnizschule (nach Konferenzbeschluss)

Demonstration gegen die Räumung des „Blocks“ (Bockenheimer Landstraße/Schumannstraße)

Demonstrationen gegen die Fahrpreiserhöhungen Frankfurt/ Nulltarif

Foltertribunal in Frankfurt/Volksbildungsheim (13. März 1974)

1975/76

Zivildienst im ev. Kindergarten in Dörnigheim. Erarbeitung eines pädagogischen Konzeptes zur Überflüssigmachung der Erzieher

Streik um die Einführung der 35-Stunden-Woche

Als Naturfreundejugend Offenbach organisieren wir eine Ausstellung zur „Nelkenrevolution“ in Portugal

Reise nach Lisboa/Portugal, mitten in die Konterrevolution: Ehemalige Geheimdienstagenten der PIDE fliehen aus dem Gefängnis. COPCON-Einheiten im Bahnhof von Lisboa. Großes Aufbäumen gegen die laufende Konterrevolution – gegen das Projekt „poder popular“.

1977

Demonstration gegen das AKW in Brokdorf (mit viel BGS, Tränengas und stundenlangen Marschrouten)

Demonstration gegen den „Superphönix“ in Malville/Frankreich (31. Juli 1977) – mit nachttrunkenem Überfall des Camps von Moresteld durch frz. Gendarmerie/CRS.

„Kongress gegen Repression“ in Bologna/Italien (September 1977): Eine Reise ins Wunderland der autonomia.

 

 

RAF-Beerdigung in Stuttgart/Degerloch (27. Oktober 1977) und meine kreidebleiche Oma, die mich an der Wohnungstür mit den Worten empfing: „Wo warst du?“

Wenige Wochen später fand im total überfüllten Hörsaal 6 der Frankfurter Universität ein Teach-in statt. Völlig beherrschend war die Frage, ob es sich um Selbstmorde oder Morde handelte. Mein Beitrag war ein Gedicht mit der Überschrift: Der perfekteste Selbst-Mord. Das brachte das Gedicht auf die Titelseite des „Pflasterstrandes“ (Nr.17/1977), die Zeitung der „Spontis“.

1978

Der „Römer“ in der Frankfurter Innenstadt wird besetzt, um einen Aufmarsch der NPD zu verhindern. Nach der gewaltsamen Räumung des „Römers“ kommt es zu stundenlangen Straßenschlachten.

Um gegen das Schahregime in Persien zu protestieren, wird am Ende einer über 10.000 Menschen großen Demonstration das US-Konsulat in Frankfurter Westend angegriffen: „Wir sind von den Ereignissen überrollt worden. Die Beamten, die das Konsulat schützen sollten, sind in einer Weise angegriffen worden, daß kaum einer unverletzt geblieben ist. Es sieht grauenhaft aus.“ (Polizeipräsident Knut Müller)

Seminar zur „Theorie des politischen Terrorismus“ unter der Leitung von Prof. Iring Fetscher (Politikwissenschaftler) – mit abgezeichneter Literaturliste (von RAF, Rote Brigaden, Tupamaros bis ETA, R. Debray, Che Guevara bis Marighella) für das WS 1978/79

1979

Gegen das geplante „Deutschlandtreffen“ der NPD demonstrieren über 40.000 Menschen. Während ein Rockkonzert gegen rechts auf den Rebstockgelände (weitab vom Schuss) stattfindet, besetzt unsere Gruppe eine Kirche, die direkt auf der Route liegt.

1980

Besetzung des Hauses in der Siesmayer Straße 2-4. Damit wollten wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Zum einen etwas gegen einen geplanten Neonazi-Aufmarsch tun, zum zweiten gegen die alltägliche Stadtpolitik für Banker und Immobilienhaie.

1981

Besetzung des Ausbesserungswerkes in Frankfurt-Nied (Indercity Nied). Ein Teil unserer Gruppe setzt sich dort fest.

„Flohmarkt-Krawalle“ im Zuge einer Plakataktion zum § 129a am Mainufer

Räumung von Indercity Nied und Verhaftungen wegen Mitgliedschaft im „Schwarzen Block“ (nach § 129a)

Nackten-Sonntag“ als Antwort auf die Hüttendorfräumung (2.11.1981) an der Startbahn West: 30.000 Staba-GegnerInnen und ein Moratorium.

1982

Nachtaktion im Frankfurter Waldstadion (16.3.1982) vor einem internationalen Fußballspiel, das live übertragen werden sollte. Wir ätzen „Abajo la dictadura“ (Nieder mit der Diktatur) in den Rasen und sprühen „Freiheit für El Salvador“ auf die Anzeigewand.

1983

Zweitägige Blockade-Aktionstage in Frankfurt-Hausen gegen die Stationierung der Pershing II (im Zuge der atomaren Aufrüstung durch die Schmidt-Regierung)

Ernte-Brigadeeinsatz in Nicaragua auf der Kooperative „Oro verde“ in der Provinz Esteli

 

Empfang der Brigade durch Ernesto Cardinal/Managua 1983

1984

100. Sonntagsspaziergang an der Startbahn West

Demonstration gegen die Einweihung/Inbetriebnahme der Startbahn West mit über 10.000 Teilnehmer*innen (14.4.1984)

1985

Reise nach Nicaragua, El Salvador und Guatemala. In Nicaragua verbringen wir eine Woche auf der Kooperative „Oro verde“, die niedergebrannt wurde. In El Salvador nehmen wir an einer Demonstration teil, die die Politik des Verschwindens anklagt. Ein paar Tage später „verunglückt“ die Rednerin tödlich. Wir werden Zeuge einer Zwangsrekrutierung der Militärdiktatur, die von den USA und Europa unterstützt wurde. In Guatemala dokumentieren wir die Zwangsumsiedlung im Rahmen der Politik der „verbrannten Erde“. Die Dokumente und Bilder gehen dem Magazin „Stern“ zu, das alles unterschlägt und nicht darüber berichten.

Zwangsrekrutierung in Santa Anna/El Salvador 1985

Pfingst-Aktionstage in Wackersdorf gegen die geplante WAA. Der für unüberwindbar erklärte Zaun bekommt große Löcher und das CN-Gas kommt von Hubschraubern.

1986

„Libertäre Tage“ in Frankfurt (vom 16.4. – 20.4.). Mehr als 2.000 Teilnehmer*innen diskutieren sich durch alle politische Themen. Der Beitrag „Antiimperialismus neu bestimmen“, formulierte eine Kritik an der RAF und ihrem Verständnis von Imperialismus. Der zweite Beitrag „Stand autonomer Bewegung. Langlauf oder Abfahrt im Sturz“ kritisierte die Kampagnenpolitik und die fehlende gesellschaftliche Verankerung.

 

„Schwerverletzte gibt der Polizei Rätsel auf“ (im Zuge einer Strommast-Aktion, 27.8.1986). Am darauf folgenden Sonntagsspaziergang an der Startbahn liegt für kurze Zeit ein Schreiben aus, in dem der schwere Unfall als technische Panne beim Umsägen eines Strommasten erklärt wurde. „Strommastfällen“ war eine Antwort auf den GAU in Tschernobyl im selben Jahr – mit dem Ziel, der Forderung nach dem Ausstieg aus der Atomenergie Nachdruck zu verleihen.

Blockadetage rund um die atomare Wiederaufbereitungsanlage (WAA) in Wackersdorf (16.-18. 10.1986)

1987

Antiimperialistischer Kongress an der FH in Frankfurt mit autonomem Widerspruch. Am „Tag der sozialen Bewegungen“ lassen wir uns am Eingang zum Kongress nicht kontrollieren.

Jahrestag-Nacht-Aktion (2.11.) am Frankfurter Flughafen: Nach Attacken auf die Startbahn-Mauer verlassen mehrere Hundertschaften das Startbahngelände. Auf dem Rückzug werden Schüsse auf die vorrückenden Polizeibeamten abgegeben. Zwei Polizeibeamte werden getötet.

Es folgten zahlreiche Festnahmen und dutzende Razzien, verbunden mit der Anklage wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung (nach § 129a)

Ein Ermittlungsausschuss (EA) mit circa 30 Mitgliedern wird gegründet. Unter anderem wird die Aussageverweigerungskampagne „Anna und Arthur haltens Maul“ ins Leben gerufen.

In Nürnberg sollte im KOMM eine Diskussion über den Deutschen Herbst und die Schüsse an der Startbahn West stattfinden. Neben den Podiumsteilnehmern hatten sich drei Staatsschutzbeamte selbst eingeladen. Die freiwillige Bespitzelung lehnten alle Referenten und die über 300 Zuhörer*innen ab: „Die Diskussionsteilnehmer verschlossen die Türen, die Veranstalter beendeten die Versammlung. Die Referenten – Oliver Tolmein (taz–Bonn), Detlev zum Winkel (konkret), ein Mitglied der Frankfurter autonomen Lupus–Gruppe – diskutierten auf Wunsch der 300 Zuhörer weiter. Die Polizei, verblüfft über diese Entwicklung, verzichtete auf gewaltsames Eindringen…“ (taz vom 27.11.1987)

1988

Am 9.3.1988 sollte in München eine Großveranstaltung unter dem Motto „Tour de terror –Versammlungsfreiheit und Widerstandssperspektiven“ stattfinden. Als Referenten wurden unter anderem Erich Fried, Rainer Trampert und die autonome L.U.P.U.S.-Gruppe eingeladen. Die Veranstaltung wurde verboten. Begründet wurde dies mit einem Thesenpapier des Anti-Atom-Plenums („Interne Militanz-Debatte“) sowie dem Beitrag Stand autonomener Bewegung. Langlauf oder Abfahrt im Sturz. Ein Großaufgebot der Polizei sperrte den Veranstaltungsort ab, um der „Propagierung von Gewalt und der Billigung von Straftaten mit allem Nachdruck“ (Verbotsverfügung) zu begegnen: „Bayern, das Mittelamerika des freiesten Staates, den es je auf deutschem Boden gab“, merkt „Lupus“ in der nicht gehaltenen Rede ironisch an und ergänzt, sie „hätten fast einen Friedensplan für diese von Unfrieden und staatlicher Gewalt erschütterte Region mitgebracht. Schließlich beinhaltet der Friedensplan für Mittelamerika bemerkenswerte Inhalte und Forderungen, die für bayerische oder sagen wir deutsche Verhältnisse geradezu revolutionär klingen müssen: Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit, Redefreiheit, Amnestie für alle politischen Gefangenen, soziale Gerechtigkeit, Entmilitarisierung der gesamten Region und ein Ende des nichterklärten Kriegszustands.“ (Quelle: http://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/2690)

Radio Preungesheim“ (10.3.1988). Wir installierten bei Dunkelheit auf zwei Seiten der Justizvollzugsanstalt/JVA Preungesheim zwei Lautsprecheranlagen, die wir automatisch bedienen konnten, um so eine Stunde „Programm“ für die Gefangenen machen zu können. U.a. waren dort als Startbahngegner Reiner Hübner, Andreas Eichler und Frank Hoffmann inhaftiert.

Über Monate hinweg wird an einer Startbahn-Plattform diskutiert, die das gemeinsame Umgehen mit der Repression und den bevorstehenden Prozessen festlegen soll.

Parallel dazu wird ein Autonomes Rhein-Main-Plenum installiert, um sich über das weitere politische Vorgehen zu verständigen.

In Berlin fand am 12.3.1988 eine große Veranstaltung zu den Ereignissen am „2.11.“ im „Ex“ (autonomes Zentrum im Mehringhof) mit über 500 Teilnehmer*innen statt. Tarik, der den Polizeifunk an diesem Tag auswertete, schlug in einem späteren Gespräch vor, unsere Begegnungen „auf Eis zu legen“.

Als Ersatz für die verbotene Veranstaltung fand am 13. Juli 1988 in München dasselbe unter dem Titel: „Münchner Freiheit – Widerstand in der Höhle des Löwen …“ statt. Dieses Mal trat ein bis dato unbekannter Konfliktforscher auf und vertrat die autonome L.U.P.U.S.-Gruppe recht gut: Etwa fünfhundert Menschen besuchten die Veranstaltung. Das Unterstützungskommando/USK der Polizei umstellte das Gasthaus, um ungestört die Veranstaltung mit einem Tonbandgerät aufzeichnen zu können. Sieben Polizeibeamte in Zivil nahmen auf und Platz, bis man sie zu ihrem eigenen Schutz des Platzes verwies.

1989

Beginn der Startbahn-Prozesse gegen sieben Angeklagte vor dem OLG in Frankfurt

1991

Aktionstage gegen den US-alliierten Krieg gegen den Irak.

1993

Bundestagsblockade wegen Abschaffung des Asylrechts: „Die Brandstifter sitzen in Bonn

1996

Filmveranstaltung am 27.9.1996 im Café Exzess in Frankfurt: How to come trough? Inhalt des Videofilmes: „Spaziergang zu den Schnittstellen der Informationsgesellschaft“. Kurz vor Ende wird die Veranstaltung gestürmt und fast alle Besucher*innen festgenommen und ED-behandelt.

1999

Blockade des Sonderparteitages der GRÜNEN in Bielefeld, der die Beteiligung am laufenden Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien absegnen soll. „Verteidigungsminister“ Joschka Fischers wirbt dort für die Fortsetzung eines Angriffskrieges, um ein „zweites Auschwitz“ zu verhindern. Ein Farbbeutel trifft sein rechtes Ohr.

2002

Recherchen zur eigenen Familiengeschichte: Die Kriegsabenteuer meines Vaters stellen sich als SS-Verbrechen heraus. Im Wehrmachts-Bundesarchiv in Berlin befanden sich nicht nur Unterlagen zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS ab 1943 (SS-Panzerdivision „Hohenstaufen“). In ihnen ist auch ein jahrelanger Streit  zwischen SS und Rasse- und Siedlungshauptamt über Ariernachweis und „artfremdes Blut“ dokumentiert. Bis zum Kriegsende blieb ungeklärt, ob er ein “Viertel-Jude” ist.

2004

Wiedersehen mit dem Staatschutzbeamten Tietze vor Gericht, der sich plötzlich verfolgt sah: Prozess gegen KHK Walter Tietze wegen Verkauf von polizeilichen Dienstgeheimnissen: Zwei Jahre auf Bewährung. Vom Staatschutzbeamten zum Kriminellen.

Projektreise nach Venezuela (Bolivarianische Revolution)

2006

Mitteilung des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), dass ich 1998 im Zuge einer G10-Maßnahme sechs Monate mit allen nachrichtendienstlichen Mitteln überwacht wurde. Man verdächtigte mich, Mitglied einer terroristischen Vereinigung (nach § 129a) gewesen zu sein, die man AMRK nannte, der man zahlreiche Sabotageaktionen zu Last legte, u.a. Aktionen gegen das Glasfaserkabelnetz rund um den Frankfurter Flughafen im Jahre 1995. Zur Begründung wurde u.a. ein V-Mann „123“ angeführt, der an geheimen Treffen teilgenommen haben will. Nach sechs Monaten wurden die Überwachungsmaßnahmen erfolglos eingestellt.

2009

Klage gegen die illegalen Überwachungsmaßnahmen vor dem Verwaltungsgericht in Berlin gegen die Bundesrepublik Deutschland. Ich lege Beweise dafür vor, dass es den V-Mann 123 gar nicht gibt. Das Gericht gibt der Klage statt und erklärt die G10-Maßnahme für rechtswidrig.

 

2011ff

Beginn der Recherchen zum NSU-VS-Komplex

 

Und nun alles aus zweiter Hand: Von der Person zur Unperson

1960er Jahre

Meine Mutter, mein Bruder und ich bildeten ein „Schwarzfahrerkollektiv“. Wir sammelten die weggeworfenen Fahrscheine, die nur auf 31 Tage ausgestellt wurden und hatten am Ende einen sehr großen Stapel an Fahrscheinen, mit denen wir uns dann einen Ausflug in die Stadt leisten konnten.

1970er Jahre

Aufgrund der polizeilichen Erfassung im Zuge der Beerdigung von RAF-Mitgliedern in Stuttgart-Degerloch 1977 wurde ich dem „RAF-Umfeld“ zugerechnet.

1980ff

Infolge einer Kritik an der RAF („Den Antiimperialismus neu bestimmen“) wurde ich von Antiimperialisten zum „Kollegen“ herabgestuft.

Die politische Intervention im Frankfurter Waldstadion 1982 könnte man auch unter „Spielverderber“ abbuchen – oder wer richtigen Verfolgungswillen hat auch als „Gewalt gegen Sachen“ qualifizieren:

„Unbekannte waren über den Zaun geklettert und hatten ‚Freiheit für El Salvador und Polen‘ auf die Anzeigentafel und die Tartanbahn gepinselt. Weil sich der Spray auf der Laufbahn nicht abwaschen läßt, schütteten Stadionarbeiter zunächst Sand auf die Parolen. Man wollte verhindern, dass die Fernsehkameras dergleichen in die bundesdeutschen und englischen Wohnstuben übertragen konnten. Zur Beseitigung muss jetzt eine Spezialfirma anrücken, die Oberfläche abschleifen und auf mehr als 100 Quadratmetern einen neuen Belag aufbringen. Zirkelbach: ‘Das kostet mehr als 10.000 DM‘.“ (FR vom 19.3.1982)

Nach den tödlichen Schüssen auf Polizisten bei einer nächtlichen Aktion am 2.11.1987 gegen die Startbahn West kam es zu mehreren Veranstaltungen, die die Position(en) der Startbahnbewegung formulieren. Der Versuch, eines taz-Redakteurs, meinen Beitrag einzuordnen, brachte mir die sanftmütige Bezeichnung „Weizäcker der Autonomen“ ein.

Die Staatschutzabteilung im Polizeipräsidium Frankfurt (K 42) blieb hingegen beinhart:  Dort wurde ich als „militanter Störer“ geführt.

1988 studierte auch das Kreisverwaltungsreferat in München den Text: „Stand autonomer Bewegung. Langlauf oder Abfahrt im Sturz“ – im Rahmen einer Verbotsverfügung – und kam zu folgender strafrechtlichen Würdigung: „Diese Äußerungen enthalten insbesondere in ihrem Gesamtzusammenhang die Aufforderung zu bzw. die Billigung von strafbaren Handlungen durch Befürworten von Gewalt gegen Sachen und Personen (…) jeweils in Verbindung mit § 316b Nr.2 (Umsägen von Strommasten) … § 211 (Mord), § 212 (Totschlag), §311 (Herbeiführen von Sprengstoffexplosionen) sowie § 111 i.V.m. § 123 (Hausfriedensbruch).“

Da war aber jemand sehr pingelig … was den Hausfriedensbruch angeht.

1990ff

Als wir den US-alliierten Krieg gegen den Irak (1991) als stinknormalen imperialistischen Krieg bezeichnet hatten und sich unsere Kritik ausdrücklich auch an „ehemals linke Juden“ richtete, die sich als Kriegsbefürworter (Bellizisten) präsentierten (Dan Dinner, Daniel-Cohn Bendit, Micha Brumlik u.v.a.m.), wurde die autonome L.U.P.U.S.-Gruppe vom Journalisten Eike Geisel als „Werwolf-Truppe“ bezeichnet – und damit sehr gewollt in die Nähe der geheimen NS-Organisation namens „Werwolf“ gebracht.

Diese Verwandlung blieb wiederum dem Verfassungsschutz verborgen. Ich blieb ein „Linksextremist“ – ohne Werwolf-Anwandlungen.

Mitte der 90er Jahre wurde ich vom Verfassungsschutz zum „Mitglied in einer terroristischen Vereinigung“ heraufgestuft, die die Bundesrepublik in Deutschland in größte Gefahr zu bringen trachtete. Die terroristische Vereinigung nannte sich ARMK, also ganz nah an der berüchtigten und robusten AK 47. Tatsächlich steht ARMK für „Autonome Rhein-Main Koordination“, die Ende der 1980er Jahre im Monatsrythmus autonome, anarchistische und militante Gruppen zusammenbrachte.

Im Zuge der geheimdienstlichen Überwachungsmaßnahmen wurde auch ein V-Mann eingesetzt, der den Decknamen „123“ bekam. Er will an einem konspirativen Treffen teilgenommen haben, bei dem ich mich als „Berufsrevolutionär“ präsentiert haben soll.

 

In diesem Jahrzehnt war viel los: Im Zuge eines (fristlosen) Kündigungsverfahrens wurde mir ein Schreiben des städtischen Jugendamtes in Frankfurt bekannt, in dem der Abteilungsleiter Sehnert meinen Arbeitgeber, eine evangelische Einrichtung, vor einer Weiterbeschäftigung warnte und mir bei dieser Gelegenheit den Titel „Agitator der sozialen Arbeit“ verlieh.

2000ff

Das 21. Jahrhundert fing gut, also vielversprechend an: Meine Freundin erklärte mich zum „Traummann“ – aber nicht fürs wirkliche Leben.

Im Zuge eines Aufrufes, einen Neonazi-Aufmarsch in Frankfurt zu verhindern, kommt es zu einer „Gefährderansprache“, die mich ganz persönlich darüber in Kenntnis setzen möchte, dass man mich im Auge behalten werde. Im Zuge einer anwaltschaftlichen Klage kommt heraus, dass ich seit Jahrzehnten von der Staatsschutzabteilung der Polizei in Frankfurt als „gewaltbereiter Störer“ geführt werde.

Dann wurde es ruhig um mich.

2014

Aufgrund einer Datenschutz-Anfrage an das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) erhalte ich als Antwort, dass ich zwar keinen Anspruch darauf hätte, aber man dieses Mal ein Auge zudrücken würden, um dann auf drei Seiten auszuführen, dass sie über meine Recherchen und Veranstaltungen zum NSU-VS-Komplex bestens im Bilde seien.

 

2015ff

Im Zuge der Recherchen zum NSU-VS-Komplex, der Publikationen und Veranstaltungen kamen zwei „Auszeichnungen“ dazu. Für die einen gelte ich als „NSU-Experte“. Für den Referenten der Rosa-Luxemburg-Stiftung und NSU-watch Beobachter des Prozesses in München Fritz Burschel mauserte ich mich zum „Meister der Verschwörungstheorie“, da ich hinter dem zehnjährigen „Behördenversagen“ keine Schlamperei, keinen Zufall sehe, sondern systemische Gründe.

Also viel Anregung, Spaß am Widersinn und Freude an der Wieder- und Selbsterkennung.

Wolf Wetzel

4. März 2021

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