100 Jahre Novemberrevolution | Meinetwegen!

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100 Jahre Novemberrevolution -feierliche Entstellungen

 

„Meinetwegen! Einer muss den Bluthund machen! Ich scheue die Verantwortung nicht!“ (Gustav Noske, 1919)

Gustav Noske, Mitglied der SPD-Reichstagsfraktion (1918), Mitglied des Rates der Volksbeauftragten (1918), Reichswehrminister (1919-1920)

 

 

1918 markiert ein sehr seltenes Ereignis in Deutschland: Teile des Militärs („Matrosenaufstand“) rebellierten gegen das Regime, verweigerten den Befehl, weiter Krieg zu führen und lösten so eine Lawine der Rebellion aus. Überall in der Republik entstanden Soldaten- und Arbeiterräte. Das alte kaiserliche Regime wackelte, der „Kaiser“ floh und die herrschende Klasse sorgten sich um ihre Zukunft. Bekanntlich wurde die „Novemberrevolution“ niedergeschlagen. Die alten Herrschaften blieben und machten weiter – auch ohne Kaiser.

Nun ist 100-Jahr Feier und es wird viel über diese Revolution 1918 berichtet. Das ist schon bemerkenswert, denn Revolutionen werden hier selten gewürdigt oder gefeiert, schon gar nicht, wenn sie in diesem Land stattfinden.

 

 

Man kann auch sagen: Je weiter eine Revolution zurückliegt, je erfolgreicher die Ziele einer Revolution ausgelöscht sind, desto größer ist die Gefahr ihrer Entstellung.

Unter den Feiergästen wird ein bisschen gemäkelt. Aber im Großen und Ganzen macht man sich daran, die Novemberrevolution in die Gründungsgeschichte Deutschlands einzuhegen. Ein Vorgang der das wiederholt, was in eben diesem Jahr bereits mit der 68er-Revolte gemacht wurde.

Eine solche Feier kann nur eine Wiederholung der Niederschlagung sein, vor allem dann, wenn jene, die für ihre Niederschlagung der Novemberrevolution verantwortlich sind, sie zum Geburtshelfer der bürgerlichen Demokratie deklarieren. Also jene, die mit den Toten der Novemberrevolution der Konterrevolution den Weg geebnet hatten: Von den Freicorps, über den Aufbau einer geheimen „schwarzen Reichswehr“ bis hin zum gemeinsamen Kampf gegen die „kommunistische Gefahr“.

So feiert auch die Gewerkschaftszeitung „ver.di“, bis es einem schwarz vor Augen wird:

100 Jahre Novemberrevolution | Aufstand – Die Revolution ebnete den Weg für die Demokratie, brachte das Frauenwahlrecht, den Acht-Stunden-Tag und das Betriebsrätegesetz“ (VER.DI PUBLIK 7/2018)

Kein Wort darüber, wer sie niedergeschlagen hat, was damit verteidigt wurde, wohin die Konterrevolution 1918 führte.

Zu den Gratulanten 100 Jahr später gehört auch die SPD. Eine Partei, die an ihre Dienste erinnern will und immer noch nicht merkt, dass sie nicht mehr gebraucht wird.

Eine Partei, die die Herrschafts- und Klassenverhältnisse rettete, als sich die Novemberevolution anschickte, mit ihnen Schluss zu machen. Anstatt sich an die Seite der Revolution zu stellen, bot sie sich an, der alten Klasse das Überleben zu sichern.

Sebastian Haffner hat die Rolle der SPD in seinem sehr lesenswerten Buch: Der Verrat. 1918/1919 – als Deutschland wurde, wie es ist, auf den Punkt gebracht:

Die deutsche Revolution von 1918 war eine sozialdemokratische Revolution, die von den sozialdemokratischen Führern niedergeschlagen wurde; ein Vorgang, der in der Weltgeschichte kaum seinesgleichen hat.“ (Verlag 1900, Berlin, 1994, S.6)

 

 

1914                     Die SPD bewilligt die Kriegskredite, die zum Ersten Weltkrieg führten

1918                     Niederschlagung der Novemberrevolution

1919                     Niederschlagung des Januaraufstandes (“Spartakusaufstand”) –

Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht werden von Freicorps ermordet.

1919                     Niederschlagung des Märzaufstandes in Berlin mit 1.200 Toten. Den Befehl dazu                              gab Reichswehrminister Noske.

1929                     Der sozialdemokratische Polizeipräsident Zörgiebel in Berlin und der preußische Innenminister Grzesinski (SPD) verfügten ein Verbot aller Demonstrationen am 1. Mai. Mit Maschinengewehren, spanischen Reitern, Panzerwagen und Blockademaßnahmen sollten die 1. Mai-Demonstration verhindert werden. Über 30 Menschen wurden von der Polizei ermordet („Blut-Mai“): „Schuldig ist nicht der einzelne erregte und überanstrengte Polizeiwachtmeister, sondern der Herr Polizeipräsident, der in eine friedliche Stadt die Apparatur des Bürgerkriegs getragen hat. Mehr als zwanzig Menschen mußten sterben, mehr als hundert ihre heilen Knochen einbüßen, nur damit eine Staatsautorität gerettet werden konnte, die durch nichts gefährdet war als durch die Unfähigkeit ihres Inhabers.“ (Carl von Ossietzky, Die Weltbühne, 7. Mai 1929)

1933                     Zahlreiche SPD-Mitglieder saßen bereits in „Schutzhaft“, SA-Mitglieder standen bereit, als das von der NSDAP eingebrachte „Ermächtigungsgesetz“, die Selbstauflösung des Parlaments, beschlossen werden sollte. In seiner letzten Rede sagte der Sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete und SPD-Vorsitzende Otto Wels am 23. März 1933 unter anderem:

„Der außenpolitischen Forderung deutscher Gleichberechtigung, die der Herr Reichskanzler erhoben hat, stimmen wir Sozialdemokraten (…) zu (…). Ich darf mir wohl in diesem Zusammenhang die persönliche Bemerkung gestatten, daß ich als erster Deutscher vor einem internationalen Forum, auf der Berner Konferenz am 3. Februar des Jahres 1919, der Unwahrheit von der Schuld Deutschlands am Ausbruch des Weltkrieges entgegengetreten bin. (…) Wollten die Herren von der Nationalsozialistischen Partei sozialistische Taten verrichten, sie brauchten kein Ermächtigungsgesetz. Eine erdrückende Mehrheit wäre Ihnen in diesem Hause gewiß. (…) Unsere Leistungen für den Wiederaufbau von Staat und Wirtschaft, für die Befreiung der besetzten Gebiete werden vor der Geschichte bestehen.“

 

1968                     Verabschiedung der „Notstandsgesetze“ mit der SPD

1972                     Kampf gegen links: Berufsverbote und Unvereinbarkeitsbeschluss in der Willy Brandt-Ära („Mehr Demokratie wagen“)

1977                     Kanzler-Diktatur im „Deutschen Herbst“ unter Helmut Schmidt

1999                     Völkerrechtswidriger Angriffskrieg auf die Bundesrepublik Jugoslawien

2003                     Agenda 2010: (Selbst-)Demontage „sozialer Errungenschaften“

2018                     Alles spricht dafür, dass der Bluthund eingeschläfert werden muss.

 

Von Beileidsbekundungen ist abzusehen.

Meinetwegen.

 

Wolf Wetzel

November 2018

Ein lesenswerter Beitag von Peter Nowak widmet sich den feierlichen Entstellungen der Novemberrevolution: 9. November 1918: Es ging um Räte als Alternative zur bürgerlichen Demokratie, telepolis vom 9. November 2018: http://www.heise.de/-4217762

Auch „Die Anstalt“ vom 20. November 2018 widmet sich der Novemberrevolution 1918 mit einem hervorragenden Beitrag: https://www.youtube.com/watch?v=J4VAA9kxHho

 

 

 

Quelle:

Gustav Noske: Von Kiel bis Kapp. Zur Geschichte der deutschen Revolution. Berlin 1920, S. 68.

 

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