{"id":5982,"date":"2015-08-06T22:34:57","date_gmt":"2015-08-06T20:34:57","guid":{"rendered":"https:\/\/wolfwetzel.wordpress.com\/?p=5982"},"modified":"2015-08-06T22:34:57","modified_gmt":"2015-08-06T20:34:57","slug":"thomas-moser-wie-finanzierte-sich-die-terrorgruppe-des-nsu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2015\/08\/06\/thomas-moser-wie-finanzierte-sich-die-terrorgruppe-des-nsu\/","title":{"rendered":"Thomas Moser &#124; Wie finanzierte sich die Terrorgruppe des NSU?"},"content":{"rendered":"<h2><span style=\"color:#ff0000;\">Wie finanzierte sich die Terrorgruppe des NSU?<\/span><br \/>\n<span style=\"color:#ff0000;\"> Die Raub\u00fcberf\u00e4lle, vergessene Opfer und das Wissen des Verfassungsschutzes<\/span><\/h2>\n<p><strong>18. Dezember 1998, gegen 18 Uhr, ein Edeka-Markt am Rand von Chemnitz: Die Hauptkassiererin hat eben die Tagesseinnahmen eingesammelt, als ein Mann schreit: \u201eDies ist ein \u00dcberfall!\u201c Zwei Maskierte stehen in dem Markt. Einer bedroht die Kassiererin mit einer Pistole. Sie gibt ihm das Geld, etwa 30 000 D-Mark. Die zwei fl\u00fcchten. Dabei schie\u00dfen sie um sich. Vor dem Oberlandesgericht in M\u00fcnchen schildert im Juni 2015 ein junger Mann, wie ihm eine Kugel knapp am Kopf vorbeigeflogen ist. Die T\u00e4ter nehmen den Tod von Passanten in Kauf. F\u00fcr die Bundesanwaltschaft waren es Uwe B\u00f6hnhardt und Uwe Mundlos.<\/strong><br \/>\n<strong>Mit diesem schweren Raub soll die Terrorserie des Nationalsozialistischen Untergrundes, der neun Migranten und eine Polizeibeamtin zum Opfer fielen, begonnen haben. 14 weitere Bank\u00fcberf\u00e4lle folgten, bei denen Menschen zum Teil schwer verletzt wurden. Opfer, die kaum bekannt sind. Und noch eine Frage ist ungekl\u00e4rt: Welches Wissen hatte der Verfassungsschutz \u00fcber die Raube?<\/strong><br \/>\n<strong><!--more--><\/strong><br \/>\n<strong>Die NSU-Verbrechen offenbaren eine seltsame Anatomie. Die Mordanschl\u00e4ge wurden im Westen ver\u00fcbt: N\u00fcrnberg, M\u00fcnchen, Hamburg, K\u00f6ln, Dortmund, Kassel, Heilbronn \u2013 einzige Ausnahme: Rostock, doch dort kam das Opfer aus Hamburg. Die Raub\u00fcberf\u00e4lle dagegen geschahen ausnahmslos im Osten. Der Bundestagsabgeordnete Clemens Binninger (CDU):<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eDieses Auseinanderklaffen der beiden Serien f\u00e4llt auf: Bank\u00fcberf\u00e4lle quasi vor der Haust\u00fcr \u2013 Morde und Sprengstoffanschl\u00e4ge bundesweit verteilt.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Die Ombudsfrau der NSU-Opfer, Barbara John:<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eEs sind nat\u00fcrlich genauso Opfer dieser drei T\u00e4ter, wie alle anderen, wenn auch in geringerem Ma\u00dfe, was ihre k\u00f6rperlichen Sch\u00e4digungen angeht.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Der Opferanwalt Carsten Ilius:<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eIn der Zusammenschau dieses Wissens muss man davon ausgehen, dass der th\u00fcringische Verfassungsschutz, zumindest der th\u00fcringische Verfassungsschutz, ein Wissen dar\u00fcber hatte, wie das Trio sich bis zu dem Zeitpunkt im Untergrund finanzierte.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>*<\/strong><br \/>\n<strong>Wie finanzierte sich die Terrorgruppe nach ihrem Untertauchen von Januar 1998 bis zur Entdeckung im November 2011? &#8211; Herbert Diemer, der Prozessvertreter des Generalbundesanwaltes in M\u00fcnchen:<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eWir wissen, dass B\u00f6hnhardt, Mundlos und Zsch\u00e4pe bereits Ende 1998 mit dem \u00dcberfall auf den Edeka-Markt in Chemnitz mit Raub\u00fcberf\u00e4llen begonnen haben und dann in der Folgezeit bis 2007 mindestens einmal j\u00e4hrlich Raub\u00fcberf\u00e4lle auf Geldinstitute begingen. Der letzte war dann am 4. November 2011 in Eisenach.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Mit den 15 bewaffneten Raub\u00fcberf\u00e4llen sollen Uwe B\u00f6hnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zsch\u00e4pe ihren \u201egemeinsamen Lebensunterhalt bestritten haben\u201c, so die Anklagebeh\u00f6rde. Doch bei genauer Betrachtung passt Vieles nicht zusammen. Allein acht der \u00dcberf\u00e4lle wurden in Chemnitz ver\u00fcbt, drei in Zwickau. St\u00e4dte, in denen das Trio lebte. Vor Ort ergeben sich \u00fcberraschende Einblicke: Mehrere Banken liegen in unmittelbarer N\u00e4he von Wohnungen der drei: in derselben Stra\u00dfe zum Beispiel oder nur einen Steinwurf entfernt. Was f\u00fcr die m\u00f6gliche Aussp\u00e4hung n\u00fctzlich gewesen sein k\u00f6nnte, h\u00e4tte andererseits f\u00fcr die Tat zugleich ein h\u00f6heres Entdeckungsrisiko bedeutet.<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eDie haben sicher Bank\u00fcberf\u00e4lle begangen. Die Frage ist, ob sie wirklich alle begangen haben\u201c,<\/strong><br \/>\n<strong> sagt Clemens Binninger, einst Obmann der CDU-Fraktion im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages, der von 2012 bis 2013 tagte. Der Parlamentarier macht seine Zweifel unter anderem daran fest, dass von den mutma\u00dflichen T\u00e4tern B\u00f6hnhardt und Mundlos keine eindeutigen Spuren gefunden wurden, Fingerabdr\u00fccke oder DNA-Substanz:<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eDie Spurenlage am Tatort ist ja bei den Bank\u00fcberf\u00e4llen \u00e4hnlich ern\u00fcchternd, wie bei den Morddelikten und Sprengstoffanschl\u00e4gen auch. Eben, dass man am Tatort selber keine DNA von Mundlos oder B\u00f6hnhardt bisher hat, obwohl ja Vieles daf\u00fcr spricht. Und deshalb hielt ich es auch f\u00fcr denkbar, dass es bei dieser Bankraubserie eben mehrere T\u00e4ter gibt oder nicht alle von den zweien begangen wurden.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Der zust\u00e4ndige Kriminalkommissar aus Chemnitz sagte 2012 vor dem Ausschuss:<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eIch kann hier nicht mit Bestimmtheit sagen: Das sind die T\u00e4ter gewesen. Ich kann nur sagen, dass ich selber \u00fcberzeugt bin, dass es sich bei Mundlos und B\u00f6hnhardt um die beiden handelt, die auch all unsere \u00dcberf\u00e4lle gemacht haben.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>\u00dcberzeugt, aber nicht sicher. Die Fahnder gingen damals in ihren Tathypothesen auch davon aus, dass ein dritter Mann in einem Fluchtfahrzeug gewartet haben k\u00f6nnte. Von einem dritten T\u00e4ter berichtet im Juni 2015 vor dem OLG in M\u00fcnchen auch jener Zeuge, auf den beim ersten \u00dcberfall im Dezember 1998 geschossen worden war. Drei vermummte Personen seien an ihm vorbeigerannt. Seltsam: Die Ermittlungsakten zu diesem \u00dcberfall sind von der Staatsanwaltschaft Chemnitz vernichtet worden, hei\u00dft es in Anklageschrift ohne weitere Erkl\u00e4rung. Auch die Tatwaffe wurde nie gefunden.<\/strong><br \/>\n<strong>Und noch etwas anderes ist dem gelernten Polizisten Binninger aufgefallen: Die T\u00e4ter verhielten sich vollkommen unterschiedlich. Die Bankr\u00e4uber agierten nerv\u00f6s und aufgeregt \u2013 die M\u00f6rder dagegen m\u00fcssen ruhig und kaltbl\u00fctig gewesen sein. Waren das wirklich dieselben M\u00e4nner? Binninger:<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eWir haben es bei den Bank\u00fcberf\u00e4llen immer mit sehr aufgeregten, fast schon hysterisch-hektischen, aggressiven T\u00e4tern zu tun, wo man den Eindruck haben k\u00f6nnte aufgrund der Zeugenvernehmungen: die Lage war jedes Mal kurz vor der Eskalation. Und zur gleichen Zeit begehen die gleichen Personen an \u00f6ffentlich belebten Pl\u00e4tzen eiskalt und pr\u00e4zise Morde, ohne dass irgendetwas auff\u00e4llt oder sie auch nur den kleinsten Anschein von Nervosit\u00e4t zeigen. Das f\u00e4llt auf.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Merkw\u00fcrdigkeit Waffen: Bei den \u00dcberf\u00e4llen wurden insgesamt vier bis f\u00fcnf verschiedene Schusswaffen benutzt. Sie seien alle in der Habe des Trios gefunden worden, steht in der Anklageschrift. Doch die Ermittler in Chemnitz sehen das anders. Zitat Untersuchungsausschuss des Bundestages 2012:<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eIch kann nur sagen: Zu meiner Ermittlungszeit haben wir nie eine Waffe typm\u00e4\u00dfig konkretisieren k\u00f6nnen.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Merkw\u00fcrdigkeit Haare: Auf einigen Fotos von \u00dcberwachungskameras sieht man, dass die T\u00e4ter dichtes Haar haben, keine Glatzen. Sie h\u00e4tten Per\u00fccken getragen, so die Bundesanwaltschaft. Doch Per\u00fccken wurden in der Habe des Trios keine gefunden.<\/strong><br \/>\n<strong>Bei einem \u00dcberfall wird ein Haar sichergestellt: Im Oktober 1999 in einer Postfiliale in Chemnitz in derselben Stra\u00dfe, wo die NSU-Mitglieder ein Jahr zuvor noch gewohnt haben. Die T\u00e4ter verriegeln die T\u00fcr von innen mit einem Holzpflock. Auf ihm findet die Polizei ein sieben Zentimeter langes Haar. Es wird zun\u00e4chst aufbewahrt. Jahre sp\u00e4ter, 2005, verschickt die Polizei dieses Haar zur DNA-Bestimmung. Als 2011 die NSU-Gruppe auffliegt, erkundigen sich die chemnitzer Ermittler beim Landeskriminalamt Sachsen nach diesem Haar und erfahren: Es ist nicht mehr da. Im Ausschussprotokoll findet sich folgender Dialog:<\/strong><br \/>\n<strong> Kriminalbeamter: \u201eWir haben versucht, als das gegen Mundlos und B\u00f6hnhardt bekannt wurde, nat\u00fcrlich dieses Haar, diese &#8211; ich sage mal \u2013 kleine DNA mit B\u00f6hnhardt und Mundlos zu vergleichen. Aber es gibt dort ein kleines Fragezeichen hinsichtlich des Verbleibes dieser Spur, so dass uns das einfach nicht mehr m\u00f6glich war.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong> Untersuchungsausschuss: \u201eAlso, die DNA ist weg? Diese Spur ist weg?\u201c<\/strong><br \/>\n<strong> Kriminalbeamter: \u201eRichtig. Die haben wir einfach nicht mehr.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong> Untersuchungsausschuss: \u201eDie ist nicht mehr aufzufinden?\u201c<\/strong><br \/>\n<strong> Kriminalbeamter: \u201eGenau. Deswegen l\u00e4sst sich da heute auch kein Abgleich mehr machen.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong> Untersuchungsausschuss: \u201eKommt das h\u00e4ufiger vor, dass Spuren weg sind?\u201c<\/strong><br \/>\n<strong> Kriminalbeamter: \u201eNein, das sollte eigentlich gar nicht vorkommen.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Es ist nicht der einzige Schwund. Im November 2006 und im Januar 2007 \u00fcberfallen zwei M\u00e4nner in Stralsund zweimal dieselbe Sparkasse. Sie erbeuten zusammen \u00fcber 250 000 Euro. Nachdem die Bundesanwaltschaft im November 2011 die NSU-Ermittlungen \u00fcbernahm, schickte die Staatsanwaltschaft Stralsund die Originalakten nach Karlsruhe \u2013 insgesamt zehn Leitzordner. Die Bundesanwaltschaft leitete sie an das Bundeskriminalamt nach Meckenheim weiter \u2013 wo die umfangreiche Fracht nie ankam. Nachforschungen des BKA ergaben, dass die Bundesanwaltschaft die Akten nicht, wie \u00fcblich, per Kurier versandte, sondern mit der Post. Zitat:<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eBundeskriminalamt. Vermerk: Verlust von Originalakten der Staatsanwaltschaft Stralsund. Die Akten wurden dem BKA im M\u00e4rz 2012 auf dem Postweg durch den GBA \u00fcbersandt. Dabei sind die Akten entweder verloren gegangen oder im BKA selber verlegt worden. Es liegen lediglich Kopien der betreffenden Akten vor, deren Vollst\u00e4ndigkeit nicht verifiziert werden kann.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Das BKA entdeckt bei seinen Nachforschungen nebenbei weitere Aktenverluste. Dem Untersuchungsausschuss des Bundestages wurden die Akten aus Stralsund ebenfalls zur Verf\u00fcgung gestellt. Dass die Originale verschwunden sind, haben die Abgeordneten aber nie erfahren. Clemens Binninger h\u00f6rt das jetzt zum ersten Mal:<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eDas war mir so neu und war jetzt bei uns im Ausschuss kein Thema. Wobei uns der Umstand ja selber auch nicht auffallen konnte, weil wir ja sowieso von allem, was wir gekriegt haben, eigentlich nur Aktendoppel hatten logischerweise.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Nach den beiden \u00dcberf\u00e4llen in Stralsund wurden \u00fcber viereinhalb Jahre lang keine mehr ver\u00fcbt. Auch die Mordserie endete im Jahr 2007. Doch im Herbst 2011 werden die T\u00e4ter wieder aktiv: Im September ein \u00dcberfall auf eine Sparkasse im th\u00fcringischen Arnstadt, schlie\u00dflich der finale Bankraub in Eisenach am 4. November 2011. Am Ende dieses Tages sind Uwe B\u00f6hnhardt und Uwe Mundlos tot, ihre Wohnung in Zwickau ist abgebrannt, Beate Zsch\u00e4pe auf der Flucht. Und die \u00d6ffentlichkeit erf\u00e4hrt zum ersten Mal etwas von einer Gruppierung namens \u201eNationalsozialistischer Untergrund\u201c. Das gro\u00dfe R\u00e4tsel beginnt.<\/strong><br \/>\n<strong>Einer der 15 \u00dcberf\u00e4lle schl\u00e4gt aus der Art. In Zwickau st\u00fcrmt im Oktober 2006 ein einzelner Mann in eine Sparkassenfiliale, wo sich neun Personen aufhalten. Es ist eine belebte Gegend, ein Wohngebiet mit mehreren Einkaufsm\u00e4rkten. Der Bankr\u00e4uber ist \u00fcberfordert, Angestellte und Kunden wehren sich. Zwei Sch\u00fcsse fallen. Der T\u00e4ter flieht ohne Beute. F\u00fcr die Bundesanwaltschaft war es Uwe B\u00f6hnhardt, auch weil der Bankr\u00e4uber Linksh\u00e4nder war, wie er. Er sei alleine aufgetreten, weil die Gruppe den Zusammenhang mit den anderen \u00dcberf\u00e4llen verschleiern wollte, so die Anklagebeh\u00f6rde in der Anklageschrift. Die Kripo in Chemnitz jedoch hat bis heute keine Erkl\u00e4rung f\u00fcr diese Tat, Zitat Ausschussprotokoll:<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eWarum er diesmal alleine kam, entzieht sich unserer Kenntnis. Wir konnten es also<\/strong><br \/>\n<strong> bis zum vorigen Jahr nicht aufkl\u00e4ren und werden es m\u00f6glicherweise auch nicht erfahren.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Auch Clemens Binninger hat Fragen:<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eDer Fall mit dem Einzelt\u00e4ter unterscheidet sich, und man muss fragen: Warum hat der das gemacht? War hier akuter Geldbedarf? Gab es einen Streit innerhalb des Trios, der Gruppe, des Duos, von was auch immer? War das abgestimmt? Wo war der andere an dem Tag? Weil man ja danach noch mal die \u00dcberf\u00e4lle begeht in Stralsund und dann ist vier Jahre lang ruhig.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Einer der Sch\u00fcsse trifft den 18-j\u00e4hrigen Bank-Azubi Nico R. in den Bauch. Er wird lebensgef\u00e4hrlich verletzt \u2013 doch kaum jemand scheint das zu wissen. Auch die Opferbeauftragte der Bundesregierung, Barbara John, erfuhr erst durch die Recherchen davon.<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eDas ist ja unglaublich! Das interessiert mich sofort und ich werde mich auch drum k\u00fcmmern, ob dieser Mann dann in irgendeiner Weise auch ein Schadensgeld bekommen hat.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Von Opfern der Raub\u00fcberf\u00e4lle wusste John anf\u00e4nglich nichts:<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eDer ist bisher in keiner Liste aufgetaucht. Ich hab ja meine Informationen, als ich mit der Arbeit begann, vom Justizamt bekommen, also vom Justizministerium. Die Opferlisten, das waren einmal die Hinterbliebenen-Familien, zum anderen die Keupstra\u00dfen-Opfer. Und auf keiner Liste befindet sich Herr R.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Die T\u00e4ter bespr\u00fchten Bankangestellte und Kunden mit Reizgas, schlugen sie mit der Pistole auf den Kopf, mit einem Gewehrkolben ins Gesicht, mit einem Tischventilator auf den Arm, dr\u00fcckten ihnen Schusswaffen an den Kopf. Traumatisierungen bis heute. Rechtsanwalt Carsten Ilius:<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eEs ist bei dem Gro\u00dfteil der Bank\u00fcberf\u00e4lle so, dass die Opfer zum Teil psychisch partiell traumatisiert worden sind, dass sie noch lange mit diesen Ereignissen zu tun hatten, dass es auch immer wieder bei einzelnen Vorf\u00e4llen K\u00f6rperverletzungsdelikte gab, gef\u00e4hrliche K\u00f6rperverletzungen zum Teil auch.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Sie berichten jetzt vor dem Oberlandesgericht in M\u00fcnchen als Zeugen dar\u00fcber, wie die Bankkauffrau Gundula K. aus Arnstadt:<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eAls eine Kollegin im Kassenraum nicht gleich die T\u00fcr \u00f6ffnete, schlug einer der M\u00e4nner mit einem Telefon auf mich ein. F\u00fcnf, sechs Mal hat er mich geschlagen. Ich kann seit dem nicht mehr im Kundenbereich arbeiten, trotz mehrmonatiger psychologischer Behandlung. Ich habe lange Zeit Probleme gehabt, \u00fcberhaupt mein Wohnung zu verlassen und einkaufen zu gehen.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Diese Geschichten kannte auch die Opferbeauftragte bis vor kurzem nicht:<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eIch bin nat\u00fcrlich daran interessiert, dass ich mit denjenigen, die sich in M\u00fcnchen aufgrund der Vernehmungen zu Wort melden, in Kontakt trete und zumindest nachfrage, unter welchem Problem sie leiden und ob sie denken, dass ich etwas f\u00fcr sie tun k\u00f6nnte. Auch durch die T\u00fcr\u00f6ffnung, durch die Vermittlung gegen\u00fcber Beh\u00f6rden, wenn es da einen Bedarf g\u00e4be.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Das Bundesjustizamt, zust\u00e4ndig f\u00fcr Entsch\u00e4digungsanspr\u00fcche, erkl\u00e4rt auf Nachfrage, es habe nur die Opfer erfasst, die einen Entsch\u00e4digungsantrag gestellt haben. S\u00e4mtliche Opfer zu registrieren, sei nicht Aufgabe des Amtes. Dazu Barbara John:<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eIch stehe da genauso ratlos davor, wie Sie im Moment. Es kann ja auch sein, dass die Ermittlungsbeh\u00f6rden das gar nicht weitergegeben haben, sondern dass das in den Bundesl\u00e4ndern blieb, in denen diese Bank\u00fcberf\u00e4lle stattgefunden haben.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Beim Zsch\u00e4pe-Prozess in M\u00fcnchen sind zwar die Raub\u00fcberf\u00e4lle Gegenstand der Beweiserhebung, aber nicht die K\u00f6rperverletzungen der Bankangestellten und Kunden. Die Bundesanwaltschaft hat einen Gro\u00dfteil der K\u00f6rperverletzungen nicht als eigene Taten angeklagt, sondern behandelt sie als Nebensache der \u00dcberf\u00e4lle. Und wo keine Anklage, ist auch keine Nebenklage m\u00f6glich. Allein der Banklehrling Nico R., der den lebensgef\u00e4hrlichen Bauchdurchschuss erlitt, hat eine Entsch\u00e4digung erhalten. Nebenkl\u00e4ger ist aber auch er nicht. Kein einziges Opfer der Raub\u00fcberf\u00e4lle tritt im Gerichtsverfahren als Nebenkl\u00e4ger auf. Vergessene Opfer, unerw\u00fcnschte Opfer? Die Opferbeauftragte der Bundesregierung:<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eDie spielten ja auch bisher in der \u00f6ffentlichen Auseinandersetzung und in der Berichterstattung so gut wie gar keine Rolle. Man wusste zwar, da sind diese 15 Bank\u00fcberf\u00e4lle. dass das alles inhaltlich zusammenh\u00e4ngt, liegt ja auf der Hand, denn die \u00dcberf\u00e4lle dienten der Geldbeschaffung und dem Untertauchen, dem jahrelangen Untertauchen. Und in dieser Zeit sind ja dann auch die Morde begangen worden.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Aber auch die Kreditinstitute halten sich auff\u00e4llig zur\u00fcck. Eine Bank antwortet auf die Frage, warum sie nicht als Nebenkl\u00e4ger auftritt, so (Stand November 2014):<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eVon den zust\u00e4ndigen Strafverfolgungsbeh\u00f6rden konnte bis dato keine T\u00e4terermittlung bekannt gegeben werden. Daher haben wir die Erhebung einer Nebenklage noch nicht in Erw\u00e4gung gezogen.\u201c Und schlie\u00dft mit den Worten:<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eBitte haben Sie Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass wir im Kontext mit NSU nicht genannt werden wollen.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Bei den 15 Raub\u00fcberf\u00e4llen erbeuteten die T\u00e4ter insgesamt umgerechnet etwa<\/strong><br \/>\n<strong> 600 000 Euro. Wieviel sie davon ausgegeben haben, wieviel Geld sp\u00e4ter gefunden wurde \u2013 dar\u00fcber gehen die Angaben bis heute auseinander. Neben den 72 000 Euro aus dem letzten Raub in Eisenach sollen weitere 40 000 Euro sichergestellt worden sein. Dem Untersuchungsausschuss des Bundestages wiederum war mitgeteilt worden, in der ausgebrannten Wohnung in Zwickau h\u00e4tten die Ermittler 190 000 Euro entdeckt, so Ausschussmitglied Binninger:<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eUns lag ja in der Ausschussarbeit ein Asservatenverzeichnis vor aus dem November 2011. Und aus dem ging eben hervor, dass man in dem Haus in der Fr\u00fchlingsstra\u00dfe in Zwickau etwas mehr als 190 000 Euro sichergestellt hat.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Doch diese Summe stellt die Bundesanwaltschaft inzwischen selber in Frage. Im Juni 2015 erkl\u00e4rt Bundesanwalt Herbert Diemer am Rande des Prozesses:<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eDie Summe, die man in der Habe der Get\u00f6teten und von Frau Zsch\u00e4pe im November 2011 gefunden hat, waren um die 114 000 Euro. Davon waren aber knapp 72 000 Euro aus dem Raub\u00fcberfall in Eisenach.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Nachfragen sind nicht m\u00f6glich. Die oberste Ermittlungsbeh\u00f6rde der Bundesrepublik beantwortet seit Beginn des Prozesses keinerlei Fragen zum NSU-Komplex mehr. Das \u201egebiete der Respekt vor der Beweisaufnahme des Gerichtes\u201c, hei\u00dft es nur. Die Beh\u00f6rde gab ausnahmsweise lediglich die zitierten kurzen Stellungnahmen ab.<\/strong><br \/>\n<strong>Grundlegende Fragen tun sich auf: Warum \u00fcberfielen die T\u00e4ter im Herbst 2011 wieder Banken, wenn sie noch mindestens 40 000 Euro besa\u00dfen? Hat das erbeutete Geld \u00fcberhaupt zum Leben im Untergrund gereicht? \u2013 Clemens Binninger:<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eWarum beginnt die Bankraubserie wieder, wenn noch so viel Geld da war? Kann es sein, dass noch so viel Geld da ist? Wieviel hatten die tats\u00e4chlich zum Leben? Reicht das dann, wenn noch so viel \u00fcbrig ist? Also passt das alles irgendwie zusammen? Oder muss es, das war so ein bisschen unsere Einsch\u00e4tzung dann, Bewertung am Ende, hat es m\u00f6glicherweise neben den Bank\u00fcberf\u00e4llen weitere Geld- und Einnahmequellen gegeben?\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Carsten Ilius zu derselben Frage:<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eWir haben auch mal versucht, Berechnungen anzustellen, was sie eigentlich so zum Leben brauchten. Da ist es tats\u00e4chlich so, dass man davon ausgehen kann, nach h\u00f6heren Berechnungen, dass sie zus\u00e4tzliche Mittel noch bedurften. Allerdings haben wir keine Erkenntnisse, woher das Geld gekommen sein k\u00f6nnte.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Ilius vertritt in M\u00fcnchen die Witwe des achten Mordopfers Mehmet Kubasik aus Dortmund. Wie sich die M\u00f6rder finanzierten, diese Frage geh\u00f6rt mit zu seinem Mandat. &#8211; Verrechnet man die verschiedenen Summen bleiben f\u00fcr die Zeit in der Illegalit\u00e4t des Trios pro Person und Monat zwischen etwa 700 und 1100 Euro zum Leben. Gab es also weitere Einnahmequellen? Bundesanwalt Herbert Diemer:<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>\n<em><strong> \u201eAndere Finanzierungsquellen sind uns bei den Ermittlungen bisher nicht bekannt geworden.\u201c<\/strong><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Die Hauptverhandlung in M\u00fcnchen hat unterdessen aber noch etwas anderes ergeben: Der Verfassungsschutz muss schon fr\u00fch Hinweise auf \u00dcberf\u00e4lle gehabt haben. Nebenklageanwalt Ilius:<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>\n<em><strong> \u201eEs gibt einige Erkenntnisse, verdichtete Erkenntnisse, im Wesentlichen von drei V-Leuten.\u201c<\/strong><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Drei V-Leute des brandenburgischen und des th\u00fcringischen Verfassungsschutzes in der rechtsextremen Szene lieferten Informationen \u00fcber den Unterschlupf des Jenaer Trios in Chemnitz, wie \u00fcber m\u00f6gliche Raub\u00fcberf\u00e4lle. 1999 meldete der V-Mann Marcel D. dem Amt, ein Kontaktmann habe ihm erkl\u00e4rt, die drei w\u00fcrden \u201ejobben\u201c und br\u00e4uchten kein Geld. \u201eJobben\u201c steht dabei nicht etwa f\u00fcr \u201earbeiten\u201c, wie Ilius erkl\u00e4rt:<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eEr sagte, die w\u00fcrden jobben, und die Diskussion, die wir in der Hauptverhandlung ausgetragen haben, die wir in der Szene nachgefragt haben, ist, ob jobben nicht in Wirklichkeit genau die Beschaffung von Geld \u00fcber \u00dcberf\u00e4lle meint und damit quasi das eine Art von Codewort daf\u00fcr ist, dass eben \u00dcberf\u00e4lle begangen wurden.\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Jener Kontaktmann, der offenbar mit dem Trio in Verbindung stand, wurde ein Jahr sp\u00e4ter selber V-Mann der Beh\u00f6rden, sein Name: Thomas Starke, gegen den die Bundesanwaltschaft wegen Unterst\u00fctzung des NSU ermittelt. Ein anderer bekannter V-Mann ist Tino Brandt. Er gab im Jahre 2001 die Information weiter, die Untergetauchten w\u00fcrden sich mit eigenen Aktionen finanzieren. Ilius:<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>\n<em><strong> \u201eDas hei\u00dft: Hier flie\u00dft eindeutig die Information \u00fcber die Deckblatt-Meldung an den th\u00fcringischen Verfassungsschutz, dass das Trio in der Lage ist, sich \u00fcber eigene Aktionen selbst zu finanzieren. Das kann notwendigerweise nur auf bewaffnete \u00dcberf\u00e4lle hindeuten. Da gibt es keine andere Option.\u201c<\/strong><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Zumal: Als der Nachrichtendienst die Meldung bekam, waren in Chemnitz bereits vier bewaffnete \u00dcberf\u00e4lle geschehen, die nicht aufgekl\u00e4rt waren.<\/strong><br \/>\n<strong>Das R\u00e4tsel wird aber noch gr\u00f6\u00dfer. Denn der Verfassungsschutz erhielt obendrein eine Information \u00fcber einen m\u00f6glichen bisher unbekannten Bankraub. Der m\u00fcsste im Fr\u00fchjahr oder Sommer 1998 ver\u00fcbt worden sein und ist unter den NSU-Taten bisher nicht aufgelistet. Informant war V-Mann Carsten Sz. mit dem Decknamen \u201ePiatto\u201c. Ilius:<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>\n<em><strong> \u201e\u2026 der in einer Deckblatt-Meldung angibt, dass das Trio dabei ist, Waffen zu besorgen und nach dem Besorgen der Waffen einen weiteren \u00dcberfall begehen will. Das ist eine Meldung, die noch vor dem ersten \u00dcberfall in Chemnitz auf den Edeka-Markt am 18. Dezember 1998 erfolgt ist. Aus der Meldung selbst k\u00f6nnte man m\u00f6glicherweise auch ersehen, dass es schon vorher einen \u00dcberfall gegeben haben muss, weil von einem weiteren \u00dcberfall die Rede ist.\u201c<\/strong><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Laut Anklageschrift soll die Raubserie des NSU im Dezember 1998 mit dem \u00dcberfall auf den Edeka-Markt begonnen haben. Gab es also einen 16. Raub\u00fcberfall, der ebenfalls auf das Konto des NSU geht? Und wenn ja, warum ist der bisher nicht bekannt? Wer w\u00e4ren die T\u00e4ter gewesen? Das R\u00e4tsel NSU geht weiter.\u00a0 <\/strong><br \/>\n<strong>Im September wird die Hauptverhandlung vor dem Oberlandesgericht in M\u00fcnchen fortgesetzt. Auch einige Raub\u00fcberf\u00e4lle stehen noch an.<\/strong><br \/>\n<strong>Thomas Moser | <\/strong><strong>4.8.2015<\/strong><\/p>\n<p>Views: 191<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laut Anklageschrift soll die Raubserie des NSU im Dezember 1998 mit dem \u00dcberfall auf den Edeka-Markt begonnen haben. Gab es also einen 16. Raub\u00fcberfall, der ebenfalls auf das Konto des NSU geht? Und wenn ja, warum ist der bisher nicht bekannt? Wer w\u00e4ren die T\u00e4ter gewesen? 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