Nachruf auf Felix – Thomas Herrmann
Unser Genosse Thomas „Felix“ Hermann ist am 12. August 2025 gestorben. Wir kannten Felix seit Anfang der 1980er Jahre und hatten unterschiedlichste Dinge mit ihm erlebt. Wir wussten jeweils, was der andere so macht, aber erst vor einigen Jahren haben wir wieder einen intensiven Gedankenaustausch gepflegt. Kontinuität mit Brüchen bei jedem von uns. Am längsten war Felix vermutlich passives Mitglied der Roten Hilfe, und diese Treue zu einer strömungsübergreifenden Organisation spiegelt ganz gut eine bemerkenswerte Beharrlichkeit seines linken Engagements: Und zwar in einem für seine Generation nicht untypischen, von vielen beruflichen Brüchen und Neuanfängen geprägten, Lebenslauf. Sein politischer Werdegang sei hier kurz wiedergegeben. Felix wurde am 12. Mai 1956 geboren und wuchs zusammen mit seinem Bruder in einem – wie er sagte – Arbeiterhaushalt in der Kleinstadt Eutin auf. Nach der Grundschule wechselte er auf das eher konservativ geprägte Johann-Heinrich-Voss-Gymnasium, damals noch ausschließlich für Jungen, in Eutin. Dort machte er 1975 Abitur.
Auf diesem Gymnasium hatte der Wind der 68er-Revolte in der Schülerschaft kräftig Einzug gehalten. Die linke Schülerzeitung druckte eine Rede zum Tode des von der Polizei erschossenen Militanten Tommy Weisbecker ab und die zahlreichen Kriegerdenkmäler der Region wurden mit antimilitaristischen Kommentaren versehen.
Starken politischen Einfluss bei einem Teil der Schülerschaft hatte eine Gruppe, die sich seit dem Dezember 1971 Kommunistischer Bund (KB) nannte. Für seine Aufnahme hatte Felix bei einem Mitschüler in einem geheimen Gelöbnis unverbrüchliche Treue für den KB und die Bereitschaft zu allen Formen des Klassenkampfes zu schwören. Durch den KB kam Felix sehr früh in Berührung mit einem der ersten verspäteten Strafverfahren gegen den Nazi-Täter Hans-Adolf Asbach, der zu dieser Zeit in Eutin lebte. Während des II. Weltkrieges hatte sich Asbach im besetzten Polen und in Galizien mutmaßlich an Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung beteiligt. Danach amtierte er von 1950 bis 1957 als Sozialminister des Landes Schleswig-Holstein. Die dann Ende der 1950er Jahre gegen ihn eröffneten strafrechtlichen Ermittlungen zogen sich bis zum Jahr 1974 hin und wurden schließlich eingestellt. Bis zum Schluss hat Felix die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte nicht losgelassen, was unter anderem später zu eigenständigen wissenschaftlichen Beiträgen zur Geschichte der rechten Freikorps im Kontext der Revolution von 1918 in Kiel geführt hat.
Im Oktober 1975 schrieb sich Felix an der Universität Kiel zum Studium in den Fächern Mathematik und Betriebswirtschaftslehre ein. In der Mensa der Uni wurde Felix, wie er selbst ironisch und stolz zugleich betonte, zu einem der umsatzstärksten Verkäufer des Arbeiterkampfs, der Wochenzeitung des KB, die aufgrund ihres Informationsgehaltes einen weit über die K-Gruppen hinausgehenden Leserkreis hatte, dessen Verkauf allerdings nach dem Deutschen Herbst 1977 deutlich einbrach. Nicht nur politisch, auch in seinem Studium gingen Felix die Perspektiven scheinbar verloren. „Ich wusste nicht, wie studieren geht“, so hat er einmal zusammengefasst, dass es in seinem Elternhaus keine Vorbereitung auf eine akademische Karriere gegeben hatte. Um seinen Lebensunterhalt und sein Studium zu finanzieren, lernte er in den in dieser Zeit entstandenen Pizza-Kneipen – learning by doing – zu kochen und stieg später, wie er in seinem Lebenslauf vermerkte, sogar zum „Chefkoch“ in einem Kieler Restaurant auf.
Im Übergang zu den frühen 1980er Jahren engagierte sich Felix zunächst in der Hochschulpolitik und wurde dort für die undogmatischen Basisgruppen im Wechsel mit einem Vertreter der Jusos Asta-Vorsitzender und beendete so für lange Jahre eine zwischenzeitliche Regentschaft des rechten RCDS in der Kieler Studentenschaft.
Felix Weg heraus aus seinem KB wurde wie bei vielen anderen auch durch die Anti-AKW-Bewegung angestoßen. Die Brokdorf-Demonstrationen der Jahre 1976/77, die destruktiven Versuche anderer K-Gruppen, diese Demos für sich zu vereinnahmen, vor allem aber die Ignoranz, mit der diese Kommunisten die Atomtechnik in den Händen des Kapitalismus als Teufelswerk, in den Händen des Sozialismus aber für segensreich erklärten, waren Anlass für Felix, sich aus jeder Form geistiger Enge zu befreien.
Felix wechselte dann in der Mitte der 1980er Jahre zum Studium der Soziologie und Geschichte, Fächer, die den Fragen seines neugierigen Geistes viel eher Antworten versprachen. Die Soziologie wurde in Kiel hauptsächlich vom Professor Lars Clausen vertreten, ein origineller Wissenschaftler, der versuchte, irgendwo zwischen Frankfurter Schule, Systemtheorie und den Klassikern des Faches wie Ferdinand Tönnies, eigene Akzente zu setzen. Das war für die weitere intellektuelle Vita von Felix so inspirierend, dass er dann 2001, nach dem schon eine befristete Beschäftigung als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Genderforschung und Tätigkeiten in der beruflichen Weiterbildung hinter ihm lagen, seine eigene Doktorarbeit abschloss. „Kommunikation von Jugend – Analysen zur Jugend der Gesellschaft“ lautet der subversiv verschmitzte Titel der Arbeit, die mit ganz praktischen Handlungsempfehlungen zu sozialpolitischen Initiativen endete, aber zuvor eine eigene Kommunikationstheorie entwarf und Felix als originellen soziologischen Theoretiker auswies.
Als kochender Soziologiestudent beteiligte sich Felix in den 1980er Jahren an etlichen Kampagnen der radikalen Linken. Als ein Höhepunkt, bei dem praktische linke Politik auf der Straße und theoretische sozialwissenschaftliche Fundierung ideal zusammenkamen, ist Felix selbst die Anti-IWF/Weltbank-Kampagne in guter Erinnerung geblieben, die ihren Abschluss in Form einer Großdemonstration und Aktionstagen in West-Berlin im September 1988 fand. Sie war von ihm in Kiel im autonomen Plenum maßgeblich mit vorbereitet worden. Jahre später hat er in dieser inhaltlichen Kontinuität noch einmal aktiv in der Kieler Attac-Gruppe mitgearbeitet.
Nach wiederum befristeten Lehraufträgen an der Fachhochschule für soziale Arbeit bot sich für Felix mit dem Einzug der Partei Die Linke in den Landtag Schleswig-Holstein im September 2009 die Gelegenheit, als ordentlich bezahlter wissenschaftlicher Mitarbeiter der Fraktion politische Projekte mit der erworbenen Fachkompetenz zu verbinden. Er war maßgeblicher Initiator einer landesweiten Kampagne gegen Sozialabbau, mit der er ein breites Bündnis unter Einschluss von Gewerkschaften und Sozialverbänden auf die Straße brachte. Er arbeitete im Landtags-Untersuchungs-Ausschuss zu der zusammengebrochenen HSH-Nordbank mit, die den Ländern Hamburg und Schleswig-Holstein als Anteilseignern durch Spekulation und Veruntreuung Milliardenverluste eingebracht hatte. Als die Partei 2012 bei einer vorgezogenen Neuwahl aus dem Landtag flog, war dies für Felix eine große Enttäuschung. Er blieb der Partei allerdings bis in die Gegenwart durch sein Engagement auf kommunalpolitischer Ebene in einem Kieler Ortsbeirat verbunden.
Die folgenden Jahre arbeitete Felix als pädagogischer Mitarbeiter einer Jugendwohngruppe in Bordesholm und übernahm dort als Universallehrer den Hausunterricht von überwiegend männlichen Jugendlichen, die nicht zum Besuch einer Regelschule in der Lage waren. Eine Arbeit, die viel Kraft kostete und wohl nicht nur Erfolgserlebnisse bescherte, von denen er aber dann, wenn sie sich einstellten, gleichwohl auch mit zurückhaltendem Stolz berichtete.
Schon während seines Studiums war Felix auf die außergewöhnliche Geschichte des Instituts für Weltwirtschaft gestoßen. Dort arbeitete in den 20er und 30er Jahren eine Gruppe der SPD, bzw. der Arbeiterbewegung nahestehender junger Wirtschaftswissenschaftler, die als demokratische Sozialisten versuchten, die realen Probleme ihrer Gegenwart mit Mitteln rationaler staatlicher Steuerung zu lösen. Fast alle konnten rechtzeitig ins Exil fliehen und prägten insbesondere die US-Wirtschafts- und Sozialwissenschaften entscheidend mit. Das 100jährige Jubiläum des 1914 gegründeten Instituts, das nach 1933 dann fleißig den Großraumstrategien der Nazis zuarbeitete, hätte Felix gerne mit einer öffentlichen Veranstaltungsreihe kritisch begleitet. Dazu fehlten ihm MitstreiterInnen und Strukturen. Das Ergebnis seiner Forschung veröffentlichte er in drei Gastbeiträgen in dem Kieler politischen Blog „Maskenfall“ im Internet. Der vierte Teil schlummert wohl noch auf seinem Rechner.
Felix beließ es Zeit seines Lebens nicht mit der Kenntnisnahme der vielfältigen linken Faschismus-Theorien. Er stellte selbst historische Forschungen an, die sich auf die Rolle der Freicorps nach 1918 konzentrierten und in einem öffentlichen Vortrag über die Terror-Organisation Consul und die Marinestation Kiel mündeten, den Felix im Maritimen Viertel in Kiel im März 2023 hielt.
So oder so: Mit Felix konnte man immer intensiv „über Gott und die Welt“ – wie man so sagt – diskutieren.

Dabei hielt er eine humorvolle Distanz zu den Widrigkeiten des Lebens. Sein großes Wissen schlug nie in Arroganz um, sondern nahm auch den naivsten oder abwegigsten Gedanken seines Gesprächspartners noch produktiv in seinen eigenen weitverzweigten Kosmos auf.
Einmal entschloss er sich nach einem intensiven Lektürevortrag zu dem fulminanten Buch von Ralf Dahrendorf, Gesellschaft und Demokratie in Deutschland (1965) dazu, die FDP in der Bundesrepublik als eine, dem Grunde nach, potentiell revolutionäre Massenorganisation zu interpretieren. Darauf musste man erstmal kommen, und darauf kam erstmal auch nur Felix. Und man konnte mehr als großen Spaß dabeihaben, ihm bei seinen in den Himmel abgeschossenen Thesen aufmerksam zuzuhören. Ob das dann am Ende immer so ganz genau auf dem Punkt so stimmte, darauf kam es doch hier gar nicht an. Viele seiner Thesen konnten jeden und jede erleuchten, der oder die neugierig waren und die etwas hören wollten, was sie noch nie gehört hatten.
Die Diagnose und lange Zeit erfolgreiche Therapie einer seltenen Blutkrebserkrankung hat Felix in den letzten Jahren vor neue Herausforderungen gestellt. Er hat sie kämpferisch mit unbeschreiblichem Lebensmut angenommen. Selbst als sich abzeichnete, dass die Therapien das Fortschreiten der Krankheit nicht mehr würden aufhalten können, wollte er bei Besuchen vor allem die politische Weltlage erörtern. Er freute sich über phantasievolle Aktionen von Genossen vor Kieler Werften, die Israel mit atomwaffenfähigen U-Booten beliefern, gegen den israelischen Gaza-Krieg und diskutierte, wie immer mit profundem historischem Wissen, Hintergründe und Auswirkungen der Kriegsverbrechen der israelischen Regierung, wie auch der zögerlichen Reaktion der deutschen Linken. Wir wären vielleicht durch ihn auch dazu noch auf Einfälle gekommen.
Schnitter Tod, der in den letzten Jahren in das Zimmer von Felix eingetreten war, fand ihn stets lebendig und gerade nicht mutlos vor. Er ließ uns gegenüber durchblicken, dass er nicht eigentlich Angst vor dem Sensenmann hatte, er hatte nur noch so einiges vor und kämpfte auf seine Weise um jeden Tag und jeden guten Gedanken. Auch so hat er es uns leicht gemacht, unsere Zeit mit ihm zu verbringen.
Felix, der aufrechte Linke, der gedankenreiche Freigeist, der witzige und liebenswerte Mensch wird uns fehlen.
Markus Mohr, Kay Ilfrich
Zum Weiterlesen:
Thomas Herrmann: 100 Jahre Institut für Weltwirtschaft – Teil 1: Die fabelhaften Jahre, auf: maskenfall v. 5.3.2014, URL: https://www.maskenfall.de/?p=4303
Ders: Teil 2: Die grauenhaften Jahre, auf: maskenfall v. 7.3.2014, URL: https://www.maskenfall.de/?p=4368
Ders.: Teil 3: Die schlechten Jahre, auf: maskenfall v. 14.3.2014, URL: https://www.maskenfall.de/?p=4413
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Ihr Lieben,
Vielen, vielen Dank für Euren Nachruf auf Felix! Ich habe ihn kennenlernen dürfen vor 2 Jahrzehnten ‚kolleteral‘. Er war einer der besten Kumpel meines Mannes. Wir haben oft zusammen gesessen, gekocht (also die Männer 🤣), getrunken, gegessen und wirklich ‚über Gott und die Welt‘ reden können. Ich vermisse ihn sehr. Es gibt nicht viele Menschen, mit denen man wirklich über alles reden kann und auch hirnmässig gefordert wird. Als Frau sage ich mal vorsichtig, dass bei spezifischen Themen auch bei ihm oft Luft nach oben war, aber er war offen und hörte empathisch zu. Und wir konnten immer lachen, lachen, lachen. Er fehlt uns sehr. Danke Euch! Eben mit Hundi unten am Kleinen Kiel die Kranzniederlegung Matrosennaufstand betrachtet, hab fast geheult weil ich dabei so an unseren Felix denken musste. Gute Menschen bestehen in den Herzen der Lebenden.