Sonnenschein über Entebbe? Markus Mohr

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Sonnenschein über Entebbe?

Wer im Netz ein wenig stöbert, dann kann man auf der Website des Campus-Verlages auf folgenden verheißungsvollen Eintrag stoßen: Robert Wolff,

Im Schatten der ‘Landshut’: Die Geschichte der Flugzeugentführung nach Entebbe.

In dem Eintrag wird als Erscheinungstermin für das Buch der 21. Juni 2023 angekündigt, es soll zum Preis von 39 Euro zu haben sein.

 

 

Die Werbetexterinnen des Campus-Verlages machen ihre Leserinnen schon ganz heiß auf die „blinden Flecken zu den Ereignissen vor und in Entebbe“ aus dem Sommer des Jahres 1976 und dass der Verfasser dazu „bisher völlig unbekannte Quellen“ heranziehen wird. (FN 1) Wer hatte das gedacht? Ein Historiker zieht allen Ernstes „bisher völlig unbekannte Quellen“ heran, auf so einen Einfall muss man erst mal kommen. Aber warum soll man auch immer nur „bekannte Quellen“ zur Verfertigung einer Darstellung heranziehen? Das bringt es so auch nicht und auch so geht heute nun mal das Produktplacement.

 

Und überhaupt wurde schon von dem ersten im deutschsprachigen Raum im August 1976 veröffentlichten Buch „90 Minuten in Entebbe“, das nach dem Ende der Flugzeugentführung am 4. Juli in sage und schreibe gerade mal 22 Tagen von den Journalisten William Stevenson und Uri Dan als frei verkäufliches Paperback zusammen geschrubbt worden war, behauptet, so der Klappentext, es beruhe auf „bisher unbekannte(n) und unveröffentlichte(m) Geheimmaterial.“ (FN 2)

Durch solche Hinweise wird natürlich der Kaufanreiz stimuliert, denn ein jeder oder jede liest „Geheimmaterial“ gerne, – denn das klingt ein bisschen spannend – ausgeleierte Sale-Strategie hin oder her.

Worin besteht denn nun aber die Pointe der vom Campus-Verlag angekündigten Chose? Es ist der Buchtitel selber, denn es geht in Bezug auf Entebbe schon wieder um „Schatten“. Und es sind gerade die Schatten, die noch stets düster und manchmal auch ein wenig billig flackern. Und die sich immer mal wieder auch als die ganz fiesen Feinde des Lichtes der freien Erkenntnis erweisen können.

Schon im Jahre 2002 war von dem Journalisten Oliver Schröm ein Buch unter dem Titel “Im Schatten des Schakals/ Carlos und die Wegbereiter des internationalen Terrorismus” publiziert worden.

Mit einer auf Geheimdienstquellen beruhenden Terrorismus-Interpretation der Assoziation namens Revolutionäre Zellen kann es zu dem Themenkreis der Flugzeugentführung gerechnet werden. (FN 3) Im Jahre 2006 suchte der vom linksradikalen Sponti Frankfurter Provenienz der 1970er Jahre zum schnöden Extremismusforscher des 21. Jahrhunderts herabgesunkene Wolfgang Kraushaar seine Leserinnen in einem voluminösen Band zur Roten Armee Fraktion mit einem Beitrag zu erquicken, in dem er bereits im Titel „die Entstehungsgeschichte der >Revolutionären Zellen<“ einfach in den, wie er formulierte, „Schatten der RAF“ verschob. (FN 4)

Im Herbst 2020 ging es in der Causa Entebbe schon wieder um Schatten. Tobias Ebbrecht-Hartmann hat dabei seinen Beitrag mit: „Im Schatten der Shoah: Israel und der bundesdeutsche Linksterrorismus“ überschrieben. Er erschien in einem schwer wissenschaftsverdächtig dekorierten Sammelband, der mit einem Publikationskostenzuschuss der staatlich weitgehend durch finanzierten Amadeu Antonio Stiftung (Berlin) produziert worden ist. Und folgerichtig ist auch dieser Aufsatz in Geist und Intention ganz im diskursiven Horizont einer Extremismusdoktrin 2.0. konfiguriert – der Amadeu-Stiftung liegt es ja bekanntlich auch völlig fern mit dem was tut und vor allem denkt, ihre Geldgeber zu enttäuschen. (FN 5)

Nun geht es bei dem vom Historiker Wolff angekündigten Buch erneut um die Schatten der – wie bitte? – „Landshut“. Hier findet sich im Titel schon ein Anklang von Normativität. Und überhaupt: Wer und was soll das denn sein, fragt man sich da, denn natürlich ist Landshut nicht Augsburg, soviel ist schon mal klar. Es braucht bestimmt ein bisschen Vorwissen oder vielleicht auch weitere bislang unbekannte Quellen, um diese Frage zufriedenstellend beantworten zu können. Für die Erinnerungskultur der alten BRD mag es dafür sicher noch diese oder jene Anknüpfungspunkte geben, aber was mit den Leuten aus der ehemaligen DDR?

Wenn man nun das für die Buchveröffentlichung im nächsten Jahr annoncierte Titelfoto des Campus-Verlages so ernst nimmt, wie es hoffentlich gemeint ist, dann sieht man auf dem Flughafengelände in Entebbe aber kaum Schatten, sondern über den Tower lacht die Sonne. Hier assoziiert man doch eher „Sonnenschein über Entebbe“ als Buchtitel und das dann auch noch im Zusammenhang mit einer Flugzeugentführung? In dem Titelbild des Schröm-Buches wird ein im Dezember des Jahres 1975 auf dem Flughafen in Wien im Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit geschossenes Pressefoto von Illich Ramírez Sánchez wenigstens noch schwarz ausgemalt: Denn Schatten müssen nun einmal irgendwie dunkel sein, denn sonst sind sie keine. Und nun Sonnenschein über Entebbe als Bild, kann das als grafische Message in dem von Wolff angeschlagenen Themenzusammenhang gehen? So sonnig, um es umgangssprachlich zu formulieren, war ja der Zwangsaufenthalt für die multinational zusammengesetzte Gruppe der Geiseln auf dem Flughafen in Entebbe im Juni/Juli 1976 dann doch nicht. Nun denn, bei den Publikationen zu der Thematik geht es – mit sehr wenigen Ausnahmen – bislang irgendwie immer ganz schön schattig zu. Willkommen im Minenfeld Entebbe! Greift man hier eine populäre Redewendung auf, so drängt sich einem die Befürchtung in den Sinn, ob die „nicht alle einen Schatten“ haben? (FN 6) Hoffentlich wird einem nach der Lektüre des für Juni 2023 angekündigten Wolff-Buches – so der Zeitplan eingehalten werden kann – nicht schwarz vor Augen.

Markus Mohr   | August 2022

 

 

(FN 1) Robert Wolff, (Buchankündigung und Werbetext vom Campus-Verlag Frankfurt), URL:  https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wissenschaft/geschichte/im_schatten_der_landshut-17465.html

(FN 2) Das Stevenson/ Dan-Buch „90 Minuten in Entebbe“ kann bei Booklooker erheblich günstiger als für 39.00 Euro käuflich erworben werden

(FN 3) Oliver Schröm, Im Schatten des Schakals/ Carlos und die Wegbereiter des internationalen Terrorismus, Berlin 2002, URL: https://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Angebote/isbn=9783861532453

(FX 4) Wolfgang Kraushaar: Im Schatten der RAF: Die Entstehungsgeschichte der ‚Revolutionären Zellen‘, in: W. Kraushaar, (Hrsg.) Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburg 2006, Band 1, S. 583–603.

(FN 5) Tobias Ebbrecht-Hartmann, Im Schatten der Shoah: Israel und der bundesdeutsche Linksterrorismus, in: Martin Jander, Anetta Kahane [Hrsg.] Gesichter der Antimoderne / Gefährdungen demokratischer Kultur in der Bundesrepublik Deutschland, Baden-Baden 2020, S. 215 – 231

(FN 6) Eintrag auf Wikipedia URL: https://de.wiktionary.org/wiki/einen_Schatten_haben

 

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