{"id":7670,"date":"2017-05-01T18:25:39","date_gmt":"2017-05-01T16:25:39","guid":{"rendered":"https:\/\/wolfwetzel.wordpress.com\/?p=7670"},"modified":"2018-12-01T17:36:28","modified_gmt":"2018-12-01T16:36:28","slug":"stay-behind-eine-staatlich-organisierte-terrorstruktur-mit-unbelasteten-paten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2017\/05\/01\/stay-behind-eine-staatlich-organisierte-terrorstruktur-mit-unbelasteten-paten\/","title":{"rendered":"Stay-Behind \u2013 eine staatlich organisierte Terrorstruktur mit \u201cunbelasteten\u201d Paten"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000000;\">Das Bundeskanzleramt und der Auslandsgeheimdienst BND haben bisher geheim gehaltene Dokumente \u00fcber die Adenauer-\u00c4ra zug\u00e4nglich gemacht. Zum innersten Kreis des \u201e<em>beliebtesten Bundeskanzler Deutschlands<\/em>\u201c z\u00e4hlten ehemalige Mitglieder der NSDAP und der Wehrmacht, die alles boten: von Spitzeldiensten, \u00fcber den Aufbau eines parteieigenen Geheimdienstes, bis hin zu einem inneren Staatsstreich.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000000;\">Besteht ein Zusammenhang zwischen dem \u201anationalsozialistischen Untergrund\u2019 der Stunde Null und dem NSU, den wir seit 2011 kennen?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Stellen Sie sich folgende Kurzfassung eines Drehbuches vor:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><em>Nazis, die das Dritte Reich \u00fcberlebt haben, werden ab Mitte der 50er Jahre als irregul\u00e4re Truppen wiederbewaffnet, um hinter den Linien gegen die \u201ekommunistische Gefahr\u201c zu k\u00e4mpfen. Ausgebildet und gef\u00fchrt werden sie von der NATO, dem nordatlantischen Verteidigungsb\u00fcndnis. Der Chef dieser irregul\u00e4ren Truppen wird in Deutschland der (Ex-)Nazi und Wehrmachtsoffizier Reinhard Gehlen, der nach der milit\u00e4rischen Niederlage des Dritten Reiches damit betraut wird, einen Auslandsgeheimdienst aufzubauen. Aus dieser \u201aOrganisation Gehlen\u2019 wird sp\u00e4ter der Bundesnachrichtendienst (BND). Dieser bekommt als BND-Chef u.a. den Auftrag, das Privatleben des Staatsanwaltes Fritz Bauer auszuspionieren. Dieser will sich nicht abhalten lassen, einen Prozess gegen ehemalige KZ-W\u00e4rter zu f\u00fchren. Au\u00dferdem verfolgt er eine wichtige Spur zu Adolf Eichmann, der \u201eabgetaucht\u201c war. StA Bauer soll daran gehindert werden, mit lancierten Indiskretionen \u00fcber sein Schwulsein und mit dem Versuch, ihm Landesverrat vorzuwerfen. Diese Vorhaben genie\u00dfen hochkar\u00e4tige Zustimmung und Protektion. Im Bundeskanzleramt hat man daf\u00fcr den passenden Mann: Hans Globke. Dort hatte man ihn zum Kanzleramtschef gemacht. Davor geh\u00f6rte Hans Globke zur F\u00fchrungselite im Dritten Reich und schaffte es dort bis zum Ministerialrat im Reichsinnenministerium. Nun wird dieser Ex-Nazi damit beauftragt, das aus dem Weg zu r\u00e4umen, was Bundeskanzler Konrad Adenauer f\u00fcr \u201eErbsenz\u00e4hlerei\u201c h\u00e4lt, tats\u00e4chlich Verfassungsrang hat: die notwendige Entnazifizierung Deutschlands.<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000000;\"><em>Das Zusammenspiel von ehemaligen Nazifunktion\u00e4ren und \u201enicht belasteten\u201c Regierungsmitglieder funktioniert hervorragend: Man hat \u201eunbelastete\u201c Demokraten, wenn man sie vorzeigen muss und man hat erfahrene Nazis, wenn man sie braucht. Und falls doch etwas nicht ganz rund l\u00e4uft, hat man einen parteieigenen Geheimdienst, der potenzielle Gegner ausfindig machen und ggf. neutralisieren soll.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Es w\u00e4re nicht verwunderlich, wenn Sie beim Lesen dieses Skriptes zu folgenden Schlu\u00dffolgerungen kommen: Es ist zu holzschnitzartig, viel zu karikaturenhaft und v\u00f6llig \u00fcberzeichnet. Oder Sie werfen gleich das Lasso mit dem Namen \u201eVerschw\u00f6rungstheorie\u201c \u00fcber die Angelegenheit und das Skript in den Papierkorb.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000000;\">Ich verrate nicht zu viel: Die Wirklichkeit ist zu oft\u00a0 bl\u00fchenden Fantasien weit voraus.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-7682\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/schlussstrich_drunter-fdp-1949.jpg?resize=350%2C501&#038;ssl=1\" alt=\"Schlussstrich_drunter-FDP-1949\" width=\"350\" height=\"501\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/schlussstrich_drunter-fdp-1949.jpg?w=350&amp;ssl=1 350w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/schlussstrich_drunter-fdp-1949.jpg?resize=210%2C300&amp;ssl=1 210w\" sizes=\"(max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/p>\n<h3>Ex-Nazis und Jungnazis als geheime Armee im \u201eneuen\u201c Deutschland<\/h3>\n<p>Ende der 50er Jahre wurde auf NATO-Ebene beschlossen, Faschisten in einem geheimen Programm zu bewaffnen und auszubilden, um sie als irregul\u00e4re Einheiten einzusetzen. Das Szenario, das die Wiederbewaffnung von Faschisten in Europa rechtfertigen sollte, ging von einem milit\u00e4rischen \u00dcberfall der Sowjetunion auf den friedliebenden Westen aus. Die Faschisten sollten darin die Aufgabe \u00fcbernehmen, sich \u203a\u00fcberrollen\u2039 zu lassen, um dann hinter den Linien den kommunistischen Feind zu bek\u00e4mpfen. Aus dieser Zeit stammt auch der Name dieses Programms: <em>stay behind<\/em>. Dazu legte man \u00fcber die ganze Bundesrepublik verteilt geheime Waffendepots an und unterrichtete Ex-Nazis und Neofaschisten in Techniken des Nachrichtenwesens und der Sabotage. Zu deren Aufgaben z\u00e4hlte man das Ausschalten von \u203aKollaborateuren\u2039, die man in Deutschland bis in linken SPD-Kreisen hinein und in der aufkommenden Friedensbewegung vermutete.<\/p>\n<p>Die von der CIA aufgebauten S\u00f6ldner-Netzwerke wurden 1956 vom BND \u00fcbernommen, wodurch der Auslandsgeheimdienst rechtswidrig im Inland t\u00e4tig wurde.<\/p>\n<p>\u00bb<em>Reinhard Gehlen teilte noch 1956 als Chef der US-gef\u00fchrten \u203aOrg\u2039 und wenige Tage, bevor er BND-Pr\u00e4sident wurde, den Amerikanern mit, dass er Stay-Behind-Truppen im Innern gegen deutsche Politiker einsetzen w\u00fcrde, falls diese Westdeutschland auf Neutralit\u00e4tskurs bringen w\u00fcrden<\/em>.\u00ab (Ulrich Stoll, Filmemacher, Journalist und Mitautor des Buches: <strong>\u203a<a href=\"http:\/\/www.christoph-links-verlag.de\/index.cfm?view=3&amp;titel_nr=840\">Die Partisanen der NATO<\/a><\/strong><strong>\u2039)<\/strong><\/p>\n<p><strong>Zur Gr\u00f6\u00dfe dieses staatlich-organisierten Terrornetzwerkes f\u00fchrt Ulrich Stoll aus:<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbDie gr\u00f6\u00dfte fr\u00fche Stay-Behind-Organisation, der BDJ-TD, hatte 2.800 K\u00e4mpfer ausgebildet und plante, bis zu 7.000 Antikommunisten als Partisanen zu rekrutieren. Die vom BND gef\u00fchrte Stay-Behind-Organisation hatte anfangs rund 500 \u203aSchl\u00e4fer\u2039, die als Partisanen im Kriegsfall aktiv werden sollten. Deren Zahl sank bis in die 1980er Jahre auf rund 100 Personen. Es gab aber eine unbekannte Zahl von Helfern und ein paar Dutzend hauptamtliche Offiziere. Der milit\u00e4rische Arm der Stay-Behind-Organisation, die als Bundeswehreinheit getarnte Lehr- und Ausbildungsgruppe f\u00fcr das Fernsp\u00e4hwesen der Bundeswehr, sollte auf bis zu 375 aktive Fallschirmspringer ausgebaut werden.\u00ab (Ulrich Stoll, Filmemacher, Journalist und Mitautor des Buches: <strong>\u203a<a href=\"http:\/\/www.christoph-links-verlag.de\/index.cfm?view=3&amp;titel_nr=840\">Die Partisanen der NATO<\/a><\/strong><strong>\u2039, Interview auf NDS vom 27.11.2015)<\/strong><\/p>\n<p>In den 70er Jahren pa\u00dfte man das Bedrohungsszenarium den ver\u00e4nderten Bedingungen an. Die \u203aRussen\u2039 kamen nicht \u2013 aber der Feind, der die \u203arote Gefahr\u2039 ersetzen sollte, war schon da. Durch die zahlreichen Proteste und Bewegungen in Europa in Anschlu\u00df an die 68er-Revolten sah man Regierungen oder gar die kapitalistische Ordnung in Gefahr. Was mit legalen Mitteln nicht mehr unterdr\u00fcckt werden konnte, sollte mit Hilfe dieser faschistischen Reserve bek\u00e4mpft werden. In Italien bekam diese Form des Staatsterrorismus den Namen \u203a<em>Gladio<\/em>\u2039. Faschisten sollten durch gezielte Angriffe auf AntifaschistInnen die Linke schw\u00e4chen, und durch Anschl\u00e4ge auf linke Parlamentarier ein Klima schaffen, das der Regierung freie Hand dabei geben sollte, Schutzrechte au\u00dfer Kraft zu setzen oder gar einen Milit\u00e4rputsch zu legitimieren (wie dies als <em>Worst Case<\/em> geplant war). Hunderte von Toten und Dutzende von Bombenanschl\u00e4gen gehen auf das Konto dieser \u203astay-behind-Operationen\u2039.<\/p>\n<p>Gleichzeitig entschied man sich, dieses terroristische Potenzial f\u00fcr eine \u203a<em>Strategie der Spannung<\/em>\u2039 einzusetzen: Mit furchtbaren Terroranschl\u00e4gen, die auf den ersten Blick wahllos und sinnlos erschienen (wie der Bombenanschlag in Bologna am 2. August 1982 oder der m\u00f6rderische Anschlag auf das Oktoberfest in M\u00fcnchen am 26. September 1980), sollte ein Klima der Angst herbeigef\u00fchrt werden, in dem die Bev\u00f6lkerung bereit ist, weitere Einschr\u00e4nkungen von Freiheits- und Schutzrechten hinzunehmen \u2013 bis hin zur Ausrufung des Staatsnotstandes. Gleichzeitig nutzte man diese verheerenden Terroranschl\u00e4ge, indem man linke Gruppierungen (in Italien die Roten Brigaden, in Deutschland die RAF) daf\u00fcr verantwortlich machte, um so weitere repressive Ma\u00dfnahmen gegen Linke zu legitimieren. Im Prinzip ging es darum, militante Gruppen der Linken, die man nicht mehr parlamentarisch einhegen konnte, mit extra-legalem Terror zu bek\u00e4mpfen, auszuschalten. Diese Symbiose aus neofaschistischen Kadern, milit\u00e4rischen F\u00fchrungsst\u00e4ben und Geheimdiensten bekam in Italien den Namen \u203a<em>Gladio<\/em>\u2039. Eine Anspielung auf das r\u00f6mische Kurzschwert, das man bevorzugt im Nahkampf eingesetzt hatte.<\/p>\n<p>Die daran beteiligten Regierungen legten sich auf diese Weise, neben dem existierenden Gewaltapparat eine Terrorstruktur zu, die hinter den legalen Linien bzw. Grenzziehungen operierte.<\/p>\n<p>In einigen L\u00e4ndern wurde die Geschichte dieses Staatsterrorismus politisch aufgearbeitet, zumindest in Angriff genommen, wie in Italien, der Schweiz und zuletzt in Luxemburg. In Deutschland herrscht bis zum heutigen Tag partei\u00fcbergreifendes Schweigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Konrad Adenauer \u2013 der beliebteste Bundeskanzler und der Pate von Gladio<\/h3>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>\u201eMan sch\u00fcttet kein schmutziges Wasser weg, solange man kein sauberes hat.\u201c (Konrad Adenauer, 1953)<\/em><\/p>\n<p>Das Magazin DER SPIEGEL \u00fcberrascht in seiner April-Ausgabe 2017 mit einer Titelstory: <em>Die Geheimakte Konrad Adenauer<\/em>.<\/p>\n<p>In dem siebenseitigen Beitrag sind viele Ostereier dabei. Zum einen fragt man sich, worum es eine Geheimakte deutscher Geheimdienste \u00fcber Konrad Adenauer gibt? Er war kein Untergrundchef, sondern der erste Bundeskanzler nach dem Dritten Reich. Er wurde zum \u201ebeliebtesten\u201c Bundeskanzler erkoren. Er galt \u2013 mit Blick auf das Dritte Reich \u2013 als \u201eunbelastet\u201c und in seinem ganzen Auftritt besonnen und altersweise.<\/p>\n<p>Was gibt es also bei einem solchen Mann zu verheimlichen? Warum wurden diese Akten zum \u201eStaatsgeheimnis\u201c erkl\u00e4rt? Und warum werden sie (wahrscheinlich in Ausz\u00fcgen) jetzt \u00f6ffentlich gemacht? Und: Was will man mit den selektiv ver\u00f6ffentlichten Dokumenten sagen bzw. erreichen?<\/p>\n<p>Auch wenn man ganz sicher von einem sehr kontrollierten, also gesteuerten Aufkl\u00e4rungswillen ausgehen darf, ist das jetzt ver\u00f6ffentlichte Material durchaus bedeutsam, wenn man es mit anderen Puzzlest\u00fccken zusammenbringt, die die \u201edunkle\u201c Seite der 50er und 60er Jahre beleuchten.<\/p>\n<p>Dass die Geheimakten, also all das, was geheimgehalten werden soll, nur in hom\u00f6opathischen Dosen in die \u00d6ffentlichkeit gespielt werden, kann man eindeutig belegen: <em>Gladio<\/em>, wovon eingangs gesprochen wurde, wurde in den 50er Jahren aufgebaut \u2013 auch in Deutschland. Gehen wir von der unfreundlichsten Variante aus, dann wurde <em>Gladio<\/em> bzw. <em>stay behind<\/em>\u201c ohne Zustimmung und Einbindung durch US-Beh\u00f6rden in die Welt gesetzt.<\/p>\n<p>Ganz sicher l\u00e4sst sich jedoch sagen, dass sp\u00e4testens 1956 die F\u00fchrung und Anleitung dieser \u201efaschistischen Reserve\u201c in die H\u00e4nde des deutschen Auslandsgeheimdienstes BND gelegt wurde. Da auch der BND nicht f\u00fchrerlos agierte, sondern dem Bundeskanzleramt unterstellt war und ist, darf man ab diesem Zeitpunkt von einer direkten Verantwortung der Bundesregierung ausgehen, also auch im Wissen des Bundeskanzlers Konrad Adenauer.<\/p>\n<p>In diesem Kontext ist ein Verweis ganz besonders interessant, den das Magazin in seinen Beitrag eingebaut hat, obwohl dieser vom US-amerikanischen Geheimdienst CIA bereits vor Jahren freigegeben wurde:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIm M\u00e4rz 1956 schl\u00e4gt Gehlen (\u2026) den Amerikanern vor, gemeinsam einen Plan f\u00fcr den Fall auszuarbeiten, dass in Bonn eine Regierung aus Sozialdemokraten und \u201eAnti-Adenauer Elementen der Rechten\u201c zustande kommt. (\u2026) Eine solche Regierung sei laut Gehlen \u201eanf\u00e4llig f\u00fcr politische Zersetzung und schlie\u00dflich Kontrolle durch den Osten\u201c. Der Geheimdienstler sieht sich laut CIA \u201edann moralisch berechtigt, alle m\u00f6glichen Schritte zu unternehmen, einschlie\u00dflich der Etablierung eines illegalen Apparats in der Bundesrepublik, um alle Elemente zu bek\u00e4mpfen, die eine pro-sowjetische Politik verfolgen\u201c. Im Klartext: Gehlen will eine Untergrundoperation etablieren, um gegen eine Bundesregierung vorzugehen, die ihm nicht genehm ist.\u201c (s.o. S.13\/14)<\/p><\/blockquote>\n<p>Wie bereits erw\u00e4hnt, hatte der BND unter F\u00fchrung des Ex-Nazis Gehlen im gleichen Jahr die stay-behind-Geheimarmee \u00fcbernommen. All das wei\u00df auch das Magazin DER SPIEGEL. Warum bringt es den \u201eillegalen Apparat\u201c, den Staatsstreichgedanken nicht mit der bereits existierenden Untergrund-Reserve zusammen?<\/p>\n<p>Wieso fragt es nicht nach, warum sich dazu nichts in den jetzt freigegebenen Unterlagen findet? Warum deckt sie diesen Zusammenhang mit Schweigen? Warum f\u00e4llt in diesem Zusammenhang nicht einmal das Wort \u201estay-behind\u201c?<\/p>\n<p>Davor und danach kommt alles, was man ansonsten ins Reich der Verschw\u00f6rungstheorien ausweisen w\u00fcrde.<\/p>\n<ul>\n<li>Eine Ex-Nazi, der sich in der FDP versteckt, dort als Lothar Weirauch Karriere macht, f\u00fcr die CDU Spitzeldienste unternimmt und vom BND \u201eein monatliches Fixum von mindestens 2000 Mark\u201c erh\u00e4lt.<\/li>\n<li>Ein von der CDU eingerichteter \u201eParteigeheimdienst\u201c, der u.a. \u201ebelastendes Material\u201c gegen den SPD-Kanzlerkandidaten Willy Brandt sammeln soll.<\/li>\n<li>Die Streuung von Falschmeldungen, um ungeliebte politische Gegner auszuschalten.<\/li>\n<li>Die Einrichtung eines \u201egeheimen Dispositionsfonds\u201c, \u201eum das Wohlwollen von Politikern oder Diplomaten zu erlangen.\u201c (s.o.).<\/li>\n<li>Der Kanzlerauftrag an den Geheimdienst, \u201edie Medien zu manipulieren und auszuforschen\u201c.<\/li>\n<li>Selbst das, was heute als \u201e<em>false flag<\/em>\u201c, also Operationen unter falscher Flagge, bezeichnet wird, hatte die Adenauer-Regierung in Repertoire: Als ihr zugetragen wurde, dass \u201eDER SPIEGEL\u201c in Geldnot sei, hat man \u00fcberlegt, diesen einfach zu kaufen: \u201eDie SPIEGEL-Leute sollen dann so tun, als w\u00e4ren sie unabh\u00e4ngig. Man k\u00f6nne das Blatt \u201aruhig weiter als Oppositionsblatt laufen lassen, jedoch gewisse Dinge verhindern\u2019, hofft Adenauers Adlatus Globke.\u201c (s.o.)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wenn man an diese filetierten Erkenntnisse die inbr\u00fcnstige Emp\u00f6rung Bonner Politiker \u00fcber die Spitzelt\u00e4tigkeiten der Staatssicherheit (SASI) in der DDR h\u00e4lt, ist es sicherlich nicht \u00fcbertrieben, diese mit einem vorget\u00e4uschten H\u00f6hepunktes zu vergleichen.<\/p>\n<p>Zu der Frage, warum gerade jetzt und genau diese Dokumente nicht mehr als geheim eingestuft werden, hat sich Der SPIEGEL auch so seine Gedanke gemacht und sieht gerade im sichtbar gewordenen Dunkel das Helle. Und dieser Lichteffekt geht so: Gerade weil die Adenauer Zeit so autorit\u00e4r war und bis nahe an eine Kanzler-Diktatur heranreichte, beweise dies doch vor allem, dass die demokratischen Institutionen dem Stand gehalten h\u00e4tten, anderenfalls w\u00fcrden wir ja heute im Vierten Reich leben.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte auch den gegenw\u00e4rtigen Kanzleramtschef Peter Altmaier zitieren und die dort verpackte Parabel weiterdenken: \u201c<em>Konrad Adenauer gab uns Kompass und legte die Gleise<\/em> \u2026\u201d (Der SPIEGEL, Nr. 15\/2017, S.11)<\/p>\n<h3>\u201eWenn ich mein Dienstzimmer verlasse, betrete ich Feindesland.\u201c (StA Fritz Bauer)<\/h3>\n<p>Als klar war, dass der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer Anfang der 60er Jahre nicht nur Prozesse gegen SS-Mitglieder im KZ Auschwitz f\u00fchren wollte, sondern auch beim Auffinden von Adolf Eichmann beteiligt war, tauchte der nationalsozialistische Untergrund der \u201eStunde Null\u201c auf seine Weise wieder auf: Der deutsche Auslandsgeheimdienst BND, ein Sammelbecken von ehemaligen Nazis und Gestapo-Mitgliedern, plazierte in der Umgebung von Fritz Bauer einen Spitzel mit dem Auftrag, sowohl kompromittierendes Material \u00fcber Fritz Bauer zu sammeln (auch, was seine Homosexualit\u00e4t anbelangte), als auch den Stand der Fahndung nach Adolf Eichmann in Erfahrung zu bringen, um so gegebenenfalls den \u201eKameraden\u201c Adolf Eichmann zu warnen. Zu den m\u00e4chtigsten Feinden von Fritz Bauer z\u00e4hlte der Chef des Bundeskanzleramtes, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans_Globke\">Hans Globke<\/a>. Auch und gerade er hatte massives Interesse daran, dass die \u201eEntnazifizierung\u201c ein systemischer Reinfall wurde. Hans Globke geh\u00f6rte zur F\u00fchrungselite im Dritten Reich, arbeitete an den \u201eN\u00fcrnberger Rassengesetzen\u201c mit, war also ein lupenreiner Faschist und Antisemit.<\/p>\n<p>Die Absicht von Fritz Bauer, Globke wegen seiner NS-Vergangenheit anzuklagen, gab er auf. Seine Hilfe beim Auffinden von Eichmann war hingegen erfolgreich.<\/p>\n<p>Fritz Bauer hat das Recht und die Pflicht zum Widerstand, \u201e<em>zum pers\u00f6nlichen Nein gegen\u00fcber staatlichen Verbrechen<\/em>\u201c betont und gelebt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Wenn eine Nicht-Existenz vollst\u00e4ndig aufgel\u00f6st wird<\/h3>\n<p>Wer in den 70er oder 80er Jahren eine organisatorische Zusammenarbeit von Geheimdienst und (Ex-)Nazis behauptet h\u00e4tte, h\u00e4tte bestenfalls Schulterzucken geerntet, im schlechtesten Fall Stirnrunzeln.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens seit 2013 verf\u00fcgt genau dieses Horrorszenario \u00fcber ein staatliches Hoheitssiegel:<\/p>\n<p>Man f\u00fchlt sich an die \u203aBanalit\u00e4t des B\u00f6sen\u2039 (Hannah Arndt) erinnert, wenn man die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Partei DIE LINKE liest, die im Plenarprotokoll <a href=\"http:\/\/dip21.bundestag.de\/dip21\/btp\/17\/17236.pdf\">17\/236<\/a> dokumentiert ist. Auf die parlamentarische Anfrage des Bundestagsabgeordneten Andrej Hunko (DIE LINKE), \u00bb<em>welche eigenen Anstrengungen (\u2026) die Bundesregierung in den letzten 20 Jahren unternommen (hat), um die Beteiligung ihrer Beh\u00f6rden an weiteren T\u00e4tigkeiten der besagten \u203aGladio\/Stay behind\u2039-Truppe der NATO auszuschlie\u00dfen oder zu best\u00e4tigen<\/em>\u00ab, erkl\u00e4rte der Staatsminister Eckard von Klaeden:<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbInfolge der weltpolitischen Ver\u00e4nderungen hat der Bundesnachrichtendienst in Abstimmung mit seinen alliierten Partnern zum Ende des 3. Quartals 1991 die Stay-behind-Organisation vollst\u00e4ndig aufgel\u00f6st.\u00ab (Plenarprotokoll <a href=\"http:\/\/dip21.bundestag.de\/dip21\/btp\/17\/17236.pdf\">17\/236<\/a>, Anlage Nr.15, S. 64 vom 24.4.2013)<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was hier in einem Satz ad acta gelegt wird, ist keine Verordnung f\u00fcr alte Gl\u00fchbirnen, sondern die jahrzehntelange Zusammenarbeit von (Ex-)Nazis und Geheimdienst, mit einer Blutspur, die sich durch ganz Europa zieht.<\/p>\n<p>40 Jahre lang wurde mit viel Aufwand und noch mehr Rechtsbr\u00fcchen etwas betrieben, was selbst einer stasi-gesteuerten Horrorgeschichte zu plump vorgekommen w\u00e4re. Dass dies gegen alle bestehenden Gesetze, gegen die noch junge Verfassung und an alle parlamentarischen Kontrollinstanzen vorbei aufgebaut wurde, ist bis heute wohl die stillste und folgenloseste Schlu\u00dffolgerung. Dass keine der in Bundestag vertretenen Parteien Strafanzeige erstatten oder einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss beantragen, spricht f\u00fcr den Gleichschritt aller regierungswilligen Parteien bzw. ihre Bereitschaft, in Fragen des \u201cStaatswohles\u201d auch Rechts- und Verfassungsbr\u00fcche zu begehen und zu decken.<\/p>\n<p>Warum selbst die Partei DIE LINKE, die als einzige Partei in diese Form des Staatsterrorismus nicht eingebunden war, politisch keine Schritte unternimmt, um dieses bis heute geltende Gesetz des Schweigens zu durchbrechen, muss sie selbst beantworten.<\/p>\n<p>Denn es geht in der Aufarbeitung dieses staatsterroristischen Untergrundes nicht nur um die Straftaten und Verbrechen, die im Kontext von stay-behind begangen wurden. Die Art und Weise, wie stay-behind bis heute nicht aufgekl\u00e4rt wird, wirkt bis in die Gegenwart hinein \u2013 auch mit Blick auf den Nationalsozialistischen Untergrund\/NSU.<\/p>\n<p>Dass man kurz nach Ende des Faschismus in vielen europ\u00e4ischen Staaten auf Faschisten zur\u00fcckgriff, sie brauchte und in wichtige politische und staatliche Funktionen brachte, hat mit einer bis heute virulenten \u00dcbereinstimmung zu tun. Faschisten und \u201cDemokraten\u201d teilen sich sowohl einen Antisemitismus, als auch einen Antikommunismus. Das kann in manch politisch brisanten Situationen genug sein, um sie an die Macht zu bringen\/an die Macht kommen zu lassen. In anderen, eher stabileren Zeiten bleiben Faschisten dann \u201cnur\u201d eine Option.<\/p>\n<p>Wenn also ab den 50er Jahren Faschisten Teil einer geheimen terroristischen Armee wurden, um den Kommunismus zu bek\u00e4mpfen, dann ist es zwingend, dass man faschistische Organisationen und Parteien eher behutsam behandelt, anstatt sie mit allen Mittel zu bek\u00e4mpfen. Schlie\u00dflich hat man \u2013 neben den ideologischen \u00dcbereinstimmungen \u2013 vor allem ein Geheimnis zu h\u00fcten, das beide Seiten auf gewisse Weise bindet.<\/p>\n<p>Dass es z.B. die neonazistische \u201c<em>Wehrsportgruppe Hoffman<\/em>\u201d (WGH) geben konnte, \u00fcber Jahrzehnte hinweg weitgehend unbehelligt agieren konnte, hat also nicht nur etwas mit m\u00f6glichen und wahrscheinlichen Sympathien f\u00fcr diese \u201cnationalen Kameradschaft\u201d und paramilit\u00e4rischen Gruppen zu tun. Die Wahrscheinlichkeit, dass genau diese WGH personell bzw. organisatorisch ein Bindeglied zwischen staatseigenem Untergrund und \u201cnationalsozialistischem Untergrund\u201d war, liegt auf der Hand:<\/p>\n<p>Gundolf K\u00f6hler, der allein f\u00fcr den m\u00f6rderischen Anschlag auf das Oktoberfest in M\u00fcnchen 1980 verantwortlich gemacht wird, war Sympathisant der WGH und war dabei, einen Ableger der WHG zu gr\u00fcnden. Damals bis heute tat man alles, um den politischen, also neonazistischen Hintergrund dieser Tat zu verschleiern. Mit noch gr\u00f6\u00dferem Flei\u00df pr\u00e4sentierte man einen verwirrten und unpolitischen Einzelt\u00e4ter, obwohl das aller meiste auf eine Tat einer Gruppe hinweist.<\/p>\n<p>Die Bereitschaft, mit Ex-Nazis und Faschisten einen Untergrund zu bilden, bedeutet zwangsl\u00e4ufig, in anderen F\u00e4llen \u201cden Ball flach zu halten\u201d \u2013bevor er genau dort hin rollt, wo sich \u201cStay-Behind\u201d befindet.<\/p>\n<p>Die Pogrome Anfang der 90er Jahre, die aus dem Boden schie\u00dfenden neonazistischen Kameradschaften, die wenig sp\u00e4ter ausgerufene Strategie, \u201cZellen\u201d zu bilden, in den \u201cUntergrund\u201d zu gehen, ist ohne diese staatliche Unterst\u00fctzungs- und Deckungsarbeit nicht zu verstehen.<\/p>\n<p>Wolf Wetzel<\/p>\n<p>Der Rechtsstaat im Untergrund |Big Brother, der NSU-Komplex und notwendige Illoyalit\u00e4t, PapyRossa Verlag, K\u00f6ln 2015<\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"1JbQasvUaz\"><p><a href=\"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2017\/05\/01\/stay-behind-eine-staatlich-organisierte-terrorstruktur-mit-unbelasteten-paten\/\">Stay-Behind \u2013 eine staatlich organisierte Terrorstruktur mit \u201cunbelasteten\u201d Paten<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; clip: rect(1px, 1px, 1px, 1px);\" src=\"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2017\/05\/01\/stay-behind-eine-staatlich-organisierte-terrorstruktur-mit-unbelasteten-paten\/embed\/#?secret=1JbQasvUaz\" data-secret=\"1JbQasvUaz\" width=\"600\" height=\"338\" title=\"&#8222;Stay-Behind \u2013 eine staatlich organisierte Terrorstruktur mit \u201cunbelasteten\u201d Paten&#8220; &#8212; Eyes Wide Shut\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n<p>Ein ausf\u00fchrlicher Beitrag \u00fcber den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer findet sich hier: <a href=\"https:\/\/wolfwetzel.wordpress.com\/2016\/11\/22\/die-akte-general\/\">https:\/\/wolfwetzel.wordpress.com\/2016\/11\/22\/die-akte-general\/<\/a><\/p>\n<p>Publiziert auf \u201eNachDenkSeiten\u201c am 1. Mai 2017: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38063\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38063<\/a><\/p>\n<p>Diesen Beitrag gibt es auch als Podcast: http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170502_Stay-Behind_eine_staatlich_organisierte_Terrorstruktur_NDS.mp3<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Views: 40156<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Bundeskanzleramt und der Auslandsgeheimdienst BND haben bisher geheim gehaltene Dokumente \u00fcber die Adenauer-\u00c4ra zug\u00e4nglich gemacht. 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