„Niemand ist illegal auf gestohlenem Land.“ (Billie Eilish, Grammy-Verleihung 2026)

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„Niemand ist illegal auf gestohlenem Land.“ (Billie Eilish, Grammy-Verleihung 2026)

Es gibt mehrere Gründe, warum man gegen die ICE-Besatzungsarmee in den USA ist:

Man ist gegen jede Form der Besatzung, egal wo sie ausgeübt, egal mit welcher Rechtfertigung. Ob in Gaza/Palästina, in Syrien durch die türkische Armee oder im Irak durch die US-Armee. Das ist ganz und gar nicht selbstverständlich, sondern eine minoritäre Position.

Der zweite Grund ist ein sehr instrumenteller, der seine Basis in EU-Staaten hat und medial entsprechend viel Publizität genießt: Man will die Trump-Regierung politisch schwächen, um den eigenen militärischen und politischen Machtanspruch zu untermauern. Dieselben, die Israels Besatzungspolitik seit 1967 verteidigen und bewaffnen, die politische Opposition in ihren Ländern kriminalisieren und denunzieren, finden nun – ausnahmsweise – recht klare Worte gegen die ICE-Einsätze in den USA. Jetzt findet man sogar politische Einordnungen, wie in der Frankfurter Rundschau, die die US-Regierung auf den Weg in den Faschismus sieht.

Die dritte Position ist weder situativ noch taktisch. Sie artikuliert Weltbewusstsein und setzt der Fragmentierung Zusammenhänge entgegen. Naheliegend, dass man sie verschweigt und verleugnet.

Umso wichtiger ist es, dieses Verständnis zu etablieren und zu stärken. Und das ist eben auch bei der Grammy-Verleihung 2026 geschehen. Also dort, wo man es nicht erwartet hätte.

Stefan A.K. Weichelt hat auf seiner Facebook-Seite einen sehr, sehr guten Text geschrieben, den ich hier weitgehendst wiedergeben möchte:

„Diese Veranstaltung war ungewöhnlich politisch. Viele Künstlerinnen und Künstler haben offen Stellung bezogen gegen das Vorgehen von ICE, gegen Abschiebungen, gegen Entmenschlichung. Vieles davon war wichtig. Aber ein Satz hat sich bei mir festgesetzt.

Er kam von Billie Eilish:

 

„Niemand ist illegal auf gestohlenem Land.“

Um diesen Satz wirklich zu verstehen, muss man sich die Geschichte ansehen.

Die europäische Kolonisierung Nordamerikas begann ab 1492, zunächst schleichend, später systematisch. Ab dem 17. Jahrhundert folgten organisierte Landnahmen durch europäische Mächte. Die Vereinigten Staaten entstanden 1776 – auf einem Kontinent, der längst von Hunderten indigenen Nationen bewohnt war, mit eigenen Kulturen, Sprachen, Gesellschaften und tiefen Bindungen an ihr Land.

Im 19. Jahrhundert wurde aus Verdrängung ein staatlich organisiertes Projekt. Mit Gesetzen, Armeen und Verwaltungsakten.

1830 verabschiedete die US-Regierung den Indian Removal Act. Damit wurde die gewaltsame Umsiedlung indigener Gemeinschaften legalisiert. Ganze Völker wurden aus ihren angestammten Gebieten gerissen, zu Fuß über Tausende Kilometer getrieben, in Reservate gepfercht, die oft kaum lebensfähig waren. Der sogenannte Trail of Tears steht exemplarisch dafür: Hunger, Krankheiten, Erschöpfung, Tod. Zehntausende verloren ihr Leben – nicht durch Natur, sondern durch politische Entscheidungen.

Doch selbst das war nicht das Ende. In den Jahrzehnten danach folgten weitere Kriege, Massaker, gezielte Zerstörung von Lebensgrundlagen. Büffel wurden systematisch ausgerottet, um Gemeinschaften auszuhungern. Verträge wurden gebrochen, sobald sie wirtschaftlich im Weg standen. Das war keine Ausnahme, das war Methode.

Und dann kam die nächste Stufe.

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden indigene Kinder ihren Familien weggenommen und in sogenannte Boarding Schools gesteckt. Staatliche Umerziehungsanstalten. Dort durften sie ihre Sprache nicht sprechen, ihre Kultur nicht leben, ihre Namen nicht behalten. Viele wurden misshandelt, viele starben. Die letzte dieser Schulen schloss erst in den 1970er-Jahren. Massengräber werden bis heute gefunden. Dieser Teil der Geschichte ist bis heute nicht wirklich aufgearbeitet. Kein Randthema, sondern ein historischer Skandal.

Vor diesem Hintergrund spricht dieses Land heute von „illegalen Menschen“.

ICE-Agenten jagen Migrantinnen und Migranten, trennen Familien, deportieren Menschen. Und ein Präsident wie Donald Trump legitimiert das mit Angst, mit Hetze, mit Machtfantasien – während auch seine eigene Familie einst zugewandert ist. Ohne besonderes Recht. Einfach Menschen, die kamen.

Genau deshalb ist dieser Satz von Billie Eilish so stark.

Er ist nicht provokant. Er ist präzise.

Er ist nicht emotional überzogen. Er ist historisch zwingend.

Er verbindet Kolonialgeschichte mit heutiger Politik in einem einzigen Gedanken.

Für mich bleibt ganz klar:

Das ist der Satz des Monats.

Und Billie Eilish ist nach diesem Moment mehr denn je ein Vorbild für mich. Weil sie zeigt, dass Haltung nichts mit Alter zu tun hat. Und dass Menschlichkeit bedeutet, Dinge beim Namen zu nennen – auch dann, wenn es unbequem ist.

Ich wünsche mir, dass viel mehr Menschen mit Reichweite, Einfluss und Stimme genau das tun. Für ein Miteinander. Für Würde. Für Menschlichkeit.“

Wer dem Satz von Billie Eilish nachgeht, wird feststellen, wie präsent Kolonialismus und Rassismus heute sind, mit welcher Wucht und brachialer Gewalt sie „wiederauferstehen“.

Der noch amtierende US-Präsident Donald Trump hat dies vor Kurzen sehr klar in Erinnerung gerufen und zum Maßstab der gegenwärtigen Kriegspolitik gemacht. Er will die „Monroe-Doktrin“ aus dem Jahr 1823 (!!!) wieder anwenden. Damals wurde sie von dem US-Präsident James Monroe in seiner Rede zur Lage der Nation vor dem Kongress verkündet. Sie definierte Nord- und Südamerika als Eigentum der USA. Sie zielte auf die Zerschlagung der Unabhängigkeitsbewegungen in Lateinamerika. Sie war aber auch zugleich gegen die europäischen Mächte gerichtet, die vom gestohlen Kontinent etwas abhaben wollten.

Karl Marx sagte einmal sehr treffend: „Die Geschichte wiederholt sich, zuerst als Tragödie, dann als Farce.“

Doch auch eine Farce – und der Trumpismus ist eine solche – kann mörderisch sein, möglicherweise noch mörderischer als das Original.

 

Wolf Wetzel

 

Quelle und Hinweise:

AmeriKKKa first, Wolf Wetzel, 2020: https://wolfwetzel.de/index.php/2020/06/01/amerikkka-first/

Das psychotische Imperium, Wolf Wetzel, 2026: https://wolfwetzel.de/index.php/2026/01/08/das-psychotische-imperium/

Der Mord an Alex Pretti durch ICE-Agenten. Wenn ein externer Faktenprüfer für Facebook viel zu gut ist, Wolf Wetzel, 2026: https://wolfwetzel.de/index.php/2026/01/31/der-mord-an-alex-pretti-durch-ice-agenten-wenn-ein-externer-faktenpruefer-fuer-facebook-zu-gut-ist/

Der US-Krieg im Inneren geht weiter, Wolf Wetzel, 2026: https://wolfwetzel.de/index.php/2026/01/26/der-us-krieg-im-inneren-geht-weiter/

Nachdem ich mir die Grammy-Verleihung (2026) komplett angesehen habe … Stefan A.K. Weichelt vom 3.2.2026: https://www.facebook.com/stefanakweichelt

 

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