Haben wir verloren? Eine Spurensuche
Charlotte Wiedemann hat diese Frage – mit Blick auf die Palästina-Solidaritätsarbeit – in ihrem taz-Beitrag vom 12. August 2026 gestellt. Mit einer solchen Frage löst man keine Jubelstürme aus und doch ist diese Frage eminent wichtig.
Ihren Beitrag beginnt sie damit, die Frage zeitlich einzubetten:
„Die Frage mag anmaßend klingen. Denn wer, bitteschön, soll dieses Wir sein? Ich meine alle, die sich in den vergangenen drei Jahren bemüht haben, palästinensisches Leid in Deutschland sichtbarer zu machen, in der Hoffnung, dies werde Folgen haben, humanitär und politisch. Das ist die denkbar breiteste Definition. Dennoch soll sich hier niemand zwangsintegriert fühlen. Meine Überlegungen sind das Resultat einer gewissen Verzweiflung – und vielleicht kann eine nüchterne Bilanz dazu beitragen, Auswege zu finden. Die Bewegung für palästinensische Rechte und Selbstbestimmung hat schmerzlich wenig erreicht. Darüber zu sprechen, ist kein Defätismus.“
Wenig später kommt sie auf die schmerzhaften Punkte zu sprechen:
„Gewiss: In den vergangenen drei Jahren sind zahllose gute Initiativen, Projekte und Bündnisse entstanden, die gleiche Rechte für alle in Israel-Palästina zusammendenken und eine Erinnerungskultur jenseits der autoritären Staatsraison erschaffen. Solche Prozesse haben ihren eigenen Wert. Doch ab welchem Grad an politischer Wirkungslosigkeit ist die Grenze zur puren Selbsttröstung überschritten? Tröstung darin zu finden, dass man sich der eigenen Humanität versichert, ist nicht verwerflich. Nur hilft es der Mutter in den Trümmern von Gaza wenig.
Haben wir Fehler gemacht? Gewiss. Die Bewegung war, bitte ankreuzen, zu radikal, zu zahm, zu laut, zu leise, zu zersplittert … Aber keine dieser Schwächen, kein Versäumnis war entscheidend für die deprimierende Bilanz von so viel Bemühen. Entscheidend war und ist die Liturgie der Verweigerung und der Gewissenlosigkeit auf Seiten jener, an die wir appellierten. Was daraus folgt? In Mut- und Tatenlosigkeit zu versinken, ist keine Option. Aber es scheint Zeit für einen kollektiven Reflexionsprozess und für neue Strategien.“
Ich möchte dieses Ansinnen aufgreifen, denn diese Fragen umtreiben mich auch seit Längerem. Dabei will ich ein wenig ausholen, denn ich bin davon überzeugt, dass das Hadern und Zweifeln an unserem (Nicht-)Tun in der Palästina-Solidaritätsarbeit vor allem die vielen schwarzen Löcher aufzeigt, die sich lange vor dem Genozid in Gaza/Palästina aufgetan haben.
IIan Pappe hat bereits sehr früh die eine Seite dieses Kristallationsprozesses beschrieben:
„Wir erleben derzeit einen Prozess der Globalisierung Palästinas:
ein globales Palästina, das sich aus Zivilgesellschaften, Bürgern und Bewegungen zusammensetzt, die so vielfältig sind wie die indigenen Bewegungen, Black Lives Matter, feministischen Bewegungen – mit anderen Worten, alle antikolonialen Bewegungen, die vielleicht wenig über die Palästinafrage wissen, aber wissen, was Unterdrückung bedeutet.
Dieses globale Palästina muss in der Lage sein, sich gegen das globale Israel zu behaupten, das sich aus westlichen Regierungen und der Rüstungsindustrie zusammensetzt. Wie kann dies erreicht werden? Indem die Kämpfe gegen Ungerechtigkeiten auf der ganzen Welt in einem Netzwerk verbunden werden.“ (Ilan Pappe, il manifesto.it vom 1.12.2023)
Doch es gibt auch eine endogene Seite dieses Haderns und Zweifelns: Es existieren bereits lange vor „Gaza“ sehr viele Bruchlinien, tote Winkel, rote Zonen, die fast ausschließlich von Zerwürfnissen, Streits, Abgrenzungen, Trennungen und Sprachlosigkeit zusammengehalten werden. Dabei funktioniert Israel/Gaza wie ein Brennglas: Sehr vieles kommt dort zusammen: Die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte, mit dem deutschen Faschismus. Welche (antifaschistischen) Lehren ziehen wir daraus? Wie gehen wir mit den vielen Niederlagen um, an denen wir gar nicht beteiligt waren?
Die Antworten, die Charlotte Wittemann zum Ankreuzen anbietet, umreißen dieses endogene Feld recht genau:
„Die Bewegung war, bitte ankreuzen, zu radikal, zu zahm, zu laut, zu leise, zu zersplittert …
Ich möchte für die Antworten einen größeren Bogen schlagen. In den 1970er und 1980er Jahren war dies eine oft gerufene Parole:
„Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“
Man kann sagen, dass diesen Spruch Millionen Menschen geteilt hatten, von der Anti-AKW-Bewegung bis zur Friedensbewegung gegen den atomaren Wahnsinn (Aufstellung von atomaren Mittelstreckenraketen auf deutschem Boden/Pershing II) in den 1980er Jahren.
Aber was heißt das (heute)?
Für die einen ist Greta Grünberg bereits eine Zumutung. Die anderen vermuten hinter den Klimaaktivisten die „fünfte Kolonne“ (von wem auch immer). Und wieder andere finden Sabotageaktionen wie die von „ULM5“ gegen den israelischen Waffenkonzern Elbit Systems kontraproduktiv und schädlich.

Und was halten die zahlreichen Kritiker für richtig? Was würden sie (stattdessen) vorschlagen?
Bei der Frage, wie ein erfolgreicher Widerstand aussehen könnte, geht es doch nicht darum, dass nun jemand den Plan auf den Tisch legt, wie man das Kriegsministerium stürmen oder das Bundeskanzleramt blockieren kann. Darum geht es ja nicht. Weit davor bestimmt doch die Angst, öffentlich, gemeinsam darüber zu reden und zu diskutieren, wie man sich dieser erdrückenden Repression widersetzen kann. Das andeutungsvolle Nichtssagen hilft dabei gar nicht, sondern verstärkt schlimmstenfalls nur das Schweigen und die (Selbst-)Täuschung.
„Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, dass das, was mir nicht passt, nicht länger geschieht.“ (Ulrike Meinhof)
Ich bin in den 1970er Jahren politisch aktiv geworden. Der Satz, den man Ulrike Meinhof zuschreibt, als sie noch Redakteurin bei der Zeitschrift „Konkret“ war, prägte unser und mein Tun:
„Protest ist, wenn ich sage, das und das paßt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß das, was mir nicht paßt, nicht länger geschieht. Protest ist, wenn ich sage, ich mache nicht mehr mit. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß alle andern auch nicht mehr mitmachen.“ (konkret 5/1968)
Ich hatte Glück, dass ganz viele bereits „Nein“ gesagt hatten, zum autoritären und duckmäuserischen Nachkriegsdeutschland, zu den Eltern, die schwiegen und mitmachten, zu den „deutschen Tugenden“ (wegen mir auch die sekundären), die man hochhielt wie die Bibel.
Ich sog dieses „Nein“ auf wie Nektar, denn es ließ mich erahnen und spüren, dass ich nicht alleine bin, dass es nicht an mir lag, dass ich fast überall auffiel und rausfiel.
Dem immer gründlicheren und radikaleren „Nein“ folgten Aktionen und Beteiligungen, bei denen es darum ging, dem „Nein“ materielle Gewalt zu verschaffen, also dafür zu sorgen, dass das nicht länger geschieht, wogegen sich mein/unser „Nein“ richtet.
Das fing mit Hausbesetzungen an, bei denen es nicht nur um die Eigentumsfrage geht, sondern ganz besonders (dringlich) darum, wie wir leben, wie wir zusammenleben wollen. Also eben nicht in kleinen, verschlossenen Ein-Familien-Wohnungen, sondern als Wohngemeinschaft, als Kollektiv, all das, was die Wohnungseigentümer in der Regel untersagten.
Nicht viel später kamen die Anti-AKW-Kämpfe dazu. Zuerst war das Nein gegen den Atomstrom, gegen die Nutzung einer unkalkulierbaren, nicht beherrschbaren Energieform, die eng mit der militärischen Nutzung zusammenhing. Dann ging es darum, dem „Nein“ Nachdruck zu verleihen.

Dazu gehörte der Versuch, den Bauplatz in Brokdorf zu besetzen, der Kampf gegen den Superphönix in Frankreich, bis hin in die 1980er Jahre, als es den gemeinsamen Versuch gab, die atomare Wiederaufbereitungsanlage (WAA) in Wackersdorf zu verhindern.
Das Wort „nein“, also auch das Sich-Erklären, gehörte also eng mit dem zusammen, was man dann mit dem jeweiligen Risiko zu verhindern versuchte.
Damit will ich sagen, dass das Wort sehr eng mit den eigenen Taten zusammenhing. Nicht selten hinkte das Wort, die Erklärungen gar den Taten hinterher.
Ich kann im Großen und Ganzen sagen, dass ich damals, also in den 1970er Jahren bis etwa 2010 mit mir, mit meinen „großen, schlauen Worten“ im Reinen war.
Das ist seitdem nicht mehr so. Ich schreibe noch. Ich erkläre mir und möglichst auch anderen, wie man Wissen und 50 Jahre Erfahrung zusammenbringen kann, dass wir alles tun sollten, um dieses kollektive Wissen nicht – wie in der griechischen Sage -im Fluss Ethane zu ertränken.
Dabei beobachte ich an mir ein dreifaches Paradoxon:
Ich schreibe besser (nach meinen Maßstäben). Ich kann in größeren Begründungszusammenhängen denken. Und ich kann das „private“ mit dem „objektiven“ viel besser zusammenbringen.
Ich schreibe seit ein paar Jahren an ein größeres, „breiteres“ Publikum (über NachDenkSeiten bis zu Telepolis). Vor 40 Jahren schrieben wir für „uns“ und in einem klar konturierten Kontext: für ein autonomes, antikapitalistisches Selbstverständnis. Jetzt muss ich mich mehr begründen, lerne auf scheinbare Selbstverständlichkeiten zu verzichten. Wenn ich mich nicht täusche, erreiche ich heute mehr Menschen als früher. Aber ich bin von ihnen nicht umgeben. Sie sind weitgehend eine Netzerscheinung. Darüber hinaus habe ich eine Vermutung: Sie, die Leserinnen und Leser bilden keine „Einheit“, etwas Kollektives, sondern sie sind sehr viele Vereinzelte, (selbst) Isolierte.
Und drittens und das ist das schwierigste: Die Kluft zwischen dem, was ich weiß (was ich heute um einiges besser weiß und verstehe) als vor 40 Jahren und dem eigentlichen Nicht-Tun wird immer größer.
Das Wort, das man dafür fand, ist zwar ein wenig großspurig, aber im Kern sehr zutreffend:
Es geht dabei um „kognitive Dissonanz“. Was ist damit gemeint? Es geht um das immer größere Auseinanderklaffen von (abstrakter) Erkenntnis und (konkretem) Alltagsarrangement.
Das nicht lange zurückliegende Beispiel dafür ist … Corona. Wer kann, wer will das Wort (also all das, was damit zusammenhängt) noch hören?
Und dabei gibt es eine heimliche Allianz zwischen den „Corona-Befürwortern“ und den „Corona-Leugnern“ (ich verwende bewusst diese Deformierungen). Diejenigen, die die Corona-Maßnahmen im Großen und Ganze begrüßten, müssten bei dem Wissen, das heute verfügbar ist, aufgrund der vielen schmallippigen Eingeständnissen vonseiten der Herren des Ausnahmezustandes, ihr eigenes Mitmachen hinterfragen.
Und diejenigen, die viele dieser Maßnahmen zurecht kritisierten und mit Sanktionen und zerbrochenen Freundschaften bezahlten, können diese amtlichen „Entschuldigungen“ nicht ertragen, weil sie konsequenzlos bleiben. Denn je mehr sich von dem bewahrheitet, was man als Kritik vorbrachte, desto mehr müssen auch wir uns fragen, was wir alles mitgemacht haben – nicht aus Überzeugung, sondern aus Ohnmacht. Auf dem Höhepunkt des G 1-G XXL-Strafparcours blieb mir und einigen mehr im öffentlichen Raum nur noch ein Café und ein Freizeitpark.
Das ist auch einer der wesentlichen Gründe, warum die „Nachrichtenmüdigkeit“ deutlich zunimmt. Die einen wollen wenig bis gar nichts mehr hören, weil es einen nur mit der eigenen Ohnmacht konfrontierten würde! Wobei habe ich mitgemacht, wann habe ich „nein“ gesagt?
Und die anderen Wenigen schlingen sich die Nachrichten rein wie in einem Fressanfall, bis sie kotzen müssen.
Dabei muss man betonen, dass es gar nicht an Nachrichten, also auch guten, kritischen, überprüfbaren Nachrichten fehlt. Zwar hat die Meinungsvielfalt in den öffentlich-rechtlich-privaten Anstalten die Breite einer Dachrinne und wird zunehmend schmaler. Aber man konnte sich, man kann sich immer noch ausreichend informieren, schlau machen.
Wer, um Corona nicht länger anzusprechen, sich zum „ersten Angriffskrieg in Europa“ nach dem Zweiten Weltkrieg informieren will, wer wissen will, worum es alles in dem Krieg in der Ukraine geht, wer bei diesem Krieg ins Gras beißen wird und wer sich goldene Zähne machen lässt, der muss nicht in den Untergrund gehen, sondern findet dazu genug Material, mehr als ihm, als ihr lieb ist.
Mir selbst geht es zum „Ukraine-Krieg“ mittlerweile wie zu Corona-Zeiten. Ich kann die guten und richtigen Nachrichten, die deutlich und vehement dem Regierungsmärchen widersprechen, in der Ukraine werde die „Freiheit“, die „wertebasierte Weltordnung“ verteidigt, nur noch sehr dosiert an mich herankommen lassen.
Es geht heute mehr denn je darum, das folgende Dilemma zu lösen: Es fehlen uns nicht Informationen und Fakten, die uns erlauben, politisch Position zu beziehen, den Kriegs(treiber)parteien die Stirn zu bieten. Das Misstrauen gegenüber dem, was man uns zum „Krieg in der Ukraine“, was uns über das “Recht Israels auf Selbstverteidigung“ in besetzten Gebieten erzählt wird, ist beachtlich:
Laut der Mainzer Langzeitstudie „Medienvertrauen“ aus dem Jahr 2022 (Medienvertrauen nach Pandemie und „Zeitenwende“) sind es nur 45 Prozent der Befragten, die den etablierten Medien voll und ganz/eher vertrauen, und damit weniger als beim allgemeinen Vertrauensniveau hinsichtlich wichtiger Themen (49 Prozent).
Die Glaubwürdigkeit der Laufstallmedien, die sich gar für Qualitätsmedien ausgeben, ist auf dem Tiefpunkt. Das sind ziemlich viele Menschen, also Millionen, die eigentlich dissident sind. Aber sie sind nicht sichtbar.
Also macht es doch Sinn, Gegenöffentlichkeit zu schaffen?
Über einen wichtigen und sehr essenziellen Zusammenhang von Wissen und Wirkmächtigkeit hat die Zeitschrift „Media Perspektiven“ im Jahr 2017 geschrieben:
Dabei zeigt sich, dass Medienvertrauen in einem deutlichen Zusammenhang mit der generellen Unzufriedenheit mit dem politischen System und der Wahrnehmung einer geringen politischen Wirksamkeit steht. Je stärker die Zweifel am politischen System sowie das Gefühl der eigenen Wirkungslosigkeit ausgeprägt sind, umso kritischer ist das Bild von der Berichterstattung in den klassischen Medien (…). Menschen, die starke politische Zweifel und ein geringes Wirksamkeitsempfinden haben, vertrauen den Printmedien und den öffentlich-rechtlichen Sendern weniger, stattdessen stärker den Informationen in sozialen Netzwerken.
Es geht darum, uns Gedanken über unsere Wirkmächtigkeit zu machen. Damit das Wort nicht verloren geht und die Tat nicht unerklärlich bleibt.
Wolf Wetzel | 19. August 2026
Quellen und Hinweise:
Vom Protest zum Widerstand, Ulrike Meinhof, in: konkret 5/1968, S. 5. Der Satz ist allerdings nicht von ihr, sondern, wie sie im zitierten Artikel schreibt, von einem „Schwarzen der Black-Power-Bewegung auf der Vietnamkonferenz (…) in Berlin“. Quelle: https://beruhmte-zitate.de/zitate/138181-ulrike-meinhof-protest-ist-wenn-ich-sage-das-und-das-passt-mir-n/
Nur ein Piks? Mit ganz viel Schwindel und Repression, Wolf Wetzel: https://overton-magazin.de/kolumnen/kohlhaas-unchained/nur-ein-piks-mit-ganz-viel-schwindel-und-repression/
Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen, 2022, Medienvertrauen nach Pandemie und „Zeitenwende“: https://www.ard-media.de/fileadmin/user_upload/media-perspektiven/pdf/2023/MP_8_2023_Mainzer_Langzeitstudie_Medienvertrauen.pdf
Studie: Vertrauen in ARD und ZDF auf Alllzeittief, Sebastian Köhler, telepolis vom 5. Mai 2023: https://www.telepolis.de/features/Studie-Vertrauen-in-ARD-und-ZDF-auf-Alllzeittief-8987797.html?seite=all
Keine Angst. Oder doch? Wolf Wetzel, 2026: https://wolfwetzel.de/index.php/2026/07/21/keine-angst/
Wenn die Anklagebank für Beihilfe zum Genozid in Gaza/Palästina in D. leer bleibt. „Den Rasen betreten“ mit Ulm5, Wolf Wetzel, 2026: https://wolfwetzel.de/index.php/2026/07/25/wenn-die-anklagebank-fuer-beihilfe-zum-genozid-in-gaza-palaestina-frei-bleibt/
„Haben wir verloren? Charlotte Wiedemann, taz vom 12.8.2026: https://taz.de/Krieg-in-Nahost/!6203427/
Die Kluft zwischen …: https://www.facebook.com/share/r/1BhhhryAfP/
Views: 103
