{"id":40,"date":"2007-08-01T17:08:17","date_gmt":"2007-08-01T15:08:17","guid":{"rendered":"http:\/\/wolfwetzel.wordpress.com\/2000\/08\/23\/von-a-bis-rz\/"},"modified":"2020-06-22T12:57:04","modified_gmt":"2020-06-22T10:57:04","slug":"von-a-bis-rz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2007\/08\/01\/von-a-bis-rz\/","title":{"rendered":"\u00dcber Verrat, Rache und (Selbst-)Besinnung. Von A bis (R)Z?"},"content":{"rendered":"<h1>Tod eines M\u00e4rchenprinzen<\/h1>\n<h2>\u00dcber Verrat, Rache und Besinnung<\/h2>\n<p><strong>Auszug aus dem Buch: <em>Die Hunde bellen. Von A bis (R)Z. Eine Zeitreise durch die 68er Revolte und die militanten K\u00e4mpfe der 70er bis 90er Jahre<\/em>, Unrast-Verlag 2001<\/strong><\/p>\n<p>Am 19.12.1999 st\u00fcrmen mehrere Hunderschaften der Polizei den Mehringhof in Berlin. Am selben Tag werden zwei Mitarbeiter von Projekten des Mehrighofs in ihren Wohnungen verhaftet. Zeitgleich wird Sabine E. in Frankfurt verhaftet. Die Durchsuchungen und die drei Verhaftungen werden von der Bundesanwaltschaft\/BAW damit begr\u00fcndet, da\u00df Tarek Mousli &#8211; der selbst am 23.11.1999 wegen Mitgliedschaft in den Revolution\u00e4ren Zellen (RZ) verhaftet wurde &#8211; in umfangreichen Aussagen die drei Verhafteten als (ehemalige) Mitglieder einer Beliner RZ-Gruppe belastet habe. Au\u00dferdem bef\u00e4nde sich ein Waffen- und Sprengstoff-Depot der RZ im Mehrighof. In den Medien wird Tarik Mousli als &#8222;<em>Kopf der Revolution\u00e4ren Zellen<\/em>&#8220; ( Der Tagesspiegel vom 20.12.1999) und &#8222;<em>Plaudertasche<\/em>&#8220; (Focus) gehandelt. In autonomen Zusammenh\u00e4ngen werden seine belastenden Aussagen als Verrat eines M\u00e4rchenprinzen ( Interim vom 27.1.2000) gewertet, der sich dem Staatsschutz als Kronzeuge angeboten hat.<\/p>\n<p>Tarek Mousli war seit Ende der 70er Jahre in militanten Zusammenh\u00e4ngen aktiv. In Kiel beteiligte er sich an H\u00e4userk\u00e4mpfen und im Anti-AKW-Kampf. Seit Anfang der 80er Jahre lebte er in Berlin und war dort in der autonomen Szene aktiv. Wir k\u00f6nnen uns an wenige Menschen erinnern, die auf eine so lange politische Geschichte zur\u00fcckblicken k\u00f6nnen. Wir wissen nichts dar\u00fcber, da\u00df seine politische Praxis, sein Umgang mit anderen (Miltanten), irgendwelche hartn\u00e4ckigen Zweifel gen\u00e4hrt h\u00e4tte. Daf\u00fcr spricht &#8211; ungewollt zwiesp\u00e4ltig &#8211; auch der Titel des Interim-Vorwortes: Der Verrat eines M\u00e4rchenprinzen. Um den Fakt umfangreicher, sich selbst und andere belastender Aussagen kreisen seit Wochen Spekulationen, Ger\u00fcchte, pers\u00f6nliche und politische Einsch\u00e4tzungen. Zwischen dem, was tats\u00e4chlich &#8211; aktenkundig &#8211; belastende Aussagen sind und was Ger\u00fcchte und Mutma\u00dfungen sind, klafft eine unverantwortlich gro\u00dfe L\u00fccke.<\/p>\n<h2><span style=\"color: #000000;\">Autonome Plaudereien \u00fcber eine revolution\u00e4re Plaudertasche<\/span><\/h2>\n<p>Nicht nur die Interim fragt sich, warum es sein kann, da\u00df einer wie Tarek so lange so viel macht und dann so umkippt &#8230; Das eigene Erschrecken, die gemeinsame Fassungslosigkeit \u00fcber die schlimmste Form von Verrat an ehemaligen politischen FreundInnen, an einer ganzen Szene, an der Utopie gesellschaftlicher Ver\u00e4nderung (Interim) ist sp\u00fcrbar. Die meisten Stellungnahmen verharren l\u00e4hmend in Andeutungen und Appellen, nicht zu spekulieren, sich an keinen Ger\u00fcchten und Mutma\u00dfungen zu beteiligen. Anstatt dem Stochern im Dunklen mit (aktemkundigen) Fakten zu begegnen, fordert dieser \u00f6ffentliche Umgang geradezu zu Spekulationen heraus.<\/p>\n<h2><span style=\"color: #000000;\">Vom Phantasma eines in der Biographie angelegten Verrats oder : Der Tod eines (jeden) M\u00e4rchenprinzen<\/span><\/h2>\n<p>In der Interim (Nr.492) wird ein Text &#8211; kommentarlos &#8211; mit dem Titel: &#8222;Einige Stichpunkte zur Biographie von Tarek Mousli&#8220; abgedruckt. Dort erfahren wir, da\u00df er sehr an formaler Anerkennung wie schwarze G\u00fcrteln orientiert war. Au\u00dferdem erfahren wir, da\u00df Tarek sowohl langandauernde Beziehungen als auch etliche Affairen lebte. In diesen, und das war schon zum damaligen Zeitpunkt bekannt, erz\u00e4hlte er immer wieder ausf\u00fchrlich, an was f\u00fcr tollen Geschichten er angeblich beteiligt sei, damit die Frauen auch gewi\u00df merken, an was f\u00fcr einen tollen Hecht sie geraten waren. Dem Verfasser schwant wohl etwas und f\u00e4hrt schnell fort: Das w\u00e4re jetzt purer Tratsch, wenn es nicht genau der Knackpunkt ist, \u00fcber den Tarek 1995 und 1999 gestolpert ist . Zu guter Letzt erfahren wir noch, da\u00df sich Tarek immer mehr kulturell aus der Kreuzberger Szene (entfernt habe). Demonstrativ setzt er dies mit einer gro\u00df inszenierten Hochzeit mit seiner damaligen Freundin um . Warum wir &#8211; h\u00e4misch grinsend &#8211; wissen m\u00fcssen, da\u00df sie sich 1 \u00bd Jahre sp\u00e4ter wieder scheiden lie\u00dfen, erfahren wir nicht. Genauso im unklaren l\u00e4\u00dft uns der Verfasser, warum es wichtig ist, zu erfahren, da\u00df Tarek Mousli eine deutsche Mutter und einen saudiarabischen Staatsb\u00fcrger als Vater hat. Will er damit einen Identit\u00e4ts- und\/ oder Kulturkonflikt andeuten? Der Verfasser gibt vor, mit diesen biographischen Stichpunkten den Konflikt f\u00fcr all die nachvollziehbarer zu machen, die ihn nicht pers\u00f6nlich kennen . Diese &#8218;Biographie&#8216; n\u00e4hert sich vielem &#8211; am allerwenigsten der Frage, wie ein solcher Verrat zu verstehen ist. Alles wird angespielt und angedeutet: Ein bischen antipatriarchale Kritik, ein bischen Kritik an (m\u00e4nnlichem) Leistungsdenken. Und wer damit nichts (mehr) anzufangen wei\u00df, wird mit dem Stichwort etlicher Affairen ebenfalls gut bedient. Nehmen wir einmal f\u00fcr Augenblicke an, diese Biographie k\u00f6nnte tats\u00e4chlich auf die Frage: &#8222;Wie kam es dazu, da\u00df einer wie Tarek so lange so viel macht und dann so umkippt?&#8220; eine Antwort geben. Wo finden wir einen Menschen, der nicht (auch) nach formaler Anerkennung sucht? Wo finden wir einen Menschen, der absolute Verschwiegenheit, gerade auch gegen\u00fcber seiner Freundin, seinem besten Freund, in aller Konsequenz durchh\u00e4lt? Wo finden wir einen Menschen, der es mit den unbestimmbaren Codes autonomer Lebenswelten genau nehmen kann? Diese Biographie, die darin versteckten Wegweiser in Richtung Verrat entwerfen als Gegenbild einen Menschen, den es nicht gibt &#8211; weder in den Reihen der Zapatistas, noch unter uns. Diesen Menschen gibt es nur als Fabelwesen &#8211; z. B. in Gestalt eines &#8218;M\u00e4rchenprinzen&#8216;. Diese Biographie schafft keine Aufkl\u00e4rung. Sie imaginiert eine Gemeinschaft von M\u00e4rchenprinzen &#8211; die irgendwann einmal, im wirklichen Leben, kaputt gehen mu\u00df. Verrat ist eine M\u00f6glichkeit, die auff\u00e4lligste . Die R\u00fcckkehr ins &#8217;normale&#8216; Leben die weitverbreitete.<\/p>\n<h2><span style=\"color: #000000;\">Der Fall des &#8218;M\u00e4rchenprinzen&#8216;<\/span><\/h2>\n<p>Auch die Interim erliegt dem naheliegenden Versuch, die selbst gestellten Fragen mit dem Klischee eines skrupellosen Verr\u00e4ters stillzulegen. In ihrem Vorwort wei\u00df die Interim von einer offenbar bereits lang ersehnte(n) Losl\u00f6sung von seiner politischen Vergangenheit . Weniger offenbar , ganz sicher ist sich die Interim, da\u00df Tarek Mousli alle und jeden &#8230; verr\u00e4t &#8230; Seine Aussagen sind willk\u00fcrlich, er kombiniert kreativ und auch wenn man\/frau wenig oder sogar nichts mit ihm zu tun hatte, k\u00f6nnte er oder sie im Strom seiner Aussagen auftauchen . Ganz in diesem Strom, zwischen Focus und autonomer Szene taucht immer wieder eine Liste von 50 Namen , eine Lebensbeichte auf- mal ist sie existent, mal wird sie gesucht, mal wei\u00df man\/frau es nicht so genau. Wir k\u00f6nnen- aus der Ferne &#8211; nicht beurteilen, was an all dem Mutma\u00dfungen, was daran Fakt ist. Nehmen wir jedoch an, es stimmt, da\u00df Tarek Mousli alle und jeden verr\u00e4t: was h\u00e4lt jene ab, die das genau wissen, all das genau und nachvollziehbar \u00f6ffentlich zu machen? Wer soll denn noch mit all diesen Andeutungen gesch\u00fctzt werden, wenn dem Staatsschutz alles -schwarz auf wei\u00df- vorliegt? Wir empfinden den Umgang mit diesem vermeintlichen Wissen falsch und gef\u00e4hrlich. Er n\u00e4hrt den Verdacht, da\u00df das beunruhigende an den gemachten Belastungen Tarek Mousli&#8217;s nicht der Umstand ist, da\u00df man von diesem tollen Hecht nichts anders erwartete, sondern da\u00df man davon v\u00f6llig \u00fcberrascht ist. Nach all dem, was wir wissen, wurde Tarek Mousli gerade nicht als &#8218;Gro\u00dfmaul&#8216; geduldet, sondern als ein Mensch gesch\u00e4tzt, auf den sich viele jahrelang verlassen konnten.<\/p>\n<p>Warum hat Tarek Mousli bei seiner ersten Verhaftung im M\u00e4rz 1999 &#8217;nur&#8216; sich selbst belastet, warum aber ein paar Monate sp\u00e4ter, im November\/Dezember 1999 alle und jeden ? Sind die Belastungen seiner fr\u00fcheren Freundin der einzige Grund, mit denen er &#8211; laut Interim-Ger\u00fccht &#8211; erst im November 1999 konfrontiert wurde? War das tats\u00e4chlich alles? Ist es wirklich nachvollziehbar, da\u00df jemand &#8218;alles und jeden&#8216; verr\u00e4t, wenn er durch seine fr\u00fchere Lebensgef\u00e4hrtin verraten wurde? Selbst wenn es stimmen soll, da\u00df er aufgrund seiner Prahlereien mit RZ-Aktionen in Verbindung gebracht wurde: Erkl\u00e4rt das wirklich, da\u00df Tarek Mousli alle und jeden verr\u00e4t, obwohl er genau wei\u00df, da\u00df die meisten Vorw\u00fcrfe strafrechtlich verj\u00e4hrt sind? Sehen nicht zumindest einige einen Widerspruch in der Behauptung, Tarek Mousli habe sich Anfang der 90er Jahre ins &#8217;normale&#8216; Leben verabschiedet, w\u00e4hrend gleichzeitig in der Begr\u00fcndung zur Durchsuchung des Mehringhofes steht, da\u00df Tarek Mouli 1995 Sprengstoff von anderen (RZ-Mitgliedern) zur Aufbewahrung bekommen hat?<\/p>\n<p>Man kann all diesen Fragen, die berechtigterweise zu Mutma\u00dfungen und Mi\u00dftrauen Anla\u00df geben, mit dem Profil eines hemmungslosen Verr\u00e4ters glattb\u00fcgeln. Politisch halten wir diesen Umgang f\u00fcr fatal.<\/p>\n<h2><span style=\"color: #000000;\">Das Schweigen \u00fcber die Geschichte der RZ<\/span><\/h2>\n<p>Seit Wochen wird viel Zeit damit verbracht, Ger\u00fcchte und Mutma\u00dfungen weiterzureichen und vor ihnen zu warnen, sie einzusortieren und aus der Welt zu schaffen. In diesen breiten Strom aus lancierten &#8218;Focus&#8216;- Meldungen und Szene-Erkundungen kann man auch noch eine &#8218;Biographie&#8216; reinsch\u00fctten.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen verstehen, da\u00df es leichter erscheint, sich gegen einen Verr\u00e4ter zu solidarisieren, als sich mit dem Konzept und der Geschichte der RZ\/ Rote Zora auseinanderzusetzen, die \u00fcber Jahre hinweg ein wichtiger Bezugspunkt automomer, militanter Politik war. Wir k\u00f6nnen verstehen, da\u00df man leicht der Versuchung unterliegt, die RZ-Geschichte als eine Art Fl\u00fcchlingspolitik zu begreifen, die man fortentwickelt hat, auch wenn dies in deutlichem Gegensatz zu den RZ-Erkl\u00e4rungen steht. Wir wissen um die Schwierigkeit, sich gemeinsam zu der Geschichte der RZ zu verhalten- um die noch gr\u00f6\u00dfere Schwierigkeit, sich zu den heutigen Bedingungen einer militanten Politk -gemeinsam- zu \u00e4u\u00dfern. Man kann all dem aus dem Weg gehen und die Durchsuchung des Mehringhofes als einen gezielten Versuch werten, einen solch schwer kontrollierbare(n) Ort (Presseerkl\u00e4rung des Mehringhofes v.20.12.99) zu kriminalisieren. Damit kann man Eiltelkeiten befriedigen und vielleicht sogar &#8218;breite Emp\u00f6rung&#8216; schaffen. Das schafft Schwierigkeiten weg, die uns jedoch bei einer wirklichen Solidarit\u00e4tsarbeit auf die F\u00fc\u00dfe fallen werden.<\/p>\n<p>Im folgenden geht es nicht darum, die \u00fcber 20 j\u00e4hrige Geschichte der RZ\/ Rote Zora nachzuzeichnen. Sie ist bereits bestens in Fr\u00fcchte des Zorns (Verlag ID-Archiv) dokumentiert. Wie andere auch haben wir einige RZ-Erkl\u00e4rungen und Erwiderungen noch einmal gelesen und sind auf Andeutungen und Nebens\u00e4tze gesto\u00dfen, \u00fcber die wir damals hinweggelesen haben, f\u00fcr deren Tragweite wir damals keine Anhaltspunkte hatten. Wir k\u00f6nnen nicht sagen, inwieweit diese den Verrat von Tarek Mouli (mit) erkl\u00e4ren k\u00f6nnen. Das m\u00fcssen andere tun. Das ist kein Grund, sich solange dumm zu stellen. Denn wenn es stimmt, da\u00df Tarek Mouli RZ-Mitglied war, dann ist es naheliegend, da\u00df diese Auseinandersetzungen, die mit zur Aufl\u00f6sung der RZ\/ Rote Zora f\u00fchrten, auch an ihm nicht spurlos vor\u00fcbergegangen sind. Das entschuldigt keinen Verrat, das rechtfertigt keinen Verrat. Aber es beschreibt die Bedingungen f\u00fcr einen gemeinsamen politischen Proze\u00df, der nicht den Verrat zum Ausgangspunkt der Solidarit\u00e4tsarbeit macht, sondern das eigene Verh\u00e4ltnis zur militanten Politik. Diese ist weniger von Erfolgen, als von tiefen Rissen und reichlich Not-Br\u00fccken gezeichnet: Anschlags-Bundesligen, schwindende Zusammenh\u00e4nge, trotzige Erkl\u00e4rungen, distanzierte Nachdenklichkeit, pers\u00f6nlichen Zerstrittenheiten, gepflegte Selbstgerechtigkeiten, sich selbst \u00fcberfordender Aktivismus und bleierne Resignation stehen wortlos und\/ oder ver\u00e4chtlich nebeneinander. Die Auseinandersetzung mit der RZ\/ Rote Zora-Geschichte k\u00f6nnte ein Spiegel sein, in dem wir -fast unverzerrt- unsere eigene Geschichte wiederfinden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Solidarit\u00e4tsarbeit steht vor einem Problem: Sie mu\u00df ein politisches Verh\u00e4ltnis zu etwas herstellen, was es nicht mehr gibt. Dieser enormen Schwierigkeit kann man aus dem Weg gehen, indem mann\/frau sich entweder mit 1\/2\/3\/4 Verhafteten aus pers\u00f6nlicher Verbundenheit solidarisiert oder eine Kontinuit\u00e4t ( Jedes Herz ist eine revolution\u00e4re Zelle , Interim, Nr. 492) vort\u00e4uscht, die das faktische Ende der RZ\/Rote Zora einfach leugnet. Ersteres w\u00e4re noch verst\u00e4ndlich, zweiteres einfach nur verlogen. Wir w\u00fcnschen uns eine Solidarit\u00e4t, die nicht nur einzelnen Gefangenen gilt. Uns geht es um ein Verbunden-sein mit einer militanten Politik, in der die RZ\/ Rote Zora ein m\u00f6glicher Ausdruck war. Am aller wenigsten geht es darum, sich mit der RZ\/ Rote Zora zu identifizieren. Die viel gr\u00f6\u00dfere Anstrengung besteht f\u00fcr uns darin, ihr dadurch eine Bedeutung zu geben, indem wir den Erfolgen und Niederlagen, den weitsichtigen Analysen und politischen Irrt\u00fcmern einen Platz in unserem eigenen Denken und Handeln geben &#8211; nicht nur im Hinblick darauf, was war, sondern gerade auch im Blick darauf, was werden soll.<\/p>\n<p>Man mu\u00df nicht in der RZ gewesen sein, um sich die Konflikte und Auseinandersetzungen innerhalb der RZ und um sie herum zu vergegenw\u00e4rtigen. All das ist dokumentiert, in vielen Erkl\u00e4rungen, Stellungnahmen und Erwiderungen. Dazu zu schweigen, macht den Weg frei, es dem Staatschutz und &#8218;Focus&#8216; zu \u00fcberlassen, RZ-Geschichte nach deren Belieben zu schreiben und abzuwickeln. 1991 ver\u00f6ffentlichten die RZ eine Erkl\u00e4rung: Gerd Albartus ist tot . Darin wirft die RZ einer Gruppierung, die sich dem pal\u00e4stinenesischen Widerstand zurechnet , vor, ein RZ-Mitglied als Verr\u00e4ter zum Tode verurteilt zu haben. Die Suche nach einer Antwort..in der das Bed\u00fcrfnis nach Rache seinen Platz gefunden h\u00e4tte, ohne da\u00df es den Falschen trifft, ist ins Leere gegangen. . Der Weg der Ver\u00f6ffentlichung ist zugleich die Kapitulation vor weitergehenden Anspr\u00fcchen. In dieser Erkl\u00e4rung wird ausgef\u00fchrt, da\u00df die Verbindung zu dieser Gruppierung auf einen Abschnitt in ihrer Geschichte verweist, unter den wir aus politischen Gr\u00fcnden schon vor etlichen Jahren einen Schlu\u00dfstrich gezogen haben . Konkret angesprochen wird die Flugzeugentf\u00fchrung 1976, an der sich zwei Pal\u00e4stinenser und zwei Mitglieder der RZ beteiligten. Ziel war es, die Freilassung von \u00fcber 50 Gefangenen zu erzwingen. Ergebnis war die Erst\u00fcrmung des Flugzeuges in Entebbe und der Tod des Kommandos. Der Versuch, die masiven Auseinandersetzungen um diese Gefangenenbefreiung auf eine operativer Kritik (&#8230; dem Kommando (wurde) im Zuge der Operation die Befehlsgewalt entzogen&#8230; (es hatte) blo\u00df noch die Weisungen zu befolgen&#8230;, die an anderer Stelle &#8230; ausgegeben wurden ) zu reduzieren, sollte sich r\u00e4chen. Da\u00df die Grenzen dieser Zusammenarbeit nicht technischer oder taktischer, sondern politischer Art waren, sahen wir nicht. Die Auseinandersetzungen innerhalb und au\u00dferhalb der RZ gingen weiter: Das Wissen um die Katastrophe wirkte wie ein permanent schwelender Treibsatz fort. Zum einen ging es um die Flugzeugentf\u00fchrung selbst und um die Auswahl der Passagiere, die f\u00fcr einen Gefangenenaustausch festgehalten wurden. Die RZ kommen in ihrem Papier zu dem Schlu\u00df, da\u00df es sich dabei um eine Selektion..entlang v\u00f6lkischer Linien handelte, bei der ein -im Antizionismus verkleideter- Antisemitismus zu tragen kam, der um keinen Preis politisch mitzutragen ist. Zum anderen wenden sich die RZ gegen ihre eigenen, zur\u00fcckliegende antiimperialistische Praxis, die sich nicht aus den Verh\u00e4ltnissen und Bedingungen hier begr\u00fcndete, sondern mit den weltweiten K\u00e4mpfen. Sie kommen zum Schlu\u00df, da\u00df die Existenz und Gewalt des gemeinsamen Gegners &#8230; nicht aus(reichen), um die Gegens\u00e4tze und Konflikte in den eigenen Reihen einzud\u00e4mmen. Einer dieser politischen Gegens\u00e4tze ist die Frage\/und der Mythos nationaler Unabh\u00e4ngigkeit, in der die RZ den sozialen Gehalt der Revolution nicht aufgehoben sieht.<\/p>\n<p>Die seit Mitte der 80er Jahre ver\u00fcbten Sabotageaktionen und Angriffe auf Institutionen und Personen, die den (deutschen) staatlichen Rassismus verwalten und exekutieren, kann als eine Konsequenz aus dieser Selbst-Kritik verstanden werden. Diese Selbst-Kritik f\u00fchrte aber auch zu anderen Konsequenzen: Es kam zu Br\u00fcche(n) in pers\u00f6nlichen Freundschaften, die bis hin zu Trennungen gingen. In einem Papier, das mit RZ-Tendenz f\u00fcr die internationale soziale Revolution unterschrieben ist, wird der Vorwurf erhoben, da\u00df das Papier zum Tod von Gerd gegen unseren Willen mit dem Gesamtnamen RZ unterzeichnet ist. Darin deuten sie nicht nur ihre Kritik an der wenig aufr\u00fcttelnden Fl\u00fcchtlingskampagne an, sondern machen auch aus ihrem Eindruck keinen Hehl, da\u00df f\u00fcr sie das Gerd Albartus-Papier die Suche nach eine(m) konstruktiven Platz zur Neugestaltung der Demokratie ist, kurzum der Ausstieg aus militanter Politik: &#8222;Eine Diskussion mit Euch um Aufh\u00f6ren oder Weitermachen scheint mit Euch auf dem Hintergrund Eurer Entscheidung nicht mehr m\u00f6glich.&#8220; Wer die Erkl\u00e4rung Gerd Albartus ist tot &#8211; als Au\u00dfenstehende\/r &#8211; liest, bekommt eine Vorstellung von den unterschiedlichen Konzepten und Begr\u00fcndungen militanter Politik. Und beileibe ist es kein RZ-Spezifikum, auf einen Punkt zuzusteuern, wo diese nicht mehr zusammen getragen werden k\u00f6nnen. Es mag viele Gr\u00fcnde f\u00fcr diese ver\u00e4chtliche Erwiderung auf die Kritik an der eigenen Praxis geben. Und noch einmal so viele Gr\u00fcnde f\u00fcr das vernichtende Urteil, Frieden mit dem System schlie\u00dfen zu wollen. In der kritisierten Erkl\u00e4rung finden man das nicht.<\/p>\n<p>Es spricht viel daf\u00fcr, da\u00df all das, was nur andeutungsweise in den Erkl\u00e4rungen und Erwiderungen zu finden ist, die Auseinandersetzungen innerhalb der RZ weiterhin bestimmte. Das kann u.a. der Erkl\u00e4rung: Das Ende unserer Politik , nun ein paar Monate sp\u00e4ter, im Januar 1992, entnommen werden. Diese Aufl\u00f6sungs-Erkl\u00e4rung wurde nicht von der RZ insgesamt, sondern nur von einem Teil verfa\u00dft. Darin greift sie noch einmal die Positionen im Gerd Albartus-Papier auf, den Abbruch damals \u00fcblicher internationale(r) Kontakte , um dann ihr eigenes sozialrevolution\u00e4res Verst\u00e4ndnis von Politik zu bilanzieren, vorallem die militanten Interventionen im Fl\u00fcchtlingsbereich:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Wir phantasierten den Willen der Fl\u00fcchtlinge, in den Metropolen ihren Anteil am gesellschaftlichen Reichtum &#8230; einzuklagen, als direkten antiimperialistischen Kampf&#8230; und damit als ein m\u00f6gliches Terrain unserer eigenen Politik. Als die K\u00e4mpfe in dieser Form ausblieben, auf die wir h\u00e4tten Bezug nehmen wollen &#8230; kompensierten wir dies mit der Analyse der staatlichen Fl\u00fcchtlingspolitik und mit Angriffen auf deren zug\u00e4ngliche Agenturen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Damit erkl\u00e4rte dieser Teil der RZ etwas f\u00fcr gescheitert, was der internationalistischen Ausrichtung der RZ ( Opec, Entebbe etc.) eine Theorie und Praxis entgegensetzen sollte, die sich an den K\u00e4mpfen hier orientierte. Auch in diesem Papier sind Andeutungen enthalten, die weit \u00fcber die Kritik an einer illusion\u00e4ren Bezugnahme auf Fl\u00fcchtlinge und eine fehlende Verankerung militanter Politik hinausweist:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Mit dem Vorschlag &#8230; im Jahre 1990 alle Kr\u00e4fte der RZ auf die Ingangsetzung einer breiten, antirassistischen und internationalistischen Kampagne zu lenken, sind wir nicht durchgekommen. Teile des Zusammenhangs der RZ waren und sind der Ansicht, mit einer neuen, antipatriarchalen Orientierung das politische Defizit f\u00fcllen und die RZ \u00fcber die Durststrecke bringen zu k\u00f6nnen. Unsere Gruppe konnte und wollte&#8230; die Ausrichtung der gesamten Politik auf das Thema Antipatriarchalismus nicht hinnehmen. Eine gemeinsame Politik mit den Frauen der Roten Zora scheiterte. Stattdessen wurde ihnen durch unsere Ansichten und unser Verhalten die Trennung von uns nahe (gelegt).&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Die politischen und pers\u00f6nlichen Konsequenzen, die die Teile der RZ gezogen haben, die die Selbst-Kritik und politischen Schlu\u00dffolgerungen im Gerd Albartus-Papier nicht teilten, sind nicht ver\u00f6ffentlicht. Genauso wenig l\u00e4\u00dft sich nachvollziehen, welche praktischen Schritte die Teile der RZ und Rote Zora gegangen sind, die ihre antipatriachale Kritik innerhalb und au\u00dferhalb der RZ-Zusammenh\u00e4nge in ihre politischen Praxis einbeziehen wollten. Tats\u00e4chlich geht die letzte Aktion einer RZ-Gruppe auf das Jahr 1991 bzw. 1995 zur\u00fcck. Seitdem sind keine Aktionen der RZ\/ Rote Zora mehr dokumentiert. Es spricht viel daf\u00fcr, da\u00df die RZ\/ Rote Zora nicht an der staatlichen Repression gescheitert ist, sondern an inneren Auseinandersetzungen, f\u00fcr die es keine gemeinsame politische Praxis mehr gab. Im R\u00fcckblick auf die RZ\/ Rote Zora gibt es nicht nur wertvolle grunds\u00e4tzliche Einsch\u00e4tzungen und mit sichtbarer Zustimmung aufgenommene Aktionen, die f\u00fcr viele damals Ansto\u00df f\u00fcr ihr eigenes Handeln und Denken waren. Dazu z\u00e4hlen auch die hier angerissenen Br\u00fcche und Trennungen, Unterstellungen und Andeutungen, politische Ausstiege und pers\u00f6nliche R\u00fcckz\u00fcge. Sie spiegeln nicht nur die Geschichte der RZ\/ Rote Zora wider. Darin k\u00f6nnen sich auch all die &#8211; ohne H\u00e4me und Distanzierung &#8211; wiederfinden, die sich einst gerne zur autonomen, militanten Bewegung z\u00e4hlten. Wer angesichts der Repression und der Verhaftungen die Geschichte der RZ\/ Rote Zora am liebsten weglassen will, wer die Dimension der belastenden Aussagen von Tarek Mousli mit einer &#8218;Verr\u00e4ter-Biographie&#8216; zu versenken versucht, landet hilflos im Vorwort der &#8218;Interim&#8216;: &#8222;F\u00fcr uns ist es selbstverst\u00e4ndlich, sich prinzipiell mit denen zu solidarisieren, die vom Staat kriminalisiert werden.&#8220; Wenn wir zur Geschichte der RZ\/ Rote Zora schweigen, werden &#8218;andere&#8216; auf Fragen Antworten geben. So berichtete der &#8218;Focus&#8216; in eine seiner letzten Ausgaben, da\u00df an der Ermordung von Gerd Albartus Carlos und das RZ-Mitglied Weynrich beteiligt gewesen sein sollen. Das erschreckende an dieser Meldung ist, da\u00df der Wahrheitsgehalt mit dem wochenlangen Schweigen eher zu- als abnimmt. Anerkennenswert greift die So oder So! in ihrer M\u00e4rz-Ausgabe diese Bef\u00fcrchtungen auf: Die BAW erkl\u00e4rte vor kurzem, in Berlin demn\u00e4chst Johannes Weinrich wegen der Erschie\u00dfung des RZ-Militanten Gerd Albartus 1987 im Nahen Osten anklagen zu wollen. Bereits Ende der 90ziger war Magdalena Kopp, eine ehemalige Aktivistin der Gruppe Internationaler Revolution\u00e4re ( oder: Carlos-Gruppe ) mittels des VS-Spezialisten f\u00fcr Aussteiger Benz aus ihrem Exil in Venezuela in die BRD zur\u00fcckgef\u00fchrt worden. Der FOCUS berichtete von umfangreichen Aussagen Kopps, die sich auch auf den Tod von Gerd Albartus bezogen. Laut Kopp&#8217;s Version sei Gerd von einem Volksgericht der Carlos-Gruppe wegen angeblicher Agentent\u00e4tigkeit angeklagt und dann per Kopfschu\u00df liquidiert worden. Unglaubw\u00fcrdig klingt das nicht.<\/p>\n<p>Sicherlich k\u00f6nnen auch ganz pers\u00f6nliche Umst\u00e4nde und Entscheidungen eine Rolle bei Aussageverweigerung oder Verrat spielen- gerade dann, wenn ein politischer Lebenszusammenhang in sich zusammen, eine gemeinsam getragende Utopie , auseinandergebrochen ist. In einem solchen Fall trifft staatliche Repression m\u00f6glicherweise auf Menschen, die ganz unterschiedliche Konsequenzen daraus gezogen, wenig oder gar nichts mehr miteinander zu tun haben. Damit ist nicht nur Tarek Mouli gemeint.<\/p>\n<p>Solidarit\u00e4t entsteht am allerwenigsten dar\u00fcber, da\u00df man die Verhafteten als Opfer staatlicher Repression in Schutz nimmt. Das Ziel dieser staatlicher Repression ist nicht die Zerschlagung einer existierenden RZ-Struktur, sondern die Rache an einem militanten Konzept, das sich ihrer Logik, ihrer Ordnung, ihren Fahnungsrastern &#8211; mehr oder weniger erfolgreich &#8211; \u00fcber 20 Jahren entzog. Dieses Konzept hatte &#8211; geschichtlich betrachtet &#8211; eine gro\u00dfe Bedeutung im Rahmen radikaler Systemopposition. Sich dazu in Beziehung zu setzen -von heute aus &#8211; ist Teil einer Solidarit\u00e4tsarbeit,\u00a0 unabh\u00e4ngig davon, wie sich die einzelnen Verhafteten juristisch und\/ oder politisch dazu verhalten werden.<\/p>\n<p>autonome L.U.P.U.S.-Gruppe M\u00e4rz 2000<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"overflowingVertical\" src=\"https:\/\/i2.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/die-hunde-bellen-netz.jpg?w=500&amp;ssl=1\" alt=\"https:\/\/i2.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/die-hunde-bellen-netz.jpg?w=500&amp;ssl=1\" \/><\/p>\n<p><strong>Auszug aus dem Buch: <a href=\"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2001\/01\/16\/die-hunde-bellen-von-a-bis-rz\/\"><em>Die Hunde bellen. Von A bis (R)Z. Eine Zeitreise durch die 68er Revolte und die militanten K\u00e4mpfe der 70er bis 90er Jahre<\/em>, Unrast-Verlag 2001<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Views: 791<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tod eines M\u00e4rchenprinzen \u00dcber Verrat, Rache und Besinnung Auszug aus dem Buch: Die Hunde bellen. Von A bis (R)Z. 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