{"id":9797,"date":"2020-07-02T11:18:32","date_gmt":"2020-07-02T09:18:32","guid":{"rendered":"https:\/\/wolfwetzel.de\/?p=9797"},"modified":"2020-07-02T13:22:58","modified_gmt":"2020-07-02T11:22:58","slug":"die-wahrheit-wird-uns-nicht-davonlaufen-so-ganz-sicher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2020\/07\/02\/die-wahrheit-wird-uns-nicht-davonlaufen-so-ganz-sicher\/","title":{"rendered":"Die Wahrheit wird uns nicht davonlaufen? So &#8230; ganz sicher!"},"content":{"rendered":"<h1>Die Wahrheit wird uns nicht davonlaufen? So &#8230; ganz sicher!<\/h1>\n<h1>\u00dcber Verrat und den Umgang damit | Teil I<\/h1>\n<p>Am 19. Juli 2020 ver\u00f6ffentlichten autonome Antifaschist*innen aus Wuppertal einen Text auf der Plattform \u201eIndymedia\u201c: \u201e<em>Die Wahrheit wird nicht davonlaufen!<\/em><\/p>\n<p>Der Text m\u00f6chte \u201e<em>unsere Genoss*innen und Mitstreiter*innen der neunziger Jahre (\u2026) \u00fcber den V-Mann Jan Pietsch informieren<\/em>\u201c, den viele in der autonomen und antifaschistischen Szene in Wuppertal und Solingen als \u201ehilfsbereiten\u201c und schwulen Typ gekannt haben und gleichzeitig von 1991 bis 1999 als V-Mann des Verfassungsschutzes gearbeitet hatte.<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9800 size-post-thumbnail\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Autonomes-Zentrum-Wuppertal-Netz.jpg?resize=700%2C435&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"435\" \/><\/p>\n<p>Der ganze Anfang gibt ein sehr sp\u00e4tes Outing eines V-Mannes vor, der vor allem in der autonomen Szene in Wuppertal und in antifaschistischen Zusammenh\u00e4ngen in Solingen aktiv war. Wer nicht r\u00fcckw\u00e4rts liest, bekommt den Eindruck, Wuppertaler Genoss*innen (aus den 1990er Jahren) haben den damaligen Genossen \u201eJan\u201c nun auch als V-Mann mit dem Decknamen \u201eKirberg\u201c enttarnt! Eine sp\u00e4te, aber dennoch lobenswerte Recherche, will man vermuten.<\/p>\n<p>Genau das suggeriert dieser Text und damit f\u00e4ngt das Trauerspiel schon an, was ganz besonders makaber wird, wenn man in der \u00dcberschrift die \u201eWahrheit\u201c anruft, die angeblich den Verfasser*innen nicht davonlaufen kann.<\/p>\n<p>Was man sp\u00e4ter, ziemlich verdeckt und nebenbei erf\u00e4hrt, ist die Tatsache, dass es sich um keine Enttarnung eines V-Mannes handelt, der \u00fcber zehn Jahre das Vertrauen in der Wuppertaler und Solinger Szene genossen hatte. Diesen Eindruck erschleicht sich dieser Text lediglich.<\/p>\n<p>Das Wissen, dass Johannes Pietsch \u00fcber zehn Jahre unerkannt ein \u201eDoppelleben\u201c als Genosse und Spitzel gef\u00fchrt hat, ist einzig und alleine dem ehemaligen V-Mann zu verdanken, der es nicht mehr ausgehalten und einen Weg gesucht hatte, dies \u00f6ffentlich zu machen. Eine Entscheidung, die eine sehr weitreichend war und ist, wenn man wei\u00df, dass man damit zwischen allen St\u00fchlen sitzt und gegebenenfalls von allen Seiten fertig gemacht wird.<\/p>\n<p>Dass das Wissen \u00fcber diese V-Mann-T\u00e4tigkeit kein Werk einer gelungenen antifaschistischen Recherche ist, sondern einzig und allein dem Ex-V-Mann zu verdanken ist, ist kein nichtiger, zu unterschlagender Unterschied, sondern ein ganz wichtiger, um das Folgende zu verstehen.<\/p>\n<p>Der Text hat noch eine zweite Ebene, die dazukommt und die ganze Angelegenheit kompliziert bis ekelig macht \u2013 erst recht, wenn man sie verschweigt.<\/p>\n<p>Die Verfasser*innen unterschlagen nicht nur, wie sie zu diesem Wissen gekommen sind, sie verschweigen auch die Umst\u00e4nde, die dazu f\u00fchrten, dass die beiden im Text erw\u00e4hnten \u201eJournalisten\u201c sie nicht ins Vertrauen gezogen haben, warum \u201e<em>sie es nicht f\u00fcr n\u00f6tig gehalten haben<\/em>\u201c, Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Ganz offensichtlich w\u00fcrde das dem bl\u00fctenwei\u00dfen Auftritt schaden, wenn man erkl\u00e4rt bekommt, warum man sie nicht vorzeitig miteinbezogen hatte. Wer den Text ohne Wissen dieser Unterschlagungen liest, darf und soll den Eindruck gekommen, dass sich Ganz Gut und Ganz B\u00f6se gegen\u00fcberstehen: Auf der einen Seite die wahrheitsliebenden und k\u00e4mpferischen Antifaschist*innen mit den ehrenwertesten Absichten, die man sich vorstellen kann \u2013 und auf der anderen Seite zwei \u201eJournalisten\u201c, die einen V-Mann, eine Spitzel \u201ehofieren\u201c. Sagen wir doch einfach, S\u00f6ldner der Medien, die nur ganz billige und niedertr\u00e4chtige Motive haben k\u00f6nnen. Ohne zu wissen, welchen Berufe die Unterzeichner*innen nachgehen, ist klar, wer hier die Guten und die Selbstlosen sind.<\/p>\n<p>Wo alle Welt und die Linken erst recht beklagen, wie kompliziert und verwirrend die Welt (geworden) ist, hier ist sie so einfach, geradezu im archaischen Urzustand. So sch\u00f6n kann die Welt aufgeteilt sein, so viel L\u00fcge und Verlogenheit kann auch mit \u201eAntifaschismus\u201c einhergehen.<\/p>\n<p>Mit der Ausweisung der beiden \u201eJournalisten\u201c aus politischen Zusammenh\u00e4ngen und der Aberkennung politischer Motive, ist der Weg frei, die Sau rauszulassen. Denn, und so enden die Verfasser*innen auch am Ende ihres Textes: Der V-Mann, der Spitzel und die beiden \u201eJournalisten\u201c haben alle dasselbe verdient: Nichts \u2026 plus die entsprechende Warnung an die wahren (l\u00e4ngst verschwundenen) Genoss*innen:<\/p>\n<p>\u201e<em>Uns kommen die Tr\u00e4nen &#8230; Diese Selbstinszenierung machen wir, die Betroffenen von 10 Jahren Spitzelei und Verrat, nat\u00fcrlich nicht mit. Zeitpunkt und Umfang der Aufarbeitungen, der politischen Schlussfolgerungen und Aktionen bestimmen weder der T\u00e4ter noch die beiden Journalisten, sondern wir Betroffene<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>Nachdem man die Front wie in einer Hollywood-Westernstadt aufgebaut hat, kann man mit einer breiten Palette an gezielten Geringsch\u00e4tzungen loslegen, um jenen niedrigschwelligen Zuspruch zu erhalten, den sie auch ernten, wenn man sich die Kommentare bei Indymedia dazu antuen will.<\/p>\n<p>Alle in diesem Beitrag Aufgef\u00fchrten sind Schei\u00dfe: der V-Mann mit richtigem Namen und Adresse, seine \u201e<em>Lebensbeichte<\/em>\u201c, die nur Anf\u00fchrungszeichen verdient (also seine zweite T\u00e4uschung), die beiden \u201e<em>Journalisten<\/em>\u201c aus Berlin und Frankfurt, die man ganz leicht \u201eenttarnen\u201c kann\/soll und \u2026 ganz viel Selbstgerechtigkeit, die zum Himmel stinkt.<\/p>\n<p>Obgleich Genoss*innen aus dem 1990er Jahren, haben sie es nicht verlernt, mit den szene-gerechten Indices umzugehen: Den beiden \u201eJournalisten\u201c, die auch noch aus der linken Szene kommen, handelten \u201e<em>unterirdisch<\/em>\u201c und \u201e<em>\u00fcbergriffig<\/em>\u201c \u2013 also genug Platz f\u00fcr jede Form des Igittigitts und noch mehr Platz f\u00fcr assoziationsschwangere, genre\u00fcbergreifende Phantasien.<\/p>\n<p>All das passierte nicht aus einer spontanen Erregung heraus, aus dem \u201eHandgemenge\u201c, sondern wohl \u00fcberlegt und genau kalkuliert. Sie hatten genug Zeit, ihren Ton zu w\u00e4hlen, das recht komplizierte politische Verh\u00e4ltnis untereinander zu erw\u00e4hnen, ihren \u00c4rger (nicht eingeweiht worden zu sein) von dem zu trennen, was man als gemeinsames politisches Anliegen sch\u00fctzt.<\/p>\n<p>Kein Wort \u00fcber sich, \u00fcber ihre Schwierigkeiten, in v\u00f6llig zerr\u00fctteten und verloren gegangenen Zusammenh\u00e4ngen zurecht zu kommen \u2026 und nun von der angestaubten Geschichte eingeholt zu werden.<\/p>\n<p>Nur die (Mit-)Verfasser*innen sind klasse, au\u00dferhalb der Wertung. Sie sind \u201eOpfer\u201c, \u201eBetroffene\u201c und d\u00fcrfen jetzt alles und behalten sich das auch vollmundig vor.<\/p>\n<h2>Was man alles auch \u201eouten\u201c soll, wenn man mit der Wahrheit so eng ist<\/h2>\n<p>Was man in dem 11-seitigen Beitrag mit keinem einzigen Satz erw\u00e4hnt, ist die Tatsache, dass sich zwei der Mitverfasser*innen mit einem dieser \u201eJournalisten\u201c getroffen hatten, Ende April dieses Jahres. Es war ein recht langes und ausf\u00fchrliches Gespr\u00e4ch. Die Erw\u00e4hnung dieses Treffens, die Wiedergabe des Besprochenen, h\u00e4tte ganz offensichtlich gest\u00f6rt.<\/p>\n<p>Das Wiedersehen war alles als freudig, denn der Mann aus Wuppertal und der besagte Journalist hatten sich vor etwa 15 Jahren ziemlich zerstritten. Es war kein Bruch zwischen zwei M\u00e4nner, sondern ein Bruch, der durch die ganze Vorbereitungsgruppe ging, die die Aktionen gegen das j\u00e4hrliche \u201eTraditionstreffen\u201c der Gebirgsj\u00e4ger in Mittenwald organisiert hatte.<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-9835\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Mittenwald-2004-Denkmal-M%C3%B6rder-Netz.jpg?resize=700%2C525&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"525\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Mittenwald-2004-Denkmal-M%C3%B6rder-Netz.jpg?w=1024&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Mittenwald-2004-Denkmal-M%C3%B6rder-Netz.jpg?resize=300%2C225&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Mittenwald-2004-Denkmal-M%C3%B6rder-Netz.jpg?resize=768%2C576&amp;ssl=1 768w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p>Genau dieser Bruch stand auch am Anfang dieses Treffens f\u00fcnfzehn Jahre sp\u00e4ter. Denn es ging nicht nur um einen massiven politischen Dissens, sondern auch um einen Vertrauensbruch. Sich also f\u00fcnfzehn Jahre sp\u00e4ter zu treffen, mit diesem Gep\u00e4ck, ist alles andere als leicht. Mehr noch: Genau dieses Zerw\u00fcrfnis ist erst der Zugang zu den besonderen Umst\u00e4nden, die in die VS-Mann-Geschichte hineinspielen. Um diesen Bruch wussten beide aus Wuppertal Angereisten.<\/p>\n<p>Die Beiden aus Wuppertal wissen also auch sehr genau um die Motive des \u201eJournalisten\u201c. Und die (Mit-)Verfasser*innen dieses Indymedia-Berichtes wissen um all die Details, die dazu f\u00fchrten, dass sie so sp\u00e4t von diesem V-Mann in ihren Reihen erfahren haben.<\/p>\n<p>Warum verheimlichen sie dieses Treffen? Warum verheimlichen sie, dass sie das 30-seitige Interview bekommen haben? Warum erkl\u00e4ren sie nicht in ihrem Text, wie es zusammenpasst, dass man Johannes Pietsch \u00c4u\u00dferungen und Absichten als \u201eLebensbeichte\u201c abtut und gleichzeitig &#8211; ohne jede Kenntlichmachung &#8211; den Inhalt des Interviews ausschlachtet, also verwendet?<\/p>\n<p>\u00dcber eine Freundin von Johannes Pietsch erfuhren die Beiden, dass \u201eJan\u201c ein V-Mann war und dass er diese V-Mann-T\u00e4tigkeit \u00f6ffentlich machen will und \u00fcber Umwege Kontakt zu mir aufgenommen hatte.<\/p>\n<p>Der Mann aus Wuppertal nahm Kontakt zu mir auf und schlug ein Treffen vor, das dann auch Ende April zustande kam. In diesem Treffen stand verst\u00e4ndlicherweise zuerst die Frage im Raum, warum ich sie nicht \u00fcber das Vorhaben des V-Mannes informiert hatte. Ich nannte ihnen ausf\u00fchrlich die Gr\u00fcnde:<\/p>\n<p>Der erste lag darin, dass ein sehr massiver Streit, der politische und pers\u00f6nliche Gr\u00fcnde hatte, meinen einzigen Kontakt (zu dem Mann) nach Wuppertal \u201everbrannt\u201c hatte. Das schloss f\u00fcr mich aus, diese Person zu kontaktieren bzw. diese Person ins Vertrauen zu ziehen.<\/p>\n<p>Der zweite Grund lag in dem Vorhaben selbst begr\u00fcndet. Nach sehr langer Anlaufzeit und vielen Unterbrechungen war die Entscheidung getroffen worden, ein Interview zu machen, das seine Geschichte darlegt und die Gr\u00fcnde, warum er seine V-Mann-T\u00e4tigkeit \u00f6ffentlich machen will. Mit der Ver\u00f6ffentlichung dieses Interviews sollte die Basis geschaffen werden, auf der Johannes Pietsch auf jene Personen zugeht, die er verraten hatte.<\/p>\n<p>Der dritte Grund lag in meinen Lebensumst\u00e4nden. Ich hatte kaum noch Kraft und Zeit, mich mit diesem \u201eElend\u201c zu besch\u00e4ftigten. Ich hatte mich fast ein Jahrzehnt mit dem NSU-VS-Komplex auseinandergesetzt und hatte schlicht die Schnauze voll \u2013 das hatte auch mit jenem Teil der \u201eLinken\u201c zu tun, der es vorzieht \u201eVerschw\u00f6rungstheoretiker\u201c ausfindig zu machen, anstatt durch eigene Analysen zu \u00fcberzeugen und unterschiedliche Analysen in einer solidarischen und \u00f6ffentlichen Weise auszutragen, anstatt von Verschw\u00f6rungstheorien zu schwadronieren.<\/p>\n<p>Ich stimmte dem Kontakt zu dem Ex-V-Mann also dennoch zu, weil ich \u201eVerschw\u00f6rungstheorien\u201c \u00fcber einen Verfassungsschutz, der \u201eauf dem rechten Auge blind\u201c sei und\/oder neonazistische Verbrechen nur aus Versehen und\/oder Bl\u00f6dheit m\u00f6glich mache, satthabe und lieber die Kraft und Anstrengung darauf verwende, Gelegenheiten zu nutzen, die helfen, \u201eDark rooms\u201c auszuleuchten. Dazu geh\u00f6ren sehr naheliegend das Tun von V-M\u00e4nnern und das Tun von Geheimdiensten, die sie \u201ef\u00fchren\u201c. Dazu geh\u00f6rt kein Raunen, sondern das Wissen von Ex-V-Leuten zum Beispiel oder auch von \u201eBullen\u201c, die ausgestiegen sind und viel mehr zur Aufkl\u00e4rung beigetragen k\u00f6nnen, als jene, die unentwegt \u201el\u00fcckenlose Aufkl\u00e4rung\u201c fordern und sich damit erkenntnislos im Kreis drehen.<\/p>\n<p>Alle drei Gr\u00fcnde habe ich sehr ausf\u00fchrlich und sehr verst\u00e4ndlich den beiden \u201eWuppertaler*innen\u201c erkl\u00e4rt. Ich hatte ihnen einen Text mitgegeben, in dem all dies aufgef\u00fchrt war, um zu vermeiden, dass man etwas \u201e\u00fcberh\u00f6rt\u201c oder \u201eanders\u201c in Erinnerung hat.<\/p>\n<p>Dieses Misstrauen sollte sich als sehr berechtigt herausstellen.<\/p>\n<p>In dem Gespr\u00e4ch mit den beiden Wuppertaler*innen ging es folglich darum, wie man damit weiter umgeht. Wir einigten uns klar und deutlich darauf, dass ich ihnen das knapp 30 Seiten lange Interview zur Verf\u00fcgung stelle, damit sie die M\u00f6glichkeit haben, die darin enthaltenden Details mit ihrem Wissen abzugleichen. Es wurde verabredet, dass sie mir ihr Wissen zukommen lassen, damit ich den Ex-V-Mann damit konfrontieren kann. Ein weiteres Treffen sollte dazu dienen, das weitere Vorgehen zu besprechen.<\/p>\n<p>Und was findet man dazu in dem Text? Sie f\u00fchren ihre eigene Recherche mit folgenden Worte ein:<\/p>\n<p><em>\u201eErst Mitte April 2020 wurde uns ein 29 seitiges \u2013 stark bearbeitetes \u2013 schriftliches Interview zug\u00e4nglich gemacht. Wie wir heute nach der Ver\u00f6ffentlichung auf den \u201eNachdenkseiten\u201c wissen, gibt es weitere Interview-Teile, die uns der Journalist nicht zug\u00e4nglich gemacht hat. (\u2026) Dar\u00fcber hinaus haben wir das 29-seitige Interview mit Pietsch, den Artikel auf den www.nachdenkseiten.de und einen 2 Jahre alten Text von Pietsch zu seinen \u201eZielen\u201c ausgewertet. Hinzu kamen Informationsbr\u00f6ckchen, die uns der Spitzel und die beiden Journalisten zugeworfen haben, damit wir uns an ihrer medialen Verwertung unserer Geschichte beteiligen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Wenn man wei\u00df, wie sie in den Besitz diese Interviews kamen, dann ist das doch ein sehr unangenehmes Gestottere, um die wahren Umst\u00e4nden zu verheimlichen: \u201e<em>uns zug\u00e4nglich gemacht<\/em>\u201c \u2026 das klingt ganz geheimnisvoll, konspirativ und verwegen. \u201e<em>Informationsbocken, die uns der Spitzel und die beiden Journalisten zugeworfen haben<\/em>\u201c. Mann, wieviele Verbiegungen der tats\u00e4chlichen Begebenheiten waren n\u00f6tig, um so eine Szene zu erfinden, in der die \u201eWuppertler*innen wie Hunde gef\u00fcttert und abgespeist werden. Und all diese Dem\u00fctigungen haben die beiden Wuppertaler*innen \u00fcber sich ergehen lassen! Aber dann haben sie doch noch rechtzeitig alles durchschaut: Man f\u00fctterte sie, damit \u201e<em>wir uns an ihrer medialen Verwertung unserer Geschichte beteiligen<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnen die beiden Wuppertaler*innen solche M\u00e4rchen verbreiten.<\/p>\n<p>\u00dcber zwei Wochen vergingen, als ich an unsere Vereinbarung erinnerte. Trotz Nachfrage kam nichts zur\u00fcck. Ich nehme an, dass sie das vollkommen in Ordnung finden, vielleicht sogar als gro\u00dfen Coup feiern. Denn sie sind \u201eOpfer\u201c, \u201eBetroffene\u201c und die d\u00fcrfen alles machen. Aber warum stehen sie dann nicht zu diesen schmutzigen Tricks? Warum m\u00fcssen das alles so kaschieren und umschreiben?<\/p>\n<p>Und genau hier tut sich ein eklatanter Gegensatz auf, der weit \u00fcber pers\u00f6nliche Verletzungen hinausreicht. Der Kern dieses Konfliktes sind Umgehensweisen, die heute noch mehr Destruktionskraft entfalten als vor 30 Jahren.<\/p>\n<h2><strong>Mit dem Opfersein kann man ein Geschehen beschreiben, aber kein \u201eVorrecht\u201c begr\u00fcnden<\/strong><\/h2>\n<p>Ohne Frage sind die \u201eWuppertaler*innen\u201c Opfer eines Verrats geworden. Aber dieses Opfersein rechtfertigt nicht ihr Tun, macht ihre Antworten, ihre Reaktionen nicht sakrosankt. Ich habe so oft in den letzten 30 bis 40 Jahren Aktionen, Haltungen und Entscheidungen erlebt, die mit dem Opfersein gerechtfertigt wurden und sich auf diese Weise selbst verabsolutiert haben. Das ist der Tod einer politischen Idee, einer politischen Bewegung. Und genau das f\u00fchrt zu einem Umgang und zu einer Form der \u201eSelbsterm\u00e4chtigung\u201c, die sich auf den Weg begibt, das zu reproduzieren, was eigentlich und wesentlich der Grund daf\u00fcr war und ist, sich aufzulehnen, nicht mehr mitzumachen.<\/p>\n<p>Konkret: Die Wuppertaler*innen f\u00fchlen sich verst\u00e4ndlicherweise \u201e\u00fcbergangen\u201c. Aber sie haben nicht eine Minute recht damit, die Motive, die Umst\u00e4nde, die Intensionen vom Tisch zu wischen und in den Dreck zu ziehen, die diese Diskrepanz erkl\u00e4rbar machen. Sie haben nicht einen \u201eguten\u201c Grund, deshalb zu l\u00fcgen, andere zu t\u00e4uschen und politische Schwierigkeiten zu unterschlagen, an den sie auch beteiligt sind \u2013 ganz und gar nicht als \u201eOpfer\u201c.<\/p>\n<p>Und sie wissen, dass jedes Wort davon erstunken und erlogen ist: \u201e<em>Erst als die Zeit f\u00fcr eine \u201ajournalistische Verwertung\u2018 reif schien, wurden wir als Betroffene interessant<\/em>.\u201c Sie schreiben das im Wissen der wahren Umst\u00e4nde! Damit bel\u00fcgen sie nicht nur mich, sondern auch alle, die sie mit diesem \u201eOuting\u201c erreichen und ansprechen wollen.<\/p>\n<p>In der Tat hat Johannes Pietsch das Vertrauen all derer missbraucht, die ihn f\u00fcr einen schwulen, netten, leicht besonderen Typ hielten. Aber die berechtigte Wut \u00fcber hintergangenes Vertrauen wird fahl, wenn man genau diese Methode untereinander anwendet. Der Grund, diesen Wuppertaler Kontakt nicht zu nutzen, best\u00e4tigt sich auf diese Weise abermals.<\/p>\n<p>Aber wie niedertr\u00e4chtig ist es, wenn Genoss*innen zu einem kommen, um auf so hinterfurzige Art an das 30 Seiten lange Interview zu kommen?<\/p>\n<p>Als klar war, dass die V-Mann-Geschichte in diffusen Kan\u00e4len und mit ganz unterschiedlichen Wissensst\u00e4nden durch die \u201eSzene\u201c geistert, entschloss ich mich, anl\u00e4sslich des 27. Jahrestag des Mordanschlages in Solingen (1993), ein Teil des Interviews zu ver\u00f6ffentlichen, der dies zum Thema hat.<\/p>\n<p>Mit diesem Interview kann man deutlich belegen, dass der Verfassungsschutz weder anderswo noch in Solingen \u201eauf dem rechen Auge blind\u201c war, sondern \u2013 ganz vorsichtig formuliert \u2013 tatbeg\u00fcnstigend gewirkt hat. Und das auf doppelte Weise: Mit dem Neonazi und V-Mann Bernd Schmitt und mit dem V-Mann \u201eKirberg\u201c aufseiten der Antifa. Genau das, was in den Kommentaren auf Indymedia mit \u201eVerschw\u00f6rungstheorie\u201c gebrandmarkt wird, ist am Beispiel Solingen Praxis des Verfassungsschutzes. Und wer immer noch behauptet, der Verfassungsschutz mache mit ein paar schwarzen Schafen sein eigenes Ding, der wird auch am Beispiel Solingen eines Besseren belehrt. Ohne den Schutz der regierenden und regierungswilligen Parteien, w\u00e4re eine solche Polizei- und Geheimdienstpraxis nicht m\u00f6glich. Diese sichere Erkenntnis, um die geht es im Kern, st\u00f6\u00dft verst\u00e4ndlicherweise auch und gerade bei jenen \u201eLinken\u201c auf w\u00fctende Reaktionen, die eben \u00fcber kurz oder lang \u201emitgestalten\u201c, also mitregieren wollen.<\/p>\n<p>Nach der Ver\u00f6ffentlichung des Beitrages: <em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61185\">Der Mordanschlag in Solingen am 29. Mai 1993 und die halbe Wahrheit<\/a> <\/em>auf den NachDenkSeiten am 22. Mai 2020 bekam ich von dem Wuppertaler Mann die Mail, dass das Interview voller \u201efachlicher\u201c Fehler sei und dass er mir dringend raten w\u00fcrde, ihn sofort wieder zu l\u00f6schen. \u00dcber die Zusage und gemeinsame Absprache, die nicht eingehalten wurden, verlor er kein Wort.<\/p>\n<h2>Die (ganze) Geschichte ist ganz selten ein Sch\u00f6nheitssalon<\/h2>\n<p>Johannes Pietsch ist zu dem Schritt, seine V-Mann-T\u00e4tigkeit \u00f6ffentlich zu machen, nicht gezwungen worden. Er h\u00e4tte gefahrlos sein Doppel-Leben f\u00fcr sich behalten k\u00f6nnen. Einzig und alleine seine Entscheidung, sich dem zu stellen und denen gegen\u00fcberzutreten, die er als Freund*innen verraten hatte, hat zu dem gef\u00fchrt, womit wir es jetzt zu tun haben.<\/p>\n<p>Mit diesem Schritt hat er keine \u201e<em>Selbstinszenierung<\/em>\u201c betrieben, sondern sein Leben auf den Kopf gestellt, mit all der Ungewissheit, die mit einem solchen Schritt einhergeht. Sich denen stellen zu wollen, die ihn nur als netten hilfsbereiten schwulen Typen kannten, sich dem Verrat zu stellen, ist kein Spa\u00df und keine \u201eneue Rolle\u201c, wie es h\u00f6hnisch in der Erkl\u00e4rung hei\u00dft.<\/p>\n<p>Soweit ich das beurteilen kann, ist Johannes Pietsch nicht daran zerbrochen, weil er in den zehn Jahren \u201eUnruhestifter\u201c und \u201eautonome Gewaltt\u00e4ter\u201c zur Strecke bringen wollte, sondern weil er sie als Freunde, vielleicht sogar als Genoss*innen verraten hat. Das hat er nicht mehr ausgehalten.<\/p>\n<p>Wenn autonome Antifaschist*innen aus Wuppertal im Wissen um diese Umst\u00e4nde am Ende ihres Beitrages schreiben: <em>\u201eUns kommen die Tr\u00e4nen \u2026\u201c<\/em> dann entspricht das vielleicht dem, was man von knallharten Autonomen erwartet, zeigt aber doch eher, wie schnell man die eigene Geschichte in einen Frisiersalon verwandelt.<\/p>\n<p>Es gab (und gibt) f\u00fcr die Genoss*innen aus den 1990er Jahren (bis heute) zahlreiche M\u00f6glichkeiten, sich mit dem Thema Verrat auseinanderzusetzen. Das f\u00e4ngt mit dem Verrat von Ulrich Schm\u00fccker an, der 1974 von Mitgliedern des \u201e2. Juni\u201c hingerichtet wurde. Ende der 80er Jahre gab es eine lange und vielschichtige Auseinandersetzung um Aussagen und Verrat im Zuge der t\u00f6dlichen Sch\u00fcsse and der Startbahn West 1987. Und mindestens genau so viel Material gibt es zu dem Verrat des Autonomen Tarek Mousli 1999, der in der Berliner Szene als \u201eM\u00e4rchenprinz\u201c gehandelt wurde. Dazu findet man einige unterirdische, aber auch sehr beeindruckende Reaktionen.<\/p>\n<p>Dieser Beitrag aus dem Jahr 2020 geh\u00f6rt zu den \u201eunterirdischen\u201c.<\/p>\n<p>Wolf Wetzel (\u201eDer Journalist aus Frankfurt\u201c)<\/p>\n<p>Wer wissen m\u00f6chte, wie mein Verh\u00e4ltnis zu V-Leuten ist, der kann das an der Geschichte des V-Mann 123 \u00fcberpr\u00fcfen: Ihm habe ich es zu &#8222;verdanken&#8220;, dass ein \u00dcberwachungsma\u00dfnahme durch den Verfassungsschutz fortgesetzt\/verl\u00e4ngert wurde, um nach Beweisen f\u00fcr ein Strafverfahren nach \u00a7 129a (Mitgliedschaft in der einer terroristischen Vereinigung) zu suchen:<\/p>\n<h3><a href=\"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2009\/10\/10\/10-10-2009-v-mann-123-ein-volltreffer-oder-ein-fantasieprodukt\/\">V-Mann 123 &#8211; ein Volltreffer oder ein Fantasieprodukt<\/a><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><u>Quellen und Material<\/u>:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.indymedia.org\/node\/90015\"><em>Die Wahrheit wird uns nicht davonlaufen!<\/em> Autonome Antifaschist*innen aus den Neunzigern<\/a> &#8211; Wuppertal 19.6.2020<\/p>\n<p><em>Gewalt und Solidarit\u00e4t. Zur Ermordung Ulrich Schm\u00fcckers durch Genossen. Dokumente und Analysen.<\/em> Peter Br\u00fcckner\/Barbara Sichtermann, Wagenbach Verlag, Berlin 1974 (Reihe: Politik 59)<\/p>\n<p><em>Tod eines M\u00e4rchenprinzen \u2013 \u00dcber den Umgang mit Verrat und das Schweigen \u00fcber die RZ\/Rote Zora<\/em> aus: Die Hunde bellen \u2026 von A bis (R)Z \u2013 Eine Zeitreise durch die 68er Revolte und die militanten K\u00e4mpfe der 70er bis 90er Jahre, autonome L.U.P.U.S.- Gruppe, Unrast Verlag 2001<\/p>\n<p>Der Beitrag kann hier nachgelesen werden: <a href=\"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2007\/08\/01\/von-a-bis-rz\/\">https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2007\/08\/01\/von-a-bis-rz\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2020\/06\/22\/anna-und-arthur-halten-das-maul\/\"><em>Anna und Arthur halten das Maul. Die Aussageverweigerungskampagne der Startbahnbewegung 1987-91 und ihre Folgen<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Der Mordanschlag in Solingen am 29. Mai 1993 und die halbe Wahrheit<\/em>, NachDenkSeiten vom 22. Mai 2020: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61185\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=61185<\/a><\/p>\n<p>Views: 2083<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wahrheit wird uns nicht davonlaufen? So &#8230; ganz sicher! \u00dcber Verrat und den Umgang damit | Teil I Am 19. 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