{"id":9901,"date":"2020-08-03T17:20:40","date_gmt":"2020-08-03T15:20:40","guid":{"rendered":"https:\/\/wolfwetzel.de\/?p=9901"},"modified":"2020-08-10T16:20:15","modified_gmt":"2020-08-10T14:20:15","slug":"bericht-von-der-berliner-grossdemonstration-der-regierungskritikerinnen-und-coronaleugnerinnen-mit-einigen-aktivistischen-und-soziologischen-ueberlegungen-von-gerhard-hanloser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2020\/08\/03\/bericht-von-der-berliner-grossdemonstration-der-regierungskritikerinnen-und-coronaleugnerinnen-mit-einigen-aktivistischen-und-soziologischen-ueberlegungen-von-gerhard-hanloser\/","title":{"rendered":"Bericht von der Berliner Gro\u00dfdemonstration der Regierungskritiker*innen und Coronaleugner*innen mit einigen aktivistischen und soziologischen \u00dcberlegungen. Von Gerhard Hanloser"},"content":{"rendered":"<h1>Bericht von der Berliner Gro\u00dfdemonstration der Regierungskritiker*innen und Coronaleugner*innen mit einigen aktivistischen und soziologischen \u00dcberlegungen<\/h1>\n<p>Von Gerhard Hanloser<\/p>\n<h3>&#8212;- Plus ein weiterer Demo-Bericht &#8212; mit sich aufdr\u00e4ngenden Fragen &#8212;<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Berlin kam am 1. August 2020 zusammen, was sich sonst als regionales Ph\u00e4nomen recht unterschiedlich pr\u00e4sentierte: ein \u00f6ffentlich sichtbares neues politisches Milieu, das sich selbst gerne als \u201eQuerdenker\u201c oder \u201eCoronarebellen\u201c bezeichnet, und aus verschiedenen Gr\u00fcnden mit den Corona-Ma\u00dfnahmen der Bundesregierung nicht einverstanden ist. Betrachtet man politische Aussagen, habituelle Demonstrationsperformanz und den politischen Hintergrund der Demonstrierenden, sowie etwaige politische Ideologien oder Denkstr\u00f6mungen, die hier wirksam werden, dann hat man den Eindruck, dass man es mit dem schillernden Zerfall des Politischen zu tun hat. Hier passt nichts zusammen: wenn sich die Demonstrierenden auf einen Gesellschaftsentwurf einigen m\u00fcssten, w\u00e4re heilloses Hauen-und-Stechen angesagt. Wenn das Wesen des Politischen allerdings die Freund-Feind-Unterscheidung ist, dann folgt diese Bewegung der Logik des Politischen. Der Feind ist klar: die Regierung, personifiziert in Angela Merkel. Dem gesellt sich das aus der antimigrantischen und rechten Pegida-Bewegung bekannte Feindbild der \u201eL\u00fcgenpresse\u201c hinzu und der Zweifel an, bis Hass gegen\u00fcber einer als Expertokratie empfundenen Medizinerschicht, die dank der Coronakrise eine neue gesellschaftliche Bedeutung erhalten hat, wie dem Virologen Drosten der Charit\u00e9 oder dem Robert-Koch-Institut. Bei sehr vielen Demonstrierenden spielt eine ablehnende Haltung gegen\u00fcber dem Impfen und die Furcht vor einer Impfpflicht eine gro\u00dfe Rolle, ein kleinerer Teil der Aktivist*innen sieht verschw\u00f6rerische Kr\u00e4fte nicht nur in der Corona-Krise, sondern als generelle gesellschaftliche Grundsituation am Werk, die von Bill Gates bis zu einer omin\u00f6sen \u201e<em>New World Order<\/em>\u201c reichen w\u00fcrde. Von pathologischen Verschw\u00f6rungsgepeinigten reicht dies bis zu Akteur*innen in einem gut am Bedarf nach Verschw\u00f6rungsideologien verdienenden Marktsegment.<\/p>\n<figure id=\"attachment_9905\" aria-describedby=\"caption-attachment-9905\" style=\"width: 700px\" class=\"wp-caption alignright\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-9905 size-post-thumbnail\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Corona-Querdenker-Demo-V-Netz.jpg?resize=700%2C446&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"446\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-9905\" class=\"wp-caption-text\">Teilnehmerin der Querdenker-Demo in Berlin<\/figcaption><\/figure>\n<p>In einem Aufruf zur Demonstration war von der gebotenen Verhinderung einer \u201e<em>kommunistischen Diktatur<\/em>\u201c unter Angela Merkel die Rede, einer der vielen Irrsinnsmomente, die in der Bewegung nicht nur toleriert Platz finden k\u00f6nnen, sondern sie im Kern ausmachen. Eine solche Anklage ist kein Sonderph\u00e4nomen der Protestierenden in Deutschland: Bereits w\u00e4hrend der Pro-Trumpistischen Tea-Party-Bewegung wurde Obamas staatliches Care-Programm als \u201eComunism\u201c abgelehnt und auch in der sehr rechts ausgerichteten spanischen Bewegung gegen die Anti-Corona-Ma\u00dfnahmen der Regierung, finden sich \u00fcberdrehte antikommunistische Anklagen gegen die Regierung Pedro S\u00e1nchez. Dies zeigt eine bereits in der Grundanlage antikommunistische Pr\u00e4gung der Bewegung, in der klassische bundesdeutsche Wohlstandsb\u00fcrger (beispielsweise aus Stuttgart) das Sagen haben, die bislang ihre Energie eher im Kleintierz\u00fcchterverein verausgabt haben, und ostdeutsche Wende-Irritierte (das Pegida-Milieu) ihren rebellischen Platz einnehmen.<\/p>\n<p>Neben \u201eWir sind das Volk\u201c ist eine der beliebtesten Parolen auf der Berlin-Demo \u201eFreiheit\u201c. Nicht wenige Demonstrierende w\u00e4hnen sich in einer Diktatur, tolerieren aber jene, die ganz offen bekunden, eine autorit\u00e4re Herrschaft, ein Reich oder anderes, anzustreben.<\/p>\n<h2>I.<\/h2>\n<p>Ich komme Unter den Linden an. Der Demonstrationszug formiert sich. Normaler k\u00f6nnten die Leute, die hier zusammen kommen nicht aussehen. Es ist fast alles dabei: klassische Familien mit Kindern bei sich, der jugendliche Hippie, den man auch auf einer Goa-Party der 90er Jahre h\u00e4tte treffen k\u00f6nnen, ein Vierzigj\u00e4higer tr\u00e4gt sogar ein \u201eMinor Threat\u201c-T-Shirt, musikalische Helden meiner Jugend. Ansonsten alles sehr b\u00fcrgerlich, allerdings \u00e4sthetisch \u00e4rmlich. Mittvierziger mit Sandalen und komischen Hosen, Pegida-Style. Ich falle kaum auf. Mit einem an Pierre Bourdieu geschulten Blick k\u00f6nnte man sagen, dass hier ein Milieu dominierend unterwegs ist, das offensichtlich wenig Zugriffsm\u00f6glichkeiten darauf hat, sich \u00e4sthetisch den Anschein von Hipness oder modischer Avanciertheit zu geben. Das kulturelle und besonders \u00e4sthetische Kapital ist gering. Der Demonstrationszug erscheint mir von der sozialen Zusammensetzung der Gelbwestenbewegung in Frankreich \u00e4hnlich zu sein. Was allerdings auff\u00e4llt ist die rein wei\u00dfe und sehr deutsch-kartofflige Zusammensetzung der \u201eCorona-Rebellen\u201c.<\/p>\n<h2>II.<\/h2>\n<p>Aus diesem sozialen Rahmen proletarisierter Kleinb\u00fcrger*innen fallen allerdings die \u201eFriedenfahrzeuge\u201c heraus, die den Umzug prominent begleiten. Diese verweisen auf ein finanziell besser gestelltes b\u00fcrgerliches Milieu. Urspr\u00fcnglich hatte das Ehepaar Christian und Silke Volgmann, Werbetechniker aus Greifswald, die Idee. Diese konnte sich offensichtlich fast in der gesamten Republik verbreiten. In Hamburg hatte ein Unternehmer mehrere Autos seines Fuhrparks entsprechend als \u201eFriedensfahrzeug\u201c umgestaltet. Frieden muss sexy werden, propagieren die Volgmanns, Kurt Tucholsky-Spr\u00fcche zieren ihre professionellen Werbeflyer. \u201eFrieden mit Russland\u201c steht im Mittelpunkt, eine Parole, die auch auf vielen T-Shirts steht und die die Mahnwachen-Szene pr\u00e4gte. Im Internet werden Interessierte aufgefordert, ihre Autos ebenfalls im einheitlichen Design zu folieren. Kosten tr\u00e4gt man in Form einer Spende. Die automobilen \u201eFriedensbotschafter\u201c kommen im Polizeidesign daher. Auf der Berlin-Demo baumelten aus einigen der zahlreichen Wagen Ballons mit dem alten 80er-Jahre-Friedenstauben-Symbol, nur dass die Autos und wohl auch die Gedankenwelt der Fahrzeughalter*innen andere sein d\u00fcrften. War das Friedensbewegungsmilieu der 80er eher skeptisch gegen\u00fcber der Automobilgesellschaft und \u2013 auch wenn aus dem B\u00fcrgertum stammend \u2013 antibourgeoise, \u00f6kologisch und tendenziell staatskritisch eingestellt, so sind die heutigen Friedensfahrzeugbetreiber autobegeistert, gutb\u00fcrgerlich und affirmieren die polizeiliche Exekutive, der sie sich bereits in ihrem Design anbiedern und angleichen wollen.<\/p>\n<p>Dies passt zu der von den Veranstalter*innen auf der Samstagsdemo bekundeten Haltung zur Polizei. Sie signalisierte eine hohe Bereitschaft, mit der Polizei zu kooperieren, diese sei nicht der Feind, auch hier g\u00e4be es Maulk\u00f6rbe, die aber jeder Zeit fallen k\u00f6nnten. Neben emp\u00f6rten \u201ePfui!\u201c-Rufen, wenn Polizisten auftauchen, sind vermehrt Rufe in Richtung Polizei zu vernehmen mit der Aufforderung \u201eSchlie\u00dft euch an!\u201c. Vor dem Hintergrund eines hohen Anteils von rechten Strukturen innerhalb der deutschen Polizei wundert diese Affinit\u00e4t nicht.<\/p>\n<h2>III.<\/h2>\n<p>Ich gerate zuf\u00e4llig in eine Situation, in der zwei t\u00fcrkische Kommunisten am Rand der Demo, die sie offensichtlich kritisch und agitatorisch begleiten, in einem Streit mit einer \u00e4lteren Frau liegen. \u201eWelche Informationen werden Ihnen denn vorenthalten?\u201c, will der Kommunist laut wissen, die Frau raunt, die Medien seien gleichgeschaltet, Corona sei doch nur eine Grippe, immer wieder Drosten. Sie ist allerdings defensiv. Ich schalte mich ein. Pl\u00f6tzlich bricht aus ihr heraus, sie sei st\u00e4ndige Bibliotheksbesucherin, in ihrer Heimatstadt w\u00e4re diese ewig geschlossen gewesen. Ich erinnere mich daran, dass die Freundin eines Freundes als Bibliotheksangestellte auch davon berichtete, dass es gut zwei Dutzend quasi wohnungslose Bibliotheksbesucher gebe, die die Schlie\u00dfung des Bibliotheken w\u00e4hrend des Lockdowns schwer traf. Hinter den offiziellen Sprachmodulen der Corona-Ma\u00dfnahmen-Kritiker*innen liegen also bei den Teilnehmer*innen der Demonstration ganz unterschiedliche soziale Erfahrungen und Realit\u00e4ten.<\/p>\n<h2>IV.<\/h2>\n<p>Zwei Frauen haben auf ihre Maske \u201eH\u00f6here L\u00f6hne\u201c gemalt.<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-9904\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Corona-Querdenker-Demo-II-Netz.jpg?resize=700%2C580&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"580\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Corona-Querdenker-Demo-II-Netz.jpg?w=800&amp;ssl=1 800w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Corona-Querdenker-Demo-II-Netz.jpg?resize=300%2C249&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Corona-Querdenker-Demo-II-Netz.jpg?resize=768%2C636&amp;ssl=1 768w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p>Ich spreche sie an, erkl\u00e4re ihnen, dass sie die einzige sinnvolle und vern\u00fcnftige Parole, die ich gesehen habe, ausgeben. Sie freuen sich. Die eine erkl\u00e4rt: \u201eJa, denn nur so kommt unsere Gesellschaft wieder voran und so bekommen wir einen Aufschwung hin.\u201c Ich freue mich nicht. Denn diese Antwort verweist darauf, dass auch die beiden im falschen Wir eines omin\u00f6sen Gesamtinteresses agieren und nicht als selbstbewusste Arbeiterinnen, die ihr Klasseninteresse durchsetzen wollen. Nicht nur der Marxismus, auch jede k\u00e4mpferisch-gewerkschaftliche Haltung ist vollkommen abwesend.<\/p>\n<p>Immer wieder sehe ich allerdings einzelne Leute, die in vergangenen Zeiten bei linken Demonstrationen h\u00e4tten dabei sein k\u00f6nnen, vielleicht waren sie es auch. Die radikale Linke ist nat\u00fcrlich abwesend. Das Heer an linken Parteien, von Die Linke \u00fcber die DKP bis zur MLPD, auch. Keine einzige linke Parteifahne. Hier mal ein Vereinzelter, der vielleicht Anfang der 90er Jahre in einer alternativen Wagenburg h\u00e4tte sitzen k\u00f6nnen, er tr\u00e4gt das T-Shirt \u201e<em>Wer k\u00e4mpft kann verlieren, wer nicht k\u00e4mpft, hat schon verloren<\/em>\u201c, doch solche Leute gehen unter in der breiten Masse von Leuten, die man umgangssprachlich \u201eNormalos\u201c nennen k\u00f6nnte.<\/p>\n<h2>V.<\/h2>\n<p>Zwei, drei Wagen sind der jugendlichen Partysubkultur zuzurechnen. Ein Wagen tr\u00e4gt Aufschriften des Techno Kollektivs N\u00fcrnberg, ein anderer hat als Symbol ein verschlungenes Herz und ein Peace-Zeichen, eine Gruppe namens Freedom-Parade agitiert gegen Masken- und Impfpflicht. Dar\u00fcber ist ein durchgestrichenes Hakenkreuz zu sehen. Und auch bei einem Wagen, der sich f\u00fcr die freie Wahl des Urlaubs (\u201eFree Vacation Decission\u201c), prangert in buntem Rot-Gelb-Gr\u00fcn REGGAE GEGEN RECHTS an der Seite des Wagens.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter tanzten zwei splitternacke Hippies, die mich an Leute aus der \u201efuck for forest\u201c-Szene erinnern, eine eher schwarz gekleidete Gruppe von mittelalterlichen M\u00e4nnern an, die eine gigantische schwarz-wei\u00df-rote Reichsfahne tragen, eine von etwa zw\u00f6lf Fahnen, die ich auf der Demo gesichtet habe. Die Reaktion: Lachen auf beiden Seiten, gro\u00dfe Verbr\u00fcderung der hippiesken Nacken mit den Reichsb\u00fcrgern. Der Ansager aus dem Lautsprecherwagen des leitenden Demonstrationswagens hatte bereits davor und zum Auftakt auf die Kaiserreichsfahnen aufmerksam gemacht: \u201eWir sehen hier einige Reichsfahnen. Das wird f\u00fcr die Presse wieder ein Anlass sein, von Rechten, Verschw\u00f6rungsideologen und Antisemiten auf der Demo zu sprechen. Aber wir lassen uns nicht spalten. Die wahren Faschisten sitzen in der Regierung.\u201c \u00dcberschnappende Stimme. Applaus. Das ist nicht nur keine Distanzierung, das ist der bewusste Aufruf zum B\u00fcndnis mit Rechten.<\/p>\n<h2>VI.<\/h2>\n<p>Mitten in der Demo l\u00e4uft eine Gruppe \u00e4lterer Frauen \u2013 sie k\u00f6nnten auch als \u201eOmas gegen Rechts\u201c am Rand der Demo stehen und gegen die Demo anpfeifen, doch sie sehen offensichtlich in den Corona-Ma\u00dfnahmen der Einschr\u00e4nkung von Grundrechten eine Gefahr, die eine Beteiligung nahelegt. So sind sie Teil der Demo. Auf ihrem, den ganzen Stra\u00dfenzug einnehmenden Transparent steht: \u201eNie wieder Krieg, Faschismus und Diktatur\u201c, \u201e<em>Hier keine B\u00fchne f\u00fcr AFD, PEGIDA, Nazis<\/em>\u201c \u201e<em>Gib Rassismus keine Chance<\/em>\u201c und: \u201e<em>Wer in der Coronakrise schl\u00e4ft, wird in der Diktatur aufwachen<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Hinter und vor ihnen ist eine L\u00fccke, sie wirken mit ihrer klaren Abgrenzung nach rechts wie ein Fremdk\u00f6rper.<\/p>\n<h2>VII.<\/h2>\n<p>Einen dicklichen, stark alkoholisierten Reichsflaggentr\u00e4ger spreche ich naiv an: Wof\u00fcr steht die Fahne? \u201eF\u00fcrs Kaiserreich!\u201c \u201eUnd da zur\u00fcck willst du hin?\u201c \u201eIst doch besser als das, was wir jetzt haben\u201c, erkl\u00e4rt er kumpelhaft und zieht lachend weiter. Davor hatte er genauso lachend lustigen Kontakt mit Demoteilnehmer, die l\u00e4ngere Haare haben und Heavy Metal-T-Shirts tragen. Wenige Minuten sp\u00e4ter erblicke ich zwei 30j\u00e4hrige mit Button der Identit\u00e4ren. Bereits zu Beginn der Demo waren stark t\u00e4towierte Nazi-Rocker mit Familienanhang zu erblicken.<\/p>\n<h2>VIII.<\/h2>\n<p>Der fast nur massenpsychologisch zu erkl\u00e4rende irrationale Hass auf die \u201eL\u00fcgenpresse\u201c ist entkoppelt von jeder tats\u00e4chlich angebrachten Kritik an der Macht der Medien und der Bewusstseinsindustrie.<\/p>\n<p>Die Presse (tagesschau, heute journal, Printmedien) berichtete im Gro\u00dfen und Ganzen fair, differenziert und ausgiebig \u00fcber die Demonstration. Einzig bei der Einsch\u00e4tzung der Teilnehmerzahl orientierte sie sich zu stark an der Polizeiangabe. Auf pejorative Marker und Verallgemeinerungen wie \u201eQuerfront\u201c oder \u201eVerschw\u00f6rungsideologen\u201c (deren Vertreter als einzelne sicherlich anwesend waren) wurde mittlerweile verzichtet. Sicherlich wurde die Anzahl anwesender Rechter stark betont, aber es kamen auch vollkommen \u201enormale\u201c Demonstrant*innen zu Wort. Die gegebene Heterogenit\u00e4t der Demonstration wurde klar benannt. Auch der breite normal-b\u00fcrgerliche Bauch der Demonstration wurde in den Medienberichten sichtbar und in den pr\u00e4sentierten Bildern eingefangen. Das war in der Vergangenheit durchaus anders, wo in Medienberichten gerne von \u201eExtremisten\u201c gesprochen wurde.<\/p>\n<h2>IX.<\/h2>\n<p>Eine Beobachtung auf der Demo belastet mich, weil sie schwer kommunizierbar ist. Viele Menschen, die sich hier zusammen finden, wirken psychisch tangiert. Abgesehen von den wenigen, die wohl tats\u00e4chlich im klinischen Sinn ver-r\u00fcckt sind, meine ich, bei vielen Demo-Besucher*innen ein sichtbares Leiden erkennen zu k\u00f6nnen. Ich wei\u00df, dass das anma\u00dfend klingt. Aber es gab im Zuge von 1968 ein Wissen auf Seiten der Linken, dass der Kapitalismus zerst\u00f6rte Zwischenmenschlichkeit bedeutet. Im Zentrum der Kritik der modernen kapitalistischen Gesellschaft stand in Anschluss an die Kritische Theorie die Beobachtung, dass diese Verh\u00e4ltnisse die Menschen zu deformierten Individuen macht. Die Psychoanalyse als kritische Wissenschaft k\u00f6nnte hier Aufkl\u00e4rung liefern. Bestimmte Alltagserfahrungen sind tabuisiert. Verletzungen und Kr\u00e4nkungen nehmen im neoliberal verh\u00e4rteten Kapitalismus zu. Wo das Ich souver\u00e4n regieren, die \u00fcberfordernden Verh\u00e4ltnisse meistern soll und der Einzelne auf sich zur\u00fcckgeworfen ist, sucht er ein Wir. Identit\u00e4t l\u00e4sst sich nur \u00fcber Alterit\u00e4ten scheinbar festigen. Tats\u00e4chlich ist der Anteil derjenigen unter dem Demonstrierenden, die ein Liebesbed\u00fcrfnis artikulieren (die Massierung an Herzchen und Liebesbekundungen reichte an Woodstock und die Loveparade heran) und gleichzeitig eine unb\u00e4ndige Wut und einen Hass in sich tragen und diesen auch bekunden und sich Objekte ihrer Aggressionen schaffen (Regierung, L\u00fcgenpresse, Bill Gates, Drosten), erschreckend hoch. Einige aus der Linken kommende Psychologen und Psychoanalytiker haben es verpasst, auf dieses artikulierte Leid in der Bewegung zu reflektieren, gegebenenfalls gesellschaftlich-politisch auch darauf einzugehen. Sie haben sich zuweilen selbst zu Lautsprechern dieser Menschen und ihrem Leiden gemacht und ihr Gestammel nur notd\u00fcrftig intellektuell aufgeb\u00fcrstet und sich zu eigen gemacht.<\/p>\n<p>Ein, zwei eher intellektuelle Alt-Linke sind auch auf der Demo gut zu erkennen: Einer schiebt sein Fahrrad und hat den Satz von Hannah Arendt \u201e<em>Niemand hat das Recht zu gehorchen<\/em>\u201c auf ein Schild gemalt. Ein anderer h\u00e4lt das Schild hoch \u201e<em>Der Hobbes&#8217;sche Leviathan wird gef\u00fcttert durch unn\u00f6tiges Tragen von Masken! Diese Nebenwirkung der Maske ist den meisten Benutzern unbekannt.<\/em>\u201c Derart und an diesem Platz verkehrt sich Aufkl\u00e4rungsimpetus in Gegenaufkl\u00e4rung.<\/p>\n<h2>X.<\/h2>\n<p>Zu guter Letzt ein Wort an die und zur Linken. Sie war am 1. August nicht vorhanden.<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-9895\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Abstand-gegen-Rechts-2020.jpg?resize=632%2C336&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"632\" height=\"336\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Abstand-gegen-Rechts-2020.jpg?w=632&amp;ssl=1 632w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Abstand-gegen-Rechts-2020.jpg?resize=300%2C159&amp;ssl=1 300w\" sizes=\"(max-width: 632px) 100vw, 632px\" \/><\/p>\n<p>Die paar Gegendemonstranten von den \u201eOmas gegen rechts\u201c und andere, hatten angesichts der Masse an Demonstrierenden kein Gewicht. Innerhalb der Demo gab es, von den erw\u00e4hnten marginalen Anti-Nazi-Bekundungen abgesehen, keine einzige kritische oder provokante Aktion, weder Kritik im Handgemenge noch der Versuch der Aufkl\u00e4rung. Lange Jahre propagierte eine akademische Linke, man m\u00fcsse mit dem italienischen Marxisten <strong>Antonio Gramsci<\/strong> den Kampf um Hegemonie f\u00fchren. Heraus kamen vielleicht ein paar sch\u00f6ne oder langweilige Dissertationen, aber keine Aktion und keine Praxis. Der Gramsci-Kult f\u00fchrt zu dem, was der 68er Christian Riechers bereits an der gramscianischen Rede vom \u201eorganischen Intellektuellen\u201c kritisierte: zur Selbstlegitimation einiger linker Akademiker, kleine Karrieren in den Institutionen und b\u00fcrokratischen Strukturen linker Parteien zu machen, wo sie dann auch ihr Auskommen finden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_9921\" aria-describedby=\"caption-attachment-9921\" style=\"width: 1063px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-9921 size-full\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Corona-Leugner-My-Park-Berlin-2020.jpg?resize=700%2C389&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"389\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Corona-Leugner-My-Park-Berlin-2020.jpg?w=1063&amp;ssl=1 1063w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Corona-Leugner-My-Park-Berlin-2020.jpg?resize=300%2C167&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Corona-Leugner-My-Park-Berlin-2020.jpg?resize=1024%2C568&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Corona-Leugner-My-Park-Berlin-2020.jpg?resize=768%2C426&amp;ssl=1 768w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-9921\" class=\"wp-caption-text\">My home .. our park, my mauerpark in Berlin am 2. Augst 2020<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die au\u00dferinstitutionelle Antifa dahingegen ist au\u00dfer Stande jenseits einer Politik der generalisierten Feindbestimmung (\u201eQuerfront\u201c, \u201eVerschw\u00f6rungsideologie\u201c), die dem Mainstream folgt, als soziale Kraft in eine solche Melange zu wirken, offen f\u00fcr das Andere zu sein, das jenseits des Szene-Milieus mit ihren Codes und Sprachmodulen liegt, und die wirklichen Faschisten anzugreifen und zu isolieren. Dabei w\u00e4re dies umso notwendiger, nicht nur weil \u201eAntifa\u201c mittlerweile nicht mehr nur f\u00fcr Rechte ein Feindbild ist, sondern anderen Demonstrierenden als Synonym f\u00fcr Intoleranz gilt. T\u00e4tiger Antifaschismus ist mehr denn je gefragt. Ohne Empathie oder Solidarit\u00e4t mit jenen, die unten stehen, ist er aber nichts wert. Mensch m\u00f6ge sich daran erinnern, dass es auch in der Anfangszeit der Gelbwestenbewegung in Frankreich zu heftigen Auseinandersetzungen kam, denn schlie\u00dflich war auch diese Bewegung alles andere als politisch klar und rein. Es scheint so, dass dort \u00fcber die Pr\u00e4senz von Linksradikalen Rechtsradikale \u00f6rtlich marginalisiert werden konnten. Abgesehen davon gibt es nat\u00fcrlich auch in Frankreich eine andere plebejische Protestkultur.<\/p>\n<p>In der marxistischen Linken zirkulierten sehr viel richtige Analysen zur Corona-Krise. Die besten davon verstanden es, die Lage der arbeitenden Klassen in Corona-Zeiten analytisch zu fassen. Doch umgesetzt wurde davon nichts und lebensweltlich f\u00fcr andere erfahrbar waren diese Analysen nicht. Dies geschieht auch, weil akademische Linke mit Isolation und Vereinzelung ganz gut umgehen k\u00f6nnen. Einige radikale Linke zogen sich in die Internetwelt der \u201eCorona-Blogs\u201c zur\u00fcck. Oder zum kopfsch\u00fcttelnden Beobachten des Corona-Irrsinns, wie ich es hier versuche. Wir diskutieren ansonsten \u00fcber die m\u00f6gliche Ausgestaltung einer kommunistischen Weltcommune, sind aber zur politischen Intervention in dramatischen und gef\u00e4hrlichen Zeiten nicht f\u00e4hig. Bestenfalls reicht es zum Protest gegen R\u00e4umungen linker Projekte wie zum Beispiel der Kiezkneipe \u201eSyndikat\u201c in Neuk\u00f6lln. Wenn dies allerdings der Horizont ist, ist jeder Milieu \u00fcberschreitende, gar gesamtgesellschaftliche Anspruch aufgegeben, was zumindest politisch zu diskutieren w\u00e4re.<\/p>\n<p>In der 11. Ausgabe des von Anselm Lenz und anderen herausgegebenen \u201eDemokratischen Widerstands\u201c, der Zeitung der Berliner Initiatoren der \u201eHygienedemos\u201c, schreibt ein \u201eJonny Rottweil\u201c:<\/p>\n<p><strong><em>\u201eDie organisierte Linke versagt unter dem Corona-Regime v\u00f6llig und von ihr wird auch nie mehr etwas Brauchbares kommen\u201c.<\/em> <\/strong><\/p>\n<p>Er k\u00f6nnte auf d\u00fcstere Weise Recht behalten. Allerdings ist der einer Linken \u201eVersagen\u201c attestierende Hochmut einer Gruppe, die systematisch die T\u00fcr f\u00fcr Irrationalismus und Rechtsradikale ge\u00f6ffnet hat, alles andere als angebracht.<\/p>\n<p>Gerhard Hanloser | August 2020<\/p>\n<p>Wer Interesse daran hat, einen Eindruck von der Hygiene-Demonstration in Berlin im April 2020 zu bekommen, dem sei dieser Beitrag empfohlen:<\/p>\n<h4><a href=\"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2020\/05\/02\/budjonnys-unhygienische-reiterfarmee-beobachtungen-waehrend-der-letzten-hygiene-demos-vor-der-volksbuehne\/\">Budjonnys unhygienische Reiterarmee | Beobachtungen w\u00e4hrend der letzten \u201eHygiene-Demos\u201c vor der Volksb\u00fchne in Berlin<\/a><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2><strong><u>Zweiter Demo-Bericht<br \/>\n<\/u><\/strong><\/h2>\n<p>Es gibt noch einen anderen Beitrag, der vielleicht dabei hilft, trotz der vielen Splitter und Facetten der \u201eQuerdenker-Teilnehmer*innen\u201c einen gemeinsamen Kern auszumachen:<\/p>\n<p>(\u2026) der Aufzug bot ja nun nicht wirklich kein koh\u00e4rentes Bild. Wie soll man die Demonstrierenden verstehen? Wer gab den Ton an? Was war das pr\u00e4gende Motiv, die Triebkr\u00e4fte? Wenn man als Materialist zur Analyse schreitet, d\u00fcrfte das Resultat kaum sein: Hier kommen Leute zusammen, die Freude an der Verbreitung von Verschw\u00f6rungstheorien haben. Bei aller Liebe und Verst\u00e4ndnis f\u00fcr esoterische Leidenschaften: Daf\u00fcr schlagen sich Leute nicht den ganzen Tag um die Ohren.<\/p>\n<p>Meine Einsch\u00e4tzung: <strong><em>Die Triebkraft f\u00fcr diese Massendemonstration \u2013 und das war sie gewiss und die 20.000 d\u00fcrften eher die Unterkante sein &#8211; ist der Unwille, eine Einschr\u00e4nkung der gewohnten Art zu leben hinzunehmen und\/oder an der Sicherung der wirtschaftlichen Existenz durch staatliche Auflagen gehindert zu werden.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Es sollen ja einige Mittelst\u00e4ndler in diese Demo investiert haben. Die Demonstrierenden pl\u00e4dieren f\u00fcr weniger Auflagen und eine gr\u00f6\u00dfere Bereitschaft gesundheitliche Risiken einzugehen, was sie nat\u00fcrlich nicht so auf direktem Wege kommunizieren. Stattdessen erfreuen sie sich daran, ihre recht egoistischen W\u00fcnsche als Freiheitsbewegung zu veredeln. Und da die K\u00e4mpfe daf\u00fcr sich in hohem Ma\u00dfe einer linken Kultur bedienen, wurde hier auch in gro\u00dfem Stil ger\u00e4ubert. Dutzende Male wurde das ber\u00fchmte Hannah Ahrend-Zitat \u201e<em>Niemand hat das Recht zu gehorchen<\/em>\u201c auf Schilder bem\u00fcht, Der Anti-AKW-Slogan \u201e<em>Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht<\/em>\u201c erlebt eine Neuauff\u00fchrung. Man will \u201esolidarisch\u201c, \u201eauthentisch\u201c und \u201etolerant\u201c sein und vor allem als Rebell wahrgenommen werden, der sich staatlicher Bevormundung widersetzt und \u201eselbst\u201c und \u201equer\u201c-denkt. In gewisser Hinsicht spiegelt sich hierin schon eine gewisse Hegemonie, die die Linke in sozialen Bewegungen erobert hat.<\/p>\n<p>Und ich denke, dass die meisten Demonstranten das auch glauben (wollen), und nicht als Soldaten eines rechten Aufzugs wahrgenommen werden wollten. <strong><em>Doch dem Willen, eine Vor-Corona-Normalit\u00e4t m\u00f6glichst schnell zu erreichen, wird alles andere untergeordnet<\/em><\/strong>. Zum Beispiel die Differenzen zu Halb-, Ganz- oder Dreiviertel-Nazis, die sich in der Demo wie die ber\u00fchmten Fische im Wasser bewegen konnten, aber trotzdem nicht das Bild dieser Aktion gepr\u00e4gt haben. Denn im Vordergrund stand nicht die Realisierung der neurechten Agenda \u201eGrenzen dicht und Remigration\u201c, auch wenn viele am Samstag verbreiteten Verschw\u00f6rungsmythen hier ihre historische Heimat haben. Doch die entstammen erstmal dem kleinb\u00fcrgerlichen Irrationalismus, der seine ganz eigene Suppe am Leben h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Ich hatte auch den Eindruck, dass sich einige tats\u00e4chlich auf diese Demo verirrt haben. Warum sonst geht jemand mit einem Pappschild des antifaschistischen VVN-Mottos \u201e<em>Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg<\/em>\u201c auf solch eine Demo? Oder mir Regenbogenfahnen. Und die Erfahrung, dass unsere Rufe \u201eNazis raus\u201c (gemeint war das als Aufforderung an die Demonstranten, sich von den Nazis in ihren Reihen zu distanzieren), dort an uns zur\u00fcckschallten, ist einerseits Ausdruck wirklicher Emp\u00f6rung. Denn im Unterschied zu den alten Rechten wollen diese Leute nicht an diese &#8222;Hochzeit des Deutschtums&#8220; andocken. Zum anderen dr\u00fcckt es aber auch den Versuch von Neurechten aus, eine Umdefinierung der Werte vorzunehmen, in der Linke in die \u201eeigentlichen Nazis\u201c verwandelt werden sollen.<\/p>\n<p>Sei es, wie es sei. Ich fand das Ganze ziemlich frustrierend. Ich kann mich in meinem politischen Leben nicht daran erinnern, einmal Zeuge einer Massendemonstration geworden zu sein, in der Nazis soviel \u201enormale Leute&#8220;, objektiv vor ihren Karren haben spannen k\u00f6nnen. Dies sollte aber nicht zu panikartigen Reaktionen f\u00fchren. Man muss sich immer den Rahmen anschauen, in dem sich diese r\u00fccksichtslose \u201eFreiheitsbewegung\u201c momentan bewegt. Noch halten deutlich mehr als 70% der Bev\u00f6lkerung die Anti-Corona-Ma\u00dfnahmen f\u00fcr richtig. Damit dies auch so bleibt, scheint mir eine Generalattacke auf diese \u201eCorona-Leugner*innen\u201c nicht so sinnvoll. Zweckm\u00e4\u00dfiger erschient mir der Versuch des Zerhackens dieses politisch-ideologischen Breis und ihrer sozialen Tr\u00e4gergruppen. Gerade bei den anstehenden wirtschaftlichen Auseinandersetzungen. Die Demo hat diese Aufgabe nicht gerade erleichtert. Denn sie d\u00fcrfte bei den TN als Erlebnis der St\u00e4rke wahrgenommen werden. Man w\u00e4hnt sich nun als Angeh\u00f6riger einer Bewegung, die in der Lage ist zu provozieren und sich durchzusetzen.\u201c (JG, Mitglied des Arbeitskreis Internationalismus der IG Metall und der VVN\/BdA in Berlin)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2><strong>Mit diesem Bericht dr\u00e4ngen sich Fragen auf:<\/strong><\/h2>\n<p>Wenn es stimmt, dass (sehr) Viele eine R\u00fcckkehr zu einem Kapitalismus wollen, der denen Spass verspricht, die es sich \u201everdient\u201c haben, dann sp\u00fcrt man doch noch mehr die L\u00fccke, die die Gegendemonstrant*innen nicht schlie\u00dfen k\u00f6nnen:<\/p>\n<p>Wenn es nicht um einen spassigen Kapitalismus geht, warum geht es dann? Was w\u00e4re eine tats\u00e4chliche Kapitalismus-Kritik, die die Corona-Zeiten ber\u00fccksichtigt?<\/p>\n<p>Es werden anscheindlich viele Parolen auf der \u201efalschen\u201c Demo (der Querdenker*innen) gerufen: \u201e<em>Niemand hat das Recht zu gehorchen<\/em>\u201c \u2026 \u201e<em>Wo Recht zu Unrecht wird, wrd Widerstand zur Pflicht<\/em>\u201c. Liegt das nur an verirrten Parolentr\u00e4ger*Innen oder auch an dem Umstand, dass es keinen Widerstand gibt, wo diese Parolen keine (Ent-)T\u00e4uschung sind?<\/p>\n<p>Wenn das Rebellentum der Querdenker*innen tats\u00e4chlich etwas von einer \u201ekonformistischen Rebellion\u201c hat, die das Versprechen des Kapitalismus eingel\u00f6st sehen will und gar nichts gegen den Kapitalismus hat, dann fragt man sich: Wo bleiben, wo sind die Rebellen, die mehr wollen als einen guten, f\u00fcrsorglichen und *Kapitalismus?<\/p>\n<p>Wolf Wetzel<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Views: 6313<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Berlin kam am 1. August 2020 zusammen, was sich sonst als regionales Ph\u00e4nomen recht unterschiedlich pr\u00e4sentierte: ein \u00f6ffentlich sichtbares neues politisches Milieu, das sich selbst gerne als \u201eQuerdenker\u201c oder \u201eCoronarebellen\u201c bezeichnet, und aus verschiedenen Gr\u00fcnden mit den Corona-Ma\u00dfnahmen der Bundesregierung nicht einverstanden ist.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":9907,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[5,9,25,32,34,36,37],"tags":[199,201,3995,3833,3994,3991,3993,3821,702,3822,3586,3865,1328,1400,3624,1725,1741,1898,3992,3753,3835,3188],"class_list":["post-9901","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-04-texte","category-arbeit","category-kapitalis-mus-s","category-nationalismus","category-politik","category-rassismus","category-repression","tag-antifa","tag-antifaschismus","tag-antonio-gramsci","tag-bill-gates","tag-corona-regime","tag-coronakrise","tag-coronarebellen","tag-covid-19","tag-diktatur","tag-drosten","tag-gerhard-hanloser","tag-hygienedemos","tag-kapitalismus","tag-konformistische-rebellion","tag-luegenpresse","tag-nazis","tag-neonazis","tag-pegida","tag-querdenker","tag-querfront","tag-robert-koch-institut","tag-verschwoerungsideologie"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Corona-Querdenker-Demo-2020-Rot-scaled.jpg?fit=2560%2C1357&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9901","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9901"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9901\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9925,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9901\/revisions\/9925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9907"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9901"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9901"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9901"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}