Anne Frank und das Palästinensertuch (Kufiya)

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Anne Frank und das Palästinensertuch (Kufiya)

Für alle, die Anne Frank nicht kennen: Sie war etwa vier Jahre alt, als die deutschen Faschisten in Deutschland 1933 an die Macht gebracht wurden. Ihre jüdische Familie floh 1934 in die Niederlande, wo sie in Amsterdam ihr neues Zuhause fand. 1940 wurde die Niederlande von der deutschen Wehrmacht besetzt. Das Leben wurde auch und gerade für sie immer gefährlicher. Über zwei Jahre verbrachte sie in einem Versteck, schrieb dort das später berühmt gewordene „Tagebuch“. Am 4. August 1944 wurde die Familie entdeckt und verhaftet. Anne kam über die Lager Westerbork und Auschwitz schließlich ins KZ Bergen-Belsen, wo sie Anfang 1945 vermutlich im Februar oder März an Typhus starb.

Heute steht „Anne Frank“ für eine ausgesprochen verlogene Erinnerungskultur. Diejenigen, die heute gerne an Anna Frank erinnern, wollen sich partout nicht daran erinnern, wer den deutschen Faschismus an die Macht gebracht hat, wer die Grundlagen für Judenhass, Antijudaismus, Antisemitismus und Vernichtungswillen gelegt hatte. Denn die Angst, die Ohnmacht, die Anne Frank in ihrem Tagebuch beschreibt, hat ihre Vorgeschichte eben genau dort, wo die bürgerliche „Mitte“ zuhause ist – unter jenen, die Anne Frank heute nochmals gefangen nehmen – für eine Erzählung, die genau jene außen vor lässt, die jahrzehntelang dafür gesorgt hatten, dass die NSDAP an die Macht gelangen konnte.

Nun hat der italienische Künstler Costantino Ciervo sie aus den Fängen der Mittäter und Mitläufer „befreit“, indem er Anne Frank in seinem Gemälde mit einem Palästinensertuch, eine Kufiya ausgestattet hat.

 

Das hat er nicht nur mit Anne Frank gemacht, sondern mit vielen, die ähnliche Schicksale erleben haben, für ähnliche Staatsverbrechen stehen. Es ist keine allzu schwere intellektuelle Herausforderung, wenn man dies als künstlerischen Versuch verstehen soll und kann, dass Staatsverbrechen bis hin zu einem Genozid ähnlich und dieselben Merkmale aufweisen.

 

Das Palästinensertuch, die Kufiya, steht für das Verbindende. In doppelter Hinsicht: Zum einen weisen Staatsverbrechen und Genozide Gemeinsamkeiten auf, Merkmale, die über die Einzigartigkeit der Verbrechen hinausweisen. Zum anderen steht das Palästinensertuch, die Kufiya, für dieses weltweite Wissen und für das Recht auf Widerstand, der auch den bewaffneten Widerstand miteinschließt.

 

 

 

 

Dass die Holocaust-Türsteher dem italienischen Künstler nicht die Sichtbarmachung dieses Zusammenhangs vorwerfen, ist naheliegend.

 

 

Stattdessen ballern sie in gewohnter und selbstherrlicher Manier mit Theatermunition um sich, und werfen ihm Geschichtsklitterung, Antisemitismus und Geschichtsrelativismus, „Delegitimierung Israels und Relativierung des Holocausts“ vor. Da sie wissen, dass dieses Platzpatronen-Equipment fast aufgebracht ist und mittlerweile im Theatervorhang hängen bleibt, müssen sie die die Reizgas-Dosis erhöhen und werfen dem Künstler „Terror“ vor, den dieselben in Gaza/Palästina durch die israelische Armee leugnen.

Nun sind also jene, die den Genozid in Gaza/Palästina leugnen und mit ermöglichen, die das breit aufgestellte Ensemble der Mittäterschaft vertreten, aus dem Häuschen, „ihre“ Anna Frank mit einem Palästinensertuch (Kufiya) in der Ausstellung „Comune – Das Paradox der Ähnlichkeit im Nahostkonflikt“ im staatlich geförderten Museum Fluxus+ in Potsdam zu sehen bzw. auszuhalten – wo sie doch ganz anders auszuhalten im Stande sind.

Die Botschaft Israels kritisierte zudem, dass die Darstellung „Geschichtsklitterung, Antisemitismus – und letztlich auch Terror – normalisiert“. Und dabei darf auch die Staatsanwaltschaft in Potsdam nicht fehlen. Sie prüft eine Strafanzeige, die der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck, wegen Holocaust-Verharmlosung gestellt hat.

 

Als Reaktion darauf erklärte Ciervo in seinem Video:

 

„Den Vorwurf, ich sei ein Antisemit, weise ich vehement zurück. Mein ganzes Leben lang habe ich mich immer für den Kampf gegen Rassismus und jede Form der Unterdrückung eingesetzt. Ich habe mich für Frieden und Zusammenleben zwischen den Völkern eingesetzt. In der Ausstellung geht es nicht darum, eine Ethnie gegen eine andere auszuspielen, sondern vielmehr um die Vision, dass Juden und Palästinenser in Palästina gleichberechtigt und in Frieden zusammenleben könnten.“

Ciervo’s Video ist verfügbar – in Deutsch und italienisch: https://www.facebook.com/reel/2023870758455147

Die renommierte südafrikanische Künstlerin und jüdische Aktivistin Candice Breitz, deren eigene Ausstellung Ende 2023 vom Saarlandmuseum abgesagt wurde, nachdem ihr “Hass auf Israel” vorgeworfen worden war, schrieb auf Instagram:

 

„Volle Solidarität — Es ist ärgerlich zu sehen, wie immer wieder die gleichen Taktiken gegen Künstler (und so viele andere) angewendet werden, die verstehen, dass es die grundlegendste Geste menschlichen Anstands ist, sich gegen Völkermord auszusprechen. Ich habe noch nie einen denkenden Menschen getroffen, der Volker Beck ernst nimmt. Er ist ein zionistischer Lobbyist, der keine Autorität in Sachen Antisemitismus ist —und niemals sein wird—. Die Geschichte wird auf ihn und seinesgleichen als Individuen zurückblicken, die ihre Karriere darauf aufbauten, die gewaltsame Ausübung von Besatzung, Apartheid und ethnischer Säuberung aktiv zu leugnen und/oder zu beschönigen.“

 

Wolf Wetzel

 

Quellen und Hinweise:

Streit um Anne-Frank-Bild in Potsdamer Museum, ab Minute 15:00, rbb vom 18.12.2025: https://www.rbb-online.de/abendschau/videos/20251218_1930.html

Mit Davidstern und Kufija, Matthias Reichelt, Junge Welt vom 3. Dezember 2025: https://www.jungewelt.de/artikel/513376.kunst-mit-davidstern-und-kufija.html

Der Proteststurm gegen die Documenta 15 – Ein Dokument „progressiven“ Herrenmenschentums, Wolf Wetzel: https://wolfwetzel.de/index.php/2022/07/20/der-proteststurm-gegen-die-documenta-15-ein-dokument-progressiven-herrenmenschentums/

Offener Brief an Markus Lanz, Wolf Wetzel: https://wolfwetzel.de/index.php/2022/06/14/offener-brief-an-markus-lanz

Die Stadt, der Müll und die Abfuhr | vorläufiger Schlussakt, Wolf Wetzel: https://wolfwetzel.de/index.php/2023/05/16/die-stadt-der-muell-und-die-abfuhr-vorlaeufiger-schlussakt/

Malteser unterbinden Veranstaltung mit Guérot und Krone-Schmalz im Mainzer Haus der Kulturen, NDS vom 14. Juli 2023: https://www.nachdenkseiten.de/?p=101037

Serdar Somuncu verabschiedet sich von der Bühne: „Ey, ich hab’ keinen Bock mehr“, RND vom 10.05.2023: https://www.rnd.de/kultur/serdar-somuncu-verkuendet-abschied-von-der-buehne-ey-ich-hab-keinen-bock-mehr-BEZ4TTFP5RCN3FVTLY5MH2K7HI.html

Birte spielt nicht mehr mit, Kontext-Interview mit Christine Prayon vom 28.06.2023: https://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/639/birte-spielt-nicht-mehr-mit-8943.html

Facebook zerschlagen, Wolf Wetzel: https://wolfwetzel.de/index.php/2019/05/01/facebook-zerschlagen/

Krone-Schmalz: „Offenbar reicht bei vielen weder die Bildung noch die Fantasie aus, um sich die Schrecken des Krieges vorzustellen“, NDS vom 10. Februar 2022: https://www.nachdenkseiten.de/?p=80630

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