Eine Zensur in Deutschland findet nicht statt. Wenn doch, dann ist es ein Glitch

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Eine Zensur in Deutschland findet nicht statt. Wenn doch, dann ist es ein Glitch

Das beschämende Schauspiel – die Berlinale 2026

 

Sophie Albers Ben Chamo zeigte sich in der „Jüdischen Allgemeinen“ vom 11. Februar 2026 mit dem „reformierten“ Berlinale-Programm für dieses Jahr zufrieden:

„Im vergangenen Jahr ist die Berlinale unter ihrer neuen Chefin Tricia Tuttle angetreten, den Blick zu weiten und der global fortschreitenden Polarisierung und Ideologisierung zu widerstehen. Gerade hat sie sich vehement gegen Kulturboykotte ausgesprochen, und das aktuelle Programm kann man durchaus als einladend bezeichnen, wenn es um israelische und jüdische Themen geht.“

An Verlogenheit und Platzpatronen-Argumenten ist diese Stellungnahme kaum zu überbieten. Gerade die AutorInnen der „Jüdischen Allgemeinen“ sind für jede Art von Boykott, wenn es darum geht, den Protest mundtot zu machen, der sich gegen den Genozid durch das israelische Kriegskabinett wendet.

Wie heuchlerisch ist es also, jetzt die neu platzierte Berlinade-Chefin für das zu loben, wofür man sie ins Amt gehievt hatte.

Man hat nach der Berlinale 2024 gesäubert, abgeräumt und ausgeschaltet, was nur geht. Das ging relativ ruhig und geräuschlos über die Bühne. Man holte sich eine gefügsame Berlinale-Chefin, sortierte das Personal neu und machte das Programm staatsraisonabel. Und als Aushängeschild konnte man den Filmemacher Wim Enders als Jury-Präsidenten gewinnen.

Es herrschte Zufriedenheit. Und dann passierte doch noch ein Malheur. Die „Jüdische Allgemeine“ (JA) stottere sich das so zurecht:

„Die 76. Berlinale hat mit Glamour, großen Gefühlen und einem wunderbaren Eröffnungsfilm begonnen. Respekt wurde großgeschrieben am ersten Tag. Nur auf der Pressekonferenz der Jury versuchte der Journalist Tilo Jung vergeblich zu polarisieren.“ (JA vom 13. Februar 2026)

Die „Atmosphäre der Empathie und der Sehnsucht“ störte also vor allem einer: Der Journalist Tilo Jung und Podcaster von „Jung & Naiv“. Er stellte auf der Pressekonferenz eine Frage, die sich eigentlich alle stellen müssten und deren Antwort alle interessieren sollte:

„Jung hatte die Jury auf der Pressekonferenz mit der Frage zum Thema „selektive Menschenrechte“ geschockt und der Berlinale vorgeworfen, sich mit Menschen im Iran und in der Ukraine zu solidarisieren, nicht aber mit Palästinensern. Konkret ging es darum, ob die Jury vor dem Hintergrund, ‚dass die deutsche Regierung den Völkermord in Gaza unterstützt und Hauptgeldgeber der Berlinale ist, diese selektive Behandlung der Menschenrechte‘ mittrage.“ (merkur.de vom 14.2.2026)

Offensichtlich hatte auch die Technik ein staatsraisonables „App-Gefühl“. Sie schaltete sich ab. Das entging dem Autor Jung nicht und so fragte er nach, ob e sich dabei um Zensur handele.

Immerhin fiel als Antwort nicht, dass die Nachfrage antisemitisch sei oder zumindest konnotiert oder auf jeden Fall sekundär verkleidet. Man hatte eine totale einleuchtende Erklärung: Es hätte sich um eine „technische Panne“ gehandelt. Ausgerechnet an dieser Stelle?

Mir fiel sofort ein ähnliches Ereignis ein – in Deutschland.

A mentsh is a mentsh. Ja?

Der international anerkannte Professor für Holocaust und Genozid Studien Omar Bartov wurde am 12. März 2024 in die Bonner Bundeskunsthalle eingeladen.

Die Bundeskunsthalle hat diese zweite Gesprächsrunde so angekündigt:

„A mentsh is a mentsh ist der Titel dieser Gesprächsreihe mit Nicole Deitelhoff und Meron Mendel über den Umgang mit Antisemitismus, Rassismus und Post-Kolonialismus. Terror und Krieg in Nahost belasten das gesellschaftliche Klima – auch in Deutschland und Europa. Antisemitische Vorfälle häufen sich – selbst in künstlerischen und wissenschaftlichen Kontexten. Wie soll man damit umgehen? Wie soll man Konflikten und Sensibilitäten, realen und imaginierten Verletzungen, Unschärfen und Widersprüchen begegnen? Wie können wir halbwegs integer miteinander reden und zusammenwirken? Von Mensch zu Mensch? (…) In unserem zweiten Gespräch über die Auswirkungen des 7. Oktober auf Kunst und Kultur werden wir uns vor allem mit solchen Dynamiken des kommunikativen Handelns beschäftigen – und nicht zuletzt mit der Frage, welche Wege aus den blockierenden Konfrontationen und eskalierenden Situationen herausführen könnten.“

 

Die Veranstaltung wurde in Echtzeit gestreamt und aufgezeichnet. Letzteres wurde auf YouTube hochgeladen und hatte die Länge von 1.31 Stunden. Man konnte sich das anschauen und hätte nichts besonders Auffälliges entdecken können. Alle eingeladenen Gäste wurden vorgestellt und kamen zu Wort. Man fiel sich nicht ins Wort und ließ sich ausreden. Das Gesprächsklima war aufmerksam und freundlich.

Tatsächlich wurde jedoch einiges von dem, was Omar Bartov zum Genozid-Vorwurf gegen das israelische Kriegskabinett mit Blick auf Gaza/Palästina gesagt hatte … gelöscht.

Das merkte man an keiner Stelle.

Omar Bartov selbst hatte darauf in einer Twitter-Nachricht aufmerksam gemacht, mit den Worten:

 

It has been pointed out to be that some of my words in this conversation around min 38, apparently referring to potencial genozid in Gaza was edited out. I checked and that is indeed the case. This is very troubling and will hopefully corrected.“

 

 

 

Man muss es vorsichtshalber ins deutsch übersetzen, um zu verstehen, was er genau damit meint:

 

„Man hat mich darauf hingewiesen, dass einige meiner Worte in diesem Gespräch um die Minute 38, die sich offenbar auf den potenziellen Genozid in Gaza beziehen, herausgeschnitten wurden. Ich habe das überprüft, und das ist tatsächlich der Fall. Das ist sehr beunruhigend und wird hoffentlich korrigiert.“

 

Als dies auch die Bundeskunsthalle bzw. die Verantwortlichen erreicht hatte, war man mit einer X-Meldung vom 15.3.2024 zur Stelle:

„In der Tat ein ärgerlicher Glitch. Es handelt sich keineswegs um Zensur, sondern um einen Aussetzer des Livestreams. Wir werden die Aufzeichnung ohne diese technische Panne so schnell wie möglich hochladen.“

Um auch diese Antwort zu verstehen, muss man wissen, was „Glitch“ bedeutet:

„Als Glitch werden kleine oder minimale Fehlfunktionen, Fehler, Macken und Pannen in der Informationstechnik, bei Software und Computern bezeichnet. Ein „Glitch“ entsteht meist durch äußere Umstände …“

In welchem Zustand sich diese Republik befindet, macht diese Episode deutlich. Das Format ist freundlich, die formulierten Absichten ehrenwert. Man will Diskussion, verschiedene Positionen zu Wort kommen lassen, fair miteinander umgehen … und der Frage gerecht werden:

„Wie können wir halbwegs integer miteinander reden und zusammenwirken? Von Mensch zu Mensch?“

Man muss ebenfalls erwähnen, dass der Moderator Meron Mendel (auch Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt) ein bedächtiger und sympathischer Mensch ist.

Der Elefant im Raum

In seiner Anmoderation hatte er auf einen Offenen Brief („The elephant in the room“) hingewiesen, in dem zahlreiche UnterstützerInnen sowohl die geplante „Justizreform“ in Israel kritisiert hatten und dabei auch auf die Besatzung hingewiesen hatten, also den unsichtbaren Elefanten, der ständig mit im „Raum“ ist, wenn es um eine Lösung des Israel-Palästina-Konfliktes geht. Der Offene Brief wurde ein paar Monate vor dem 7. Oktober 2023 verfasst.

 

Man kann jetzt sagen, der Elefant ist ausgebrochen, kommentierte Meron Mendel diese fatale Entwicklung.

 

 

Dieser „Offene Brief“ ist deshalb so besonders, weil genau diese beiden Umstände auch in Israel auseinanderfallen:

Da gehen Hunderttausende gegen die Netanjahu-Regierung, gegen Regierungskriminalität und den geplanten Verfassungscoup namens „Justizreform“ auf die Straße, wochenlang und sehr ausdauernd. Aber sie thematisieren nicht die Besatzung, die dieselbe Regierung mit reaktionärem und postfaschistischem Eifer fortsetzt.

Wenn man all das halbwegs berücksichtigt, ist dieser Zensur-Umgang auf eine besondere Art deprimierend, in doppelter Hinsicht. Die Begründung ist haarsträubend: Warum soll eine Technik ausnahmsweise dann „versagen“, wenn jemand über den potenziellen Genozid durch Israel spricht. Die Begründung stinkt zum Himmel. Denn wenn es ein Glitch gewesen wäre, dann ist zum einen erstaunlich, warum es diese „Panne“ nur und ausschließlich bei den Ausführungen zum möglichen Genozid in Gaza gab. Zum anderen würde der Glitch doch irgendwo passieren, aber doch nicht Millisekunden genau am Ende eines Satzes, also so, dass man das nicht merken kann/soll.

Der Elefant ist ein Dauergast

Zum zweiten wäre doch eine wirklich ehrliche Antwort notwendig gewesen, wenn man den eigenen Worten gerecht werden will.

Offensichtlich ist der innere Druck mit Blick auf die „deutsche Staatraison“ bereits so groß, dass der „Elefant“ nicht nur in Israel präsent ist, sondern auch in Deutschland durch die Medienhäuser, Museen, Theater, Studios und Köpfe trampelt.

Das einzugestehen wäre eine ermutigende Ausnahme, die eine Diskussion über unsichtbare Elefanten und Scheren im Kopf beflügeln könnte.

Wolf Wetzel

 

Quellen und Anmerkungen:

A Mentsh is Mentsh – und ein Glitch, Wolf Wetzel, 2024: https://wolfwetzel.de/index.php/2024/03/19/a-mentsh-is-mentsh-und-ein-glitch/

Die Berlinale 2024. Ein Stofffetzen und ein paar Palästinensertücher, Wolf Wetzel, 2024: https://wolfwetzel.de/index.php/2024/03/05/die-berlinale-ein-stofffetzen-und-ein-paar-palaestinensertuecher/

Was die Berlinale diesmal bietet, Sophie Albers Ben Chamo, Jüdische Allgemeine vom 11. Februar 2026: https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/was-die-berlinale-diesmal-bietet/

Eine respektvolle Berlinale scheint möglich, Sophie Albers Ben Chamo, Jüdische Allgemeine vom 13. Februar 2026: https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/eine-respektvolle-berlinale-scheint-moeglich/

Wim Wenders: Berlinale hält sich politisch nicht raus, welt.de vom 15.2.2026: https://www.welt.de/regionales/berlin/article250119228/Wim-Wenders-Berlinale-haelt-sich-politisch-nicht-raus.html

Tilo fragt Berlinale-Jury zu Gaza & selektiver Solidarität | 12. Februar 2026: https://www.youtube.com/watch?v=QqjOw7QXrxs

 

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