{"id":8033,"date":"2017-09-07T16:51:42","date_gmt":"2017-09-07T14:51:42","guid":{"rendered":"https:\/\/wolfwetzel.wordpress.com\/?p=8033"},"modified":"2017-09-07T16:51:42","modified_gmt":"2017-09-07T14:51:42","slug":"staatlich-betreute-morde-und-fuenf-jahre-nsu-aufklaerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2017\/09\/07\/staatlich-betreute-morde-und-fuenf-jahre-nsu-aufklaerung\/","title":{"rendered":"Staatlich betreute Morde und f\u00fcnf Jahre NSU-&quot;Aufkl\u00e4rung&quot;"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color:#000000;\"><strong>F\u00fcr ein Zwischenfazit zu f\u00fcnf Jahren NSU-\u00bbAufkl\u00e4rung\u00ab gibt es keine bessere Einleitung als das Pl\u00e4doyer der Bundesanwaltschaft vor dem Oberlandesgericht (OLG) M\u00fcnchen. Bevor Bundesanwalt Herbert Diemer am 25. Juli die Beweiserhebung im dortigen Prozess w\u00fcrdigte, ging er auf die Vorw\u00fcrfe gegen die Anklagebeh\u00f6rde und andere staatliche Stellen ein:<\/strong><\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color:#000000;\"><strong>\u00bbEine Beweisaufnahme, die das politische und mediale Interesse nicht immer befriedigen konnte, weil die Strafprozessordnung dem Grenzen setzte. Rechtsstaatliche Grenzen, die verlangen, das Wesentliche vom strafprozessual Unwesentlichen zu trennen. So ist es schlicht und einfach falsch, wenn kolportiert wird, der Prozess habe die Aufgabe nur teilweise erf\u00fcllt, denn m\u00f6gliche Fehler staatlicher Beh\u00f6rden und Unterst\u00fctzerkreise \u2013 welcher Art auch immer \u2013 seien nicht durchleuchtet worden\u00ab, sagte Diemer laut Wortprotokoll der Nebenklage. \u00bbM\u00f6gliche Fehler staatlicher Beh\u00f6rden aufzukl\u00e4ren ist eine Aufgabe politischer Gremien. <em>Anhaltspunkte f\u00fcr eine strafrechtliche Verstrickung von Angeh\u00f6rigen staatlicher Stellen sind nicht aufgetreten<\/em>.\u00ab<\/strong><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"color:#000000;\"><strong>Mit besonderem Eifer ging er auf den Mord\u00adanschlag in Heilbronn 2007 ein, bei dem eine Polizistin get\u00f6tet und einer ihrer Kollegen schwer verletzt worden waren. <\/strong><\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color:#000000;\"><strong>\u00bbDer Anschlag auf die beiden Polizeibeamten war ein Angriff auf unseren Staat, seine Vertreter und Symbole. Die Auswahl der Personen selbst geschah auch hier willk\u00fcrlich. Alle anderen Spekulationen selbsternannter Experten, die so tun, als habe es die Beweisaufnahme nicht gegeben, sind wie <em>Irrlichter<\/em>, sind wie <em>Fliegengesumme<\/em> in den Ohren\u00ab, teilte Diemer aus.<\/strong><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"color:#000000;\"><strong>Mit den \u00bbselbsternannten Experten\u00ab und \u00bbIrrlichtern\u00ab sind Mitglieder parlamentarischer Untersuchungsaussch\u00fcsse, Nebenklageanw\u00e4lte und einige wenige Journalisten gemeint, die zumindest die Widerspr\u00fcche in der offiziellen Version nicht ausger\u00e4umt sehen. Besch\u00e4mend ist nicht nur das weitgehende Schweigen mancher Medien zu dieser Diffamierung, sondern vor allem auch das laute Sekundieren anderer: So warf etwa <em>Welt<\/em>-Autorin Gisela Friedrichsen am 4. August einer Gruppe von Opferanw\u00e4lten vor, \u00bb<em>eine B\u00fchne zur Diskriminierung des Rechtsstaats<\/em>\u00ab zu suchen.<\/strong><\/span><br \/>\n<img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-8048\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/wandbild-berlin-2016.jpg?resize=210%2C300&#038;ssl=1\" alt=\"Wandbild-Berlin-2016\" width=\"210\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/wandbild-berlin-2016.jpg?w=1136&amp;ssl=1 1136w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/wandbild-berlin-2016.jpg?resize=210%2C300&amp;ssl=1 210w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/wandbild-berlin-2016.jpg?resize=768%2C1095&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/wandbild-berlin-2016.jpg?resize=718%2C1024&amp;ssl=1 718w\" sizes=\"(max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Um so bemerkenswerter ist ein Kommentar von Andreas F\u00f6rster am 1. August in der <em>Frankfurter Rundschau<\/em> (<em>FR<\/em>): \u00bbWas hat die Bundesanwaltschaft nur geritten? (\u2026) Sehen sich die Ankl\u00e4ger einem Korpsgeist bundesdeutscher Sicherheitsbeh\u00f6rden verpflichtet, die die eigenen Verfehlungen lieber vertuschen als sie ehrlich aufarbeiten? (\u2026) Der Geheimdienst hatte nach dem Auffliegen des NSU im November 2011 in gro\u00dfem Stil Akten vernichtet, er hat Ermittlern \u2013 und Abgeordneten \u2013 Informationen gezielt vorenthalten, er hat sie vermutlich sogar belogen. Die Bundesanwaltschaft h\u00e4tte daraufhin das Bundesamt in K\u00f6ln durchsuchen k\u00f6nnen und wohl auch m\u00fcssen. Aber das hat sie nicht getan, sondern klaglos die Vertuschungspraxis des Geheimdienstes hingenommen.\u00ab<\/strong> <\/span><br \/>\n<!--more--><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Die Mehrzahl der Indizien und Beweismittel, die der offiziellen Version widersprechen, zu einem \u201eFliegengesumme\u201c zu machen, zeugt am wenigsten von Scharfsinn. Es l\u00e4\u00dft erahnen, wie d\u00fcnn die Decke ist, unter der andere Tatumst\u00e4nde und Tatbeteiligte gesch\u00fctzt werden sollen.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Es ist zu w\u00fcnschen, dass dieses \u201eFliegengesumme\u201c noch lange, nicht nur die Generalbundesanwaltschaft in M\u00fcnchen, verfolgen wird.<\/strong><\/span><br \/>\n&nbsp;<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<h3><span style=\"color:#000000;\"><strong>Ende einer Dienstfahrt<\/strong><\/span><\/h3>\n<p><span style=\"color:#000000;\"><strong>Das Aufkl\u00e4rungsschiff namens \u201aNSU-OLG-M\u00fcnchen\u2019 hat den Zielhafen fast erreicht. Die Besatzung wird bald von Bord gehen &#8211; ohne jemals den Hafen wirklich verlassen zu haben.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Wenn an den zentralen Tatorten (Kassel 2006, Heilbronn 2007 und Eisenach 2011) die vorgelegten Beweismittel f\u00fcr die offizielle Version die geringste Plausibilit\u00e4t aufweisen, dann ist das Ermittlungsergebnis weder \u201ezweifelhaft\u201c noch \u201eumstritten\u201c, sondern falsch.<\/strong><\/span><br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Dass im Prozess in M\u00fcnchen weder Plausibilit\u00e4t noch Wahrscheinlichkeit eine Rolle spielen, liegt am aller wenigsten an den Nebenkl\u00e4gern. Sie versuchten alles, das Schiff in Bewegung zu bringen \u2013 in Richtung Aufkl\u00e4rung:<\/strong><\/span><br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong><em>\u201eVerfahrenstechnisch hat sich der Vorsitzende Richter Manfred G\u00f6tzl bislang keine Bl\u00f6\u00dfe gegeben und es ist zu erwarten, dass er den Prozess sicher zu Ende bringt. Allerdings schwindet sein Wille zur Aufkl\u00e4rung, jedenfalls wenn es \u00fcber die Frage nach Schuld und Unschuld der Angeklagten hinausgeht. Zahlreiche Antr\u00e4ge der Nebenklage, die darauf zielten, mehr \u00fcber m\u00f6gliche Unterst\u00fctzer des NSU herauszufinden und auch die dubiose Rolle des Verfassungsschutzes n\u00e4her zu beleuchten, hat G\u00f6tzl zuletzt abgelehnt \u2013 als &#8222;nicht verfahrensrelevant&#8220;.\u201c (Auf der Zielgeraden, br.de vom 5.5.2016)<\/em><\/strong><\/span><br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Tats\u00e4chlich stand schon vor und mit Beginn des Prozesses vor dem Oberlandesgericht (OLG) in M\u00fcnchen fest, wor\u00fcber <em>nicht<\/em> aufgekl\u00e4rt wird:<\/strong><\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"color:#000000;\"><strong>Nicht Gegenstand des Prozesses sollte sein, ob der NSU aus mehr als drei Mitgliedern besteht.<\/strong><\/span><\/li>\n<li><span style=\"color:#000000;\"><strong>Nicht aufkl\u00e4rungsw\u00fcrdig war die Begr\u00fcndetheit des Vorwurfes, dass der Staat in direkter bzw. indirekten Form am Zustandekommen des nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) beteiligt war.<\/strong><\/span><\/li>\n<li><span style=\"color:#000000;\"><strong>Ebenfalls stand nicht die Frage im prozessualen Raum, ob und wieviele V-Leute die Taten des NSU erm\u00f6glicht bzw. nicht verhindert haben.<\/strong><\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"color:#000000;\"><strong>Dass all dies entscheidende Fragen sind, ist heute weitgehend unstrittig. Zahlreiche parlamentarische Untersuchungsaussch\u00fcsse versuchen auf diese Fragen Antworten zu finden. Tatsache ist auch, dass in einigen zentralen Punkten der Kenntnisstand in den PUAen gravierend von der Anklageschrift abweicht.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Und nicht minder absurd ist, dass das Gericht in M\u00fcnchen etwas f\u00fcr nicht aufkl\u00e4rungsw\u00fcrdig und prozessual unerheblich h\u00e4lt, was Gegenstand von zahlreichen so genannte Strukturermittlungsverfahren bei der Bundesanwaltsachaft ist: \u2026<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Wenn man bei allen unberechtigten Erwartungen schon vor Ende des Prozesses, vor dem Urteilsspruch, sagen kann, dass das Ergebnis von Anfang an feststand und vier Jahre lang verteidigt werden mu\u00dfte, dann erf\u00fcllt ein solcher Prozess alle Merkmale eines Schauprozesses.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Man muss nicht das Orakel von Delphi befragen, um dem Urteil in M\u00fcnchen zuvor zu kommen:<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Die drei Annahmen, die den Prozess gest\u00fctzt und vor Aufkl\u00e4rung gesch\u00fctzt haben, werden \u00fcber die Ziellinie gebracht.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Ob Beate Zsch\u00e4pe, das in dieser Konstruktion einzig \u00fcberlebende NSU-Mitglied, mit ihren wenigen, die Anklage st\u00fctzenden Einlassungen oder ihrem gro\u00dfen Schweigen, Einfluss auf das Urteil nehmen konnte, ist ziemlich unerheblich.<\/strong><\/span><\/p>\n<h3><span style=\"color:#000000;\"><strong>Prolog<\/strong><\/span><\/h3>\n<p><span style=\"color:#000000;\"><strong>Am 4. November 2011 wurden Uwe Mundlos und Uwe B\u00f6hnhardt tot in ihrem Campingwagen in Eisenach gefunden. Sie sollen dort \u201eeinvernehmlichen Selbstmord\u201c begangen haben. Dieses Ermittlungsergebnis stand wenige Tage sp\u00e4ter fest und daran wird von offizieller Seite bis heute festgehalten. Nicht viel sp\u00e4ter erfuhr die \u00d6ffentlichkeit, dass die seit 1998 abgetauchten Neonazis nicht einfach \u201everschwunden\u201c waren. Sie gr\u00fcndeten vielmehr den \u201eNationalsozialistischen Untergrund\u201c (NSU).<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Davon, so der offizielle Sachstand bis heute, wollen Strafverfolgungsbeh\u00f6rden und Geheimdienste dreizehn Jahre lang nichts gewu\u00dft haben. Dass seine Existenz nicht mehr zu leugnen war, ist Beate Zsch\u00e4pe zu verdanken, die mit Uwe Mundlos und Uwe B\u00f6hnhardt zusammen abgetaucht war. Kurz nach deren Tod versandte sie an mehrere Adressen ein Videoband, das dem NSU gewidmet war und in dem mehrere Morde an Migranten in einen rassistischen Kontext gestellt wurden.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Was elf Jahre lang von Seiten der Ermittler als \u201eD\u00f6ner-Morde\u201c, also Morde im \u201ekriminellen Ausl\u00e4ndermilieu\u201c ausgegeben worden war, wurde nun dem NSU zugeordnet, insgesamt neun Morde. Wenig sp\u00e4ter erkl\u00e4rte man auch den Mordanschlag auf zwei Polizisten in Heilbronn 2007 f\u00fcr \u201egel\u00f6st\u201c. Die beiden NSU-Mitglieder sollen diese Tat alleine begangen haben.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Parallel zu diesem \u00fcberraschend schnellen Erkenntnisgewinn reihten sich Pannen an Pannen, R\u00e4tsel an R\u00e4tsel, bedauerliche Zuf\u00e4lle an noch mehr Zuf\u00e4lle: Je mehr nach Antworten gesucht wurde (gerade auch durch die verschiedenen parlamentarischen Untersuchungsaussch\u00fcsse), desto mehr verschwand \u2013 und das Erinnerungsverm\u00f6gen vieler daran Beteiligter gleich mit. Mal fand man das nicht, was in einem Tresor eingeschlossen war, mal war ein Hochwasser an der Vernichtung von Akten schuld. Oft genug leugnete man monate- und jahrelang die Existenz dessen, was sich im Besitz von Polizei und Geheimdiensten befand und erst durch \u201eQuerverweise\u201c und Indiskretionen nicht mehr zu verheimlichen war.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Hunderte von V-Mann-Akten wurden vernichtet, vor allem jene, die belegen k\u00f6nnten, was staatliche Beh\u00f6rden dank ihrer V-M\u00e4nner \u00fcber den NSU gewu\u00dft haben bzw. nicht gewu\u00dft haben wollen.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Wichtige Spuren verschwanden, wurden f\u00fcr nicht \u201ezielf\u00fchrend\u201c erkl\u00e4rt und ungepr\u00fcft abgelegt. Beweismittel wurden unterschlagen, beschlagnahmt und beseitigt.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Tatorte, wie zum Beispiel der in Eisenach-Stregda 2011, wurden auf eine Art und Weise unbrauchbar gemacht, das jedes Ermittlungsergebnis wertlos macht. Die Vorgehensweise w\u00e4re selbst einem drittklassigen Krimi unw\u00fcrdig: Man beschlagnahmt die Fotos, die die Feuerwehr vom Wageninneren gemacht hat. Die SIM-Karte der Kamera wird sp\u00e4ter zur\u00fcckgeben &#8211; g\u00e4nzlich gel\u00f6scht. Anschlie\u00dfend verweigert man der Gerichtsmedizin, vor Ort, den Todeszeitpunkt und die Todesumst\u00e4nde zu dokumentieren. Statt dessen holt man einen Abschleppwagen, der den Campingwagen \u00fcber eine 30 Grad geneigte Rampe aufnimmt, was jede weitere \u201eTatortanalyse\u201c wertlos macht.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Es tauchen Zeugen auf, deren Aussagen belegen, dass Polizei und Geheimdienst sehr fr\u00fch von der Existenz des NSU wu\u00dften. Zeugen, die dar\u00fcber berichten, dass m\u00f6gliche Festnahmen gezielt verhindert worden sind, dass V-Leute den neofaschistischen Untergrund mit angelegt hatten &#8211; durch Beschaffung von Sprengstoff, (falscher) Papiere, Wohnungen und Geld. Es taucht bislang unterschlagenes Beweismaterial auf, das nahe legt, dass andere bzw. weitere T\u00e4ter an den Terror- und Mordanschl\u00e4gen beteiligt gewesen sein m\u00fcssen.<\/strong><\/span><br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Wie die versprochene Aufkl\u00e4rung und die fortdauernde Ermittlungssabotage zusammenpassen, besch\u00e4ftigt viele.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Man k\u00f6nnte auch die Fragen stellen: Warum sind \u201eErmittlungspannen\u201c Zufall und die Ergebnisse, die man damit erzielte, zufallsfrei?<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Wie kann man der Behauptung, der NSU best\u00e4nde aus exakt drei Mitgliedern, auch nur eine Minute Glauben schenken, wenn der parlamentarische Untersuchungsausschuss\/PUA in Berlin bereits 2013 ein \u201emassives Beh\u00f6rdenversagen\u201c konstatiert hatte? Was macht es so schwer, ein Mindestma\u00df an Logik einzuhalten? Wenn <em>die<\/em> Beh\u00f6rden \u201eversagt\u201c haben, dann sind auch <em>deren<\/em> \u201eErmittlungsergebnisse\u201c Teil des Versagens \u2013 also unglaubw\u00fcrdig und wertlos.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Schlie\u00dft bedauertes Beh\u00f6rdenversagen nicht auch die M\u00f6glichkeit ein, dass man nicht wu\u00dfte, was man wei\u00df, dass man etwas \u201elaufen\u201c lie\u00df, anstatt es zu verhindern?<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Obwohl die Evidenz der Beweismittel, die f\u00fcr die offizielle Version sprechen, von Monat zu Monat schwindet, die \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen Beweismittel (f\u00fcr viele Tatorte) einen anderen Geschehensablauf plausibel machen, klammert man sich an diese Version wie an einen nicht aufgehenden Rettungsschirm.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Das hier ausgef\u00fchrte \u201eZwischenfazit\u201c orientiert sich nicht an dem, was wir morgen oder ganz optimistisch in 60 Jahren erfahren werden. Abgesehen davon, dass man sich zur Aufkl\u00e4rung des Mordes an Halit Yozgat in Kassel 2006 ganze 120 Jahre gedulden muss: Im Jahre 2134 sind die Unterlagen von der Geheimhaltung im Namen des \u201eStaatswohles\u201c befreit. Wer so lange nicht warten kann, der und die k\u00f6nnen bereits im Jahr 2071 erfahren, was in den BND-Akten zum Mordanschlag in Heilbronn 2007 zu lesen ist, was bis dahin das Staatswohl oder genauer: die offizielle Version gef\u00e4hrdet.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Grundlage des hier vorgestellten Fazit ist also, was bislang in die \u00d6ffentlichkeit gelangte. Das ist nicht viel, aber viel mehr, als es den politischen und juristischen \u201aAufkl\u00e4rern\u2019 lieb ist.<\/strong><\/span><\/p>\n<h1><span style=\"color:#000000;\"><strong>F\u00fchrende THS-Mitglieder verschwanden nicht im Untergrund, sondern wurden zu diesem Schritt geradezu eingeladen und ermutigt<\/strong><\/span><\/h1>\n<p><span style=\"color:#000000;\"><strong>Thomas Starke, war nicht nur ein f\u00fchrender Neonazi, sondern auch V-Mann, als er den Kameraden des Th\u00fcringer Heimatschutzes\/THS den Sprengstoff lieferte, der wenig sp\u00e4ter, im Januar 1998 in der Garage in Jena gefunden wurde. Obwohl bekannt war, dass sich 1,4 Kilogramm TNT-Sprengstoff in den H\u00e4nden einer neonazistischen Organisation befanden, wurden weder Haftbefehle erlassen, noch ein Verfahren nach \u00a7 129a eingeleitet. Man wollte die Neonazis nicht festnehmen, man wollte sie vielmehr f\u00fcr den Untergrund aktivieren.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Die Verfolgungsbeh\u00f6rden hatten nie den Kontakt zu den abgetauchten THS-Mitgliedern verloren, sondern hatten mit der ebenfalls 1998 beschlagnahmten \u201eGaragenliste\u201c die Landkarte des neonazistischen Untergrundes in der Hand &#8211; ein Untergrund also, der so verborgen war, wie ein am Tatort zur\u00fcckgelassener Stapel von Personalausweisen. Diese Garagenliste blieb \u00fcber zehn Jahre unausgewertet, verschwand in der Asservatenkammer. Das war keiner Ermittlungspanne geschuldet, sondern dem pikanten Umstand, dass auf der konspirativen Adressliste nicht nur ca. 50 Neonazis aus der ganzen Bundesrepublik aufgef\u00fchrt waren, sondern auch vier V-Leute:<\/strong><\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"color:#000000;\"><strong><em>Tino Brandt (Deckname \u2018Otto\u2019 bzw. <\/em><em>\u201aOskar\u2019), <\/em>V-Mann des th\u00fcringischen Verfassungsschutzes von 1995 bis 2001.<\/strong><\/span><\/li>\n<li><span style=\"color:#000000;\"><strong><em>Thomas Starke. V<\/em>on 2001 bis 2011 wurde er als sogenannte Vertrauensperson (VP 562), also als Spitzel vom LKA Berlin gef\u00fchrt.<\/strong><\/span><\/li>\n<li><span style=\"color:#000000;\"><strong><em>Thomas Richter.<\/em> Unter dem Decknamen \u201aCorelli\u2019 lieferte er von 1997 bis 2007 dem Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Informationen aus der Neonaziszene, unter anderem aus einem deutschen Ableger des rassistischen Ku-Klux-Klans.<\/strong><\/span><\/li>\n<li><span style=\"color:#000000;\"><strong><em>Kai Dalek. <\/em>Offiziellen Angaben zufolge wurde dieser Neonazi vom LfV Bayern von 1994 bis 1998 als V-Mann gef\u00fchrt.<\/strong><\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1><span style=\"color:#000000;\"><strong>Ohne die massiven und taterheblichen Unterst\u00fctzungsleistungen von V-M\u00e4nnern der Geheimdienste und der Polizei, ohne die ungenutzten Festnahmem\u00f6glichkeiten w\u00e4re kein Nationalsozialistischer Untergrund entstanden.<\/strong><\/span><\/h1>\n<p><span style=\"color:#000000;\"><strong>Obwohl Beh\u00f6rden nach dem Untertauchen von Mitgliedern des THS von der Bewaffnung, von geplanten Bankrauben, von der Beschaffung falscher Identit\u00e4ten Kenntnis hatten, wurde ein Verfahren nach \u00a7129a (Bildung einer terroristischen Vereinigung) verhindert.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Ebenso lehnte es die Generalbundesanwaltschaft\/GBA ab, angesichts der vorliegenden Fakten, die Ermittlungen zu zentralisieren, also an sich zu ziehen. Die Absicht, das Abtauchen von f\u00fchrenden Neonazis strafrechtlich \u201aflach zu halten\u2019, l\u00e4sst sich nicht aufgrund mangelnder Tathinweise erkl\u00e4ren, sondern aufgrund anderer Erw\u00e4gungen.<\/strong><\/span><\/p>\n<h1><span style=\"color:#000000;\"><strong>Es gab verschiedene M\u00f6glichkeiten, die abgetauchten Neonazis festzunehmen. Dass dies wiederholt nicht passierte, lag nicht an Pannen, sondern an Anweisungen, die aus den jeweiligen Innenministerien kamen<\/strong><\/span><\/h1>\n<p><span style=\"color:#000000;\"><strong>Unter Berufung auf das Th\u00fcringer Landeskriminalamt berichtete der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR), \u201e<em>dass die drei Hauptverd\u00e4chtigen 1998 kurz nach ihrem Untertauchen von Zielfahndern aufgesp\u00fcrt worden waren. Ein Sondereinsatzkommando der Polizei habe die M\u00f6glichkeit zum Zugriff gehabt, sei aber im letzten Moment zur\u00fcckgepfiffen worden<\/em>.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Die Weigerung, die abgetauchten THS-Mitglieder festzunehmen, ist bis in das Jahr 2002 dokumentiert:<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>\u201eVergangene Woche war in einer vertraulichen Sitzung des Th\u00fcringer Justizausschusses bekannt geworden, dass ein halbes Dutzend Aktennotizen aus der Zeit zwischen 2000 und 2002 existieren, laut denen das Innenministerium Festnahmeversuche verhindert hatte.\u201c (FR vom 8.12.2011)<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Auch das Innenministerium in Brandenburg verhinderte eine M\u00f6glichkeit der Festnahme. Im September 1998 bekam der Verfassungsschutz in Brandenburg einen Tipp: Dank eines \u201eHinweisgebers\u201c erfuhr der Geheimdienst, dass Jan Werner, ein Neonazi aus Chemnitz, den Auftrag hatte, Waffen f\u00fcr die abgetauchten (und gesuchten) Neonazis zu besorgen, die man sp\u00e4ter als Trio bezeichnete:<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>\u201e<em>Drei Tage nachdem die Brandenburger den vielversprechenden Vermerk geschrieben hatten, kam es zu einer geheimen Konferenz im Potsdamer Innenministerium, an der auch Vertreter der Verfassungsschutz\u00e4mter aus Th\u00fcringen und Sachsen teilnahmen. Zeugnis dar\u00fcber ist ein Protokoll des Treffens, das die s\u00e4chsischen Kollegen verfassten. (\u2026) Es belegt: Das Brandenburger Ministerium verhinderte aktiv die Suche nach den drei Untergetauchten<\/em>.\u201c (Der NSU-Prozess-Blog, zeit-online vom 10. Mai 2016)<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Der Hinweisgeber war kein geringer als Carsten Szczepanski, der als V-Mann f\u00fcr das LfV Brandenburg arbeitete und den Deckname \u201a<em>Piatto\u2019<\/em> trug. Er wurde als hochwertige Quelle eingestuft. Wenn der Einsatz und das Wissen von V-Leuten tats\u00e4chlich schwere Straftaten verhindern bzw. aufkl\u00e4ren soll, w\u00e4re der n\u00e4chste Schritt gewesen, diese Quellennachricht f\u00fcr die Polizei, als zu Fahndungszwecken freizugeben. Genau dies ist nicht passiert: \u201e<em>Ausgerechnet bei der Meldung zu Personen auf der Fahndungsliste machte das Ministerium jedoch einen R\u00fcckzieher und erkl\u00e4rte sich \u201enicht bereit, die Quellenmeldung als solche f\u00fcr die Polizei freizugeben\u201c, wie es im Protokoll hei\u00dft. Die Beamten f\u00fcrchteten, dadurch k\u00f6nnte Sz. als Spitzel auffliegen<\/em>.\u201c (s.o.)<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>\u00dcber die elf Jahre \u201eUntergrund\u201c des NSU kann man sehr sicher sagen: Der Geheimdienst ist &#8211; dank seiner zahlreichen V-Leute &#8211; nicht nur dem NSU in den Untergrund gefolgt. Er ist selbst ein Teil des Untergrundes.<\/strong><\/span><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<h1><span style=\"color:#000000;\"><strong>Die Fiktion von einem \u203aTerrortrio\u2039<\/strong><\/span><\/h1>\n<p><span style=\"color:#000000;\"><strong>Die Behauptung, der NSU h\u00e4tte aus drei Mitgliedern bestanden, widerspricht allen bekannten Fakten. Zu den wichtigsten z\u00e4hlt das Selbstverst\u00e4ndnis des NSU, der sich explizit als \u201e<em>Netzwerk von Kameraden mit dem Grundsatz: Taten statt Worte<\/em>\u201c versteht (Bekennervideo). W\u00fcrde man tats\u00e4chlich nach den Vorgaben des \u00a7 129a ermitteln und aufkl\u00e4ren, stie\u00dfe man auf zahlreiche Kameraden, die tatrelevant am Bestehen dieser terroristischen Struktur beteiligt waren. Dutzenden von Neonazis kann heute nachgewiesen werden, dass sie am Aufbau, an der Ausstattung eines neonazistischen Untergrundes beteiligt waren. Das Konstrukt vom Terrortrio deckt sich also nicht im Geringsten mit der Faktenlage. Sie deckt einzig und allein den Umstand, dass man bei Ermittlungen gegen weitere Beteiligte auch auf zahlreiche V-Leute sto\u00dfen w\u00fcrde.<\/strong><\/span><\/p>\n<h1><span style=\"color:#000000;\"><strong>Bis zum Jahr 2000 m\u00fcssen diese beh\u00f6rdlichen Entscheidungen als Unterst\u00fctzung einer terroristischen Vereinigung gewertet werden. Mit dem ersten Mord 2000 kommen unterlassene M\u00f6glichkeiten, Mitglieder des NSU festzunehmen der Beihilfe zu Mord gleich.<\/strong><\/span><\/h1>\n<p><span style=\"color:#000000;\"><strong>Es ist belegbar, dass deutsche Beh\u00f6rden (Polizei, Geheimdienst und MAD) mit \u00fcber 40 V-Leuten am NSU-Netzwerk beteiligt waren. Diese Zahl ist unfassbar gro\u00df, vorl\u00e4ufig und unvollst\u00e4ndig: Denn sie beinhaltet nur die bis heute namentlich bzw. \u00fcber Decknamen bekannten Neonazis, die als \u201aVertrauenspersonen\u2019 gef\u00fchrt wurden. Bis heute ist kein Beweis erbracht, dass diese V-M\u00e4nner den Kontakt zum NSU verloren hatten, als die Mordserie begann. W\u00e4re es anders, w\u00e4ren die zahlreichen Akten zu V-Leuten im Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz 2011 nicht beseitigt worden \u2013 man h\u00e4tte sie vielmehr als Beweis den Gerichten und Untersuchungsaussch\u00fcssen \u00fcbergeben.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Das Gew\u00e4hrenlassen des NSU hat der Rechtsanwalt Thomas Bliwier, der die Familie des NSU-Opfers Halit Yozgat vertritt, knapp und richtig als \u201e<em>vom Verfassungsschutz betreute Morde<\/em>\u201c (Hart aber fair-Sendung vom 5.3.2016) bezeichnet.<\/strong><\/span><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<h1><span style=\"color:#000000;\"><strong>Das Pleiten-, Pech- und Pannenm\u00e4rchen<\/strong><\/span><\/h1>\n<p><span style=\"color:#000000;\"><strong>Zu den 1001 Pannen geh\u00f6rt auch die Vernichtung von V-Mann-Akten im Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz\/BfV im November 2011, die sp\u00e4ter den Namen \u201eOperation Konfetti\u201c bekam. Dabei handelte sich um V-Mann-Akten von Neonazis, die in der neonazistischen Organisation \u201eTh\u00fcringer Heimatschutz\u201c (THS) angeworben worden waren. Jener THS, in dem die drei uns bekannten NSU-Mitglieder ihre politische Heimat hatten, bevor sie 1998 in den Untergrund abgetaucht waren. Der Referatsleiter im BfV, mit dem Decknamen \u201eLothar Lingen\u201c hatte dies pers\u00f6nlich angeordnet.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Lange hielten sich f\u00fcr diese dienstliche Straftat zwei \u2013 immer wieder gern verwandten \u2013 Erkl\u00e4rungen: Die erste wollte ein Versehen, eine Panne als Ursache glaubhaft machen. Die zweite ist auch sehr beliebt: Man habe nur den Bestimmungen des Datenschutzes Rechnung getragen, also \u201eL\u00f6schfristen\u201c eingehalten.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Beide Erkl\u00e4rungen kamen im Fall der Vernichtung von V-Mann-Akten im BfV zum Zuge. Das Problem an diesen Erkl\u00e4rungen ist nicht ihre D\u00fcrftigkeit und ihre Unhaltbarkeit. Das Problem ist vielmehr, den Vorsatz (einer strafbaren Handlung) beweisen zu k\u00f6nnen. Im Normalfall bleibt es bei einem vagen und folgenlosen \u201aKann-alles-sein\u2019.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Doch es gibt auch ungew\u00f6hnliche Entwicklungen. Und das betrifft auch das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz, in diesem Fall besagter Referatsleiter \u201eLothar Lingen\u201c. Dieser machte in einer Vernehmung am 24. Oktober 2014 eine Aussage, die zwar nicht \u00fcberrascht, aber selten so klar ausgesprochen wird:<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong><em>\u201eUnd da habe ich mir gedacht, wenn der quantitative Aspekt, also die Anzahl unserer Quellen (\u2026) in Th\u00fcringen nicht bekannt wird, dass dann die Frage, warum das BfV von nichts gewusst hat, vielleicht gar nicht mehr auftaucht\u201c, sagte Lingen laut BKA-Protokoll. (FR vom 5.10.2016)<\/em><\/strong><\/span><br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Damit ist nicht nur die bis heute sehr beliebte Erkl\u00e4rung obsolet, Pannen und Versehen seien schuld am \u201ekompletten Staatsversagen\u201c. Mit dieser Aussage ist auch belegt, dass das, was man gerne als wilde Spekulation, als nicht beweisbare Behauptung abtut, vor allem eine Intention verdecken soll: Die Vernichtung von V-Mann-Akten im Nahbereich des NSU sollte das aus der Welt schaffen, wovon man \u201e<em>nichts gewusst\u201c <\/em>hat<em>.<\/em><\/strong><\/span><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<h3><span style=\"color:#000000;\"><strong>Zehn Morde und f\u00fcnf tote Zeugen<\/strong><\/span><\/h3>\n<p><span style=\"color:#000000;\"><strong>Man k\u00f6nnten und sollte annehmen, dass irgendwann einmal in den 16 Jahren Ermittlungen (1998-2016) die Zuf\u00e4lle und \u201er\u00e4tselhaften\u201c Umst\u00e4nde abnehmen, mit Blick auf die vielen Versprechen und Entschuldigungen.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Mit welcher Kontinuit\u00e4t sie hingegen anhalten, belegen u.a. die f\u00fcnf toten Zeugen, die es seit 2011 gibt. Potenzielle Zeugen, die nicht 80 Jahre alt waren, sondern allesamt eigentlich zu jung, um eines \u201enat\u00fcrlichen\u201c Todes zu sterben. Aber auch hier gilt, wie in den letzten dreizehn Jahren: Was gibt es nicht alles, wenn man daf\u00fcr sorgt, dass das Gegenteil nicht bewiesen wird?<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Die Todesursachen lassen jedenfalls schaudern: Ein Zeuge verbrennt im Auto, ein zweiter verbrennt sich aus Liebenskummer, acht Stunden vor seiner Zeugenaussage. Eine Zeugin stirbt an den Folgen eines leichten Motorradunfalls (Lungenembolie), ein ehemaliger V-Mann, der kurz davor stand, Aussagen machen zu m\u00fcssen, verendet an einer \u201enicht erkanntes Diabetes\u201c und der vorl\u00e4ufig letzte potenzielle Zeuge ist der Lebensgef\u00e4hrte der bereits verstorbenen Zeugin. Er soll Selbstmord begangen haben \u2026 verbunden mit einem elektronisch verschickten Abschiedsbrief, den niemand in seinem Freundeskreis erhalten hat.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>All diese selten Todesursachen habe einen gemeinsamen, weniger zuf\u00e4lligen Kern: Alle ZeugInnen spielen eine Rolle im Kontext des Polizistenmordes in Heilbronn 2007. Und ebenso wenig zuf\u00e4llig ist, dass sie allesamt Zeugen sind bzw. h\u00e4tten sein k\u00f6nnen, die die offizielle Version der Tatereignisse in Frage stellen.<\/strong><\/span><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<h1><span style=\"color:#000000;\"><strong>Der NSU ist eine neonazistische Terrororganisation <em><u>und<\/u><\/em> ein Staatsgeheimnis<\/strong><\/span><\/h1>\n<p><span style=\"color:#000000;\"><strong>Neonazistische Organisationen gibt es ohne staatliches Zutun. So wenig der NSU eine Staatserfindung ist (wie es \u201enationale Kameraden\u201c rund um Compact, fatalist und nsu-leak wei\u00df machen wollen), so konstitutiv ist das staatliche Agieren, das den neonazistischen Untergrund mit angelegt, die Verhinderung von Morden torpediert hat und an der Nichtaufkl\u00e4rung der Morde \u2013 bis heute \u2013 arbeitet.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Ohne es zu wollen hat Klaus-Dieter Fritsche, Vize-Chef des Bundesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz (BfV) von Oktober 1996 bis November 2005, dieses Amalgam benannt. Er wurde 2012 als Zeuge vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss in Berlin vernommen, um Auskunft dar\u00fcber zu geben, was der Geheimdienst \u00fcber den NSU wusste, welche \u203aQuellen\u2039, also V-Leute er im Nahbereich des NSU \u203af\u00fchrte\u2039. Obwohl er eigentlich nur dem PUA erkl\u00e4ren wollte, warum ihn das nichts anginge, verriet er in seinen Ausf\u00fchrungen genau das, was er damit verdecken wollte.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong><em>\u201eEs d\u00fcrfen keine Staatsgeheimnisse bekannt werden, die ein Regierungshandeln unterminieren.<\/em><em> (\u2026) Es gilt der Grundsatz \u201aKenntnis nur wenn n\u00f6tig\u2019. Das gilt sogar innerhalb der Exekutive. Wenn die Bundesregierung oder eine Landesregierung daher in den von mir genannten Fallkonstellationen entscheidet, dass eine Unterlage nicht oder nur geschw\u00e4rzt diesem Ausschuss vorgelegt werden kann, dann ist das kein Mangel an Kooperation, sondern entspricht den Vorgaben unserer Verfassung. Das muss in unser aller Interesse sein.\u201c<\/em><\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Bis heute gilt die Aussage, dass das BfV nichts \u00fcber den Aufbau eines neonazistischen Untergrundes, \u00fcber die verschiedenen Aufenthaltsorte und die Mordpl\u00e4ne des NSU gewusst haben will. Wenn dies so w\u00e4re, dann w\u00e4re die Offenlegung aller V-Mann-Akten kein \u201eStaatsgeheimnis\u201c, sondern der Beweis f\u00fcr diese Behauptung. Wenn er hingegen \u201eStaatsgeheimnisse\u201c sch\u00fctzen will, dann sagt er nichts anders, als dass man mit der Aufdeckung des Wissens von V-M\u00e4nnern den Staatsanteil am neonazistischen Terror preisgeben m\u00fcsste.<\/strong><\/span><\/p>\n<h3><span style=\"color:#000000;\"><strong>Ein politisches und juristisches Debakel<\/strong><\/span><\/h3>\n<p><span style=\"color:#000000;\"><strong>Anstatt den Opfern der im Prozess verhandelten Morde sinnlose Hoffnung zu machen, ihnen weitere vier Jahre Lebenszeit zu rauben, sie nochmals zu bel\u00fcgen, h\u00e4tte man die Zig-Millionen Euro, die diese Farce gekostet hat, als \u201eSchmerzengeld\u201c verteilen k\u00f6nnen.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Doch dieser Prozess ist leider mehr als Verschwendung von Lebenszeit und Geld.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Dieser Prozess zeigt \u00fcber vier Jahre, wie in diesem Land Ohnmacht produziert wird, wie man den Glauben (sodann er noch da war) an die Justiz, an etwas wie Gerechtigkeit zerst\u00f6ren, mit F\u00fcssen treten kann.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Denn in diesem Prozess ging es nicht darum, dass manche Dinge nicht restlos aufgekl\u00e4rt werden konnten, dass sich manchmal Zweifel und Behauptung die Waage hielten. Dieser Prozess zeigt, dass man Grunds\u00e4tze polizeilicher Ermittlungsarbeit au\u00dfer Kraft gesetzt hat.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Dass diese juristische \u201aAufarbeitung\u2019 selbst von parlamentarischen Untersuchungsaussch\u00fcssen in wichtigen Teilen konterkariert wird, das dort Fakten auf den Tisch gelegt bzw. erst gefunden werden, die das Gericht gar nicht erst haben wollte, geh\u00f6rt zur Posse dieser Veranstaltung.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Doch man sprach im Rahmen dieses Prozesses auch davon, dass es institutionelle Konsequenzen aus dem \u201eBeh\u00f6rdenversagen\u201c, aus dem \u201eStaatsversagen\u201c geben m\u00fc\u00dfte, dass der Verfassungsschutz \u201ereformiert\u201c, an die Leine genommen werden muss. Ein Hund, der nicht mehr frei herumlaufen darf \u2026<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Es geh\u00f6rt wahrscheinlich l\u00e4ngst zum schnellen Vergessen, dass anfangs die Abschaffung des Geheimdienstes verlangt worden war. Ein Ruf, dem selbst die FAZ folgte. Denn wenn ein Geheimdienst \u00fcber dreizehn Jahre hinweg sein Wissen, seine \u201eQuellen\u201c nicht dazu nutzt, (schwere) Straftaten zu verhindern, sondern zu erm\u00f6glichen, dann ist nicht einfach etwas schief gegangen, dann ist ein solcher Geheimdienst selbst Teil einer kriminellen Vereinigung. Und dass er all die Strukturmerkmale einer \u201ekriminelle Vereinigung\u201c, f\u00fcr \u201eorganisierte Kriminalit\u00e4t\u201c (OK) erf\u00fcllt, hat der Verfassungsschutz am Beispiel des NSU-Komplex mehr als genug beweisen: Beteiligung am Aufbau eines neonazistischen Untergrundes, das Legen das falscher F\u00e4hrten. Die Sabotage von Aufkl\u00e4rung. Die Vernichtung von Beweismaterial. Falschaussagen. Konspirative Absprachen zum Schutz von Geheimdienstmitarbeitern und V-M\u00e4nnern.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Dass am Anfang des NSU-Skandals noch viel Wind gemacht wurde, geh\u00f6rt zum Ritual. Dass sich Wind und Aufregung legen, kennt man auch. Doch die NSU-Aufarbeitung hat eine besondere, mit der von Blutdiamanten vergleichbare Qualit\u00e4t.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Man hat den NSU-Skandal f\u00fcr \u201eReformen\u201c genutzt. Weidlich und auf eine Art und Weise, dass man sie mit der Hinterh\u00e4ltigkeit rassistischer Morde durchaus gleichstellen kann:<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>\u201e<em>Alle Geheimdienstaff\u00e4ren, das zeigt die Geschichte, enden damit, dass Personal und Budget f\u00fcr die Dienste aufgestockt werden. Das gilt beispielsweise auch f\u00fcr die Aff\u00e4re rund um den rechtsterroristischen NSU<\/em>.\u201c (Historiker Josef Foschepoth)<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Diese Kontinuit\u00e4t und Unversch\u00e4mtheit l\u00e4\u00dft sich am Beispiel des Inlandgeheimdienstes namens Verfassungsschutz sehr genau nachzeichnen. Bereits Ende 2014 lie\u00df uns eine klitzekleine Nachricht, die man auch \u00fcberlesen durfte, wissen, dass das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz\/BfV mehr Geld und mehr Mitarbeiter bekommen wird. Zu den ca. 2.800 Mitarbeitern sollen bald 100 weitere hinzukommen. Au\u00dferdem werden dieser Beh\u00f6rde als \u201aSachmittel\u2019 weitere 13,44 Millionen Euro bewilligt, womit der Etat f\u00fcr diese Beh\u00f6rde im Jahr 2015 bei fast 231 Millionen Euro liegt.<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Dies beschloss das \u201aVertrauensgremium des Bundestages\u2019, das f\u00fcr den Geheimdienstetat zust\u00e4ndig ist. Man kann dies durchaus mit den Bonizahlungen f\u00fcr Spitzenangestellte bei Banken vergleichen.<\/strong><\/span><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<h3><span style=\"color:#000000;\"><strong>Orwell 3.0.<\/strong><\/span><\/h3>\n<p><span style=\"color:#000000;\"><strong>Doch damit nicht genug. Ein halbes Jahr sp\u00e4ter, im Juli 2015 hatte der Bundestag das \u201eGesetz zur Verbesserung der Zusammenarbeit im Bereich des Verfassungsschutzes\u201c beschlossen: \u201e<em>Das Begehen von Straftaten durch Staatsdiener und ihre V-Leute wird erstmals gesetzlich legitimiert und ihre Strafverfolgung eingeschr\u00e4nkt. Schwerer kann man den Rechtsstaat kaum besch\u00e4digen<\/em>.\u201c (M\u00fcller-Heidelberg: Beamtete Straft\u00e4ter \u2013 T\u00e4ter vom Dienst).\u201c (Der Staat ist der Verfassungsfeind, NachDenkSeiten vom 15.6.2016)<\/strong><\/span><br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Man kann daf\u00fcr auch wie Prof. Hajo Funke folgende Worte finden:<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>\u201e<em>Der faschistische Staatsrechtler Carl Schmitt brachte es auf den Punkt: \u201aSouver\u00e4n ist, wer \u00fcber den Ausnahmezustand entscheidet\u2019. Genau das wird mit der geplanten Reform der Sicherheitsbeh\u00f6rden faktisch erreicht. Indem V-Leute vor Strafverfolgung weitgehend gesch\u00fctzt sind, erhalten sie eine von au\u00dfen unkontrollierbare Macht \u00fcber einen rechtsfreien Ausnahmezustand. Ohne jede wirkliche Analyse der Mordserie und des staatlichen \u203aVersagens\u2039 wird ein Abgrund an geheimen Parallelstrukturen im Staat rechtlich etabliert.<\/em>\u201c (Prof. Hajo Funke, Jenseits des Rechts, S. 238\/39, in: Geheimsache NSU, Zehn Morde, von Aufkl\u00e4rung keine Spur, Andreas F\u00f6rster (Hg.), 2014)<\/strong><\/span><br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Wolf Wetzel<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>1.8.2017<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>Der NSU-VS-Komplex. Wo beginnt der Nationalsozialistische Untergrund &#8211; wo h\u00f6rt der Staat auf?, Unrast Verlag 2015, 3. Auflage<\/strong><\/span><br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> jW vom 19.11.2011<br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color:#000000;\"><strong>publiziert in der Tageszeitung Junge Welt vom 31.8.2017: <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/317355.staatlich-betreute-morde.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/317355.staatlich-betreute-morde.html<\/a><\/strong><\/span><\/p>\n<p>Views: 306<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr ein Zwischenfazit zu f\u00fcnf Jahren NSU-\u00bbAufkl\u00e4rung\u00ab gibt es keine bessere Einleitung als das Pl\u00e4doyer der Bundesanwaltschaft vor dem Oberlandesgericht (OLG) M\u00fcnchen. Bevor Bundesanwalt Herbert Diemer am 25. 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