{"id":9810,"date":"2020-06-24T09:30:37","date_gmt":"2020-06-24T07:30:37","guid":{"rendered":"https:\/\/wolfwetzel.de\/?p=9810"},"modified":"2020-07-05T12:38:31","modified_gmt":"2020-07-05T10:38:31","slug":"london-calling-ueber-verrat-ueber-den-umgang-mit-verrat-wahrheit-und-uns-emil-goldmann-teil-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2020\/06\/24\/london-calling-ueber-verrat-ueber-den-umgang-mit-verrat-wahrheit-und-uns-emil-goldmann-teil-ii\/","title":{"rendered":"London Calling &#8211; \u00dcber Verrat, \u00fcber den Umgang mit Verrat, Wahrheit und uns | Emil Goldmann |Teil II"},"content":{"rendered":"<h1>London Calling<\/h1>\n<h2>\u00dcber Verrat, \u00fcber den Umgang mit Verrat, Wahrheit und uns. Teil II<\/h2>\n<h2>von Emil Goldmann<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Dieser Beitrag von Emil Goldmann setzt die Diskussion \u00fcber dem Umgang gegen\u00fcber Spitzeln fort, die mit der Erkl\u00e4rung von autonomen Antifaschist*innen aus Wuppertal vom 19. Juni 2020 nur er\u00f6ffnet wurde.<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Emil Goldmann kann f\u00fcnf Vorteile in die Debatte miteinbringen: Er kennt die \u201eWuppertaler Genoss*innen aus den 1990er Jahren. Er kennt den \u201eJournalisten aus Frankfurt\u201c, der in der Erkl\u00e4rung angegriffen wird. Drittens kennt er sie zusammen, als sie viele erinnernswerte und gelungene Aktionen miteinander verbunden hatte. Und ein ganz wichtiger vierter Grund ist der Umstand, dass er nicht unmittelbar \u201ebetroffen\u201c ist, also pers\u00f6nliche N\u00e4he und politische Distanz gut miteinander verbinden kann. Und ganz und gar nicht schaden kann, das Emil Goldmann nicht im \u201eSumpf\u201c einer vermeintlichen Lokalposse stecken bleibt, und bei der Einsch\u00e4tzung des vorliegenden Konfliktes Victor Serge, Bolschewiki, Lenin und den zaristischen Geheimdienst \u201eOchrana\u201c, Michel Foucault, Peter Br\u00fcckner und Barbara Sichtermann mit ins Spiel bringt.<\/em><\/p>\n<h2>Werte Wuppertaler und Solinger Genossinnen und Genossen!<\/h2>\n<p>Ihr wollt mich also warnen, vor einem V-Mann des nordrheinwestf\u00e4lischen Verfassungsschutzes. Das erfahre ich aus in den ersten Zeilen eures Textes \u201e<em>Die Wahrheit wird uns nicht davonlaufen<\/em>\u201c vom 19. Juni 2020 auf Indymedia. Herzerw\u00e4rmend und \u00fcberraschend, nach so vielen Jahren von Euch zu h\u00f6ren. Handelt es sich doch um Geschehen, die mehr als zwanzig Jahre zur\u00fcckliegen, zum Beispiel um die auch erw\u00e4hnte Bundestagsblockade 1993 gegen die Abschaffung des Asylrechts, unsere Tag X-Mobilisierung und gemeinsame Aktion, die ich in bester Erinnerung behalten habe.<\/p>\n<p>Doch jetzt stolperte ich das erste Mal, ich erfahre gleich in der ersten Zeile eine aktuelle Adresse eines V-Manns, und es handelt sich um Geschehnisse von vor zwanzig bis drei\u00dfig Jahren? Und erfahre dann, dass der V-Mann keiner mehr ist, sondern seit 20 Jahren ausrangiert ist? Warum dann eine Warnung, vor Dingen, die der Verfassungsschutz und Staatsschutz schon genauso lange wissen?<\/p>\n<p>Ich musste daher zuerst einmal die R\u00fcckw\u00e4rtstaste dr\u00fccken, um den ganzen Vorgang zu verstehen und puzzelte eine Zeit, um mir eine logisch erscheinende hypothetische Erkl\u00e4rung zu erschlie\u00dfen.<\/p>\n<h2>Fangen wir daher noch einmal von vorne an:<\/h2>\n<p>Ein ehemaliger V-Mann will eine Art Lebensbeichte abgeben. Anscheinend ist die innere Zerrissenheit hierf\u00fcr, ein Leiden, das manche Spitzel tats\u00e4chlich befallen kann, und urs\u00e4chlich mit ihrem Handeln zu tun hat:<\/p>\n<p><em>&#8222;Spitzel unterliegen einer alles andere als problemlosen Existenz: sie ist prek\u00e4r und von allen Seiten gef\u00e4hrdet. Jedes Auffliegen eines anderen Spitzels kann Existenzangst aktivieren. Wenn es sich um nicht verbeamtete Spitzel handelt, wissen sie selbst, dass ihr Tun noch nicht einmal durch eine formale Legitimation abgesichert ist. Demgegen\u00fcber k\u00f6nnen eingeschleuste verdeckte Ermittler unter Umst\u00e4nden mit der Problematik des &#8222;Fraternisierens&#8220; konfrontiert sein, d.h. sie m\u00fcssen im Verlauf ihres Einsatzes zunehmend verdr\u00e4ngen, dass sie ihre Kontaktpersonen hintergehen, ausschn\u00fcffeln und betr\u00fcgen m\u00fcssen. Alle Spitzel, und besonders die zu ihrer T\u00e4tigkeit erpressten, stehen permanent unter Druck: Ihre Auftraggeber wollen Berichte und Ergebnisse, die zu produzieren erh\u00f6ht aber die oft bedr\u00fcckende Verwicklung des Spitzels in seine sozialen Kontakte. <\/em><em>Es muss immer irgendetwas passieren, denn sonst ist der Spitzel sein Geld nicht wert und wird wom\u00f6glich fallen gelassen.&#8220;<\/em> (Spitzel, eine kleine Sozialgeschichte, Markus Mohr, Klaus Viehmann, 2004, S.9).<\/p>\n<p>Dass Jan Pietsch dies jedoch nicht alleine in seiner Therapie aufarbeiten wollte, sondern die Absicht hatte, in irgendeiner Weise mit seinem Gest\u00e4ndnis seine Schuldgef\u00fchle seinen Opfern gegen\u00fcber loszuwerden, ist eher ungew\u00f6hnlich, er wollte sich in welcher Weise auch immer freiwillig (Euch? Der &#8222;Geschichte\u201c? Der &#8222;Wahrheit&#8220;?) stellen.<\/p>\n<p>Selbst mit Drogen oder Alkohol konnte er seinen Verrat nicht bet\u00e4uben, er konnte ihn nicht wegrationalisieren, heroisieren oder einfach vergessen, so mein Eindruck. Statt in New York weilt er am Tatort Solingen und hat ihn nie verlassen.<\/p>\n<p>Jan Pietsch ist daher meines Wissens der einzige in der radikalen Linken in den letzten Jahrzehnten vom Verfassungsschutz eingesetzte Spitzel, von denen es sicher hunderte gibt, der diesen Weg gehen wollte (Liebe Genossinnen und Genossen aus dem Osten der Republik, es kann sein, dass ich Selbstenttarnungen von Stasi-Spitzeln jetzt \u00fcbersehen habe und davon keine Kenntnis besitze). Dass er damit nicht direkt zu Euch gerannt ist und einen Umweg w\u00e4hlte, ist nicht verwunderlich, sondern wahrscheinlich in seiner tief sitzenden Angst begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Foucault definiert das Gest\u00e4ndnis als \u201e<em>sprachliche(n) Akt, mit dem das Subjekt eine Behauptung \u00fcber sein Selbstsein aufstellt, sich an diese als eine Wahrheit bindet, sich in ein Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis gegen\u00fcber dem anderen begibt, und zugleich dadurch das Verh\u00e4ltnis zu sich selbst ver\u00e4ndert.<\/em>\u201c (VL 1981\/82, 452), als \u201e<em>obligatorischen und ersch\u00f6pfenden Ausdruck eines individuelle(n) Geheimnisses<\/em>\u201c. (Burchardt, 2014)<\/p>\n<p>Es ist ein erzwungener Diskurs des Subjekts in einer Machtsituation, in der Individuen zur Produktion der Wahrheit mittels detaillierter Introspektion (Selbsterforschung) mit sich selbst ins Verh\u00e4ltnis gesetzt werden.<\/p>\n<p><em>&#8222;Erst die M\u00f6nche haben die Situation radikal ge\u00e4ndert und dabei das Mittel des Gest\u00e4ndnisses verwandelt. Denn sie machten aus ihm ein Instrument der Selbstbefragung und -Kontrolle. (&#8230;) Sie setzen nicht nur durch, dass man die begangenen Fehler gesteht, nein, man muss alles gestehen, bis in die innersten Windungen der Gedanken. Es gilt, alles auszusprechen. Der M\u00f6nch misstraut nicht allein dem Fleisch, er misstraut dem eigenen Ich. Die F\u00fchrung des M\u00f6nchs durch das geistige Oberhaupt bleibt dauerhaft bestehen. Sie erweist sich als autorit\u00e4r, insofern sie sich unterscheidet von der pers\u00f6nlichen Entwicklung hin zu einem bestimmten Ziel, das ihm ein geistiger F\u00fchrer weist.\u201c<\/em> (Foucault, Dits et \u00e9crits, IV., S.659).<\/p>\n<p>Jan P. gibt einen nicht n\u00e4her euch bekannten linken Journalist aus Frankfurt ein 30 seitiges Interview, so euer Text.<\/p>\n<p>Und einem ebenfalls linken Journalisten aus Berlin, den ihr anscheinend auch nicht n\u00e4her kennt, filmt ebenfalls ein Interview mit Jan Pietsch f\u00fcr eine bevorstehende Fernsehdokumentation. Wann dies genau geschehen ist, erkl\u00e4rt ihr nicht: der erste Kontakt scheint 2017 zustande gekommen sein.<\/p>\n<p>Das schriftliche Interview stand euch seit April 2020 zur Verf\u00fcgung, und ihr zitiert ausgiebig daraus. Obwohl ihr Jan Pietsch als notorischen L\u00fcgner bezeichnet. Einen Zustand, den er ja gerade mit seinem &#8222;Gest\u00e4ndnis&#8220; \u00e4ndern will und gar nicht bestreitet, er legt (besch\u00f6nigend, verzerrend?, k\u00fcrzend?) seine Lebensl\u00fcge offen.<\/p>\n<p>Ich fasse daher neu zusammen: Ohne den au\u00dferordentlichen Umstand, dass Jan Pietsch einen Weg gew\u00e4hlt hat, eine Lebensbeichte \u00f6ffentlich zu machen, um m\u00f6glicherweise \u00fcber die Arbeit des Verfassungsschutzes (VS) in der linksradikalen Szene zu informieren, h\u00e4ttet Ihr nichts geahnt, gewusst, vermutet. Warum macht dann euer Artikel den Eindruck, ihr h\u00e4ttet eine Verschw\u00f6rung auf frischer Tat enttarnt und aufgekl\u00e4rt, und m\u00fcsstet das tun, was der ehemalige Spitzel aus welchen Gr\u00fcnden auch immer selbst tun wollte?<\/p>\n<p>Warum warnt ihr vor ihm und weitergegebenen Informationen, die Staats &#8211; und Verfassungsschutz seit vielen Jahren in ihren Archiven und Akten haben, f\u00fchrt dann 40-j\u00e4hrige Verj\u00e4hrungsfristen an (ja, die gibt es), um eine aktuelle Gefahr zu suggerieren? Meinem Eindruck nach geht von einer vielleicht gebrochenen, m\u00f6glicherweise prek\u00e4ren Existenz des Spitzels keine aktuelle Bedrohung aus. Dies ist eine ganz n\u00fcchterne, sachliche und kein Mitleid erheischende Feststellung.<\/p>\n<p>Und verzeiht, die Verj\u00e4hrungsfristen erscheinen mir konstruiert, um etwas Anderes zu verdecken.<\/p>\n<p>Ihr rennt also mit wehenden Fahnen T\u00fcren ein, durch die der Spitzel selbst treten wollte, es mag also sein, dass ihr nicht \u201aeure\u2018 und \u201aunsere\u2018 Geschichte von ihm schreiben lassen wollt: Habt ihr diese, unsere Geschichte mit eurem Text erfahrbar, lesbar gemacht? Ihr habt gegenrecherchiert, das ist verdienstvoll und wichtig, und wie ich einige von euch kennengelernt habe, macht ihr dies akribisch, genau und \u00fcberlegt.<\/p>\n<p>Ich denke, dass ihr euch durch den Wunsch nach Rache zu einem Schritt der Ver\u00f6ffentlichung in dieser Form habt treiben lassen, den ihr jedoch nicht nach diesen Ma\u00dfst\u00e4ben gegangen seid. Er war nicht \u00fcberlegt, verantwortungsvoll, akribisch und n\u00fcchtern.<\/p>\n<p><em>&#8222;Das Verh\u00e4ltnis zwischen Spitzel und Bespitzelten kann schrecklich und banal sein &#8211; die Betonung liegt auf schrecklich und banal. Banal kann sein, was ein Spitzel berichtet, von Essgewohnheiten bis zu unwesentlichen Gespr\u00e4chsinhalten und Gewohnheiten. Unter Umst\u00e4nden entwickelt sich allerdings eine schreckliche, um Leben und Tod kreisende Dramatik: das Opfer einer Bespitzelung, die unter Umst\u00e4nden die intimsten Bereiche reichte, hat allen Grund entsetzt, w\u00fctend und verzweifelt zu sein. In Gedanken geht es sicher um den Tod des Spitzels &#8211; wirklich get\u00f6tet werden aber nur die wenigsten Spitzel. Real geht es eher um das Leben der Bespitzelten, f\u00fcr sie ist es \u00fcberlebenswichtig eine Distanz herzustellen. Schlie\u00dflich droht ihnen nach dem Bewusstwerden ihres ganzen pers\u00f6nlichen Verratenseins die Entwertung wesentlicher Teile ihres privaten Lebens und die Zerst\u00f6rung jeden Grundvertrauens in andere Menschen.&#8220; (Spitzel, 2004, S.10)<\/em><\/p>\n<p>Die Aufdeckung, die Erkenntnis, Opfer eines V-Mann geworden zu sein, ist ein Fausthieb in die Magengrube. Das Ihr als Betroffene kaum den verachteten T\u00e4ter kalt \u00fcber die Involvierung des VS nach dem Brandanschlag in Solingen in antifaschistische Praxis befragen k\u00f6nnt, ist zumindest naheliegend. Ihr h\u00e4ttet sicher lieber selbst 1999 aufgedeckt, dass Ihr Opfer eines Betrugs, Verrats, eines Doppelspiels geworden seid, und vielleicht trieb genau das euch dazu suggerieren, ihr h\u00e4ttet die Kontrolle gehabt, und h\u00e4ttet alles alleine aufgedeckt &#8211; h\u00f6rt auf, es euch vorzuwerfen, liegt mir auf den Lippen! Ihr seid nicht die Einzigen! Vielleicht zwingt Euch genau diese nachtr\u00e4gliche Ohnmacht dazu, eine nachtr\u00e4gliche Selbsterm\u00e4chtigung zu simulieren, eine selbstorganisierte Aufdeckung, die so nicht stattgefunden hat!<\/p>\n<p>Meint Ihr, eure witzige, ausdauernde, unerm\u00fcdliche politische Arbeit in den 1980er und 1990er Jahren w\u00fcrde dadurch wertlos?<\/p>\n<p>Ich fand eure lokale autonome Praxis aus der solidarischen Ferne vorbildlich, kreativ, und wie soll diese gro\u00dfartige Sozialgeschichte durch einen V-Mann grunds\u00e4tzlich besch\u00e4digt werden?<\/p>\n<p><em>&#8222;Und die Provokateure? &#8211; Auf den ersten Blick k\u00f6nnen sie der revolution\u00e4ren Bewegung einen schweren Schaden zuf\u00fcgen. Stimmt das? Gewi\u00df kann die Polizei mit ihrer Hilfe viele Personen verhaften und Gruppen &#8222;liquidieren&#8220;. Unter gewissen Umst\u00e4nden kann sie grundlegende politische Pl\u00e4ne durchkreuzen. Sie kann die wertvollsten Genossen zugrunde richten. Die Provokateure waren oft die direkten Zulieferer der Henker. Gewi\u00df, all das ist schrecklich. Doch es bleibt nicht weniger wahr, da\u00df die Provokation nur dem Einzelnen oder Gruppen schaden kann und da\u00df sie nahezu ohnm\u00e4chtig ist gegen\u00fcber der revolution\u00e4ren Bewegung als ganzer.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>(Victor Serge, Was jeder Revolution\u00e4r \u00fcber die Repression wissen muss, 1921, Bulletin communiste, aus Wie man gegen\u00fcber Polizei und Justiz die Nerven beh\u00e4lt, Rotbuch 1973).<\/p>\n<p>Hat Pietsch, n\u00fcchtern <em>betrachtet<\/em>, gro\u00dfe politische Pl\u00e4ne durchkreuzt? F\u00fchrte seine T\u00e4tigkeit zu Verhaftungen? Kam es zur Liquidierung von Gruppen? Sind Genoss*innen durch ihn zugrunde gerichtet worden? Wenn Ihr diese Fragen beantworten k\u00f6nnt, wisst ihr, wie viel und wie wenig der V-Mann real politisch bewirkt hat.<\/p>\n<p>Wer macht euch mehr Vorw\u00fcrfe als ihr selbst, dass ihr ihm vertraut habt, ihn gesch\u00e4tzt und geholfen habt?<\/p>\n<p>Was denkt ihr, wie viele hunderte Spitzel aus den letzten f\u00fcnf Jahrzehnten nicht aufgeflogen sind, von Aachen bis Frankfurt\/Oder, von Flensburg bis Freiburg? Und wie viele V-Leute arbeiten auch heute noch im Geheimen? Ihr seid damit nicht alleine, es ist ein Problem von uns allen.<\/p>\n<p>Auch Lenin hat lange nicht glauben wollen, dass Malinowski ein Spitzel ist. Es gibt kein objektives Kriterium, dass den Spitzel \u00fcberf\u00fchrt, und es sind weder hellbraune Lederjacken noch Vorliebe f\u00fcr schnelle Autos, wie ihr \u00fcber Pietsch schreibt, noch die unerledigten Sp\u00fclberge von <strong><em>Klaus Steinmetz<\/em><\/strong> (Wiesbadener V-Mann, der 1993 aufflog), noch die Hochzeit von <strong><em>Tarek Mousli<\/em><\/strong> (Mitglied der Revolution\u00e4ren Zellen, der 1999 Genoss*innen der RZ verraten hat), die den Spitzel zur dechiffrierbaren Unperson machen (mir w\u00fcrden da einige Fahrten mit vorzugsweise Genossen in Mercedes und Audi einfallen, die dementsprechend verd\u00e4chtig sein m\u00fcssten).<\/p>\n<p>Das sind nachtr\u00e4gliche Protokollierungen von &#8222;Auff\u00e4lligkeiten&#8220;, die so wenig aufgefallen sind, dass Steinmetz zur F\u00fchrungsebene der RAF sto\u00dfen und Mousli jahrelang verschwiegener und zuverl\u00e4ssiger Genosse einer bundesweiten militanten Struktur war. Nachdenklich macht mich allerdings die Vorliebe von V-Leuten mitschwimmend zu fotografieren, dazu auch ist das verdienstvolle Buch \u00fcber das Spitzelwesen von 2004 sehr wertvoll (besonders z.B. Manfred Schliekenrieder).<\/p>\n<p>Dies sollte nicht zu Paranoia gegen\u00fcber jedem unbekannten Fotographen f\u00fchren (ich habe mich in den 2000ern auch einmal sch\u00fctzend vor einen alten Startbahnfotografen gestellt, der von jungen Antifas angemacht wurde). Sondern gerade dann, wenn der oder die V-Person das Vertrauen gewonnen hat, dokumentiert er oder sie relativ unhinterfragt und ungest\u00f6rt.<\/p>\n<p>Die Bolschewiki entdeckten nach der Oktoberrevolution 1917 im Archiv der Ochrana (zaristische Geheimpolizei) 35.000 Namen von Provokateuren, so die damalige Bezeichnung f\u00fcr Spitzel, zum Teil so weit zur\u00fcckliegend, dass sich nur noch wenige an die Ereignisse erinnern konnten. So verurteilte ein Revolutionstribunal einen Verr\u00e4ter von vor 1890 im Jahr 1925 zu zehn Jahren Haft. Victor Serge schreibt:<\/p>\n<blockquote><p><strong>\u201eDie Revolution r\u00e4chte sich nicht. Dieses Gespenst (der Spitzel Okladsky) geh\u00f6rte einer allzu entfernten und allzu toten Vergangenheit an. Der Prozess, der von Veteranen der Revolution gef\u00fchrt wurde, nahm die Form einer wissenschaftlichen Debatte \u00fcber Geschichte und Psychologie an. Es war die Untersuchung des armseligsten menschlichen Dokuments.\u201c (Rotbuch 1973, S.61).<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Euch ist das Gespenst Pietsch zu nahe, die Vergangenheit ist eure Geschichte und ist nicht tot: Euch muss der kalte Blick der linken Journalisten unwirklich erscheinen, die statt einen analytischen Blick ins Geheimarchiv des Verfassungsschutzes nach der Revolution nur \u00fcber die Offenbarungen eines freien Mitarbeiters einen kleinen Ausschnitt der klandestinen T\u00e4tigkeit der Geheimdienste in der Linken aus dem Dunkeln ins Licht holen wollten. Dieses politische Ziel verschweigt ihr wissentlich, statt dies in den Fokus eurer politischen Kritik zu stellen.<\/p>\n<p>Ja, ihr habt Fehler gemacht, und ihr kennt eure Fehler am besten, h\u00f6rt daher auf, andere lautstark zu beschuldigen, niemand (?) wirft euch etwas vor: wahrscheinlich seid ihr sowieso eure strengsten Richter. Unterstellt nicht anderen, den Journalisten, blind dem Spitzel zu vertrauen, was ihr selbst ein Jahrzehnt getan habt.<\/p>\n<p>Und daher, noch einmal zu einer anderen Sache, der Kommunikation zwischen Genoss*innen: Ich habe mich in gewisser Weise naiv gestellt, um das Wirkliche hinter eurem harten, w\u00fctenden und lauten Vorgehen zu erkl\u00e4ren. Mir liegt es fern, euch einen neuen Vorwurf daraus zu machen. Der Verfassungsschutz wird sich jedoch wahrscheinlich k\u00f6stlich \u00fcber die Fernwirkung seiner T\u00e4tigkeit am\u00fcsieren, und hat wahrscheinlich jetzt schon einige V-Leute aktiviert, um ein paar weitere Fr\u00fcchte zu ernten. Zum Beispiel, damit seine T\u00e4tigkeit in Solingen aus dem Fokus r\u00fcckt. Die sogenannten Rechercheergebnisse in der Indymediakommentarspalte sind m\u00f6glicherweise erste Auftragsarbeiten.<\/p>\n<p>So gedanken-, prinzipien-, verantwortungslos und oberfl\u00e4chlich k\u00f6nnen Linke doch nicht aus freien St\u00fccken sein &#8211; oder t\u00e4usche ich mich \u2026 sind das heute die Verkehrsformen untereinander?<\/p>\n<p>Auch wenn ich nur am Rand davon erfahren habe, nein, ein blindes Vertrauen gab es nicht. Ein solch merkw\u00fcrdiges und seltenes Anliegen wie das von Pietsch stie\u00df auf handfestes Misstrauen. Und genau daran kann es auch liegen, dass seit 2017 drei Jahre vergangen sind.<\/p>\n<p>Ja, ihr ahnt es: mein Freund Wolf suchte 2017 Rat bei mir. Und ich riet ihm &#8211; Details sind unwichtig und Verschwiegenheit hier golden &#8211; zu hochgradigem, extremen Misstrauen und Vorsicht. Und ich habe ihm zu schrittweisen, best\u00e4ndig \u00fcberpr\u00fcften Ma\u00dfnahmen geraten, um in keine aufgestellte Falle zu geraten. Und das ist, auch Freunde machen Fehler, kein Blankoschein, weder f\u00fcr ihn, noch f\u00fcr mich, dem punktuellen Ratgeber, der ahnte, welche soziale, pers\u00f6nliche Sprengwirkung die Aufdeckung bei Euch ausl\u00f6sen kann. Wer ging ein pers\u00f6nliches Risiko ein, und wer steht wie ihr im Fokus geheimdienstlichen Interesses?<\/p>\n<p>Die Frage k\u00f6nnt ihr euch leicht selbst beantworten. Nach dieser langen Phase der \u00dcberpr\u00fcfung gab es in unserem Leben wesentlich Existentielleres als diese Geschichte &#8211; ja, es war nachl\u00e4ssig, und meine Aufmerksamkeit lie\u00df nach, insbesondere interessierte mich wenig das &#8222;Kreiseln des Berges&#8220; um die Fernsehproduktion, die eigenen, manchmal befremdlichen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten folgt. Von au\u00dfen hatte ich da scheinbar nichts beizutragen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_9812\" aria-describedby=\"caption-attachment-9812\" style=\"width: 202px\" class=\"wp-caption alignright\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-9812 size-medium\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/AnnaArthur-1988.jpg?resize=202%2C300&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"202\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/AnnaArthur-1988.jpg?resize=202%2C300&amp;ssl=1 202w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/AnnaArthur-1988.jpg?resize=690%2C1024&amp;ssl=1 690w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/AnnaArthur-1988.jpg?resize=768%2C1140&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/AnnaArthur-1988.jpg?w=800&amp;ssl=1 800w\" sizes=\"(max-width: 202px) 100vw, 202px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-9812\" class=\"wp-caption-text\">Aussageverweigerungskampagne &#8222;Anna und Arthur&#8220; 1988<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ihr zitiert \u201e<em>Anna und Arthur<\/em>\u201c und greift gleichzeitig denjenigen an, der damals ma\u00dfgeblich diese immer noch treffsichere Formel in den Auseinandersetzung mit den Aussagen nach dem 2.11.1987 (Sch\u00fcsse bei einer Demonstration an der Startbahn West, bei der zwei Polizisten t\u00f6dlich verletzt wurden) zur Brandmauer gegen den um sich greifenden Aussagespirale Verrat gemacht hat, der (wie so oft) und nicht alleine in einer wirklich grauenvollen Lage f\u00fcr \u201euns\u201c Verantwortung \u00fcbernommen und Kohlen aus dem Feuer geholt hat.<\/p>\n<p>Ihr leitet euren Text mit der Bundestagsblockade 1993 ein und wisst, dass er und ich mit euch und vielen anderen diese gro\u00dfartige Mobilisierung initiiert und organisiert haben &#8211; Ihr benennt Wolf nicht einmal als Genossen der Vergangenheit. Dreiviertel der hier Lesenden werden diese Geschichte nur von der Ferne kennen, davon war die H\u00e4lfte vielleicht nicht einmal geboren.<\/p>\n<p>Und doch ist es von brennender Aktualit\u00e4t: Wenn die Verkehrsformen der Linken so toxisch bleiben, ist deren Niederlage vorprogrammiert.<\/p>\n<p>Wir laufen, und daf\u00fcr brauchen wir keine Spitzel, Gefahr, wie die noch \u00e4ltere Linke in gegenseitiger Denunziation, Unterstellungen, Hass, Ressentiments und Konkurrenzneid (z.B. gegen die Journaille &#8211; klingt das nicht schon fast wie &#8222;L\u00fcgenpresse?&#8220;) unterzugehen. Die langwierige Auseinandersetzung innerhalb der radikalen Linken zwischen &#8222;Antideutschen&#8220; und &#8222;Anti-Antideutschen&#8220; gibt davon ein beredtes Beispiel.<\/p>\n<blockquote><p><strong>&#8222;Da\u00df zwischen linken Gruppen Konkurrenz herrscht ist bekannt. Aber wird die Bedeutung dieser Konkurrenz begriffen? Unsere Revolution wird nie Gestalt annehmen, solange nicht die Gruppe A imstande ist, nicht nur neidlos, sondern zustimmend einen Erfolg der Gruppe B mit anzusehen, solange nicht gelernt wird, da\u00df Kooperation und Solidarit\u00e4t, aber auch Kritik aneinander auf der Autonomie der Beteiligten und der Anerkennung dieser Autonomie durch die jeweils anderen beruht. Dies schlie\u00dft jede Diskriminierung von Genossen (im Original!) in Bezug auf Herkunft, Bildungsprozesse, Erfahrung und spezifische Form von kritischer T\u00e4tigkeit aus (ob am Schreibtisch, in der U-Bahn oder bei Ford).&#8220;<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>(Peter Br\u00fcckner, Barbara Sichtermann, Gewalt und Solidarit\u00e4t, Wagenbach 1974, S.87)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ihr empfindet m\u00f6glicherweise eure Autonomie besch\u00e4digt &#8211; dies hat der V-Mann bei euch angerichtet, vor mehr als zwanzig Jahren, und nicht die Genossen, die 20 Jahre sp\u00e4ter euch nicht dar\u00fcber informierten. Ihr f\u00fchlt euch verraten &#8211; das tat der Spitzel, und ja, dass er dies tat, diese Verletzung wurde euch zwei Jahre vorenthalten, aber dies ist keine Wiederholung des Verrats. Ihr wollt \u00fcber eure Geschichte alleine entscheiden &#8211; ja, und nein, diese Geschichte hat der Verfassungsschutz indirekt schon mitgeschrieben, ihr gewinnt sie, im besten Fall zusammen, zur\u00fcck. Und ich pl\u00e4diere daf\u00fcr, bleibt stolz auf eure wertvolle Geschichte, sie ist euch nicht genommen, genauso wenig wie eure Autonomie.<\/p>\n<p>Die Lebensbeichte des Spitzels kann ein abschreckendes Beispiel f\u00fcr die potentiellen Nachahmer und Nachfolger sein &#8211; noch Jahrzehnte sp\u00e4ter droht euch euer Verrat, euer verachtenswerter Betrug einzuholen. Es gibt kein ruhiges Hinterland in Euch selbst! Und daher, lasst es, h\u00f6rt auf, stellt den Verrat ein!<\/p>\n<p>Denn: <em>&#8222;Ein Mensch, das ist immer ein Begriff von Hoffnung, von Erwartung: er erwartet etwas vom Leben, das Leben erwartet etwas von ihm.&#8220;<\/em> (Br\u00fcckner\/Sichtermann, S.16)<\/p>\n<p>Emil Goldmann<\/p>\n<p>Frankfurt im Juni 2020 (ein ehemaliger Genosse mit einem b\u00fcrgerlichen Beruf)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Teil I der Debatte findet sich hier:<\/p>\n<h3><a href=\"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2020\/06\/22\/die-wahrheit-wird-uns-nicht-davonlaufen-so-ganz-sicher\/\">Die Wahrheit wird uns nicht davonlaufen? So \u2026 ganz sicher!<\/a><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Emil Goldmann hat mehrere Betr\u00e4ge \u00fcber die Theorien des Faschismus und Antifaschismus verfasst, die <strong>alle<\/strong> sehr empfehlenswert sind:<\/p>\n<h3 class=\"entry-title\"><a href=\"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2020\/03\/09\/der-feind-steht-rechts-vierter-teil-von-emil-goldmann\/\">Der Feind steht rechts! Vierter Teil<\/a><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><u>Quellen und Hinweise:<\/u><\/h3>\n<p><em>Wie man gegen Polizei und Justiz die Nerven beh\u00e4lt<\/em>, Eschen, Plogstedt, Sami, Serge 1973<\/p>\n<p><em>Gewalt und Solidarit\u00e4t<\/em>, Peter Br\u00fcckner und Babara Sichtermann, 1974<\/p>\n<p><em>Die Niederlage der RAF ist eine Niederlage der Linken. Bad Kleinen, Steinmetz und der Bruch in der RAF<\/em>, Ein vorl\u00e4ufiger Bericht, 1993<\/p>\n<p><em>Die Hunde bellen &#8230; Von A bis RZ<\/em>, autonome LUPUS-Gruppe, Unrast Verlag 2001<\/p>\n<p><em>Spitzel, eine kleine Sozialgeschichte<\/em>, Markus Mohr, Klaus Viehmann, 2004<\/p>\n<p><em>Sexualit\u00e4t und Wahrheit<\/em> &#8211; Vierter Band: Die Gest\u00e4ndnisse des Fleisches, Michel Foucault, 2019<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Views: 1090<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>London Calling \u00dcber Verrat, \u00fcber den Umgang mit Verrat, Wahrheit und uns. 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