Wie viele noch?
Walter Benjamin hat sich am 26. September 1940 das Leben genommen. Seine Flucht aus Deutschland endete an der französischen Grenze.

Es war eben nicht nur das Nazi-Deutschland, das den Faschismus zur „neuen Ordnung“ erhoben hatte.
In Spanien herrschte schon ab 1939 der Faschismus, nachdem so viele nicht-faschistische Staaten alles taten, damit Franco an die Macht kommen konnte, und die Idee einer besseren, antikapitalistischen Welt im Keim ersticken konnte.
„Guernica“ steht dafür. Mit deutscher Hilfe.
Franco war damals der, der die „Drecksarbeit“ für den imperialistischen Westen erledigt hatte. „Duce“ in Italien war schon vorher dran. Auch Frankreich war kein sicherer Ort mehr, denn das faschistische Vichy-Regime stand schon bereit, für sich und die Nazis alles auszurotten, was links, sozialistisch und ungehorsam war.

An den großartigen Walter Benjamin zu erinnern, bedeutet auch, gerade jetzt, alles zu tun, dass jene, die ungebrochen diese Menschheitsverbrechen begehen, in die Aussichtslosigkeit getrieben werden.
Das Weltbewußtsein dazu scheint sich zu formieren.
Azra Sand hat dazu diesen eindrucksvollen Text verfasst:
„DER AUGENBLICK SICH VOLLENDENDER BARBAREI
Am 26. September 1940 nahm sich Walter Benjamin im spanischen Grenzort Portbou das Leben, nachdem just an diesem Tag eine Verordnung Francos Wirksamkeit erlangte, nach welcher keine jüdischen Flüchtlinge mehr „durchgelassen“ werden sollten, die sich — von Frankreich herkommend — auf den mühsamen Weg über die Pyrenäen gemacht hatten, um den Nazi-Bluthunden und der Gestapo im zwischenzeitlich besetzten Frankreich entgehen zu können.
Wie die meisten von ihnen wollte auch Walter Benjamin nach der Grenzpassage in Port Bou weiter bis nach Lissabon, um von dort aus ins sichere Amerika gelangen zu können.
Damit konfrontiert, aufgrund o.g. Franco-Anweisung nicht weiterreisen zu dürfen, sondern nächsten Tags der Gestapo in Frankreich (zurück-)ausgeliefert zu werden (wie alle anderen Flüchtlinge des kleinen, von Lisa Fitko geführten Tracks ebenso), beschloss Walter Benjamin, der schon in diversen frz. Gefangenenlagern eingesessen war, seinem Leben ein Ende zu setzen — mit jener Menge an Morphium im Gepäck, das er zu diesem Zweck schon in Marseille (auf dem Weg zur spanischen Grenze) besorgt hatte.
Sein schrecklicher Tod erregte nach seiner Entdeckung am nächsten Tag bei den spanischen Grenzbeamten so viel Mitleid, dass sie die anderen Flüchtlinge trotz gegenteiliger Befehle Francos weiterziehen ließen. Für Walter allerdings kam jede Hilfe zu spät …
Es bleibt außerdem noch zu vermerken, dass Walter Benjamins Koffer, den er während des Pyrenäen-Übergangs wie seinen Augapfel gehütet hatte (darin, hatte er die anderen wissen lassen, befinde sich seine wichigste je geschriebene Arbeit), seit den hier geschilderten Vorgängen als „spurlos verschwunden“ gilt. Trotz vielerlei Bemühungen konnte der Koffer niemals wieder herbeigeschafft werden.
Bis heute weiß niemand, wo er abgeblieben sein könnte und welche für W. Benjamin so überaus wichtige Schrift sich daran befunden haben mag. Jedenfalls kann es nicht das /Passagenwerk/ gewesen sein, denn das hatte W.B. ja bekanntlich dem Angestellten der Pariser Nationalbibliothek … Georges Bataille zur dortigen (heimlichen) Aufbewahrung anvertraut, der diesen Dienst auch absolut treulich erfüllt hatte …
Die hiesigen Notizen sind unterlegt einmal mit dem Song von Laurie Anderson /The Dream Before/ aus ihrem Album /Strange Angels/, der in Teilen direkt Bezug auf Walter Benjamins Text zum /Angelus Novus/ nimmt (dessen Text ist vollständig im zweiten Bild des Anhangs nachlesbar).
Und zum anderen sind die hiesigen Aufzeichnungen noch mit Heinrich Ignaz Bibers /Passacaglia/ aus den /Rosenkranzsonaten/ kombiniert: Dieses Stück wird manchmal auch als „Schutzengel“-Thema angesehen — und weil es in dieser Funktion zudem ein recht treffliches Pendant zu Walter Benjamins /Engel der Geschichte/ abgibt (nach Paul Klees Bild namens /Angelus Novus/, das im Benjaminischen Besitz befand und von ihm sehr geliebt wurde — in Vorahnung der schlimmen Zustände angesichts des Nazi-Alptraums und der damit verbundenen Fraglichkeit seines Überlebens in Deutschland hatte er seinem Freund Gershom Scholem das Bild während ihres letzten Treffens vor seinem Tod mitgegeben nach Jerusalem, wohin G.S. schon Jahre vorher ausgewandert war).
Laurie Anderson: /The Dream Before/:
https://www.youtube.com/watch?v=RGL2Ne0V9mI
Ignaz Biber: /Passacaglia/ — eingespielt von der unglaublichen Alice Piérot mit der wie von Biber angegebenen Überkreuzspannung der Violinsaiten:
https://www.youtube.com/watch?v=HBVX35qecWA
/The Dream Before/
Hansel and Gretel are alive and well
And they′re living in Berlin
She is a cocktail waitress
He had a part in a Fassbinder film
And they sit around at night now
Drinking schnapps and gin
And she says: Hansel, you’re really bringing me down
And he says: Gretel, you can really be a bitch
He says: I′ve wasted my life on our stupid legend
When my one and only love
Was the wicked witch
She said: what is history?
And he said: history is an angel being blown backwards into the future
He said: history is a pile of debris
And the angel wants to go back and fix things
To repair the things that have been broken
But there is a storm blowing from paradise
And the storm keeps blowing the angel backwards into the future
And this storm, this storm is called progress
Wolf Wetzel
Quellen und Hinweise:
Azra Sand vom 26. September 2025: https://www.facebook.com/profile.php?id=100081168852845
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