{"id":15590,"date":"2025-03-26T19:11:51","date_gmt":"2025-03-26T18:11:51","guid":{"rendered":"https:\/\/wolfwetzel.de\/?p=15590"},"modified":"2025-04-05T15:52:53","modified_gmt":"2025-04-05T13:52:53","slug":"das-schlagwort-antisemitismus-hat-die-substanz-eines-hohlkoerpers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2025\/03\/26\/das-schlagwort-antisemitismus-hat-die-substanz-eines-hohlkoerpers\/","title":{"rendered":"Das Schlagwort \u201eAntisemitismus\u201c hat die Substanz eines Hohlk\u00f6rpers"},"content":{"rendered":"<h1>Das Schlagwort \u201eAntisemitismus\u201c hat die Substanz eines Hohlk\u00f6rpers<\/h1>\n<p><em>In der letzten Zeit kann man fast an jeder Ecke sehr ernste Warnungen vor dem Antisemitismus h\u00f6ren. Eine Rede, eine Parole, eine falsche Sprache, ein Tuch, ein rotes Dreieck, eine Wassermelone, auch ein St\u00fcck davon, reichen, um auf jeden Fall \u201eantisemitische Tendenzen\u201c auszumachen. Man kann auch sagen: Ein Apfel ist eine Banane. Alles andere ist Antisemitismus.<\/em><\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-15096 size-post-thumbnail\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/Antisemitimus-Experte-D-Plakat.jpg?resize=700%2C435&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"435\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Bei aller kafkaesken L\u00e4cherlichkeit muss es uns darum gehen, sich des Begriffes Antisemitismus bewusst zu werden, um mit diesem Vorwurf offensiv umzugehen.<\/em><\/p>\n<p><em>Denn gerade jene, die dieses Schlagwort wie Tr\u00e4nengas einsetzen, bedienen sich dem Kerngehalt des Antisemitismus: Herrschaftsverh\u00e4ltnisse auf den Kopf zu stellen, um sie zu sch\u00fctzen.<\/em><\/p>\n<p><strong>Vorbemerkung:<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt einen sehr wesentlichen <strong>Unterschied zwischen Rassismus und Antisemitismus<\/strong>, der oft nicht beachtet wird.<\/p>\n<p>Im Rassismus geht es darum, die Schuldigen f\u00fcr die Armut und das Elend <strong>ganz unten<\/strong> zu verorten. Es geht dabei um Fl\u00fcchtlinge, um Menschen, die nichts haben \u2013 au\u00dfer einer anderen Hautfarbe, einer anderen Herkunft.<\/p>\n<p>Der Rassismus verspricht also, dass Armut und Elend verschwinden, wenn die Fl\u00fcchtlinge, die Ausl\u00e4ndern verschwunden sind.<\/p>\n<p>Im Antisemitismus geht es darum, die Schuldigen f\u00fcr Reichtum und Verschwendung <strong>ganz oben <\/strong>zu verorten. Es geht dabei um die \u201eJuden\u201c, die alles in der Hand haben, Geld, Protz und Macht. Der Antisemitismus verspricht also, dass dieser Protz, dieser unanst\u00e4ndige Reichtum verschwindet, wenn man die \u201eJuden\u201c vertrieben hat.<\/p>\n<p>Rassismus und Antisemitismus sind in gewisser Weise Zwillinge. Beide zielen darauf ab, die wahren Herrschaftsverh\u00e4ltnisse zu verschleiern. Beide zusammen stellen die Herrschaftsverh\u00e4ltnisse von oben und unten auf den Kopf, um sie zu besch\u00fctzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Beim Antisemitismus geht es nicht um die Wirklichkeit j\u00fcdischen Lebens<\/strong><\/p>\n<p>Das klingt im ersten Augenblick verst\u00f6rend bis crazy:\u00a0Beim Antisemitismus geht es nicht um den Hass auf \u201eJuden\u201c, sondern um das, was man in sie hineinprojiziert hatte und hat.<\/p>\n<p>Die allermeisten Nicht-Juden wussten gar nicht, was und wer ein Jude ist. Das gilt ganz besonders f\u00fcr die Zeit in den 1920er und 1930er Jahren. Der \u201eJudenstern\u201c der Nazis war folglich notwendig, um die zu markieren, die man als Jude gar nicht erkannt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Die meisten Juden lebten so unauff\u00e4llig wie alle anderen auch. Aufgrund der jahrhundertelang gepflegten christlichen Judenfeindlichkeit waren sie dar\u00fcber hinaus auf der Hut, sich auf besondere Art sichtbar zu machen.<\/p>\n<p>Die allermeisten Juden in Deutschland kannte man nicht \u2013 bis auf die wenigen, die der christliche Judenhass schon immer als das B\u00d6SE markiert hatte. Jene wenigen Juden, denen die Geldgesch\u00e4fte vorbehalten waren, die lange im Christentum bis in den Feudalismus hinein als S\u00fcnde gebrandmarkt wurden. Die Rothschilds &amp; Co. waren also vor allem ein Produkt des christlichen Antisemitismus.<\/p>\n<p>Die \u00fcbergro\u00dfe Mehrheit der Juden lebte in Gettos oder in \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen am Rand der Gesellschaft. Sie hatten nichts zu sagen und waren ohne Einfluss. Das st\u00f6rt den Judenhass nicht. Im Gegenteil: Das ist die Grundlage des Antisemitismus.<\/p>\n<p>\u201eDie Juden\u201c hatten nichts mit den Juden zu tun, sondern mit denen, die sie als Projektionsfl\u00e4che benutzten.<\/p>\n<p>Und das war naheliegend: Sie waren als S\u00fcndenb\u00f6cke seit Jahrhunderten markiert, f\u00fcr all das, was Feudalismus, Ausbeutung und sp\u00e4ter Kapitalismus ausmacht: Unversch\u00e4mter Reichtum, unglaubliche Verschwendungssucht.<\/p>\n<h2><strong>Der Antisemitismus ist eine Ideologie und ein Herrschaftsinstrument zugleich. <\/strong><\/h2>\n<p>Das hei\u00dft eben auch, dass der Antisemitismus die Zeit reflektiert, also v\/erkl\u00e4rt, in der er wirkt. Daraus ergibt sich, dass der Antisemitismus f\u00fcr die jeweiligen Herrschaftsinteressen angepasst wird. Die entsprechenden Wirklichkeitspartikel gibt es in den verschiedensten historischen Epochen:<\/p>\n<p>Sei es der religi\u00f6se\/christliche Antijudaismus, der den \u201e<em>Judas<\/em>\u201c als Verr\u00e4ter und Gegenbild zu \u201eJesus\u201c erfunden hat.<\/p>\n<p>Sei es den \u201e<em>Geldjuden<\/em>\u201c in Zeiten des Feudalismus, als Geldgesch\u00e4fte f\u00fcr Christen verboten waren und auf diese Weise der \u201eGeldjude\u201c f\u00fcr alles herhalten sollte, was mit Schulden und Zinsen zu tun hatte.<\/p>\n<p>Auf all dies konnte der deutsche Faschismus aufsetzen und dabei eins draufsetzen: Er erfand das Gespenst von der \u201e<em>j\u00fcdisch-bolschewistischen Weltverschw\u00f6rung<\/em>\u201c. An dieser Mischform erkennt man am deutlichsten, dass es nicht um die Juden ging, sondern um das Generieren von alten (und neuen) Feindbilder. Das neue Feindbild war dabei der Kommunismus in Gestalt der KPD. Diese bek\u00e4mpfte man am besten, indem man den <em>Antikommunismus<\/em> mit dem <em>Antisemitismus<\/em> in einer Zuchtanstalt kreuzte. Das all dies nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatte, war mehr als gleichg\u00fcltig. Festhalten kann man jedenfalls, dass der Antisemitismus im Dritten Reich, im deutschen Faschismus Staatsraison war.<\/p>\n<p>Und auch im Nachkriegsdeutschland h\u00e4lt sich der Antisemitismus dort hartn\u00e4ckig, wo man Bill Gates nicht f\u00fcr seine milliardenschweren Politiken verantwortlich macht, sondern wegen seiner j\u00fcdischen Herkunft.<\/p>\n<p>Auch so kann man das, was der Kapitalismus von Profit- in Machtakkumulation umwandelt, ins \u201ej\u00fcdische\u201c Wesen umlenken \u2013 was ja nichts anders bedeuten soll als: Der Kapitalismus ist ganz in Ordnung, wenn es nicht die \u201eBill Gates\u201c g\u00e4be.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass der Antisemitismus sp\u00e4testens nach 1967 ein Schattendasein f\u00fchrt, die bedingungslose Solidarit\u00e4t mit dem j\u00fcdischen Staat Israel zur partei\u00fcbergreifende \u201eStaatsraison\u201c avanciert ist, ist kein Zufall und auch keine willk\u00fcrliche Haltung.<\/p>\n<p>Damit hatte man auf gewisse Weise den milit\u00e4rischen Sieg Israels getoppt. Fortan konnte man das Gedenken an den Holocaust problemlos mit Kriegsverbrechen, internationalen Rechtsbr\u00fcchen, Post-Kolonialismus und kriegst\u00fcchtigem Staat verzahnen.<\/p>\n<p>Das klingt auf den ersten Blick verst\u00f6rend. Die Begr\u00fcndung f\u00fcr diese \u201eZeitenwende\u201c liegt im Wesenskern des Antisemitismus selbst begr\u00fcndet.<\/p>\n<h2><strong>Zentrale Merkmale des Antisemitismus<\/strong><\/h2>\n<p>Obgleich der Antisemitismus also in der je wirksamen Epoche verschieden modelliert ist, gibt es ganz zentrale Merkmale, die f\u00fcr alle Modelle gelten m\u00fcssen.<\/p>\n<p><em>Die antisemitische Verschw\u00f6rungsideologie imaginiert eine omnipotente Macht der Juden.<\/em><\/p>\n<p>Diese zieht im Verborgenen ihre F\u00e4den und h\u00e4lt so die Wirtschaft, die Politik und unser aller Leben in der Hand. Was dem normalen Menschen verborgen bleibt, erkennt der Antisemitismus: Hinter dieser abstrakten Macht verbergen sich die Juden, die f\u00fcr Elend und Reichtum, f\u00fcr Schmutz und Glanz gleicherma\u00dfen verantwortlich gemacht werden.<\/p>\n<p><em>Mithilfe dieses imaginierten Feindes werden die wahren Herrschaftsverh\u00e4ltnisse auf den Kopf stellt.<\/em><\/p>\n<p>Damit verteidigt man sie zugleich \u2013 indem man in \u201edie Juden\u201c all das hineinprojiziert, was der Kapitalismus an Elend und Ausbeutung produziert. Dabei erweist sich der Antisemitismus als Schutzheiliger des Kapitalismus: Er erfindet das \u201e<em>schaffende Kapital<\/em>\u201c, das gut, ehrlich und bl\u00fctenwei\u00df ist. Und als Gegenbild schafft er das \u201e<em>raffende Kapital<\/em>\u201c, das Verderben, Elend und Hunger produziert. Man muss es vorsichtshalber dazusagen: Mit dem \u201eraffenden Kapital\u201c sind die Juden gemeint.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2><em>Der Antisemitismus verortet die Macht dort, wo sie nicht ist. <\/em><\/h2>\n<p>Der Antisemitismus lebt und gedeiht im Irrsinn: Er macht aus marginalisierten und diskriminierten Juden einen \u00fcberm\u00e4chtigen Feind, den man gefahrlos aus dem Weg r\u00e4umen \u201emuss\u201c. Er ist damit ein Komplize der Herrschaft und nicht sein \u201egr\u00f6\u00dfter\u201c Feind. Diese antisemitische Verschw\u00f6rungsideologie ist also das Gegenteil einer Analyse:<\/p>\n<p><em>Sie verblendet und verschleiert Herrschaftsverh\u00e4ltnisse und gibt armen Schweinen das Gef\u00fchl, Herrenmenschen zu sein<\/em>.<\/p>\n<p>Die Ideologie des Antisemitismus kann man als eine doppelte Paradoxie begreifen:<\/p>\n<ul>\n<li><em>Man behauptet, Herrschaftsverh\u00e4ltnisse zu durchschauen, indem man sie zum Verschwinden bringt.<\/em><\/li>\n<li><em> Der Antisemitismus bietet uns Schuldige, die Juden an, um die wirklich M\u00e4chtigen zu sch\u00fctzen.<\/em><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2><strong><em>Das Phantom der<\/em><\/strong><strong> Antisemitismus-<em>Oper<\/em><\/strong><\/h2>\n<p>Mit dem in Deutschland als \u201eBlitzsieg\u201c (in gekonnter Anlehnung an den Blitzsieg gegen Polen 1941) gefeierten Sieg der israelischen Armee gegen die \u201eAraber\u201c und der damit einhergehenden Besetzung pal\u00e4stinensischer Gebiete in Syrien, Westjordanland und Gaza, bahnte sich eine notwendige staatsm\u00e4nnische Wende an. Der j\u00fcdische Staat hat sich als m\u00e4chtig, als \u00fcberlegen, als sichere Bank im arabischen Raum erwiesen. Ab diesem Zeitpunkt hat er sich als eine zentrale St\u00fctze in der imperialistischen Ordnung des Westens bew\u00e4hrt und ausgezeichnet. Aus \u201eDavid\u201c ist ein \u201eGoliath\u201c geworden.<\/p>\n<p>Damit ist dem Antisemitismus ein wesentliches Axiom genommen worden: Der imaginierte Feind, der tats\u00e4chlich schutz- und wehrlos ist. Man h\u00e4tte zu dem Schluss kommen k\u00f6nnen, dass der Antisemitismus obsolet geworden ist, zumal ja das Bekenntnis zum j\u00fcdischen Staat einen Staat meint, in dem die Juden gerade keine Opfer, sondern privilegiert sind, das Sagen haben.<\/p>\n<p>Anstatt den Begriff Antisemitismus fallen zu lassen, schlachtete man ihn aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2><strong>Das Schlagwort \u201eAntisemitismus\u201c hat die Substanz eines Hohlk\u00f6rpers<\/strong><\/h2>\n<p>Man kaperte den Begriff, drehte ihn um und verwendet ihn nun gegen jene, die die imperiale Politik in und zusammen mit Israel kritisieren.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wussten die Herren der Bewusstseinsindustrie, dass man diese Kritik an dem Staat Israel nicht im Geringsten mit Antisemitismus in Verbindung bringen kann. Daf\u00fcr fehlen schlicht die Grundbedingungen. Die Kritik am staatlichen Vorgehen Israels hat sich keinen <em>imaginierten<\/em> Feind aufgebaut (wie im Antisemitismus), sondern ist mit einem <em>realen, sehr m\u00e4chtigen <\/em>Feind konfrontiert. Diese Kritik kann und mag falsch sein. Aber das hat nichts mit Antisemitismus zu tun.<\/p>\n<p>Diesen haarstr\u00e4ubenden Missbrauch versuchte man in Folge mit einem Trick aus dem Weg zu r\u00e4umen: Fortan sprach man vom \u201es<em>ekund\u00e4ren<\/em>\u201c und seit ein paar Jahren vermehrt vom \u201e<em>Israel bezogenen Antisemitismus<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Letztere Begriffsfindung ist eigentlich ein offenes Bekenntnis zur ideologischen Raubkunst. Lassen wir einmal beiseite, dass sich die pal\u00e4stinensischen Menschen in den besetzten Gebieten keine deutsche Lehrstunde in Sachen Antisemitismus anh\u00f6ren wollen. Moshe Zuckermann, in Tel Aviv lebend, sagte einmal sehr treffend sinngem\u00e4\u00df:<\/p>\n<p>Die Pal\u00e4stineserInnen brauchen keinen Antisemitismus, um auf Israel w\u00fctend zu sein.<\/p>\n<h2><strong>Wenn das Schlagwort \u201eAntisemitismus\u201c seine Begrifflichkeit totschl\u00e4gt<\/strong><\/h2>\n<p>Der Scheinbegriff vom \u201e<em>Israel bezogenen Antisemitismus<\/em>\u201c bezieht sich ja haupts\u00e4chlich auf all jene, die in Deutschland den Vernichtungskrieg in Gaza, den Genozid nicht totschweigen, sondern zur Sprache bringen.<\/p>\n<p>Jetzt k\u00f6nnte man einwenden, dass diese pro-pal\u00e4stinensischen Proteste nur Kritik an dem Staat Israel als Vorwand nehmen, um ihren Antisemitismus durch die Hintert\u00fcr auszuleben.<\/p>\n<p>Dieser vorgebliche Blick in die wahre Seele des pro-pal\u00e4stinensischen Protestes ist aus einem weiteren Grund haarst\u00e4ubend: Bis heute gibt es keine \u00f6ffentliche Erw\u00e4hnung von und Auseinandersetzung \u00fcber profaschistische Kr\u00e4fte in Deutschland und im Ausland, die Israel eben nicht zum Teufel w\u00fcnschen, sondern feiern!<\/p>\n<p>Bemerkenswert an der bedingungslosen Solidarit\u00e4t mit dem j\u00fcdischen Staat ist das politische Spektrum, das sich da zusammentut: Es reicht von der sich selbst inszenierenden politischen Mitte, bis hin zu den nicht unbedeutenden Teilen der \u201eNeurechten\u201c (von AfD bis hin zu Teilen der \u201eSezession\u201c). Und gerade die postfaschistischen Fraktionen machen das offen und sichtbar, was die politische Mitte mit vornehmer Zur\u00fcckhaltung unterst\u00fctzt und m\u00f6glich macht: Sie feiern Netanjahu als den starken Mann, den sie sich auch f\u00fcr Deutschland w\u00fcnschen. Ein Mann, der sich nichts vorschreiben l\u00e4sst, der die institutionelle Gewaltenteilung f\u00fcr liberalen Bullshit h\u00e4lt und der genau wei\u00df, dass es nicht auf (die Einhaltung von) Gesetzen ankommt, sondern auf das Gewaltpotenzial, \u00fcber alle Gesetze und Grenzen hinweg Fakten zu schaffen. Dass die deutschen \u201eNeurechten\u201c dies begr\u00fc\u00dfen ist kein Irrtum, so wenig wie die Unterst\u00fctzung der Netanjahu-Regierung von Mitgliedern, die sich selbst als Faschisten bezeichnen. Dazu z\u00e4hlt ganz prominent der israelische Finanzminister Smotrich.<\/p>\n<p>Wenn hier also mit dem Scheinbegriff \u201eIsraelbezogener Antisemitismus\u201c massiv und rechtsbrecherisch die propal\u00e4stinensischen Proteste zerschlagen werden sollen, dann dient dieser ausschlie\u00dflich als Leichentuch, unter dem sich Neokolonialismus, Imperialismus und Staatsterrorismus verbergen. Das ist auch der Grund, warum sich heute die \u201epolitische Mitte\u201c, die \u201eNeurechten\u201c und die Faschisten so nahe sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn man sich also wieder daran erinnert, welche Bedeutung der Begriff Antisemitismus hat, dann kommt man wieder an seinen Kern:<\/p>\n<p>Der Antisemitismus stellt die Herrschaftsverh\u00e4ltnisse auf den Kopf und verteidigt sie damit. Und genau das geschieht in der Israel-Pal\u00e4stina-Debatte von Regierungsseite st\u00e4ndig und sehr gewollt. In diesem Weltbild sind die Pal\u00e4stinenser daran schuld, dass die Israelis nicht in Frieden auf geraubtem Land leben k\u00f6nnen. In diesem Weltbild sind die Pal\u00e4stinenser die Terroristen und somit die gr\u00f6\u00dfte Gefahr f\u00fcr die in Israel beheimatete \u201emoralistische Armee\u201c der Welt. In diesem Weltbild verteidigt sich <em>David<\/em> mit den gro\u00dfherzigsten Freunden gegen einen <em>Goliath<\/em>, der mit den aller schlimmsten Monstern im Bunde ist.<\/p>\n<p>Das wird hoffentlich an einem zentralen Baustein dieser auf dem Kopf stehenden Weltsicht deutlich: Bis heute, vom 8. Oktober 2023 bis zum 19. Januar 2025, also \u00fcber vierzehn Monate <em>verteidigte, verteidigte, verteidigte<\/em> sich Israel in einem vom ihm besetzten Land, namens Gaza, im besetzten Westjordanland, auf den besetzten Golan-H\u00f6hen und im einst besetzten S\u00fcdlibanon (und ab und an in Syrien).<\/p>\n<p>Wenn man sich diese verkehrte Welt vor Augen f\u00fchrt, also dieses geschlossene Weltbild, dann wird die Welt des Antisemitismus lebendig. In der wissenschaftlichen Debatte tauchte einmal der Begriff des \u201e<em>strukturellen Antisemitismus<\/em>\u201c auf, der genau dies zu erfassen versuchte. Offensichtlich ahnte man die Gefahr, die mit dieser Erkenntnis verbunden sein k\u00f6nnte und l\u00f6schte ihn aus der Diskussion.<\/p>\n<p>Was heute die \u00f6ffentlich-rechtlich-private Bewusstseinsindustrie mit Blick auf Pal\u00e4stina-Israel pr\u00e4gt und dominiert, ist genau dieser \u201estrukturelle Antisemitismus\u201c &#8211; on the ground.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2><strong>Es gab einen Faschismus ohne Juden und es gibt einen Faschismus mit Juden<\/strong><\/h2>\n<p>Zweifellos war im deutschen Faschismus der (eliminatorische) Antisemitismus beherrschend, was \u00fcbrigens nicht f\u00fcr alle Faschismen gilt.<\/p>\n<p>Heute gibt es einen Weg in den Faschismus <em>mit<\/em> Juden, um sehr genau zu sein, <em>mit<\/em> dem Kriegskabinett Netanjahus. Um ihn herum sind Mitglieder versammelt, die unverh\u00fcllt faschistisches Gedankengut verbreiten bzw. sich selbstbewusst als Faschisten bezeichnen. Sie alle markieren nicht den Rand der israelischen Regierung, sondern das Zentrum. Dazu geh\u00f6rt nicht nur der genannte Finanzminister Smotrich, der ganz offen besetztes Land in israelisches Staatsgebiet transformieren will, wobei als Begr\u00fcndung \u2013 ber\u00fchrungsfrei -auch die faschistische Terminologe \u201e<em>Ein Volk ohne Raum<\/em>\u201c f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Der stellvertretende Knesset-Vorsitzende Nissim Vaturi von der LIKUD-Partei Netanjahus spricht davon, alle in Gaza hinrichten zu lassen. F\u00fcr ihn sind Pal\u00e4stinenser (nachdem er sie von den Frauen und Kinder getrennt hat) \u201e<em>Abschaum und Untermenschen<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Er hat ein Recht darauf, mit den Nazis verglichen zu werden.<\/p>\n<p>Dass genau dies vor unser aller Augen passiert, ist ein existenzieller Grund, dar\u00fcber zu reden, es zur Sprache zu bringen, sich dem Unfassbaren zu stellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wolf Wetzel<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Publiziert im Magazin Manova am 26.3.2025: <a href=\"https:\/\/www.manova.news\/artikel\/vorwurf-ohne-substanz\">https:\/\/www.manova.news\/artikel\/vorwurf-ohne-substanz<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong><u>Quellen und Hinweise:<\/u><\/strong><\/h3>\n<p><em>Der eliminatorische Nationalismus. Zwischen Krieg und Krieg in Gaza um Pal\u00e4stina<\/em>, Wolf Wetzel, 2023: <a href=\"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2023\/11\/29\/der-eliminatorische-nationalismus-zwischen-krieg-und-krieg-in-gaza-um-palaestina\/\">https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2023\/11\/29\/der-eliminatorische-nationalismus-zwischen-krieg-und-krieg-in-gaza-um-palaestina\/<\/a><\/p>\n<p><em>Es gibt einen Faschismus ohne und mit Juden<\/em>, Wolf Wetzel, 2025: <a href=\"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2025\/02\/25\/es-gibt-einen-faschismus-ohne-und-mit-juden\/\">https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2025\/02\/25\/es-gibt-einen-faschismus-ohne-und-mit-juden\/<\/a><\/p>\n<p><em>Antisemitische Antisemitismus-Vorw\u00fcrfe<\/em>, Thomas Moser\/Magazin Overton vom 12.3.2025: <a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/hintergrund\/gesellschaft\/antisemitische-antisemitismus-vorwuerfe\/\">https:\/\/overton-magazin.de\/hintergrund\/gesellschaft\/antisemitische-antisemitismus-vorwuerfe\/<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Views: 238<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Parole, eine falsche Sprache, ein Tuch, ein rotes Dreieck, eine Wassermelone, auch ein St\u00fcck davon, reichen, um auf jeden Fall \u201eantisemitische Tendenzen\u201c auszumachen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":15096,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[5,8,16,24,25,31,34,36,37],"tags":[7194,201,6847,5623,208,7193,6462,832,6958,7192,6198,6661,5214,1277,7131,2031,2042,7191,4005,6476],"class_list":["post-15590","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-04-texte","category-antifaschismus","category-deutsche-kriegspolitik","category-imperialismus","category-kapitalis-mus-s","category-nahost-israel-palastina","category-politik","category-rassismus","category-repression","tag-abschaum-und-untermenschen","tag-antifaschismus","tag-antijudaismus","tag-antikommunismus","tag-antisemitismus","tag-das-schaffende-kapital","tag-der-eliminatorische-nationalismus","tag-faschismus","tag-finanzminister-smotrich","tag-geldjuden","tag-israel-bezogenen-antisemitismus","tag-judas","tag-judenstern","tag-juedisch-bolschewistischen-weltverschwoerung","tag-nissim-vaturi","tag-raffendes-kapital","tag-rassismus","tag-rothschild","tag-sekundaerer-antisemitismus","tag-struktureller-antisemitismus"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/wolfwetzel.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/Antisemitimus-Experte-D-Plakat.jpg?fit=1020%2C638&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15590","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15590"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15590\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15614,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15590\/revisions\/15614"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15096"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15590"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15590"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15590"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}