{"id":4044,"date":"2013-03-06T17:54:39","date_gmt":"2013-03-06T15:54:39","guid":{"rendered":"http:\/\/wolfwetzel.wordpress.com\/?p=4044"},"modified":"2013-03-06T17:54:39","modified_gmt":"2013-03-06T15:54:39","slug":"muslim-markt-interviewt-wolf-wetzel-autor-des-buches-der-nsu-vs-komplex","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2013\/03\/06\/muslim-markt-interviewt-wolf-wetzel-autor-des-buches-der-nsu-vs-komplex\/","title":{"rendered":"Muslim-Markt interviewt Wolf Wetzel, Autor des Buches &#8222;Der NSU-VS-Komplex&#8220;"},"content":{"rendered":"<div>\n<table cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\" align=\"center\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"left\" valign=\"top\"><b>MM<\/b>:<em><strong> Sehr geehrter Herr Wetzel, in Ihren Biographien wird immer angegeben, dass sie f\u00fcr die autonome L.U.P.U.S.- Gruppe geschrieben haben. Was ist unter der Gruppe zu verstehen, und in welcher Beziehung stand die Gruppe zu den Studenten der Johann-Wolfgang-Goethe-Universit\u00e4t und Wehrmachtsoffizieren, die sich im Widerstand gegen Hitler befunden haben?<\/strong><\/em><strong>Wetzel: In den 70er Jahren hat sich innerhalb der (europ\u00e4ischen) Linke eine Kritik an der parlamentarischen und linken Parteipolitik entwickelt, die zu einer eigenst\u00e4ndigen Str\u00f6mung f\u00fchrte. Zum einen wollte man keine hierarchischen Parteistrukturen akzeptieren, sondern basisdemokratische Strukturen aufbauen, zum anderen ging es darum, die sozialen und politischen Bewegungen au\u00dferhalb der Parlamente und Parteien zu st\u00e4rken, anstatt sich an den bestehenden staatlichen Strukturen abzuarbeiten. Die autonome L.U.P.U.S.- Gruppe verstand sich in der \u201eTradition\u201c einer antiautorit\u00e4ren Bewegung. Politisch waren wir sehr stark an der Protestbewegung gegen die neue Startbahn 18 West am Frankfurter Flughafen in den 80er Jahren beteiligt und als die Pogrome Anfang der 90er Jahre in Deutschland begannen, verlegte sich der theoretische und praktische Schwerpunkt auf antirassistische Themen (Schutz von Fl\u00fcchtlingsheimen, Widerstand gegen die Abschaffung des Asylrechts 1993)<\/strong><\/p>\n<p><strong>MM: <em>Ihr neustes Buch handelt von der sogenannten NSU. Was hat Sie motiviert, dieses schwierige Thema aufzuarbeiten?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Wetzel: Das beantwortet sicherlich auf ungew\u00f6hnliche Weise einen Teil Ihrer ersten Frage: Mein Vater meldete sich 1943 mit 17 Jahre, freiwillig, f\u00fcr die Waffen-SS, eine faschistische Eliteeinheit, die f\u00fcr zahlreiche Kriegsverbrechen verantwortlich war. Als in den 60er Jahren die StudentInnenbewegung bereits dabei war, die vielen Nazis im Nachkriegsdeutschland zu entlarven, die bruchlosen Karrieren von vielen NSDAP- Gestapo- und SS-Mitgliedern zu thematisieren, schw\u00e4rmte mein Vater immer noch von seinen Kriegserlebnissen. Erst viel sp\u00e4ter, in den 80er Jahren, als ich die Geschichte Deutschland in groben Z\u00fcgen verstanden habe, lernte ich die \u201eKriegserlebnisse\u201c meines Vaters anders einzuordnen: sie bekamen eine furchtbare Blutspur. Das allerschlimmste f\u00fcr mich dabei ist nicht, dass mein Vater mit 17 Jahren zur Waffen-SS ging, sondern dass er 30 Jahre sp\u00e4ter immer noch nicht begriff, wof\u00fcr er gek\u00e4mpft, wof\u00fcr er gemordet hatte.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Der zweite ganz wesentliche Punkt, dieses Buch schreiben zu \u201em\u00fcssen\u201c, hat mit der Ungeheuerlichkeit der Ereignisse zu tun. Aufgrund meiner pers\u00f6nlichen Geschichte, aber auch in dem Wissen, wie viele ehemalige NSDAP- und SS-Mitglieder im Nachkriegsdeutschland Karriere machten, hat mich nicht so sehr die Tatsache schockiert, dass es neonazistischen Terror und die Breitschaft zu Morden gibt. Was ich unertr\u00e4glich finde, ist die Tatsache, dass es zahlreiche dokumentierte M\u00f6glichkeiten von Seiten staatlicher Beh\u00f6rden gab, die 1998 abgetauchten Neonazis festzunehmen, bevor es zum \u201eNationalsozialistischen Untergrund\u201c und zu der Mordserie kam. Der dritte Punkt, der mich w\u00fctend macht, sind die ebenfalls vielfach dokumentierten F\u00e4lle, wo es m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, einer der vielen Terror- und Mordanschl\u00e4ge aufzukl\u00e4ren, wenn man einen neonazistischen Hintergrund nicht ausgeschlossen h\u00e4tte \u2013 obwohl es f\u00fcr die Behauptung, es handele sich um \u201ekriminelle Verbrechen im ausl\u00e4ndischen Milieu\u201c keinerlei Beweise gab, \u00fcber sechs Jahre lang.<\/strong><\/p>\n<p><strong>MM: <em>Welche Kernaspekte des Falles haben Sie stutzig gemacht, dass die &#8222;offizielle&#8220; Version zu dem sogenannten Terrortrio m\u00f6glicherweise nicht ganz richtig ist?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Wetzel: Von den vielen Gr\u00fcnden m\u00f6chte ich drei herausheben: 1998 wurde bei den sp\u00e4teren Mitgliedern des NSU eine Hausdurchsuchung gemacht. In einer Garage in Jena fand man 1,4 Kilo Sprengstoff, den ein V-Mann des Verfassungsschutzes geliefert hatte. Obwohl man also wusste, dass man dort Sprengstoff finden wird, hat man keine Haftbefehle erlassen, sondern ihnen die Gelegenheit gegeben, \u201eabzutauchen\u201c. Au\u00dferdem fand man dort eine Adress- und Telefonliste, die so gut wie alle Unterst\u00fctzerInnen des sp\u00e4teren NSU enthielt. Dieser Fund wurde \u00fcber 13 Jahre verheimlicht. Als sp\u00e4te Erkl\u00e4rung gab man an, man h\u00e4tte diesem \u201a<i>Who is who<\/i>\u2018 der Neonaziszene keine Bedeutung beigemessen. Das ist ungef\u00e4hr so, als wenn Historiker vor einem Portrait von Adolf Hitler stehen, und gemeinsam behaupten, sie w\u00fcrden diesen Mann nicht kennen. Tats\u00e4chlich waren alle auf der Telefonliste aufgef\u00fchrten Neonazis den Polizei- und Verfassungsschutzbeh\u00f6rden bekannt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Der zweite Grund bezieht sich auf die in der Bundesrepublik in diesem Ausma\u00df unbekannte Orgie von Vernichtung von Akten, von Beweismitteln, von taterheblichen Hinweisen. Wenn die offizielle Version stimmen w\u00fcrde, man habe 13 Jahre keine \u201ehei\u00dfe Spur\u201c gehabt, dann muss man sich doch fragen: Warum werden dann so viele Akten, so viele Beweise vernichtet, die, wenn die offizielle Version stimmen w\u00fcrden, das Gegenteil beweisen k\u00f6nnten?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Der dritte Grund sind die zahlreichen V-Leute, also von staatlichen Beh\u00f6rden angeworbene Neonazis, die im Umfeld bzw. im NSU-Netzwerk aktiv waren. Ich kenne in der Geschichte Deutschlands keinen \u201eUntergrund\u201c, der von so vielen V-Leuten infiltriert war, wie der des NSU! Heute sind \u00fcber 25 V-Leute mit Klarnamen oder Decknamen bekannt und es gibt zahlreiche Dokumente, die belegen, dass genau diese V-Leute bedeutsame Hinweise auf den Aufenthaltsort und die Vorhaben des NSU gaben.<\/strong><\/p>\n<p><strong>MM: <em>Bei der Gelegenheit verteilen Sie Ihren Texten gewisse Seitenhiebe gegen\u00fcber den hiesigen Medien, die eine Art ungezwungene Gleichschaltung praktiziert. Aber gibt es nicht den Zwang der Medienbesitzer, die die heutige Regierung sch\u00fctzen wollen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Wetzel: In bin mit dem antifaschistischen Verm\u00e4chtnis gro\u00df geworden, dass es unsere Pflicht und Aufgabe ist, sich auch gegen staatliche Autorit\u00e4ten zu stellen, wenn sie Verbrechen erm\u00f6glichen oder gar selbst begehen. \u201eWehret den Anf\u00e4ngen\u201c wurde uns von allen Seiten zugerufen, mit auf den Weg gegeben. Umso unverst\u00e4ndlicher ist es, wenn heute f\u00fchrende Medien unhinterfragt die offiziellen Versionen von den \u201ePannen\u201c innerhalb deutscher Beh\u00f6rden akzeptieren. 13 Jahre haben dieselben Medien die Version von Mordtaten krimineller Ausl\u00e4nder \u00fcbernommen und nicht viel sp\u00e4ter setzen f\u00fchrende Medien das fort, was sie als journalistisches Versagen eingestanden haben. 13 Jahre wollte niemand von der Existenz des NSU gewusst haben, ein paar Wochen nach den t\u00f6dlichen Ereignissen am 4.11.2011 wussten alle, dass es ein Mordtrio war, also exakt drei Mitglieder! Woher kommt diese pl\u00f6tzliche Einsicht? Woher diese \u00dcbereinstimmung?<\/strong><\/p>\n<p><strong>MM: <em>Bei aller Medienzur\u00fcckhaltung sind doch einige Details der Vernichtung und Unterschlagung von Beweismitteln, Aktenmanipulationen, Falschaussagen usw. durchgedrungen aber es scheint die Bev\u00f6lkerung mehr oder weniger nicht zu interessieren. Wo sind die alten 68er diesbez\u00fcglich geblieben, wo die Linken und wo die neuen Studenten? Nicht einmal die Antideutschen beschweren sich!?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Wetzel: Diese Frage spricht mir aus der Seele und ist eine nicht minder qu\u00e4lende Frage, denn sie betrifft gerade auch jene, die seit Jahrzehnten antifaschistische Arbeit und Recherche betrieben haben, die in antirassistischen Initiativen t\u00e4tig sind \u2013 und immer am Rand der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung blieben. Jetzt, wo ihre Mahnungen und Warnungen blutiger Ernst geworden sind, scheint es vielen die Sprache verschlagen zu haben. Ich glaube, es gibt eine gro\u00dfe Angst, sich vorzustellen, was es hei\u00dft, wenn man die ungehinderte Mord- und Terrorserie des NSU nicht mit Pannen, Kommunikationschaos und Beh\u00f6rdenwirrwar erkl\u00e4ren kann. Dann geht es um die Staatsraison und sp\u00e4testens dann h\u00f6rt die Bereitschaft zu investigativem, zu kritischem Journalismus auf. Alle wissen, dass man dann selbst in Gefahr ger\u00e4t, nicht so sehr das eigene Leben, aber die Karriere, der berufliche Werdegang, den man auch in Deutschland nicht gegen seine Vorgesetzten, sondern nur mit ihrer Gunst beschreitet. Deshalb ist die Legende von den 1001.Pannen so weit verbreitet \u2013 sie sch\u00fctzt nicht nur die unhaltbare offizielle Version, sondern auch die eigene berufliche Existenz.<\/strong><\/p>\n<p><strong>MM: <em>Gehen Sie ernsthaft von einer staatlichen Tatbeteiligung aus?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Wetzel: Ich spreche sehr bewusst von einem staatlichen Tatbeitrag: Dabei kommt es nicht darauf an, ob staatliche Beh\u00f6rden in die Mord- und Terrorserie direkt verwickelt waren. Entscheidend ist vielmehr, dass sie die M\u00f6glichkeiten, diese Mord- und Terrorserie zu verhindern, nicht genutzt haben. Die Belege daf\u00fcr sind so erdr\u00fcckend, dass selbst ein ehemaliger Polizeibeamter und \u00a0Obmann der Union im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages, Clemens Binninger, eins ums andere Mal die Fassung verloren hatte. Doch es geht nicht nur um den staatlichen Tatbeitrag. Es geht auch um die Frage: Wie gro\u00df war der staatlicher Anteil am NSU-Netzwerk?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ich will das ganz n\u00fcchtern und mit offiziellen Zahlen belegen: Bis heute haben Bundeskriminalamt und Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz dreimal Listen von Personen zusammengestellt, die in Kontakt zu mutma\u00dflichen Mitgliedern des \u203aNationalsozialistischen Untergrunds\u2039 (NSU) oder deren Unterst\u00fctzern gestanden haben k\u00f6nnten. Die erste Liste ist auf M\u00e4rz 2012 datiert und umfasst 41 Neonazis. Die zweite stammt vom September 2012 kam bereits auf 100 Personen und die aktuelle vom Oktober desselben Jahres nennt 129 Namen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wie bereits erw\u00e4hnt, sind bis heute \u00fcber 25 V-Leute mit Klarnamen oder Decknamen bekannt, die im direkten Umfeld des NSU agierten. Gehen wir also von dieser vorl\u00e4ufigen Zahl aus: Dann w\u00fcrde der Staatsanteil in der ersten Liste \u00fcber 50 Prozent betragen, in der zweiten immer noch 25 Prozent und selbst die vorl\u00e4ufige letzte Liste h\u00e4tte einen Staatsanteil von 18,6 Prozent. Nirgendwo waren so viele staatliche Aufbau- und Entwicklungshelfer am Werk wie im Nationalsozialistischen Untergrund\/NSU. In den meisten F\u00e4llen waren diese V-Leute an schweren Straftaten beteiligt, an Organisationsstraftaten, wie die Beschaffung von Sprengstoff, das Bereitstellen von illegalen Papieren, die Beschaffung von Waffen, die Zurverf\u00fcgungstellung von Wohnungen, von Geld u.v.a.m.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dass diese V-Leute ma\u00dfgeblich am Zustandekommen dieses neonazistischen Untergrundes beteiligt waren, belegt auch eine weitere Tatsache: Viele Akten, die \u201aversehentlich\u2018, \u201abedauerlicherweise\u2018 vernichtet wurden, beziehen sich auf Akten von V-Leuten. W\u00e4re es anders, w\u00e4ren gerade diese Akten zu Beweis- und Entlastungszwecken an die Untersuchungsaussch\u00fcsse weitergeleitet worden.<\/strong><\/p>\n<p><strong>MM: <em>Verzeihen Sie, wenn ich noch einmal nachfrage, weil es so unglaublich klingt. Ist eine Terrororganisation, die aus genau drei Mitgliedern bestehen soll, mindestens 129 Unterst\u00fctzer gehabt haben soll, die von mindestens 25 V-Leuten infiltriert waren, nicht ein derart sensationelles Ph\u00e4nomen, dass sich weltweit alle Terrorexperten darauf st\u00fcrzen m\u00fcssten? Wenn schon die Medien schweigen und die Alt 68er und die heutigen Studenten schweigen, wo ist denn der Rest des Volkes? Sind wir mehrheitlich wirklich in eine Lethargie der Dekadenz verfallen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Wetzel: Stellen Sie sich einfach einmal vor, die staatlichen Beh\u00f6rden h\u00e4tte \u00e4hnlich viele Informationen \u00fcber eine linke Gruppierung gesammelt: Wie viele s\u00e4\u00dfen heute davon bereits in Untersuchungshaft, wie viele s\u00e4\u00dfen auf der Anklagebank, wie viele h\u00e4tten ein Ermittlungsverfahren wegen Mitgliedschaft bzw. Unterst\u00fctzung einer terroristischen Vereinigung nach \u00a7 129 (a)?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Gr\u00fcnde, sich nicht zu verhalten, sind sicherlich verschiedene: Was hat das mit mir zu tun? Das ist mir alles viel zu kompliziert! Aber nat\u00fcrlich hat das auch etwas damit zu tun, dass die neun neonazistischen Morde in den toten Winkel der kritischen, aber auch linken \u00d6ffentlichkeit abgelegt wurden! Wer wollte etwas mit \u201ekriminellen Ausl\u00e4ndern\u201c zu tun haben? Wer hat(te) \u00fcberhaupt Kontakt zu migrantischen Gruppen und Milieus? Auch wenn die Linke sich M\u00fche gibt, nicht rassistisch zu sein, so steht doch auch fest, dass die Verbindungen, der Austausch zwischen \u201edeutschen\u201c und migrantischen Gruppen extrem d\u00fcnn ist \u2013 erst recht dann, wenn es um Menschen geht, die man mit islamischen Vorstellungen in Verbindung bringt. Die offene, direkte Auseinandersetzung dar\u00fcber, mit welchem Glauben, mit welcher Idee setzen wir uns f\u00fcr welche (bessere) Welt ein, m\u00fcsste erst begonnen werden.<\/strong><\/p>\n<p><strong>MM: <em>Von diesen angeblich drei Mitgliedern der Terrororganisation sind zwei im Diesseits nicht mehr aussagef\u00e4hig und die einzige \u00dcberlebende schweigt. Ist es angesichts der Bedrohungslage durch die Beh\u00f6rden nicht das Beste f\u00fcr sie, wenn sie schweigt?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Wetzel: Es ist sicherlich kein Geheimnis, wenn man sagt, das das angeblich letzte Mitglied des NSU vorerst schweigen wird. Das hat mehrerer Gr\u00fcnde: Der erste ist, dass sie nat\u00fcrlich nicht dar\u00fcber reden wird, wie viele in der neonazistischen Terrorgruppe \u201aNSU\u2018 aktiv bzw. eingebunden waren. Der zweite Grund ist ein juristisch und politisch kluger: Beate Zsch\u00e4pe muss ja nachgewiesen werden, dass sie an der Terror- und Mordserie beteiligt war. Wenn aber die staatlichen Beh\u00f6rden behaupten, dass sie 13 Jahre gar nichts gewusst haben, dann geraten sie nat\u00fcrlich in Widerspr\u00fcche, wenn sie heute Beweise vorlegen, die aus dieser Zeit stammen. Dann w\u00fcrden die staatlichen Beh\u00f6rden unfreiwillig beweisen, dass sie dreizehn Jahre alles andere als Unwissende waren! Und der letzte Grund ihres Schweigens betrifft sicherlich die Merkw\u00fcrdigkeiten ihrer \u201eFlucht\u201c, das Sich-Stellen, wof\u00fcr es keinen einzigen vern\u00fcnftigen Grund gibt, wenn sie vier Tage Zeit hatte, unerkannt zu entkommen. Wenn man also annehmen kann, dass sie die vier Tage genutzt hatte, einen \u201aDeal\u2018 mit den Beh\u00f6rden zu arrangieren, dann wird eine ihrer Gegenleistungen ganz sicher sein, w\u00e4hrend des Prozesses zu schweigen, damit das Anklagekonstrukt nicht in sich zusammenf\u00e4llt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>MM: <em>Der Beginn des Prozesses wurde \u00fcberschattet durch ein Hickhack um Medienpl\u00e4tze und die Gr\u00f6\u00dfe des Saals. Was erwarten Sie sich von dem Prozess?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Wetzel: Tatsache ist, dass alles, was durch diesen Prozess erst bewiesen bzw. aus dem Weg ger\u00e4umt werden m\u00fcsste, vom Prozess ausgeschlossen ist: Die Generalbundesanwaltschaft hat ja bereits vor Beginn des Prozesse behauptet, der NSU best\u00fcnde aus exakt drei Mitgliedern. In einem rechtstaatlichen Verfahren m\u00fcsste aber gerade diese Frage erst im Prozess gekl\u00e4rt werden. Die zweite wichtige Frage, die ein Prozess kl\u00e4ren m\u00fcsste ist ebenfalls vom Prozess ausgeschlossen: Die Generalbundesanwaltschaft behauptet, dass es keinen staatlichen (Tat-)Beitrag zum NSU g\u00e4be, dass es also keine Verbindungen zwischen NSU-Mitgliedern und V-M\u00e4nnern g\u00e4be. Wie ich bereits ausgef\u00fchrt habe, ist diese Behauptung wissentlich falsch.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wie ich bereits erw\u00e4hnt habe, ist der Staatsanteil am NSU (alleine in Gestalt von V-Leuten, die aktiv dem NSU unterst\u00fctzt haben, die den neonazistischen Untergrund mit angelegt, mit bewaffnet hatten) extrem hoch. Wenn wir das mit der NPD-Verbotsverfahren vergleichen, wo ein Gericht das Verbotsverfahren abgewiesen hatte, da nicht zu kl\u00e4ren war, wie viel Staat (ebenfalls in Gestalt von V-Leuten) in der NPD aktiv ist, dann bekommt der Prozess gegen den NSU eine besondere, eine hoch explosive, eben staatliche Komponente.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wenn all dies erst gar nicht Gegenstand des Prozesses in M\u00fcnchen ist, dann w\u00fcrde man in jedem anderen (unfreundlichen) Land von einem Schauprozess sprechen. F\u00fcr Ihre Frage bedeutet dies: Wenn alles nach dem Willen der Prozessbeteiligten abl\u00e4uft, dann muss man, dann kann doch nichts anders sagen, als dass auch dieser Prozess nichts zur Aufkl\u00e4rung beitragen wird, sondern zur fortgesetzten Verschleierung \u2013 wenn nicht unerwartete Fakten, Ereignisse dazwischen kommen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>MM: <em>Was wird Ihr n\u00e4chstes Buchprojekt sein?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Wetzel: Dieses Buch steht ja nicht am Ende furchtbarer Ereignisse, sondern am Anfang. Es kann \u00fcber die vielleicht f\u00fcnf Prozent berichten, von denen wir alle Kenntnis erlangt haben. Immer noch liegen 95 Prozent der Ereignisse im Dunkeln. Ich hoffe und w\u00fcnsche mir nat\u00fcrlich, dass das auch von Ihnen zurecht beklagte (Still-)Schweigen, aber gerade auch die Angst, sich vorzustellen, was es bedeutet, wenn die offizielle Version rundum falsch ist, aufbricht, dass das Buch dazu beitragen kann, die Lethargie und Indifferenz zu \u00fcberwinden. Wenn dies passieren w\u00fcrde, schriebe sich das n\u00e4chste Buch von alleine\u2026<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/div>\n<p>Views: 179<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>MM: Sehr geehrter Herr Wetzel, in Ihren Biographien wird immer angegeben, dass sie f\u00fcr die autonome L.U.P.U.S.- Gruppe geschrieben haben. 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