{"id":6740,"date":"2016-05-20T12:48:23","date_gmt":"2016-05-20T10:48:23","guid":{"rendered":"https:\/\/wolfwetzel.wordpress.com\/?p=6740"},"modified":"2023-01-30T15:10:10","modified_gmt":"2023-01-30T14:10:10","slug":"fritz-bauer-und-eine-mehr-als-okkupatorische-ehrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2016\/05\/20\/fritz-bauer-und-eine-mehr-als-okkupatorische-ehrung\/","title":{"rendered":"Fritz Bauer und eine mehr als okkupatorische Ehrung"},"content":{"rendered":"<h1>Fritz Bauer und eine mehr als okkupatorische Ehrung<\/h1>\n<p>Am 13. Mai 2016 wurde in Frankfurt ein Denkmal f\u00fcr Fritz Bauer eingeweiht. Ber\u00fchmt wurde Fritz Bauer in den 60er Jahren, als er als Frankfurter Generalstaatsanwalt die Auschwitzprozesse gegen ehemalige Angeh\u00f6rige und F\u00fchrer der SS-Wachmannschaft leitete. Er machte sich damals viele Feinde, nicht nur unter den ehemaligen Anh\u00e4ngern und Sympathisanten des \u201eDritten Reiches\u201c &#8211; was nicht anders zu erwarten war. Was Fritz Bauer verst\u00e4ndlicherweise besonders treffen musste, war die Tatsache, dass er nicht einmal den eigenen Beh\u00f6rden trauen konnte &#8211; weder denen, die er anwies noch denen, der er unterstand. Die Weigerung, mit dem Generalstaatsanwalt zu kooperieren war beh\u00f6rden\u00fcbergreifend: Das reichte von der Polizei, \u00fcber die Geheimdienste, bis hin zum Innenministerium und zum Bundeskanzleramt.<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-6744\" src=\"https:\/\/wolfwetzel.files.wordpress.com\/2016\/05\/denkmal-fuer-fritz-bauer-2016.jpg?resize=605%2C320\" alt=\"Denkmal-fuer-Fritz-Bauer-2016\" width=\"605\" height=\"320\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/denkmal-fuer-fritz-bauer-2016.jpg?w=605&amp;ssl=1 605w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/denkmal-fuer-fritz-bauer-2016.jpg?resize=300%2C159&amp;ssl=1 300w\" sizes=\"(max-width: 605px) 100vw, 605px\" \/><\/p>\n<p>Diese deprimierende Erfahrung fasste Fritz Bauer n\u00fcchtern so zusammen: <em>\u201eWenn ich mein Dienstzimmer verlasse, betrete ich Feindesland.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Wie weit dieses Feindesland reichte, zeichnete der ausgezeichnete Polit-Krimi \u201eDie Akte General\u201c nach. Als klar war, dass der Generalstaatsanwalt nicht nur den Prozess gegen KZ-W\u00e4rter f\u00fchren wollte, sondern auch beim Auffinden von Adolf Eichmann beteiligt war, machte sich der nationalsozialistische Untergrund der \u201eStunde Null\u201c auf seine Weise bemerkbar: Der deutsche Auslandsgeheimdienst BND, ein Sammelbecken von ehemaligen Nazis und Gestapo-Mitgliedern, platzierte in der Umgebung von Fritz Bauer einen Spitzel, der das Ziel hatte, sowohl kompromittierendes Material \u00fcber Fritz Bauer zu sammeln (auch, was seine Homosexualit\u00e4t anbelangte), als auch den Stand der Fahndung nach Adolf Eichmann in Erfahrung zu bringen, um so gegebenenfalls den \u201eKameraden\u201c Adolf Eichmann zu warnen. Zu den gr\u00f6\u00dften Feinden von Fritz Bauer z\u00e4hlte auch der Chef des Bundeskanzleramtes, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans_Globke\">Hans Globke<\/a>. Auch und gerade er hatte massives Interesse daran, dass die \u201eEntnazifizierung\u201c ein systemischer Reinfall wurde. Hans Globke geh\u00f6rte zur F\u00fchrungselite im Dritten Reich und schaffte es dort bis zum Ministerialrat im Reichsinnenministerium. Er bewies sich in zahlreichen Positionen als gl\u00fchender Faschist und Antisemit.<br \/>\nDie Absicht von Fritz Bauer, Globke wegen seiner NS-Vergangenheit anzuklagen, gab er auf. Das hatte am allerwenigsten mit den Fakten zu tun.<br \/>\nSeine Hilfe beim Auffinden von Eichmann war hingegen erfolgreich.<\/p>\n<h2><span style=\"color: #000000;\">Eine Gro\u00dfe Koalition des Verschweigens<\/span><\/h2>\n<p>Die von Fritz Bauer angestrengten Auschwitzprozesse durchbrachen eine unsichtbare \u201erote Linie\u201c: Die Legende von einem deutschen Faschismus, an dem nur der \u201aF\u00fchrer\u2019 (und ein paar Getreue) schuld ist, damit sich all diejenigen, die ihm zuriefen und ergeben dienten, als Opfer der Verblendung und Verf\u00fchrung unter die wirklichen Opfer des deutschen Faschismus mischen konnten.<br \/>\nDieses gesellschaftlich und politisch breit aufgestellte Gef\u00fchl, in Ruhe gelassen zu werden, mit dem, was man begeistert unterst\u00fctzt oder aus Angst hat geschehen lassen, hatte auch eine partei\u00fcbergreifende Basis. So versteckten sich ganz viele ehemalige NSDAP-Mitglieder und Repr\u00e4sentanten des \u203aDritten Reiches\u2039 in der neu gegr\u00fcndeten FDP. Schlie\u00dflich konnte man ihr keine Kontinuit\u00e4t zum deutschen Faschismus vorwerfen, denn es gab sie vor dem \u201eDritten Reich\u201c noch nicht. Also ein idealer, unverd\u00e4chtiger Ort, um ungehindert weiter Karriere zu machen.<br \/>\nAber auch dort, wo Fritz Bauer seit Jahrzehnten politisch beheimatet war, in der SPD, konnten Nazis bestens \u00fcberleben. Sie fanden nicht nur Unterschlupf, sie gelangten auch in f\u00fchrende Positionen. Wie das f\u00fcr einen Fritz Bauer auszuhalten war, der 1933 aufgrund seiner politischen T\u00e4tigkeit und seiner j\u00fcdischen Herkunft aus Deutschland floh, ist wahrscheinlich kaum in Worte zu fassen.<br \/>\nAll das wei\u00df man, m\u00fcsste man wissen und in Erinnerung rufen, wenn man Fritz Bauer ehren und gerecht werden will. Auch die Frankfurter Rundschau, die einen zweiseitigen Artikel (Ein Eisberg auf der Zeil, Pfingsten 2016) \u00fcber die Einweihung dieses Gedenksteines publiziert hat, wei\u00df darum.<br \/>\nDrei Jahre zuvor publizierte sie einen ausgezeichneten Artikel mit dem Titel: <em>Die Flakhelfer am Kabinettstisch<\/em>. (FR vom 22.6.2013). Dieser schildert sehr eindringlich die partei\u00fcbergreifenden Verz\u00f6gerungstaktiken, um zu verhindern, dass die im <em>Berlin Document Center\/BDC<\/em> gelagerten NSDAP-Akten an deutsche Stellen \u00fcbergeben werden. Den Grund, diese \u00dcbergabe jahrzehntelang zu torpedieren, f\u00fchrt die FR recht detailliert aus:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eDie im BDC verwahrte Mitgliederkartei der NSDAP gab fast 50 Jahre nach dem Ende des NS-Regimes vertraute Namen preis, darunter drei Bundespr\u00e4sidenten \u2013 Walter Scheel (FDP), Karl Carstens (CDU) und Heinrich L\u00fcbke (CDU), den ehemaligen Pr\u00e4sidenten des Deutschen Bundestages Richard St\u00fccklen (CSU), die Au\u00dfenminister Hans-Dietrich Genscher und Walter Scheel (beide FDP), Wirtschafts- und Finanzminister Karl Schiller (SPD) und Liselotte Funcke (FDP), Kanzleramtschef Horst Ehmke (SPD), den ehemaligen Fraktionschef der CDU\/CSU-Bundestagsfraktion Alfred Dregger und viele mehr.\u201c Und mit Blick auf die SPD erg\u00e4nzt die Zeitung bitter: \u201eMan gewann den Eindruck, das Land sei in seinen fr\u00fchen Jahren von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern regiert worden. Der Eindruck t\u00e4uschte nicht. Allein in der Regierung Willy Brandts sa\u00dfen zw\u00f6lf ehemalige Nationalsozialisten.\u201c (s.o.)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<h3>Der Eisberg ragt bis in die Gegenwart<\/h3>\n<p>Nun wird Fritz Bauer, 48 Jahre nach seinem Tod, mit einem Gedenkstein geehrt, mit viel politischem Personal: Der Generalstaatsanwalt Helmut F\u00fcnfsinn ist so pr\u00e4sent wie der ehemalige Frankfurter Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU), der Pr\u00e4sident des Oberlandesgerichts Roman Poseck, der ehemalige Direktor des Fritz-Bauer-Instituts Raphael Gross oder der Oberb\u00fcrgermeister der Stadt Frankfurt, Peter Feldmann (SPD).<br \/>\nAuf dem Gedenkstein hat man ein Zitat von Fritz Bauer verewigt:<\/p>\n<blockquote><p><em>Sie m\u00fcssen wissen, es gibt einen Eisberg und wir sehen einen kleinen Teil und den gr\u00f6\u00dferen sehen wir nicht.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Man wei\u00df nicht, ob man sich \u00fcber die Skrupellosigkeit oder Unverfrorenheit mehr \u00e4rgern soll, mit der sich die illustren \u201eVerehrer\u201c von Fritz Bauer um diese Einsicht scharen.<\/p>\n<ul>\n<li>\n<em>W\u00e4re es nicht 48 Jahre nach dem Tod Fritz Bauers an der Zeit, den gr\u00f6\u00dferen Teil des Eisberges sichtbar zu machen?<\/em><br \/>\n<em>Warum verlieren die \u201eVerehrer\u201c von Fritz Bauer kein Wort dar\u00fcber, dass zur selben Zeit, als dieser die Auschwitzprozesse leitete, Tausende ehemalige Nazis vom Bundesnachrichtendienst\/BND in \u201estay-behind\u201c-Terrorgruppen reorganisiert und bewaffnet wurden, f\u00fcr deren Existenz und deren Tun bis heute niemand die politische und juristische Verantwortung \u00fcbernimmt?<\/em><\/li>\n<\/ul>\n<p>Fritz Bauer starb 1968 \u201e<em>desillusioniert<\/em>\u201c. So einer der Verehrer, der augenblickliche Oberb\u00fcrgermeister in Frankfurt, Peter Feldmann (SPD), anl\u00e4sslich der Einweihung des Gedenksteines.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li><em>Warum fragt heute niemand, wer dazu beitragen hatte, dass Fritz Bauer \u201edesillusioniert\u201c starb? <\/em><\/li>\n<li><em>War sein Tod nicht eine ausreichende und wirksame Warnung an alle \u201eStaatsdiener\u201c, nicht denselben Weg zu gehen? <\/em><\/li>\n<li><em>Und wer sorgt bis heute daf\u00fcr, dass es nicht einen Staatsanwalt gibt, der dem politischen und widerst\u00e4ndischen Weg von Fritz Bauer folgt, um die Aufkl\u00e4rung der NSU-Terror- und Mordserie tats\u00e4chlich zu betreiben?<\/em><\/li>\n<\/ul>\n<p>Fritz Bauer hat das Recht und die Pflicht zum Widerstand, \u201e<em>zum pers\u00f6nlichen Nein gegen\u00fcber staatlichen Verbrechen<\/em>\u201c betont und gelebt.<br \/>\nF\u00fcr diesen Satz, f\u00fcr diese Haltung fehlen nicht nur Staatsanw\u00e4lte.<\/p>\n<p>Wolf Wetzel<br \/>\n<a href=\"https:\/\/wolfwetzel.wordpress.com\/2015\/06\/27\/der-nsu-vs-komplex-3-auflage-231-seiten-2015\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>Der NSU-VS-Komplex. Wo beginnt der Nationalsozialistische Untergrund \u2013 wo h\u00f6rt der Staat auf?, <\/i>Unrast Verlag 2015, 3.Auflage<\/a><\/p>\n<p>Eine leicht gek\u00fcrzte Fassung findet sich in der Tageszeitung <em>Junge Welt<\/em> vom 20.5.2016:<\/p>\n<h4><a href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/2016\/05-20\/015.php\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fritz Bauers Verm\u00e4chtnis<\/a><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Views: 2592<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Staatsanwalt Fritz Bauer hat das Recht und die Pflicht zum Widerstand, \u201ezum pers\u00f6nlichen Nein gegen\u00fcber staatlichen Verbrechen\u201c betont und gelebt. F\u00fcr diesen Satz, f\u00fcr diese Haltung fehlen nicht nur Staatsanw\u00e4lte. Heute mehr denn je.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6744,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[2,8,15,32,33,34,36,41],"tags":[2835,286,453,629,923,987,1033,2977,2304,2327,2550,2745],"class_list":["post-6740","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-01-der-rechtsstaat-im-untergrund-2015","category-antifaschismus","category-der-nsu-vs-komplex-2013-2015","category-nationalismus","category-neonazismus","category-politik","category-rassismus","category-verfassungs-bruch-schutz","tag-adolf-eichmann","tag-auschwitzprozess-in-frankfurt","tag-bnd","tag-der-nsu-vs-komplex-wo-beginnt-der-nationalsozialistische-untergrund-wo-hort-der-staat-auf","tag-fritz-bauer","tag-generalstaatsanwalt-fritz-bauer","tag-gladio","tag-hans-globke","tag-staatsterrorismus","tag-stay-behind","tag-v-leute","tag-wolf-wetzel"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/denkmal-fuer-fritz-bauer-2016.jpg?fit=605%2C320&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6740","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6740"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6740\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13113,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6740\/revisions\/13113"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6744"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6740"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6740"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6740"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}