Über die Tatenlosigkeit angesichts eines Genozids

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Über die Tatenlosigkeit angesichts eines Genozids

 

Ich bin auf diesen Text von Orit Kamir gestoßen und war berührt davon. Orit Kamir ist Rechtswissenschaftlerin, Gender- und Kulturforscherin, feministische Aktivistin und Vorsitzende des Vorstands des Israelischen Zentrums für Menschenwürde.

Sie macht und wagt etwas, was hier in Deutschland vonseiten des Staatsraison-Ensembles sofort als „Relativierung“ und dann als sekundärer, tertiärer Antisemitismus auf den Scheiterhaufen geworfen wird. Es geht um die Shoah im deutschen Faschismus und um den Genozid in Gaza 2023ff durch das israelische Kriegskabinett Netanjahus. Sofort kommen die Scheinwissenschaftler und erklären uns, dass man das nicht miteinander vergleichen könne, also dürfe. Dieser Einwurf ist jedoch an Unwissenschaftlichkeit nicht zu toppen. Wissenschaftliche Erkenntnisse leben vom Vergleich, um so Unterschiede herausarbeiten, Vergleichbares qualifizieren zu können. Wer diese grundsätzliche Herangehensweise leugnet und verdammt, will die Zeit der Aufklärung über den Haufen werfen.

Auch in Israel sind ähnliche Verleugnungsmechanismen am Werk. Zum einen will man von Staatsseite an der Einzigartigkeit der Shoa nicht rütteln, um alles „darunter“ mit Schulterzucken zu quittieren.

Und ähnlich wie in Deutschland darf es in Israel das nicht geben, was man jede Minute, jeden Tag sehen kann – nicht weit weg und ab an ist sogar davon etwas zu hören: Ein angekündigter und in die Tat umgesetzter Genozid in Gaza. Das Wort taucht selbst in den Reihen der Netanjahu-GegnerInnen nicht auf. Denn wenn es auftauchen würde, müsste man über die Besatzung reden, die eine wesentliche Bedingung für den stattfindenden Genozid ist.

 

Aber genau dieses Besatzungsregime mitsamt seinem Vernichtungswillen ist kein Thema unter jenen, die seit Monaten beharrlich gegen das israelische Kriegskabinett protestieren. Sie wollen ihre Angehörigen zurück und an der Besatzung festhalten.

Genau dieses bilaterale (Ver-)Schweigen in Israel und Deutschland steht im Zentrum ihres Beitrages.

 

Orit Kamir ist eine liberal eingestellte Israeli, stellt Vergleiche an und kommt dabei zu erschreckende Ähnlichkeiten und zu sehr überraschende Unterschiede, die uns gerade hier in Deutschland beschämen sollten:

 

„Alles, was nötig ist, damit das Böse triumphiert, ist, dass viele gute Menschen nichts tun.

Wir lieben es, dieses starke Zitat von Edmund Burke zum Holocaust-Gedenktag zu verwenden. Doch dieses Jahr haben die meisten Israelis kein Recht, den Deutschen Vorwürfe zu machen, die tatenlos danebenstanden, als das NS-Regime zunächst unsere Familien enteignete, demütigte und vertrieb – und sie schließlich ermordete. Sie haben kein Recht dazu, denn heute ist klar: Hätten sie selbst in den Schuhen dieser Deutschen gestanden, hätten sie genauso gehandelt: geschwiegen, weggeschaut und ihr Leben weitergelebt.

Denn sie stehen genau jetzt daneben, während ihr eigenes Land Dutzende Israelis einem langsamen, einsamen und qualvollen Tod überlässt und gleichzeitig zwei Millionen Palästinenser im Gazastreifen aushungert, vertreibt und deren Leben zerstört. Und wenn einige Deutsche damals vielleicht nichts wussten oder das Ausmaß des Grauens nicht begriffen – im Zeitalter der Informationsflut, die allen zugänglich ist, haben wir diese Ausrede nicht.

 

Die meisten Israelis stehen Tag für Tag, Stunde für Stunde, Augenblick für Augenblick daneben und führen ihr bequemes Leben weiter – mit Festmählern, Feiern, Partys und anderen Veranstaltungen. Der Hunger der Entführten, der Kinder in Gaza und aller anderen Bewohner, der ihre Körper und Seelen zerstört, der ihnen ein menschenwürdiges Leben verwehrt, der das Licht aus ihren Augen und die Hoffnung aus ihren Herzen reißt – er stört sie nicht genug, um auf die Straße zu gehen, ein Schild hochzuhalten oder eine Petition zu unterschreiben. Was also wollen sie von den Deutschen?

Die Deutschen hatten wenigstens einen triftigen Grund zu schweigen: Hätten sie eine Meinung geäußert, die nicht der des Regimes entsprach, hätten sie mit ihrem Leben bezahlt. Wir sind noch nicht so weit: Jüdische Israelis werden nicht verschleppt oder ermordet, weil sie humanitäre Positionen vertreten. Doch Israelis haben hundert Ausreden, warum sie zum Beispiel nicht demonstrieren. Von „Das hilft ja doch nichts“ über „Ich bin kein politischer Mensch“ oder „Einige Demonstranten sagen Dinge, denen ich nicht zustimme“ bis hin zu „Ich mag keine Menschenmassen“. Sie haben Stress bei der Arbeit, Kinder, für die sie Abendessen machen müssen. Sie haben Feiern, Hochzeiten, Konzertkarten fürs Wochenende.

Wie die Deutschen, die auch Stress bei der Arbeit hatten und Kinder großziehen mussten. Wie bei ihnen hätten Demonstrationen damals ohnehin nichts genützt – und, wie gesagt, sie wären mit ihrem Leben dafür bezahlt. Also, was wollt ihr von ihnen? Schaut in den Spiegel – und seht sie. Die Menschen, die das Böse triumphieren lassen.

An diesem Punkt kommt natürlich die Selbstgerechtigkeit: „Die Juden in Europa haben den Nazis nicht den 7. Oktober angetan; sie waren keine existenzielle Bedrohung; ihre Vernichtung war geplanter antisemitischer Völkermord, keine Kollateralschäden eines Krieges.“ Und natürlich: „Wie kannst du das vergleichen? Wir haben keine Vernichtungslager gebaut, wir vergasen und verbrennen niemanden.“

Beruhigt euch. Niemand behauptet, die Umstände seien identisch. Ich erinnere mich gut an das Massaker vom 7. Oktober und wer es beging und sich daran ergötzte. Ich weiß, dass wir keine Gaskammern und Krematorien gebaut haben. Aber das ist alles Ablenkung. „Schau, ein Vogel!“ Ihr wisst genau: So wie die israelische Besatzung das Massaker vom 7. Oktober nicht rechtfertigt – so kann dieses Massaker keinerlei Zerstörung des Lebens von zwei Millionen Zivilisten rechtfertigen, die nichts damit zu tun hatten. Nichts rechtfertigt den Tod zehntausender Kinder. Kollektivstrafe für Unschuldige ist eine Nazi-Strategie, keine menschliche.

Ihr wisst auch, dass Vernichtungslager nicht die einzige Möglichkeit sind, Gräuel zu verüben. Die Türken haben die Armenier nicht in Lagern mit Gaskammern ermordet; es gibt viele Wege, Grausamkeiten zu begehen.

Was die schrecklichsten Verbrechen der Menschheit gemeinsam haben, sind zwei Dinge: Entmenschlichung und fehlende Empathie. Die Aberkennung des Wertes und der Würde des Menschen – gepaart mit emotionaler Abstumpfung gegenüber dem Leid anderer. Sobald Menschen ihrer Menschlichkeit beraubt sind, die wir ihnen zuschreiben, und wir uns nicht mehr in ihren Schmerz einfühlen – ist der Rest nur noch technische Umsetzung.

Sobald wir sie von Subjekten zu Objekten machen, von Wesen mit eigenem Wert zu Mitteln für unsere Ziele, und unsere Herzen verhärten – haben wir die rote Linie überschritten. Dann können wir sie immer wieder vertreiben, ihnen alles nehmen, sie aushungern, ihnen sauberes Wasser verweigern, ihre Krankenhäuser und Schulen zerstören, ihre Häuser über ihnen bombardieren und sie unter Trümmern begraben lassen – denn „die Heiligkeit des Lebens“ spielt keine Rolle mehr.

Man kann Waisenkinder mit vor Angst geweiteten Augen sehen, Jugendliche mit abgerissenen Gliedmaßen, Eltern, die die rußverschmierten Leichen ihrer Kinder tragen – und einfach zur nächsten Mahlzeit übergehen. Was macht es da schon, dass wir sie nicht in Lagern töten?

Netanyahu und die israelische Regierung, die er nach seinem Bilde geschaffen hat, trennen zwischen Entführten und Bewohnern Gazas, zwischen jüdischem und palästinensischem Blut – doch sie sind gleichgültig gegenüber dem Schicksal aller. Ihrer Logik nach hungern wir die Menschen in Gaza aus und zerstören ihr Leben – um die Entführten zu retten. Das heißt: Die Bewohner Gazas sind Mittel zum Zweck. Gleichzeitig behaupten sie in einem eklatanten Widerspruch, dass wir das Leben der Entführten opfern – um die Zerstörung Gazas fortsetzen zu können. Das heißt: Die Entführten sind Mittel zum Zweck. Kombiniert man beide Aussagen, erhält man vollständige Entmenschlichung und Empathielosigkeit gegenüber beiden Gruppen.

Von Netanyahu und seiner Regierung erwartet niemand menschliche Werte oder Mitgefühl. Seine Unterstützer sagen Amen, und die schweigende Mehrheit – schweigt. Steht daneben. Doch selbst die besten Israelis, die unermüdlich für die Freilassung der Entführten demonstrieren, trennen zwischen Blut und Blut. „Nichts ist wichtiger, jeder Entführte muss zurückkehren“, rufen wir auf jeder Demo. Doch fast immer herrscht Schweigen über die Zerstörung Gazas und den Tod seiner Bewohner. Tiefes Mitgefühl für die Dutzenden „unserer“ Menschen, die „leiden und sterben“ – und Ignoranz gegenüber dem Leid von zwei Millionen Palästinensern.

Doch Menschlichkeit ist universell. Man kann nicht Mitgefühl für die Entführten und ihre Familien haben – und gleichzeitig das Herz gegenüber anderen verschließen. Ja, nichts ist wichtiger als ihre sofortige Rettung – aber etwas anderes ist genauso wichtig: ein menschenwürdiges Leben für zwei Millionen Menschen in Gaza.

Die Anerkennung des menschlichen Wertes und Mitgefühl verlangen, für beide Seiten zu kämpfen – gemeinsam. Und das ist wichtig genug, um dafür einzustehen, selbst wenn es verstört. Leider sind es nur wenige Demonstranten von „Block gegen die Besatzung“, „Standing together“ und „Free Jerusalem“, die rufen: „Kein Kind ist schuldig“, „Sieg wird nicht auf den Leichen von Kindern/Entführten errungen“ – und einfach: „Stoppt den Krieg!

Ein Leben lang habe ich nicht verstanden, wie die Deutschen daneben stehen konnten. Ich habe Bücher gelesen, Filme gesehen, wissenschaftliche Artikel studiert. Ich fand viele historische, soziologische, psychologische Analysen. Doch niemand konnte mir erklären, wie man solche Entmenschlichung verinnerlicht und Empathie auslöscht. „Die Menschlichkeit verlieren.“

Jetzt gehe ich durch die Straßen, in denen ich mein ganzes Leben lang gegangen bin – und weiß, dass die meisten Menschen um mich herum daneben stehen. Sie stehen im Blut der Entführten und der Menschen in Gaza. Sie lassen die Gräuel geschehen – und leben weiter, ohne mit der Wimper zu zucken. Wie ist das möglich?

An diesem Holocaust-Gedenktag sollte jeder Israeli sich vorstellen, er sei in Gaza: eingesperrt, geschlagen, ausgehungert in den Tunneln; verstört, verloren, traumatisiert und mittellos zwischen den Trümmern seiner Welt. Die unerträgliche Verzweiflung der Entführten und der Menschen in Gaza spüren. Vor Angst erstarren.

Und von diesem Ort aus Bilanz ziehen. Dann einen Weg finden, „Stoppt den Krieg!“ zu schreien. Denn, wie wir wissen: Alles, was nötig ist, damit das Böse triumphiert, ist, dass gute Menschen weiter schweigen.“

 

Wenn wir ihre Worte an uns herankommen lassen, dann können wir spüren und begreifen, dass uns nicht die Shoa trennt, die hier in Deutschland ihr Zuhause hatte, sondern die Weigerung, Ähnliches nicht zuzulassen.

 

Wolf Wetzel

 

Quelle Und Hinweise:

Homepage von Orit Kamir: https://www.oritkamir.org/en/about/

Ein Genozid und ein wunderbares Leben in Tel Aviv passen gut zusammen, Wolf Wetzel, 2025: https://wolfwetzel.de/index.php/2025/04/07/ein-genozid-und-ein-wunderbares-leben-in-tel-aviv-passen-gut-zusammen/

Zerstören, zerschmettern, abholzen, auslöschen … Wolf Wetzel, 2025: https://wolfwetzel.de/index.php/2025/03/27/zerstoeren-zerschmettern-abholzen-ausloeschen/

Israel’s latest vision for Gaza has a name: Concentration camp, +972 Magazin vom 1.4.2025: https://www.972mag.com/israel-gaza-concentration-camp-expulsion/

Der eliminatorische Nationalismus. Zwischen Krieg und Krieg in Gaza um Palästina, Wolf Wetzel, 2023: https://wolfwetzel.de/index.php/2023/11/29/der-eliminatorische-nationalismus-zwischen-krieg-und-krieg-in-gaza-um-palaestina/

Der eliminatorische Nationalismus, Wolf Wetzel, 2023: https://wolfwetzel.de/index.php/2023/10/23/der-eliminatorische-nationalismus/

 

 

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