{"id":9873,"date":"2020-07-18T12:49:38","date_gmt":"2020-07-18T10:49:38","guid":{"rendered":"https:\/\/wolfwetzel.de\/?p=9873"},"modified":"2020-07-20T17:45:43","modified_gmt":"2020-07-20T15:45:43","slug":"der-oktoberfestanschlag-in-muenchen-1980-vom-irren-einzeltaeter-zum-schutz-des-staatswohles-bis-zur-einstellung-der-ermittlungen-1980-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2020\/07\/18\/der-oktoberfestanschlag-in-muenchen-1980-vom-irren-einzeltaeter-zum-schutz-des-staatswohles-bis-zur-einstellung-der-ermittlungen-1980-2020\/","title":{"rendered":"Der Oktoberfestanschlag in M\u00fcnchen 1980 \u2013 Vom irren Einzelt\u00e4ter, zum Schutz des Staatswohles bis zur Einstellung der Ermittlungen (1980-2020)"},"content":{"rendered":"<h1>Der Oktoberfestanschlag in M\u00fcnchen 1980 \u2013 Vom irren Einzelt\u00e4ter, zum Schutz des Staatswohles bis zur Einstellung der Ermittlungen (1980-2020)<\/h1>\n<p>2014 wurde mit der Wiederaufnahme des Verfahrens begonnen, das den Terroranschlag auf das Oktoberfest in M\u00fcnchen 1980 aufkl\u00e4ren sollte. Nach sechs Jahren wurde es eingestellt.<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-9874\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Telepolis-Oktoberfest-2020.jpg?resize=700%2C538&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"538\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Telepolis-Oktoberfest-2020.jpg?w=729&amp;ssl=1 729w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Telepolis-Oktoberfest-2020.jpg?resize=300%2C230&amp;ssl=1 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p>Das Ergebnis ist deprimierend, weil sich das Gericht au\u00dferstande sah, m\u00f6gliche Mitt\u00e4ter und Unterst\u00fctzer zu ermitteln.<\/p>\n<p>Es ist ein Lehrst\u00fcck, denn das Gericht f\u00fchrt aus, dass ein entscheidender Grund f\u00fcr diese Erfolglosigkeit die Ermittlungsbeh\u00f6rden selbst sind.<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Der Terroranschlag auf das M\u00fcnchner Oktoberfest ereignete sich am 26. September 1980. Dazu wurden 1,39 Kilogramm TNT (also milit\u00e4rischer Sprengstoff) in einem M\u00fclleimer deponiert. Das Ziel war es, wahllos so viele Menschen wie m\u00f6glich zu t\u00f6ten. Dreizehn Personen wurden ermordet, \u00fcber 200 zum Teil schwer verletzt. Die polizeilichen Ermittlungen ergaben ziemlich schnell, dass es sich um einen lebensunlustigen Einzelt\u00e4ter handelte, der bei dem Anschlag ebenfalls ums Leben kam. Au\u00dferdem stand fast genauso schnell fest, dass er keine politischen Motive hatte, sondern ganz \u201eprivate\u201c. Nachdem der Name des \u201eEinzelt\u00e4ters\u201c bekannt war, Gundolf K\u00f6hler, und Informationen \u00fcber seine neonazistische Gesinnung und seine Kontakte zu neofaschistischen Organisationen nicht mehr zu verheimlichen waren, blieben die Ermittler bei diesem faktenfreien Profiling. Die Widerspr\u00fcche wurden als \u201ewilde Spekulationen\u201c abgetan, wozu man heute \u201eVerschw\u00f6rungstheorien\u201c sagen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Staatsanwaltschaft \u00fcbernahm die Polizeiversion und lie\u00df alles, was dagegen vorgebracht wurde, ins Leere laufen.<\/p>\n<p>Dank der Hartn\u00e4ckigkeit und Entschiedenheit der Nebenklage, f\u00fchrten 2014 neue Indizien und Zeugen zur Wiederaufnahme des Verfahrens. Nach sechs Jahren wurde es eingestellt:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eNach den Ergebnissen der neuen Ermittlungen handelte der Attent\u00e4ter Gundolf K\u00f6hler damals aus einer rechtsextremistischen Motivation heraus. Hinweise auf Hinterm\u00e4nner oder Komplizen wurden aber auch nach mehr als tausend Vernehmungen und der Pr\u00fcfung von Hunderten Spuren nicht gefunden. \u201aWir haben keine zureichenden, tats\u00e4chlichen Anhaltspunkte f\u00fcr die Beteiligung weiterer Personen als Mitt\u00e4ter, Anstifter oder Gehilfen an der Tat des Gundolf K\u00f6hler\u201c, sagte der Sprecher.\u201c (faz.de vom 7.7.2020)<\/p><\/blockquote>\n<p>Was bringt diese Einstellung an Erkenntnis? Warum lohnt es sich, darauf einzugehen?<\/p>\n<p>Die Einstellung, vor allem die Begr\u00fcndung ist sehr hilfreich, das einzuordnen, was sich bei der \u201eAufkl\u00e4rung\u201c der NSU-Mordserie 30 Jahre sp\u00e4ter ereignete, was sich vor Gericht im Mordfall L\u00fcbcke abspielt. Denn es geht um die sehr entscheidende Frage, ob \u201ePannen\u201c und \u201eZuf\u00e4lle\u201c eine Aufkl\u00e4rung erschweren oder verunm\u00f6glichen oder ob es sich um ein systematisches Vorgehen handelt. Und wenn man diese Frage stellt und sie \u00fcber die letzten 40 Jahre spannt, dann kommt man an der sich anschlie\u00dfenden Frage nicht vorbei: Warum werden gegebenenfalls (weitere) M\u00f6rder gesch\u00fctzt, warum werden neonazistische Strukturen geleugnet?<\/p>\n<h2><strong>Ein Urteil ist nicht (unbedingt) die Wahrheit, sondern die Entscheidung eines Gerichtes. Ein Urteil muss ganz und gar nicht nach Abw\u00e4gung aller vorliegenden Indizien und Beweise gef\u00e4llt werden, es kann auch gegen sie getroffen werden.<\/strong><\/h2>\n<p>In der Einstellungsbegr\u00fcndung sind zwei Dinge von besonderer Bedeutung. In einem zentralen Punkt widerspricht das Gericht dem Urteil aus den 1980er Jahre deutlich: Gundolf K\u00f6hler war kein \u201everwirrter\u201c, unpolitischer Attent\u00e4ter, sondern ein Neonazi mit einem faschistischen Weltbild. Man k\u00f6nne meinen, dass diese sp\u00e4ter Revision unbedeutsam ist, da au\u00dfer Polizei und Staatsanwaltschaft kaum jemand an die \u201eEinzelt\u00e4terthese\u201c glaubte. Der Grund ist ein klein wenig versteckt: Die jetzt urteilende Staatsanwaltschaft hat keine neuen Fakten zu dem Attent\u00e4ter Gundolf K\u00f6hler. Alles, was man \u00fcber Gundolf K\u00f6hler wei\u00df, wusste die Staatsanwaltschaft bereits vor 40 Jahren.<\/p>\n<p>An der Faktenlage hat sich nichts, gar nichts ge\u00e4ndert, aber ganz offensichtlich an der Bereitschaft, sie wahrzunehmen, zu \u201ew\u00fcrdigen\u201c. Diese sp\u00e4te Ber\u00fccksichtigung beweist also, dass der neonazistisch motivierte Mordanschlag 1980 von der Staatsanwaltschaft vors\u00e4tzlich und im Wissen um die Fakten entpolitisiert wurde.<\/p>\n<p>Wenn wir also heute von Einzelt\u00e4tern h\u00f6ren, wie im Mordfall L\u00fcbcke, von Neonazis ohne Neonazismus, dann sind nicht nur Zweifel erlaubt, die dann in ge\u00fcbter Ohnmacht enden. Es gibt allen Grund dazu, dass diese Art der Aufkl\u00e4rung keinen Mord aufkl\u00e4rt, sondern die n\u00e4chsten \u201eEinzelt\u00e4ter\u201c geradezu anwirbt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2><strong>Die \u201ePannen\u201c bei der Aufkl\u00e4rung des Terroranschlages auf das Oktoberfest in M\u00fcnchen haben System<\/strong><\/h2>\n<p>Der Terroranschlag auf das Oktoberfest in M\u00fcnchen ereignete sich am 26. September 1980. Dreizehn Personen wurden ermordet, \u00fcber 200 zum Teil schwer verletzt.<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-5361 size-full\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/oktoberfestanschlag-1980-netz.jpg?resize=510%2C383&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"510\" height=\"383\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/oktoberfestanschlag-1980-netz.jpg?w=510&amp;ssl=1 510w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/oktoberfestanschlag-1980-netz.jpg?resize=300%2C225&amp;ssl=1 300w\" sizes=\"(max-width: 510px) 100vw, 510px\" \/><\/p>\n<p>Kurz und doch lang genug wurde dieser Anschlag der Roten Armee Fraktion\/RAF zugeschrieben. Dann wurde daraus ein schrecklicher Anschlag eines verwirrten und unpolitischen Einzelt\u00e4ters. Daran hielt man sich \u2013 auch ohne Fakten, denn diese machten einen neonazistischen Anschlag, der von mehreren Personen geplant und ausgef\u00fchrt wurde, viel wahrscheinlicher, als die \u201eEinzelt\u00e4terthese\u201c. Auch mehrere Versuche, eine Wiederaufnahme der Ermittlungen einzufordern, wurden abgewiesen. Die Weigerung, mehr als einen (toten) T\u00e4ter finden zu wollen, dauerte \u00fcber 30 Jahre.<\/p>\n<p>Ende 2014 erkl\u00e4rte die Generalbundesanwaltschaft, dass sie das Ermittlungsverfahren wiederaufnehmen werde:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEs gebe nun Hinweise, die auf \u201abislang unbekannte Mitwisser\u2018 hindeuten k\u00f6nnten, sagte Generalbundesanwalt Range.\u201c (DER SPIEGEL vom 11.12.2014)<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist vor allem der unerm\u00fcdlichen Arbeit des Opferanwaltes Werner Dietrich zu verdanken. Genau das, was Aufgabe der Ermittlungsbeh\u00f6rden w\u00e4re, hat er getan: Hinweisen und Zeugenaussagen zu folgen, die bis heute unter den Tisch fielen, die der Einzelt\u00e4terthese vehement widersprechen.<\/p>\n<p>Was machte das Wiederaufnahmeverfahren so brisant, w\u00e4hrend gleichzeitig der NSU-Prozess in M\u00fcnchen lief, der sich der l\u00fcckenlosen Aufkl\u00e4rung der Mord- und Terrorserie des NSU verschrieben hat?<\/p>\n<ol>\n<li>ZeugInnen, Rechtsanw\u00e4lte und Journalisten bezweifeln seit Jahren die Einzelt\u00e4tertheorie und werfen den Ermittlungsbeh\u00f6rden vor, Spuren und Erkenntnissen nicht zu folgen, die einen neonazistischen Hintergrund belegen und die Beteiligung von mehreren Personen verifizieren.<\/li>\n<li>W\u00e4hrend unterschlagene und neue Fakten \u00f6ffentlich werden, vernichtet man asservierte Beweise Zug um Zug. Bereits ein knappes Jahr nach dem Oktoberfestanschlag wurde 48 Zigarettenkippen aus K\u00f6hlers Auto entsorgt. Dann werden die sichergestellten Bombensplitter f\u00fcr eine sp\u00e4tere Beweisw\u00fcrdigung vernichtet. Und als w\u00e4ren diese Straftaten im Amt nicht genug, verschwindet ein Arm auf unerkl\u00e4rliche Weise: \u201eDie Bundesanwaltschaft best\u00e4tigte (\u2026), dass keine Spuren des Attentats mehr vorhanden sind. <em>\u201aDie Asservate wurden Ende des Jahres 1997 vernichtet, weil der Fall als aufgekl\u00e4rt gilt und s\u00e4mtliche Ermittlungen nach eventuellen Mitt\u00e4tern ergebnislos verlaufen sind<\/em>\u2018, sagte Sprecher Frank Wallenta.\u201c (SZ vom 17.5.2010) Begleitend und unterst\u00fctzend verschwinden Akten bzw. werden unter Verschluss gehalten.<\/li>\n<li>Die Frage stand im Raum: Warum weigern sich staatliche Beh\u00f6rden so vehement dagegen, den neonazistischen Hintergrund dieses Anschlages aufzukl\u00e4ren? Gibt es etwas zu verteidigen, zu sch\u00fctzen, was weit \u00fcber eine neonazistische Tat hinausreicht? Welches Motiv haben Politiker, Ermittler und Journalisten, die Einzelt\u00e4terthese zu decken? Warum wird bis heute jeder Zusammenhang zur neonazistischen \u201eWehrsportgruppe Hoffmann\u201c und anderen paramilit\u00e4risch organisierten Neonazis (wie den \u201eDeutschen Aktionsgruppen\u201c) geleugnet?<\/li>\n<\/ol>\n<p>Was macht also diesen neonazistischen Mordanschlag in M\u00fcnchen 1980 so brisant und aktuell? Warum wurde die Einzelt\u00e4terthese bis zuletzt \u2013 auf Teufel komm raus \u2013 verteidigt? Wohin kommt man, wenn man den zahlreichen Spuren zu weiteren Neonazis folgt?<\/p>\n<h2><strong>Die Einzelt\u00e4terthese macht immer dann \u201eSinn\u201c, wenn man damit den Weg zu Mitt\u00e4tern und Strukturen versperrt, die \u201eSchutz\u201c genie\u00dfen<\/strong><\/h2>\n<p>Gundolf K\u00f6hler war nur in den Augen der Ermittlungsbeh\u00f6rden ein Unpolitischer. Um diese L\u00fcge nicht zu gef\u00e4hrden, war man sogar bereit, die Beweislage zu manipulieren, indem man nur das sicherstellte, was man brauchte, also das liegenlie\u00df, was nur gest\u00f6rt h\u00e4tte: <em>\u201eIn Gundolf K\u00f6hlers Zimmer in Donaueschingen fanden die Polizisten seinen Wikingjugend-Ausweis \u2013 und lie\u00dfen ihn liegen.<\/em>\u201c (Vernichtete Spuren \u2013 Ermittlungsfehler mit Tradition, BR vom 31.1.2015)<\/p>\n<p>Auch seine engen Verbindungen zur neonazistischen \u201e<em>Wehrsportgruppe Hoffmann\/WGH<\/em>\u201c waren den Ermittlern bekannt, was auch zahlreiche Zeugen zu Protokoll gegeben hatten. Diese Begeisterung ging so weit, dass er selbst eine \u201eWehrsportgruppe\u201c im Raum Donaueschingen gr\u00fcnden wollte (Bundestagsdrucksache 18\/3117, S.17)<\/p>\n<p>Er war nicht alleine am Tatort. Zeugen hatten mindestens zwei weitere Personen an jenem M\u00fclleimer gesehen, in dem die Bombe platziert worden war. Eine Zeugenbeobachtung, die so pr\u00e4zise war, dass sie auch von einem Streit zwischen drei Personen berichten konnte. Der ehemalige Beamte, der sich als Zeuge bei Rechtsanwalt Dietrich meldete, w\u00fcrde nicht nur die bisherigen Zeugenaussagen best\u00e4tigen. Er w\u00fcrde den Tatablauf um ein entscheidendes Puzzle erg\u00e4nzen. Der Beamte war am Tag des Oktoberfestanschlages mit f\u00fcnf weiteren Arbeitskollegen auf dem Weg zur Wiesn. Kurz vor der Detonation standen sie zusammen vor dem Ausgang des Oktoberfestes. In dieser Zeit beobachtete er \u201eeinen jungen Mann, der zun\u00e4chst zu einem schwarzen Auto gegangen sei, das am Bavariaring geparkt war. Darin sollen vorne zwei, hinten mindestens eine Person gesessen haben. Mit diesen habe er durch das heruntergekurbelte Fenster gesprochen. Dann sei der Mann, den er bis heute sicher f\u00fcr Gundolf K\u00f6hler h\u00e4lt, zu jenem Papierkorb gegangen, in dem dieser den Ermittlungen zufolge die Bombe z\u00fcndete.\u201c (SZ vom 8.12.2014)<\/p>\n<p>Kurze Zeit sp\u00e4ter detonierte die Bombe. Dass der Beamte diesen Anschlag \u00fcberlebt hatte, verdankte er einer Person, die vor ihm stand und durch die Wucht der Explosion auf ihn fiel &#8211; und wenig sp\u00e4ter an den schweren Verletzungen starb. Seine bereits in den 1980er Jahren gemachten Aussagen hatten keinen Eingang in die Ermittlungen gefunden \u2013 im Gegenteil, sie st\u00f6rte nur. Laut Kenntnis seines Rechtsanwaltes finden sich diese Aussagen nicht mehr in den Ermittlungsakten, was einer Manipulation von Ermittlungserkenntnissen gleichk\u00e4me.<\/p>\n<p>Auch die Spezifika der Bombe k\u00f6nnten zu Mitwissern f\u00fchren. Belegt ist, dass es sich um milit\u00e4rischen Sprengstoff handelte. Genau dieser Spur ging ein \u201aFrontal 21\u2018-Beitrag vom 25.3.2014 nach:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eAm 27. September, einen Tag nach dem Anschlag in M\u00fcnchen, sagten zwei deutsche Rechtsextremisten bei der bayrischen Polizei aus. Sie wiesen auf einen Gleichgesinnten hin, auf Heinz Lempke, einen F\u00f6rster aus Uelzen. Die Neonazis machten klare Angaben: \u201aHerr Lempke zeigte uns verschiedene Sprengstoffarten, Z\u00fcnder, Lunten, Plastiksprengstoff und milit\u00e4rischen Sprengstoff \u2026 Er sagte uns, dass er mehrere Waffenverstecke im Wald habe\u2018.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Obwohl die Ermittler sowohl von diesen Aussagen wussten, also auch Kenntnis davon hatten, dass Heinz Lempke zu verschiedenen neonazistischen Organisationen und \u201e<em>enge Kontakte zur WSG Hoffmann hatte<\/em>\u201c (taz vom 7.8.2009), unternahmen sie nichts.<\/p>\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter, im Oktober 1981, wurde man \u2013 dank eines Waldarbeiters \u2013 rund um die F\u00f6rsterei Lempke f\u00fcndig: Auf \u00fcber 30 Erddepots verteilt wurden u.a. 156 Kilo milit\u00e4rischen Sprengstoff, 230 Kilo Sprengk\u00f6rper, 256 Handgranaten, 50 Panzerf\u00e4uste entdeckt.<\/p>\n<p>Ganz offensichtlich wollte Heinz Lempke auf all dem nicht alleine sitzen bleiben:<\/p>\n<blockquote><p><strong>\u201eNach seiner Verhaftung k\u00fcndigt Lempke an, seine Hinterm\u00e4nner zu nennen. Doch dann fand man ihn erh\u00e4ngt in seiner Zelle.\u201c (s.o.)<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Um den F\u00f6rster ranken sich allerlei berechtigte Spekulationen: War er nicht nur Neonazi mit besten Verbindungen zur \u201eWehrsportgruppe Hoffmann\u201c, sondern auch V-Mann des Geheimdienstes?<\/p>\n<h2>Der Nebel, der \u00fcber dem Oktoberfestanschlag liegt, ist kein Naturereignis<\/h2>\n<p>Die Bundesanwaltschaft hatte im Zuge der wieder aufgenommenen Ermittlungen an das Bundeskanzleramt, den Bundesnachrichtendienst und den Inlandsgeheimdienst\/VS eine lange Liste an Suchbegriffen geschickt \u2026<\/p>\n<p>\u201e<em>von Karlheinz Hoffmann, dem Anf\u00fchrer der paramilit\u00e4rischen Wehrsportgruppe Hoffmann, mit der Gundolf K\u00f6hler trainierte, bis hin zum Neonazi Heinz Lembke, der im Verdacht stand, den Sprengstoff f\u00fcr das Attentat geliefert zu haben. Lembke erh\u00e4ngte sich in seiner Zelle, kurz bevor er vor einem Staatsanwalt aussagen sollte. In seinen Akten steht der Sperrvermerk \u201aNur zum Teil gerichtsverwertbar\u2019, was auf eine V-Mann-T\u00e4tigkeit schlie\u00dfen l\u00e4sst.\u201c (SZ vom 12.5.2016)<\/em><\/p>\n<p>Die Bundesregierung zog schnell und eindeutig die rote Linie. Sie untersagte es, die Klarnamen der V-Leute zu nennen, die m\u00f6glicherweise zur Tataufkl\u00e4rung beitragen k\u00f6nnten, \u201e<em>weil angeblich immer noch Leib und Leben der fr\u00fcheren V-Leute bedroht sein k\u00f6nnten<\/em>\u201c. (s.o.)<\/p>\n<p>Unter diesem Schutz- und Rettungsschirm f\u00fchlte sich auch der Inlandsgeheimdienst \u201eVerfassungsschutz\u201c wohl und sicher. Als w\u00e4re der Verfassungsschutz eine au\u00dferstaatliche und au\u00dferrechtliche Institution weigerte er sich, sein Wissen preiszugeben und die Fragen nach m\u00f6glichen Verstrickungen zu beantworten.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.bild.de\/politik\/inland\/bundesamt-verfassungsschutz\/hinweise-auf-weitere-taeter-beim-oktoberfest-attentat-51102860.bild.html\">Nach Angaben der Bild<\/a>-Zeitung gab das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz\/BfV \u201cdie nun ver\u00f6ffentlichten Informationen erst nach einem Rechtsstreit und einem entsprechenden Urteil des Oberverwaltungsgerichts Nordrhein-Westfalen preis. Brisant ist seit langem die Frage nach m\u00f6glichen V-Leute im Umfeld des oder der Attent\u00e4ter. (\u2026). Einem Bericht der <em>Bild<\/em>-Zeitung zufolge hat das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (BfV) jetzt erstmals offiziell zugegeben: Es verf\u00fcgt \u00fcber Anhaltspunkte f\u00fcr weitere T\u00e4ter neben dem lange Jahre als Alleinschuldigen vermuteten Rechtsextremen Gundolf K\u00f6hler.<\/p>\n<p>\u201e<em>Es gibt in der beim BfV gef\u00fchrten Sachakte \u201aSprengstoffanschlag am 26. September 1980\u2018 Hinweise auf und Recherchen nach weiteren T\u00e4tern au\u00dfer Gundolf K\u00f6hler\u2019<\/em>, habe das Bundesamt nun mitgeteilt, schreibt das Blatt.\u201c (tz M\u00fcnchen vom 1.4.2017)<\/p>\n<p>Um welche m\u00f6glichen T\u00e4ter es sich handelt, welche V-Leute im Umfeld des \u201eEinzelt\u00e4ters\u201c aktiv waren, schweigt das BfV. Dass ein Inlandsgeheimdienst \u00fcber 30, 40 Jahre nicht eigenm\u00e4chtig handelt, sondern im Dienst seiner Vorgesetzten, sollte erw\u00e4hnt und bedacht werden.<\/p>\n<h2><strong>Wenn das Ermittlungsergebnis falsch ist, dann beseitigt man alle Spuren, die dies beweisen k\u00f6nnten<\/strong><\/h2>\n<p>Es gab im Zuge der Ermittlungen Tausenden von Spuren. Auch die Ermittler, die den Fall 2014 neu aufrollten, \u00fcberpr\u00fcften Hunderte von Spuren. Die entscheidenden Spuren, die zu m\u00f6glichen (Mit-)T\u00e4tern f\u00fchren k\u00f6nnten, wurde jedoch bereits aus dem Weg ger\u00e4umt.<\/p>\n<p>Vieles, was in den Ermittlungen damals falsch gelaufen war, hatte man als \u201ePannen\u201c entschuldigt und erkl\u00e4rt. Das ist bis heute die einzige Erkl\u00e4rung. Dabei zeigt sie jedoch alles andere als Einf\u00fchlverm\u00f6gen, sondern die Bereitschaft zur fortgesetzten Vertuschung.<\/p>\n<p>Nehmen wir einmal an, dass man Zeugenaussagen falsch gewichtet, dass man Spuren \u00fcbersehen hatte, also all das, was so ganz menschlich ist und eben auch mal geh\u00e4uft vorkommen kann.<\/p>\n<p>Warum beseitigt man dann \u2013 ohne jede Hektik und Ermittlungsdruck \u2013 all die Spuren, die zu weiteren m\u00f6glichen Attent\u00e4tern f\u00fchren k\u00f6nnten?<\/p>\n<p>Warum beseitigt man kurz nach Abschluss der Beweissicherung im Februar 1981 die 48 Zigarettenkippen, die sich in K\u00f6hlers Wagen befanden?<\/p>\n<p>Warum beseitigt man die Sprengstoffproben, die Auskunft \u00fcber deren Herkunft geben k\u00f6nnten?<\/p>\n<p>Warum geht man siebzehn Jahre sp\u00e4ter (1997) ganz sicher und l\u00e4sst Fragmente eines abgetrennten Arms \u201eentsorgen\u201c, der am Tatort gefunden wurde?<\/p>\n<p>All das macht man mit Bedacht und Weitsicht und im klaren Wissen um die Strafbarkeit, denn Beweisst\u00fccke m\u00fcssen aufbewahrt (asserviert) werden, solange die in diesem Zusammenhang begangenen Straftaten nicht verj\u00e4hrt sind. Mord und Beihilfe zu Mord verj\u00e4hren jedoch nicht.<\/p>\n<p>Diese \u201atickenden Zeitbomben\u2018 mussten beseitigt werden, damit man bei einer Wiederaufnahme des Verfahrens nicht auf diese Spuren zur\u00fcckgegreifen kann.<\/p>\n<p>M\u00fcnchens Oberb\u00fcrgermeister Reiter nennt immerhin den wesentlichen Grund f\u00fcr die Einstellung der Ermittlungen: \u201e<em>Die Gr\u00fcnde hierf\u00fcr liegen sicher insbesondere in den massiven Verfehlungen und Vers\u00e4umnissen der urspr\u00fcnglichen Ermittlungen unmittelbar nach der Tat.<\/em>\u201c (sueddeutsche.de vom 8. Juli 2020)<\/p>\n<p>Und es sind genau jene Ermittlungsbeh\u00f6rden, die ungest\u00f6rt weitermachen, wenn sie aus dem NSU exakt drei Mitglieder machen, wenn sie aus Stephan Ernst einen Einzelt\u00e4ter kreieren, wenn sie die Rolle von V-Leuten vertuschen, wenn sie dieselben \u201ePannen\u201c an den Tag legen wie bei der Ermittlungst\u00e4tigkeit in M\u00fcnchen 1980.<\/p>\n<p>Wolf Wetzel \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 11.7.2020<\/p>\n<p><em>Der NSU-VS-Komplex|Wo beginnt der Nationalsozialistische Untergrund\/NSU \u2013 wo h\u00f6rt der Staat auf?<\/em> Unrast Verlag 2015, 3. Auflage<\/p>\n<p>Publiziert im Online-Magazin \u201eTelepolis\u201c am 18.7.2020: <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Der-Oktoberfestanschlag-in-Muenchen-1980-4843402.html\">https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Der-Oktoberfestanschlag-in-Muenchen-1980-4843402.html<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><u>Quellen und Hinweise:<\/u><\/strong><\/p>\n<p>Bayern 2 |Radio Feature | Stay-behind: Der Staat als Pate:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/cdn-storage.br.de\/iLCpbHJGNL9zu6i6NL97bmWH_-bG\/_-QS\/5A4652rg\/141004_1305_radioFeature_Geheimarmee-STAY-BEHIND---Der-Staat-als-Pat.mp3\">http:\/\/cdn-storage.br.de\/iLCpbHJGNL9zu6i6NL97bmWH_-bG\/_-QS\/5A4652rg\/141004_1305_radioFeature_Geheimarmee-STAY-BEHIND&#8212;Der-Staat-als-Pat.mp3<\/a><\/p>\n<p>Oktoberfestattentat \u2013 Spurensuche geht weiter | Bayerisches Fernsehen | Die Story vom 28.1.2015<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.br.de\/fernsehen\/bayerisches-fernsehen\/sendungen\/kontrovers\/oktoberfest-attentat-aufklaerung-100.html\">http:\/\/www.br.de\/fernsehen\/bayerisches-fernsehen\/sendungen\/kontrovers\/oktoberfest-attentat-aufklaerung-100.html<\/a><\/p>\n<p>\u201e<em>Der tiefe Staat \u2013 Die Unterwanderung der Demokratie durch Geheimdienste, politisch Komplizen und dem rechten Mob<\/em>\u201c, J\u00fcrgen Roth, Heyne 2016<\/p>\n<p><em>Oktoberfest-Attentat in M\u00fcnchen: Ermittlungen enden<\/em>, sueddeutsche.de vom 7. Juli 2020<\/p>\n<h2><em>Vom \u201eEinzelt\u00e4ter\u201c bis zu \u201eGladio\u201c<\/em><\/h2>\n<p>Wer den Verbindungen zwischen dem Oktoberfestanschlag in M\u00fcnchen 1980, dem Depotverwalter Lempke und \u201eGladio\u201c nachgehen m\u00f6chte, dem sei folgender Beitrag empfohlen:<\/p>\n<p><em>Der Oktoberfestanschlag in M\u00fcnchen 1980 \u2013 Vom irren Einzelt\u00e4ter und Schutz des Staatswohles. Vom \u201eEinzelt\u00e4ter\u201c bis zu \u201eGladio\u201c<\/em>: <a href=\"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2016\/07\/18\/der-oktoberfestanschlag-in-muenchen-1980-vom-irren-einzeltaeter-und-schutz-des-staatswohles-2\/\">https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2016\/07\/18\/der-oktoberfestanschlag-in-muenchen-1980-vom-irren-einzeltaeter-und-schutz-des-staatswohles-2\/<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Views: 586<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Oktoberfestanschlag in M\u00fcnchen 1980 \u2013 Vom irren Einzelt\u00e4ter, zum Schutz des Staatswohles bis zur Einstellung der Ermittlungen (1980-2020) 2014 wurde mit der Wiederaufnahme des Verfahrens begonnen, das den Terroranschlag auf das Oktoberfest in M\u00fcnchen<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":9883,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[5,8,32,33,34,36,37,41],"tags":[185,2860,416,481,630,3976,1033,1034,1069,3974,1785,1791,1833,1848,3977,2030,3844,2685,3237,3978,2745],"class_list":["post-9873","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-04-texte","category-antifaschismus","category-nationalismus","category-neonazismus","category-politik","category-rassismus","category-repression","category-verfassungs-bruch-schutz","tag-anschlag-auf-das-oktoberfest-in-munchen-1980","tag-baw","tag-bfv","tag-bundesamt-fur-verfassungsschutzbfv","tag-der-nsu-vs-komplex-wo-beginnt-der-nationalsozialistische-untergrundnsu-wo-hort-der-staat-auf","tag-generalbundesanwalt-range","tag-gladio","tag-gladio-programm","tag-gundolf-kohler","tag-karlheinz-hoffmann","tag-nsu","tag-nsu-komplex","tag-oktoberfestanschlag-in-munchen-1980","tag-operation-gladio","tag-ra-werner-dietrich","tag-raf","tag-telepolis","tag-wehrsportgruppe-hoffmannwgh","tag-wgh","tag-wikingjugend","tag-wolf-wetzel"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Oktoberfestanschlag-ge-l%C3%B6st-1980-Netz.jpg?fit=1024%2C768&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9873","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9873"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9873\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9882,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9873\/revisions\/9882"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9883"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9873"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9873"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9873"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}