{"id":5587,"date":"2015-03-03T21:10:42","date_gmt":"2015-03-03T19:10:42","guid":{"rendered":"https:\/\/wolfwetzel.wordpress.com\/?p=5587"},"modified":"2015-03-03T21:10:42","modified_gmt":"2015-03-03T19:10:42","slug":"zweifel-an-polizeiversion-tod-eines-zeugen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2015\/03\/03\/zweifel-an-polizeiversion-tod-eines-zeugen\/","title":{"rendered":"Zweifel an Polizeiversion &#8211; Wenn Mord die wahrscheinlichere Todesursache ist"},"content":{"rendered":"<h2><span style=\"color:#ff0000;\">Zweifel an Polizeiversion<\/span><br \/>\n<span style=\"color:#ff0000;\"> Suizid aus Liebeskummer? Der Neonaziaussteiger Florian Heilig wollte mit Ermittlern \u00fcber den NSU sprechen. Am Tag der geplanten Aussage starb er in einem brennenden Auto<\/span><\/h2>\n<p><strong>Wolf Wetzel | <a href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/2015\/03-04\/023.php\" target=\"_blank\">Tageszeitung Junge Welt vom 3.3.2015<\/a><\/strong><br \/>\n<strong>Vorspann<\/strong><br \/>\n<strong>Am 2. M\u00e4rz 2015 wurden Vater und Schwester von Florian Heilig im parlamentarischen Untersuchungsausschuss\/PUA in Baden-W\u00fcrttemberg geh\u00f6rt. Die ehemalige Freundin Melisa M. soll in einer nicht-\u00f6ffentlichen Sitzung einvernommen werden. Dabei wird hoffentlich nicht nur ihre Sicht auf die Trennung zur Sprache kommen, sondern auch die \u203apolitischen Implikationen\u2039, die eine weitaus gr\u00f6\u00dfere Rolle spielten, als Herzensangelegenheiten.<\/strong><br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<strong>Fast eineinhalb Jahre lang war der Tod eines wichtigen Zeugen im NSU-VS-Komplex, der sich acht Stunden vor seiner polizeilichen Befragung selbst verbrannt haben soll, kaum eine \u00fcberregionale Meldung wert. Wie in den vielen Jahren der Mordserie der Terrorgruppe \u00bb<em>Nationalsozialistischer Untergrund<\/em>\u00ab (NSU) zuvor auch, begn\u00fcgte man sich mit der Version der Polizei und Staatsanwaltschaft. \u00dcber die Todesumst\u00e4nde des Florian Heilig am 16. September 2013 in der N\u00e4he des Festgel\u00e4ndes am Cannstatter Wasen in Stuttgart hie\u00df es da zum Beispiel: <\/strong><\/p>\n<blockquote><p><strong><em>\u00bbDie am Montag abend durchgef\u00fchrte Obduktion ergab, dass ein Fremdverschulden oder ein Unfallgeschehen nahezu ausgeschlossen werden kann. Die Ermittlungen der Kriminalpolizei haben ergeben, dass der junge Mann das Fahrzeug vermutlich selber in Brand gesteckt hat. Die Hintergr\u00fcnde f\u00fcr den Suizid d\u00fcrften im Bereich einer pers\u00f6nlichen Beziehung liegen.\u00ab<\/em> <\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Nicht viel sp\u00e4ter fiel das \u00bb<em>nahezu<\/em>\u00ab weg: <\/strong><br \/>\n<!--more--><br \/>\n<strong>\u00bb<em>Wie bei jedem anderen Suizid wurde auch hier gewissenhaft gepr\u00fcft, ob eine Fremdeinwirkung vorliegen k\u00f6nnte. Das ist eindeutig zu verneinen<\/em>.\u00ab Polizeisprecher Thomas Ulmer: \u00bb<em>Daher ermitteln wir nicht mehr weiter<\/em>.\u00ab<\/strong><br \/>\n<strong>Alles schien in wenigen Tagen im Herbst 2013 gekl\u00e4rt worden zu sein, auch das Motiv: \u00bb<em>Die Polizei geht von einem Selbstmord aus, angeblich aus Liebeskummer.<\/em>\u00ab (Berliner Zeitung vom 1. Oktober 2013). Mangels eines Abschiedsbriefes wollten die Ermittler dies \u00bbaus dem famili\u00e4ren Umfeld\u00ab erfahren haben.<\/strong><br \/>\n<strong>Dass das \u00bbfamili\u00e4re Umfeld\u00ab, die Eltern, die Schwester und die Freunde, der staatlichen Selbstmordversion heftig widersprachen, k\u00fcmmerte kaum jemanden. Das Motiv \u00bbLiebeskummer\u00ab hatten die Ermittler weder aus dem famili\u00e4ren Umfeld, noch von der damaligen Freundin. Sie war gar nicht befragt worden.<\/strong><br \/>\n<strong>Auch der Umstand, dass Indizien f\u00fcr \u00bbFremdeinwirkung\u00ab, also einen Mord, nicht gesucht, nicht gesichert, geschweige denn ausgewertet wurden, ist in den Ermittlungsakten nachzulesen. Man hat Nachforschungen unterlassen, die zum Standardprogramm einer Ermittlung z\u00e4hlen \u2013 normalerweise. So befand sich in dem ausgebrannten Auto das Handy, der Laptop und eine Videokamera von Florian Heilig. Man kann der Polizei und der leitenden Staatsanwaltschaft vieles zutrauen, nur eines ganz bestimmt nicht: die Bedeutung von Handy und Computer als Beweismittel zu untersch\u00e4tzen. Selbstverst\u00e4ndlich wissen sie darum. Bewegungsprofil, Funkzellenabfrage, Dateien, Fotos, E-Mailverkehr, IP-Adressen, Telefonnummern der Anrufenden \u2013 es geh\u00f6rt zu den Selbstverst\u00e4ndlichkeiten einer Ermittlung im Todesfall, diese zu sichern und auszuwerten. Nichts findet man dazu in den Ermittlungsakten. Man hat die Beweismittel scheinbar achtlos im Auto liegenlassen.<\/strong><br \/>\n<strong>Auch \u00fcber die Drohungen, die Florian Heilig von Neonazis erhielt, nachdem er sich entschieden hatte \u00bbauszusteigen\u00ab, hat man sich ausgeschwiegen. Nicht ein Satz, nicht eine Ermittlung widmet sich diesen.<\/strong><br \/>\n<strong>Florian Heilig war kein Lebensm\u00fcder, sondern ein ehemaliger Neonazi, der sich ab Mitte 2011 im Aussteigerprogramm \u00bbBIG Rex\u00ab des Landeskriminalamtes Baden-W\u00fcrttemberg befand. Florian Heilig plagte kein Liebeskummer, sondern die Angst, dass ihm als \u00bbVerr\u00e4ter\u00ab etwas zusto\u00dfen k\u00f6nnte. Das lag nicht nur nahe, es war bereits passiert. Ende 2011 wurde er von Neonazis in Heilbronn mit einem Messerstich in den Bauch verletzt. Gegen\u00fcber den Eltern machte er deutlich, wovor er wirklich Angst hatte: \u00bbSie finden mich immer, wo immer ich bin.\u00ab<\/strong><br \/>\n<strong>All das wusste die Polizei, all das war dem Verfassungsschutz sehr pr\u00e4sent, denn viele der Neonazis, mit denen es Florian Heilig zu tun hatte, waren dem Geheimdienst sehr \u00bbvertraut\u00ab \u2013 wie zum Beispiel <em>Nelly R\u00fchle (NPD)<\/em>, <em>Alexander Heinig (Blood &amp; Honour)<\/em>, <em>Alexander Neidlein (NPD)<\/em> oder <em>Marcus Frntic (Blood &amp; Honour)<\/em>.<\/strong><br \/>\n<strong>So paradox es auf den ersten Blick erscheinen mag: Florian Heilig war nicht nur f\u00fcr Neonazis eine Gefahr. Er stellte zugleich eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr die bis heute aufrechterhaltene Version von Staatsanwaltschaft, Polizei und Verfassungsschutz dar, die da lautet: <em>Wir hatten gemeinsam 13 Jahre keine Ahnung, keine hei\u00dfe Spur, die uns zum NSU gef\u00fchrt h\u00e4tte. Und wir wissen ganz genau, dass der NSU aus drei Mitgliedern bestand.<\/em><\/strong><br \/>\n<strong>Die Aussagen von Florian Heilig stellten diese Version in Frage, die bis heute behauptete Ahnungslosigkeit.<\/strong><br \/>\n<strong>Nun haben Vater und Schwester einiges von dem vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Landtags von Baden-W\u00fcrttemberg erz\u00e4hlt, was sie von Florian Heilig noch in Erinnerung hatten. Das Onlineportal der Welt berichtete dazu am Montag: <\/strong><\/p>\n<blockquote><p><em><strong>\u00bbIm NSU-Untersuchungsausschuss hat der Vater eines jungen Mannes, der sich in Stuttgart mutma\u00dflich selbst get\u00f6tet hat, der Polizei schwere Vorw\u00fcrfe gemacht. Die Beamten seien von Anfang an von einem Suizid ausgegangen und h\u00e4tten diese These nie wieder in Frage gestellt, sagte der Vater von Florian H. am Montag vor dem Untersuchungsausschuss des Landtags in Stuttgart. Der Tod von Florian H. besch\u00e4ftigt den Ausschuss zur rechtsextremen Terrorzelle NSU, weil er gewusst haben soll, wer die Polizistin Mich\u00e8le Kiesewetter in Heilbronn erschossen hat.\u00ab<\/strong><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Der Vater konnte sich noch an vier Vornamen erinnern, die sein Sohn erw\u00e4hnte, als das Gespr\u00e4ch auf die NSU-Morde kam: <em>Alexander, Nelli, Matze und Francek<\/em>. Au\u00dferdem best\u00e4tigten Vater und Schwester, dass Florian Heilig sehr wohl genaue Angaben zur Neonaziszene rund um Heilbronn machte, die bis in die Polizei hineinreichte.<\/strong><br \/>\n<strong>Das Onlineportal des SWR meldete am Montag dazu: <\/strong><\/p>\n<blockquote><p><em><strong>\u00bbDer Vater nannte dem Untersuchungsausschuss Namen von Personen aus dem Raum Heilbronn, die in der rechtsextremen Szene eine Rolle spielen sollen. Die Schwester des Toten ging bei ihrer Aussage sogar noch weiter und berichtete, dass ihr Bruder ihr auch von einer rechten Gruppierung bei der Heilbronner Polizei erz\u00e4hlt habe. Bei einer Attacke auf eine D\u00f6nerbude habe jemand daf\u00fcr gesorgt, dass keine Polizei in der N\u00e4he sei.\u00ab<\/strong><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Wie sich diese Verbindung von Neonazis und Polizei auswirkte, welche Bedrohung sie auch f\u00fcr Florian Heilig werden konnte, beschrieb die Schwester: <\/strong><\/p>\n<blockquote><p><em><strong>\u00bbFlorian H. soll sich immer wieder neue Handynummern zugelegt haben, mindestens f\u00fcnf Nummern in kurzer Zeit, sagt die Schwester. Aber immer wieder sickerten sie an seine Erpresser durch. Florian H. hat eine Vermutung. Er soll gesagt haben: \u203aSobald meine neue Nummer bei BIG Rex bekannt ist, h\u00e4ngen die Rechten eine Woche sp\u00e4ter wieder drauf\u2039.\u00ab (taz vom 2. M\u00e4rz 2015)<\/strong><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Sicherlich ist es jetzt leichter zu verstehen, warum die Bereitschaft von Florian Heilig, dies zu wiederholen und gegebenenfalls zu pr\u00e4zisieren, nicht nur f\u00fcr Neonazis eine Bedrohung darstellte, sondern auch f\u00fcr die \u00bbSicherheitsbeh\u00f6rden\u00ab.<\/strong><br \/>\n<strong>Nun ist dieses Wissen und all das, was sich auf dem Laptop und auf der SIM-Karte des Handy befindet, nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Daf\u00fcr haben die Familie, einige Freunde und politisch Engagierte seit Monaten gek\u00e4mpft.<\/strong><br \/>\n<strong>Nachdem die \u00fcberregionalen Medien \u00fcber eineinhalb Jahre zu den Todesumst\u00e4nden dieses wichtigen Zeugen geschwiegen bzw. die Version der Polizei und der Staatsanwaltschaft unhinterfragt wiedergegeben haben, werden nun Mordgr\u00fcnde entdeckt und diskutiert. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als m\u00f6chte man dabei ganz schnell die T\u00e4terschaft an Neonazis abgeben, die zweifellos Florian Heilig als \u00bbVerr\u00e4ter\u00ab behandelt hatten.<\/strong><br \/>\n<strong>Dass neonazistische Motive in einem solchen Mordgeschehen eine Rolle spielen, steht au\u00dfer Frage. Genauso taterheblich ist jedoch die Rolle von Polizei und Geheimdienst. Woher hatten die Neonazis die jeweils neue Handynummer von Florian Heilig? Woher wussten Neonazis den anstehenden Termin im LKA in Stuttgart? Florian Heilig wird ihnen dies nicht gesteckt haben. Die Frage, die selbstverst\u00e4ndlich in den Qualit\u00e4tsmedien nicht gestellt wird, lautet: Wer hat diesen wahrscheinlichen Mord gew\u00e4hren lassen? Wer hatte ihn gegebenenfalls erm\u00f6glicht und danach allen Grund, falsche F\u00e4hrten zu legen?<\/strong><br \/>\n<strong>Der Umstand, dass Polizei und Staatsanwaltschaft einzig in Richtung Suizid ermittelten, ist so zumindest zu erkl\u00e4ren \u2013 am allerwenigsten mit \u00bbschlampigen\u00ab Ermittlungen.<\/strong><br \/>\n<strong>Wolf Wetzel<\/strong><br \/>\n<strong><a href=\"https:\/\/wolfwetzel.wordpress.com\/2013\/03\/23\/der-nsu-vs-komplex-wo-fangt-der-nationalsozialistische-untergrundnsu-an-wo-hort-der-staat-auf\/\" target=\"_blank\"><i>Der NSU-VS-Komplex. Wo beginnt der Nationalsozialistische Untergrund \u2013 wo h\u00f6rt der Staat auf? <\/i><\/a>Unrast Verlag 2013, 2. Auflage<\/strong><br \/>\n<strong>Der Beitrag <a href=\"https:\/\/wolfwetzel.wordpress.com\/2015\/03\/01\/florian-heilig-der-tod-eines-zeugen-mord-oder-ein-suizid-aus-liebenskummer\/\" target=\"_blank\">&#8222;Florian Heilig \u2013 Der Tod eines Zeugen. Mord oder ein Suizid aus Liebeskummer?&#8220;<\/a> fasst die zahlreichen Gespr\u00e4chen mit Familie Heilig und die eigenen Recherchen der letzten 1 \u00bd Jahre zusammen.<\/strong><br \/>\n<strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Views: 270<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zweifel an Polizeiversion Suizid aus Liebeskummer? Der Neonaziaussteiger Florian Heilig wollte mit Ermittlern \u00fcber den NSU sprechen. 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