{"id":3829,"date":"2013-02-19T15:06:10","date_gmt":"2013-02-19T13:06:10","guid":{"rendered":"http:\/\/wolfwetzel.wordpress.com\/?p=3829"},"modified":"2013-02-19T15:06:10","modified_gmt":"2013-02-19T13:06:10","slug":"3829","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2013\/02\/19\/3829\/","title":{"rendered":"Frankfurter H\u00e4userkampf &#8211; Wie alles anfing"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wolf Wetzel<\/strong><\/p>\n<h2><span style=\"color:#ff0000;\"><strong>Die Geschichte des <i>Blocks<\/i> ist auch die Geschichte eines Frankfurter Stadtteils<\/strong><\/span><\/h2>\n<h2><span style=\"color:#ff0000;\"><strong>Wie alles anfing \u2013 die \u201e68er\u201c der Nichtw\u00e4hlbaren<\/strong><\/span><\/h2>\n<p><a href=\"http:\/\/wolfwetzel.files.wordpress.com\/2013\/02\/hc3a4userkampf-bild-netz.jpg\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-3838\" alt=\"H\u00e4userkampf-BILD-ung\" src=\"http:\/\/wolfwetzel.files.wordpress.com\/2013\/02\/hc3a4userkampf-bild-netz.jpg?w=288&#038;resize=288%2C300\" width=\"288\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/hc3a4userkampf-bild-netz.jpg?w=1024&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/hc3a4userkampf-bild-netz.jpg?resize=288%2C300&amp;ssl=1 288w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/hc3a4userkampf-bild-netz.jpg?resize=768%2C799&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/hc3a4userkampf-bild-netz.jpg?resize=985%2C1024&amp;ssl=1 985w\" sizes=\"(max-width: 288px) 100vw, 288px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201e<i>Ich will Ihnen mal erz\u00e4hlen, wie das damals gelaufen ist. Die Stadt wollte rund um die Hochh\u00e4user m\u00f6glichst viel Freiraum schaffen&#8230;. (Immobilienmakler und Investor Ignaz Bubis)<br \/>\n<\/i><\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong><i> So beinhaltete mein Bauantrag, den ich urspr\u00fcnglich eingereicht habe, 16 Geschosse an der Ecke Schumannstra\u00dfe 69, 71, Ecke Bockenheimer Landstra\u00dfe 111, 113, 115.<\/i><\/strong><\/p>\n<p><strong><i>Dann kam das Stadtplanungsamt und sagte: Wissen Sie, wenn wir es schon hier machen, dann brauchen wir mehr Luft, paar Geschosse mehr; darauf kommt&#8217;s nicht an, wenn wir einmal bei 16 sind. Seien Sie so nett: Kaufen Sie doch dazu die Schumannstra\u00dfe 61, 63, 65, 67, rei\u00dfen Sie die ab. Wir k\u00f6nnen dann das Haus ein bi\u00dfchen reinrutschen, das steht dann auf der 67.<\/i><\/strong><\/p>\n<p><strong><i>Dann hat der Stadtplanungsausschu\u00df eine Besichtigung gemacht und kam zu dem Ergebnis, ich solle auch gegen\u00fcberliegend die 62 und 64 erwerben, mit abrei\u00dfen, damit dieses Haus so ein bi\u00dfchen Freiraum kriegt. Und damit die Ausnutzung dann von diesen H\u00e4usern, die nicht bebaut werden, hier stimmt, k\u00e4me ich auf 28 Geschosse. Dann habe ich angefangen, das dazuzuerwerben, und ich habe bis auf die 64 und 61 auch tats\u00e4chlich alles erworben \u2026\u201c (<strong>Ignatz Bubis (Investor) in einem Streitgespr\u00e4ch mit Daniel Cohn-Bendit, 1985)<\/strong><\/i><\/strong><\/p>\n<p><strong><i>\u00a0<\/i><\/strong><\/p>\n<h3><span style=\"color:#ff0000;\"><strong>Besetzung<\/strong><\/span><\/h3>\n<p><strong>1971 wurde der <i>Block<\/i> besetzt. Er bestand aus der Bockenheimer Landstra\u00dfe 111 bis 113 sowie der Schumannstra\u00dfe 69 bis 71. Vier herrschaftliche, ger\u00e4umige H\u00e4user im Patrizierstil, denen die \u00fcbliche Enge gro\u00dfz\u00fcgig abging. Gro\u00dfe Wohnungen, die f\u00fcr Wohngemeinschaften normalerweise unerschwinglich sind, nun aber ein idealer Ort f\u00fcr Wohngemeinschaften, f\u00fcr kollektives Leben wurden.<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wolfwetzel.files.wordpress.com\/2013\/02\/06-block-besetzer.jpg\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-3835\" alt=\"06-Block-Besetzer\" src=\"http:\/\/wolfwetzel.files.wordpress.com\/2013\/02\/06-block-besetzer.jpg?w=213&#038;resize=213%2C300\" width=\"213\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/06-block-besetzer.jpg?w=400&amp;ssl=1 400w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/06-block-besetzer.jpg?resize=214%2C300&amp;ssl=1 214w\" sizes=\"(max-width: 213px) 100vw, 213px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Der <i>Block<\/i> entwickelt sich zum Herzst\u00fcck des H\u00e4userkampfes oder auch zur letzten Bastion. Das lag zum einen an dem Komplex, der vier H\u00e4user umfasste und Platz f\u00fcr \u00fcber hundert BewohnerInnen hatte. Genug Fl\u00e4che, um neben Wohnraum auch Versammlungsr\u00e4ume, einen Kinderladen und ein Mieterzentrum einzurichten. Nat\u00fcrlich lag es auch an den illustren G\u00e4sten, die diesen <i>Block<\/i> bewohnten und sp\u00e4ter zur Stadtelite Frankfurts aufschlossen: Joschka Fischer (sp\u00e4ter Au\u00dfenminister und BMW-Vertreter), Johny Klinke (Besitzer des Variet\u00e9s <i>Tigerpalast<\/i> und des <i>Caf\u00e9 am Palmengarten<\/i>), Wolfgang Scheffler (Besitzer der <i>Batschkapp<\/i> und des <i>Nachtleben<\/i>) wohnten dort bzw. gingen dort ein und aus. Und nicht zu vergessen jene, die sp\u00e4ter weder Familie gr\u00fcndeten, noch Karriere machten, sondern sich bewaffneten Gruppen anschlossen, wie Hans-Joachim Klein, der sich den <i>Revolution\u00e4ren Zellen<\/i> (RZ) anschloss \u2026 und beim \u00dcberfall auf das OPEC-Geb\u00e4ude in Wien 1975 schwer verletzt wurde.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Der <i>Block<\/i> handelte mit dem neuen Besitzer Ignatz Bubis einen Nutzungsvertrag aus, Mietvertr\u00e4ge auf Zeit \u2013 bis der Investor die eingangs beschriebenen Schiebereien zu einem endg\u00fcltigen Ergebnis gebracht hatte. Anfang 1974 war es dann so weit: Der Investor, die beteiligten Banken und die darin verwickelten st\u00e4dtischen \u00c4mter hatten alles in trockenen T\u00fcchern, die Abrissgenehmigungen wurden erteilt. Die R\u00e4umung des <i>Blocks<\/i> war also nur noch eine Frage der Zeit.<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wolfwetzel.files.wordpress.com\/2013\/02\/bubis-grc3b6c39fter-1974.jpg\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-3836\" alt=\"Bubis ist der Gr\u00f6\u00dfte\" src=\"http:\/\/wolfwetzel.files.wordpress.com\/2013\/02\/bubis-grc3b6c39fter-1974.jpg?w=300&#038;resize=300%2C208\" width=\"300\" height=\"208\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/bubis-grc3b6c39fter-1974.jpg?w=800&amp;ssl=1 800w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/bubis-grc3b6c39fter-1974.jpg?resize=300%2C209&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/bubis-grc3b6c39fter-1974.jpg?resize=768%2C534&amp;ssl=1 768w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Nachdem die SPD-F\u00fchrung 1971 f\u00fcr kurze Zeit die Fassung verlor, die R\u00e4umungspolitik und den illegalen \u201eF\u00fcnf-Finger-Plan\u201c mit der sogenannten Ver\u00e4nderungssperre aussetzte, besann sie sich ihrer alten und einge\u00fcbten Rolle und kehrte zur gewaltsamen L\u00f6sung zur\u00fcck, die mit der Kettenhofweg-R\u00e4umung 1973 eingel\u00e4utet worden war. Nichts davon, was die Hausbesetzungen, die Proteste gegen st\u00e4dtische Wohn- und Stadtpolitik ausl\u00f6ste, wurde angegangen. Man hatte lediglich die Spitzen gekappt, ohne z. B. dem Verlangen nach bezahlbarem, billigem Wohnraum nachzukommen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das Wissen, dass sich die SPD weder der kapitalistischen Logik des Wohnungsmarktes entgegenstellen, noch den InvestorInnen und Banken im Weg stehen wollte, hat diese wohl dazu veranlasst, im Vorfeld der anstehenden R\u00e4umung eine <i>Kommunale Zeitung<\/i> herauszubringen, aus der einem bereits im Vorwort das schlechte Gewissen ins Gesicht sprang:<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201e<i>Es ist schlichtweg falsch zu behaupten, im Bauprojekt Bockenheimer Landstra\u00dfe\/ Schumannstra\u00dfe werde die Entscheidungsschlacht zwischen Stadtzerst\u00f6rung kapitalistischer Pr\u00e4gung und der Forderung nach einer menschlichen Stadt geschlagen. Die Stadt Frankfurt m\u00f6chte deshalb mit dieser \u201aKommunalen Zeitung\u2018 versuchen, auf die tats\u00e4chlichen Fakten hinzuweisen.\u201c<\/i><\/strong><\/p>\n<p><strong>Wie man den nicht mehr zu unterdr\u00fcckenden Skandal bedauert und weiterhin den InvestorInnen die Hand gehalten hatte, zeigte ein anderer Schachzug der SPD-Regierung. Neben der drohenden gewaltsamen L\u00f6sung bot sie auch eine \u201eweiche\u201c, \u201eintegrative\u201c L\u00f6sung an \u2013 um den InvestorInnen Luft zu verschaffen und gleichzeitig l\u00e4stigen \u00c4rger vom Hals zu halten.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die <i>Wohnheim GmbH<\/i>, eine st\u00e4dtische Transfergesellschaft, wurde gegr\u00fcndet. Hauseigent\u00fcmer- und InvestorInnen, die (noch) keine Baubewilligungen hatten, konnten ihre besetzten H\u00e4user durch die st\u00e4dtische <i>Wohnheim-Gesellschaft<\/i> verwalten lassen. Mehrere besetzte H\u00e4user wurden auf diese Weise von der <i>Wohnheim GmbH<\/i> \u00fcbernommen. Diese schloss zeitlich befristete Nutzungsvertr\u00e4ge mit den BesetzerInnen ab, bis die \u201eLeichen im Keller\u201c nicht mehr stanken \u2013 bis die Zeit wieder reif war, aus goldenem Boden Kapital zu schlagen.<\/strong><\/p>\n<h3><span style=\"color:#ff0000;\"><strong>Die R\u00e4umung<\/strong><\/span><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align:right;\"><strong><i>Parmesan und Partisan<\/i><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align:right;\"><strong><i>Wo sind sie geblieben?<\/i><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align:right;\"><strong><i>Parmesan und Partisan<\/i><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align:right;\"><strong><i>Alles wird zerrieben<\/i><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align:right;\"><strong>(Matthias Beltz)<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Auch die Polizeif\u00fchrung hatte aus der fehlgeschlagenen R\u00e4umung des Kettenhofwegs gelernt. Anstatt einen klaren R\u00e4umungstermin festzulegen, wurden wochenlang Ger\u00fcchte gestreut und gezielt lanciert. Man wusste, dass der <i>Block<\/i> nicht freiwillig aufgegeben werden w\u00fcrde, sondern militant verteidigt werden sollte. Wie bereits im Kettenhofweg wurde der <i>Block<\/i> solide verbarrikadiert und eine Alarmkette eingerichtet, um so innerhalb k\u00fcrzester Zeit Tausende von Menschen auf die Stra\u00dfe zu bringen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Um die Pl\u00e4ne der BesetzerInnen zu durchkreuzen, wurde kaum etwas ausgelassen: Telefone wurden \u00fcberwacht, Spitzel in den <i>Block<\/i> eingeschleust, die die Verteidigungsma\u00dfnahmen auskundschaften sollten und gleichzeitig Ger\u00fcchte streuten. Parallel dazu wurden Ma\u00dfnahmen ergriffen, die Mafia-Niveau hatten: Einige Wochen vor dem eigentlichen R\u00e4umungstermin wurden immer wieder Scheinangriffe unternommen: Mitten in der Nacht fuhren Hundertschaften der Polizei vor den <i>Block<\/i>, begleitet von mobilen Lichtbatterien, die den gesamten Komplex ausleuchteten und in eine gespenstische Szenerie verwandelten. Pl\u00f6tzlich war es taghell. Schreie, Kommandos, Befehle waren zu h\u00f6ren. Die BesetzerInnen l\u00f6sten die Alarmkette aus, rissen Hunderte, Tausende aus dem Schlaf \u2013 umsonst. Bevor sich alle den Schlaf aus den Augen gerieben hatten, wurden die Hundertschaften abgezogen. Zur\u00fcck blieb ein b\u00f6ser Traum. \u201e<em>Nach 30 Minuten ist der Spuk vorbei. Wieder Totenstille. Von nun an wird jede Nacht dieses Gespensterst\u00fcck aufgef\u00fchrt, dem wir hilflos ausgesetzt sind. Jede Nacht werden wir aus den Schlaf gerissen, werden beschimpft, wird uns das Zimmer ausgeleuchtet<\/em>.\u201c<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dieses Szenario wiederholte sich mehrere Male, bis die BesetzerInnen und Unterst\u00fctzerInnen es leid waren und jede weitere R\u00e4umungsdrohung f\u00fcr eine Finte hielten. Man blieb im Bett und glaubte an gar nichts mehr. Damit waren die SPD und die Polizeif\u00fchrung an ihrem Ziel. Die tats\u00e4chliche R\u00e4umung konnte in die Tat umgesetzt werden. Auch in der Nacht zum 21. Februar 1974 deutete alles auf eine weitere Scheinr\u00e4umung hin:<\/strong><\/p>\n<p><strong><i>\u201eGegen halb drei Uhr morgens ziehen die Einsatzwagen scheinbar erfolglos ab, um zwei Stunden sp\u00e4ter mit Wasserwerfern, Materialfahrzeugen mit Schwei\u00dfger\u00e4ten, Motors\u00e4gen und Kompressoren sowie Spezialwagen mit Flutlichtmasten wiederzukehren. Die H\u00e4user werden von helm- und schilderbewehrten Mannschaften vor herbeieilenden Unterst\u00fctzer\/innen abgesperrt, andere Beamte st\u00fcrmen mit Leitern und Motors\u00e4gen die verbarrikadierten Wohnungen, zerschlagen das gesamte Mobiliar und nehmen alle Besetzer\/innen fest.\u201c<\/i><\/strong><\/p>\n<p><strong>Die BesetzerInnen wurden in Gefangenenwagen abtransportiert, und das auf Abruf bereitstehende Abrissunternehmen fuhr vor, um die H\u00e4user noch im Morgengrauen in Schutt und Asche zu legen. <\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wolfwetzel.files.wordpress.com\/2013\/02\/08-block-rc3a4umung-1974.jpg\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-3837\" alt=\"Block-R\u00e4umung 1974\" src=\"http:\/\/wolfwetzel.files.wordpress.com\/2013\/02\/08-block-rc3a4umung-1974.jpg?w=300&#038;resize=300%2C237\" width=\"300\" height=\"237\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/08-block-rc3a4umung-1974.jpg?w=600&amp;ssl=1 600w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/08-block-rc3a4umung-1974.jpg?resize=300%2C237&amp;ssl=1 300w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Den ganzen Tag \u00fcber blieb das Westend eine Polizeihochburg. Das Areal wurde weitr\u00e4umig abgesperrt, der \u00f6ffentliche Verkehr eingestellt. Im Schutz von Hundertschaften sollte sofort mit dem Abriss der vier H\u00e4user begonnen werden. Um 17 Uhr waren alle H\u00e4user \u201e<em>umgelegt<\/em>\u201c. Nur noch Ruinen ragten aus den Bergen von Steinen heraus, w\u00e4hrend Hundertschaften der Polizei diese Mondlandschaft mit Absperrgittern und bewaffneten BeamtInnen sicherten.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Meldung verbreitete sich schnell. Auch wenn niemand so wirklich an eine erfolgreiche Verteidigung glaubte, so war diese Nachricht f\u00fcr die meisten niederschmetternd. Zwei Tage sp\u00e4ter, am 23. Februar 1974, fand eine gro\u00dfe Demonstration statt, in deren Mittelpunkt die gewaltsame R\u00e4umung des <i>Blocks<\/i> stand. \u00dcber 6.000 DemonstrantInnen kamen zusammen. Was normalerweise gewohnt laut und l\u00e4rmend vonstatten ging, war dieses Mal auffallend ruhig. Die Gesichter sahen m\u00fcde aus, der Gang vieler wirkte schleppend. Fast k\u00f6nnte man von einem Trauermarsch reden. Schwarze Fahnen flatterten zerschlissen im Wind, nur das \u201eA\u201c im Kreis irritierte diesen Eindruck. Die Sprachlosigkeit war \u00fcberall zu sp\u00fcren, die Frage: \u201eWie kann, wie muss es weitergehen?\u201c, konnte niemand beantworten.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Als die Spitze des Demonstrationszuges den <i>Block<\/i> erreichte, \u00e4nderte sich die Stimmung schlagartig. W\u00fctende Rufe waren zu h\u00f6ren, Parolen tauchten aus der Versenkung auf, die Niedergeschlagenheit machte der Wut Platz. Als k\u00f6nnte der Tr\u00fcmmerhaufen noch einmal zum Leben erwecket werden, sicherten Polizeiketten die Ruinen. Ein groteskes, aberwitziges Bild. Hunderte, Tausende scherten aus und st\u00fcrmten auf die postierten Polizeibeamten. In Sekundenschnelle verwandelte sich der Trauermarsch in eine tobende Menge. Als w\u00fcssten die Polizisten selbst nicht, was sie sch\u00fctzen sollten, rannten sie davon. Dass diese Provokation keiner Gedankenlosigkeit, sondern einem Plan geschuldet war, konnte man wenige Minuten sp\u00e4ter erleben. Wie aus dem Nichts, in Seitenstra\u00dfen lauernd, tauchten mehrere Polizeihundertschaften auf und griffen die gesamte Demonstration an. Dabei gingen sie mit ungeheuerer Brutalit\u00e4t vor. An diesem Tag waren besonders viele zivile Greiftrupps unterwegs: \u201e<em>Ich ging am Samstag, sp\u00e4tnachmittags, zusammen mit einem anderen Passanten auf der Robert-Mayer-Stra\u00dfe. Pl\u00f6tzlich kamen zwei Zivilautos auf uns zu, zwei M\u00e4nner in Zivil sprangen auf den anderen Passanten zu und schlugen ihn zusammen und schleiften ihn \u00fcber den Boden in das hellblaue Auto.<\/em>\u201c<\/strong><\/p>\n<p><strong>Diese Brutalit\u00e4t h\u00f6rte selbst dann nicht auf, als DemonstrantInnen festgenommen wurden. Der Terror ging im Gewahrsam weiter. Bei Verh\u00f6ren, bei Versuchen, Aussagen zu erpressen, wurden Gefangene derart misshandelt, dass man von Folter sprechen muss:<\/strong><\/p>\n<p><strong><i>\u201eSie fragten, woher ich den Schutzhelm habe. Dann schlugen sie mir den Helm auf die Nase [\u2026] Die Nase begann zu bluten. Ein Polizist: \u201aEr blutet ab\u2018. Ein anderer: \u201aWillst du den Dreck liegenlassen?\u2018. Dabei sah ich im Nebenzimmer, wie H.H. aufgefordert wurde, sein Blut aufzulecken, und man sein Gesicht auf den Boden dr\u00fcckte. Dann mu\u00dfte ich mit einem Lappen das Blut vom Boden aufwischen.\u201c<\/i><\/strong><\/p>\n<p><strong>(&#8230;)<\/strong><\/p>\n<h2><span style=\"color:#ff0000;\"><strong>Fr\u00fcchte des Zorns?<\/strong><\/span><\/h2>\n<p><strong>Zweifellos markiert der Kampf um den <i>Block<\/i>, die gewaltsame R\u00e4umung, den Wendepunkt im Frankfurter H\u00e4userkampf. Die Bewegung hatte sich ein Symbol geschaffen, hatte vieles auf die Verteidigung der besetzten H\u00e4user in der Bockenheimer Landstra\u00dfe\/Schumannstra\u00dfe konzentriert und musste verlieren. Die St\u00e4rke einer Bewegung \u2013 kein Zentrum, keinen Kopf zu haben \u2013 ging verloren. Man grub sich ein, legte sich fest, schaffte einen statischen Zustand, anstatt in Bewegung zu bleiben.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201e<em>Wir wollen alles<\/em>\u201c \u2013 damit war die Bewegung angetreten, und meinte damit mehr als Protest gegen eine verfehlte Wohn- und Stadtpolitik, f\u00fcr g\u00fcnstigen Wohnraum und tolerante VermieterInnen. Gemessen daran, ist sie gescheitert. Gemessen daran, was 1970 viele f\u00fcr unm\u00f6glich, unvorstellbar hielten, waren es wertvolle Erfahrungen, fantastische zwei, drei Jahre, die viele Beteiligte ver\u00e4ndert, viele Unbeteiligte beeinflusst und gepr\u00e4gt haben. Zweifellos ist es ihr gelungen, Stadtgeschichte zu schreiben, tats\u00e4chlich Einfluss zu nehmen, in die Hoheitssph\u00e4re der politischen Klasse einzudringen, ihre Pl\u00e4ne zu durchkreuzen. Der \u201eF\u00fcnf-Finger-Plan\u201c musste eingestampft werden. Die Fragen, wie man in der Stadt leben will, was Leben ausmacht und wer dar\u00fcber bestimmt, waren nicht l\u00e4nger Experten-, Stadtplaner-, Kapital- und Anlegerfragen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Insgesamt 24 H\u00e4user, die f\u00fcr neue Hochh\u00e4user abgerissen werden sollten, sind als Wohnh\u00e4user erhalten geblieben. \u00dcber ein Jahrzehnt blieb das Areal Bockenheimer Landstra\u00dfe\/Schumannstra\u00dfe eine Mondlandschaft \u2013 ein Wahrzeichen der SPD-Stadtregierung, die die R\u00e4umung, den Abriss der H\u00e4user damit begr\u00fcndete, dass sofort mit dem Neubau begonnen werden w\u00fcrde. Eine glatte L\u00fcge.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Frage, warum sich diese Bewegung nach zwei, drei Jahren ersch\u00f6pft hatte, warum sie gescheitert war, ob eine Bewegung immer ihr Ende in sich tr\u00e4gt, wird uns noch eine ganze Weile besch\u00e4ftigen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h2><span style=\"color:#ff0000;\"><strong>The westend-story never ends \u2026.<\/strong><\/span><\/h2>\n<p><strong>Ganze elf Jahre tat sich auf dem Gel\u00e4nde Bockenheimer Landstra\u00dfe\/Schumannstra\u00dfe nichts \u2026 oder doch \u2013 hinter den Kulissen: Die informellen Zusagen gegen\u00fcber dem Investor Bubis mussten in langen Verhandlungen in ein lukratives und ebenso rentables Gesch\u00e4ft transformiert werden. Die Gefahr, dass sich diese informellen Zusagen als rechtswidrig erweisen, war f\u00fcr beide Seiten zu gro\u00df. Zum anderen durchkreuzte die zweite Hausbesetzerwelle Anfang der achtziger Jahre ein weiteres Mal die Pl\u00e4ne von InvestorInnen und ganz besonders die Absichten vieler StadtplanerInnen, zur Politik \u201eas usual\u201c zur\u00fcckzukehren. Noch einmal hie\u00df es, F\u00fc\u00dfe stillhalten, kein Salz in eitrige Wunden streuen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201e<em>Erst elf Jahre sp\u00e4ter, im Fr\u00fchling dieses Jahres, erschienen Bauarbeiter und richteten die derzeit gr\u00f6\u00dfte Baustelle der Stadt ein. Statt der 28 Geschosse, die Bubis f\u00fcr den Bauplatz einmal genehmigt worden waren, entstehen nur noch sechs Etagen.<\/em>\u201c <\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wolfwetzel.files.wordpress.com\/2013\/02\/bockenheimer-schummannstrac39fe-netz.jpg\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-3841\" alt=\"Bockenheimer-Schummannstra\u00dfe-Netz\" src=\"http:\/\/wolfwetzel.files.wordpress.com\/2013\/02\/bockenheimer-schummannstrac39fe-netz.jpg?w=300&#038;resize=300%2C225\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/bockenheimer-schummannstrac39fe-netz.jpg?w=640&amp;ssl=1 640w, https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/bockenheimer-schummannstrac39fe-netz.jpg?resize=300%2C225&amp;ssl=1 300w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Auszug aus dem Buch:<\/strong><\/p>\n<p><strong><span style=\"color:#ff0000;\">WIR WOLLEN ALLES \u2013 der Beginn einer Bewegung<\/span> <\/strong><\/p>\n<p><strong>H\u00e4userkampf Teil I (1970-1985),Wolf Wetzel, Band 21, <\/strong><\/p>\n<p><strong>Bibliothek des Widerstandes, LAIKA- Verlag,2012<\/strong><\/p>\n<p><strong>Hamburg 2012,\u00a0 ISBN: 978-3-942281-05-8 <\/strong><\/p>\n<div>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<p>Views: 928<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolf Wetzel Die Geschichte des Blocks ist auch die Geschichte eines Frankfurter Stadtteils Wie alles anfing \u2013 die \u201e68er\u201c der Nichtw\u00e4hlbaren \u00a0 \u201eIch will Ihnen mal erz\u00e4hlen, wie das damals gelaufen ist. Die Stadt wollte<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[21,34],"tags":[353,381,454,613,900,839,1079,1204,1292,1294,1347,1473,2311,2699,2742,2752],"class_list":["post-3829","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichte-der-hauserkampfe-wir-wollen-alles-beginn-einer-bewegung","category-politik","tag-bauantrag","tag-bebauungsplan-westend","tag-bockenheimer-landstraseschumannstrase","tag-der-block","tag-frankfurter-hauserkampf-1970-74","tag-funf-finger-plan","tag-hans-joachim-klein","tag-ignaz-bubis","tag-johny-klinke","tag-joschka-fischer","tag-keller-leichen","tag-leichen-im-keller","tag-stadtplanungsamt","tag-westend-spekulation","tag-wohnheim-gmbh","tag-wolfgang-scheffler"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3829","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3829"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3829\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3829"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3829"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3829"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}