Jenseits der Kriegslogik Teil I

Veröffentlicht von

Jenseits der Kriegslogik

Weder Bauer noch Läufer auf dem Schachbrett der Granden sein

Wenn man sie weder für die eine Kriegspartei, noch die andere entscheidet, dann ist man nicht neutral, sondern schafft die Bedingung dafür, über die russisch-ukrainische Kriegsfront hinauszuschauen.

Teil I

Wer sich wundert, wer sich wie zu dem Krieg in der Ukraine äußert und positioniert, wer die „Zeitenwende“, die auch durch die (Rest-)Linke geht, verstehen will, der sollte den Corona-Ausnahmezustand nicht beiseiteschieben, sondern mitberücksichtigen.

In den zwei Corona-Jahren hat man gerne und mit Herzblut an einer Front geschmiedet, bei der man sofort merken sollte, wo die „Guten“, wo die „Bösen“ sind.

Auf der einen Seite waren die „Guten“, die die Schwachen, die Schutzbedürftigen schützen, die selbstlos, empathisch und solidarisch sind. Damit hat man die Corona-Politik im Großen und Ganzen geteilt und mitgetragen.

Auf der anderen Seite hat man die „Bösen“ positioniert und ausgestattet: Das waren dann „Coronaleugner“, Egoisten, Sozialdarwinisten und Verschwörungstheoretiker und so gut wie Nazis.

An diese „Front“ hat man sich gehalten, denn sie war extrem bequem und extrem selbstgerecht. Von Regierung bis zu Teilen der Linken war man auf der Seite der Guten, die jetzt zusammen den Schwächsten zur Seite stehen.

Diese Frontstellung war wichtig, denn so konnte man jede Kritik an der Corona-Politik, an den Bedingungen des Ausnahmezustands zertreten und denunzieren, und damit auch das eigene Mittun kaschieren.

Und je mächtiger dieses Frontbild wurde, desto schwerer wurde es, sich dem zu entziehen. Ob man wollte oder nicht, hinterlegte man eine andere Meinung mit dem dazugehörigen Front-/Feindbild. Auch mit Freunden, die ich sehr lange kenne und schätze, ging es mir so. Wir mussten aufpassen und uns sehr anstrengen, unsere Widersprüche, unseren Dissens nicht einer Frontseite zuzuordnen.

Soweit ich das überblicken kann, ist es vielen so gegangen. In der Regel zerbrachen die Freundschaften, wobei die Frage durchaus berechtigt ist, ob die Risse nicht schon vorher da waren und jetzt nur unüberwindbar groß wurden.

Nun steuern wir vom Corona-Ausnahmezustand in Richtung Kriegs-Ausnahmezustand. Der bereits zwei Jahr eingeübte Frontverlauf wird gerade aktualisiert und ‚überschrieben‘. Wer vorher „Corona-Leugner“ war, wird jetzt (zusätzlich) „Putinversteher“ oder einfach ein „Russenfreund“. Und die sind je nach Hinterlegung: chauvinistisch, nationalistisch, kommunistisch und dann doch auch irgendwie Nazis.

Wer also jetzt den (Welt-)Frieden (erstmals in Europa) in Gefahr sieht und nun der Ukraine beisteht, den russischen Angriffskrieg verurteilt, ist wieder auf der Seite der „Schwächsten“ und übt Solidarität, mit einer ukrainischen Fahne (mit Friedenstaube und Lorbeerblatt im Schnabel) im Fenster. In diesem Kriegsbild ist Russland übermächtig und skrupellos, ersetzt (internationales) Recht durch Gewalt und überfällt die wehrlos und friedliebende Ukraine.

Dass dieser Frontverlauf voller Strohballen ist, die man ansteckt, um alle anderen Gründe im Rauch verschwinden zu lassen, ist nicht neu.

Ein sehr guter Freund, mit dem ich auch in Corona-Zeiten um Wahrnehmungen, Zuweisungen und Unterstellungen gestritten habe, um ohne diese Hinterlegungen an unsere Meinungsverschiedenheiten heranzukommen, schrieb mir, dass er es –auch emotional – nicht aushalte, warum ich die nationalistische, chauvinistische Politik Russlands nicht erwähne. Er würde mir zwar nicht unterstellen, dass ich ein „Putin-Freund“ sei (das würde mir in den vielen Unterstellungen noch fehlen), aber die „Auslassungen“ würde ihn nachdenklich machen.

Was ein Freund, den ich seit etwa 30 Jahren kenne, denkt, lässt mich vermuten, dass das anderen noch ‚leichter‘ fällt. Wie „ordne“ ich mich in diese Kriegsfronten ein? Wo gehört der Autor hin? Wie belastend ist das Nicht-Gesagte?

Die Erfahrung der letzten 40 Jahre sagt mir: Es kommt nur bedingt darauf an, was ich sage. Viel mächtiger ist das, was man dem Gesagten ‚unterstellt‘ – und das im guten wie im bösen Sinne.

Deshalb einige Klarstellungen von meiner Seite.

Im Kriegsnebel stochern alle herum

Dabei muss man sich einer Ausgangsbedingung klar sein: Wie in jedem Krieg sind wir vor allem mit dem Kriegsnebel konfrontiert.

Wir wussten nicht, was ganz genau in Vietnam passiert ist. Wir wussten nicht genug, um zu wissen, was den Jugoslawien-Krieg (1999) ausgelöst hat! Wieviel „Freiheitswille“ steckte in den Unabhängigkeitsbestrebungen aus dem Völkerverbund Jugoslawien auszuscheren? Wie entscheidend war das Interesse westlicher Staaten, die Bundesrepublik Jugoslawien (die einen „dritten“ Weg zwischen Kapitalismus und „Staatssozialismus“ ver/suchte) zu zerschlagen? Wir wissen noch weniger, was genau in der Ukraine passiert/e. Was hat sich in den letzten acht Jahren an der „Kontaktlinie“ zwischen der Ukraine und den abtrünnigen Gebieten ereignet? Wir wissen nicht mit letzter Gewissheit, wer die Verhandlungen (Minsk I und II) sabotiert und hintergangen hat.

„Die Wahrheit stirbt im Krieg zuerst.“

Dieser Satz wird gerne aufgerufen, wenn man nicht die richtige Wahrheit vertritt. Wenn man sich die Kriege und die Wege dorthin (die dann als unvermeidbar beschrieben werden) anschaut, dann wird man feststellen:

Die Wahrheit stirbt, bevor der Krieg anfängt.

Was hat die russische Regierung tatsächlich getan, um den Konflikt politisch zu lösen? Was sind die wirklichen Gründe für diesen Angriffskrieg? Hat sich die Ukraine an die Abmachungen und Verträge gehalten oder hat die ukrainische Regierung alles darangesetzt, sie mit militärischer Stärke ad acta zu legen? Wer ist welchen Kriegsabsichten zuvorgekommen?

Mitten im Krieg wird es darauf keine Antworten geben.

All das hat uns gelehrt, nicht im Krieg die Wahrheit zu suchen, sondern in den Bedingungen davor. Dazu gehört das Wissen, das wir heute über den Vietnam-Krieg (1960er bis 1970er Jahre), über den Jugoslawien-Krieg (1999) über den Irak-Krieg (2002) haben.

Und es gibt noch eine recht bittere Erkenntnis, die man bei dem, was ich heute sage, vorausschicken muss: In den 1970er und in den 1980er Jahren konnten wir uns auf eine Seite stellen, wenn es um den Krieg in Vietnam ging, wenn es um Befreiungsbewegungen ging, die die Diktaturen bekämpften, die mit westlicher Hilfe an der Macht gehalten wurden.

All das ist mehr oder weniger Staub der Vergangenheit. Grob gesagt, geht es im 21. Jahrhundert nur und vor allem um Kriege zwischen kapitalistischen Staaten. Es gibt (für uns/mich) nicht einen Grund, sich auf die eine oder andere Seite zu stellen. Ganz im Gegenteil: Es geht darum, das zur Sprache zu bringen, was zwischen diesen Kriegsparteien zerrieben wird, was von beiden Seiten gar nicht erwünscht ist. Eine Vorstellung, eine Vision jenseits dieses dystopische Kapitalismus. Und wenn man ganz unerschrocken und optimistisch ist: Gerade „ihre“ Kriege sind doch ein geradezu tödlicher Beweis dafür, dass es etwas jenseits dieser Kapitalismen geben muss.

Jenseits ihrer Kriegslogik

Ich möchte ein paar Ereignisse kurz beschreiben, die man in Erinnerung rufen muss, wenn man nach Koordinaten sucht. Denn die Selbstnötigung und der Zwang, sich jetzt für die eine der beiden Seiten entscheiden zu müssen, hat eine längere Geschichte.

In den 1980er Jahren, als es noch die „Systemkonkurrenz“ (Ostblock-Westen) gab, fand ein mörderisches „Wettrüsten“ statt, das sich ganz nahe an einem Atomkrieg herangearbeitet hatte. In Deutschland sollen atomare Pershing II Raketen stationiert werden, also an die Grenze zum Ostblock.

Dazu gehört die erfundene „Raketenlücke“, die suggerieren sollte, dass der Westen bedroht sei. Das Gegenteil war der Fall: Man wollte die Sowjetunion „totrüsten“, um das System zum kollabieren zu bringen. All das geben die Gewinner dieses „kalten Krieges“ gerne zu.

Damals gab es eine breite und vielschichtige Bewegung, die sich gegen die Stationierung wehrte. Niemand, mit denen wir zusammen waren, hatten dabei die Sowjetunion, ihr Verhältnis zum „sozialistischen“ Ostblock also positiven „Fluchtpunkt“ vor Augen. Wir haben die Raketen nicht gezählt, wir haben nicht am „Gleichgewicht des Schreckens“ herumgerechnet. Wir hatten einzig und alleine die deutsche Bundesregierung im Blick, der wir vieles zutrauten, nur keine friedlichen Absichten. Es ging also um die Rolle der eigenen Regierung, um das, was mit dieser Kriegsgefahr in diesem Land gemacht und verändert werden soll. Es ging um deren eigene aktive Rolle, die sie versteckte, indem sich die deutsche Bundesregierung als „Opfer“ der Supermächte inszenierte.

Mitte der 1990er Jahre begannen die „Unabhängigkeitskriege“ in der Bundesrepublik Jugoslawien. Wir haben sie kaum wahrgenommen, wir waren vor allem mit den deutschen Verhältnissen beschäftigt: Das Wiedererstarken des Nationalismus, dieses Mal im Gewand eines „gesunden Nationalstolzes“, mit den Pogromen, mit dem Erstarken neofaschistischer Organisationen. Erst als uns dämmerte, dass ein Krieg gegen Jugoslawien bevorstand, unter aktiver Beteiligung der deutschen Bundesregierung, versuchten wir uns schlau zu machen. Das war wirklich sehr mühsam und wir hatten die Geschichte der einzelnen Abspaltungen nicht in petto. Und wie in allen anderen Kriegen auch konnten wir die einzelnen Vorwürfe, die den herbeigesehnten Krieg begründen sollten, nicht überprüfen. Ob es sich dabei um Massaker handelte oder um ein KZ in Pristina … wir mussten uns mit recht schwachen und wackligen Gegenbeweisen zufriedengeben. Wir wussten nur eines und das ganz sicher und diese Gewissheit lag vor dem Krieg: Deutschland tat viel dafür, wieder militärisch im Geschäft zu sein, als imperiale Macht aus dem Schatten der “Scheckheftdiplomatie“ herauszutreten. Das Ziel war klar und eigentlich deutlich artikuliert. Man wolle wieder „außenpolitische Normalität“ erlangen, wozu ein wenig schamvoll auch Kriege umschrieben wurden.

Auch in diesem Fall war unser Widerstand gegen den NATO-Krieg in Jugoslawien 1999 mit der Rolle der deutschen Bundesregierung und der Rolle der NATO verknüpft. Wir haben also nicht für das politische System in Jugoslawien das Wort ergriffen, sondern gegen die deutsche Bundesregierung.

Dass wir in allen Annahmen und Mutmaßungen recht behalten sollten, dass der Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien mit ungeheuerlichen Kriegslügen gespickt war, dass die Verhandlungen für eine „friedliche Lösung“ eine Farce waren (Rambouillet), dass es sich um einen Angriffskrieg handelte, der nichts weiter als ein Kriegsverbrechen darstellt, all das erfuhren wir später, als die Kriegstreiber all ihre Ziele erreicht hatten.

Man könnte diese kurze Skizze erweitern, um den „Krieg gegen den Terror“ der nach 9/11 im Jahr 2001 in Gang gesetzt wurde, und der bis heute in Form von offenen und verdecken Kriegen weitergeht, von Afghanistan (2001), über den Irak (2003) bis nach Libyen (2010) und Syrien (2014).

Eine einzige Spur der Verwüstung, der Zerstörung, der Lügen. Nie, aber auch nie ging es um die Menschen, um die Befreiung von Unterdrückung und Armut, um die „Befreiung der Frauen“, um die Verteidigung von Menschenrechten.

All das ist bekannt. All das kann man – heute – sehr gut belegen und beweisen.

Es ist dieses Wissen, das mich heute sicher macht, wenn ich zu dem Krieg in der Ukraine Stellung beziehe. Dazu muss ich nicht in den Donbass reisen. Dazu muss ich nicht die zahllosen Kriegsdetails kennen und zuordnen. Ich muss auch nichts über die wahren Motive der russischen Regierung wissen. Es reicht, es reicht mehr denn je zu wissen: Russland ist ein kapitalistisches Land, die Ukraine ist ein kapitalistisches Land. In beiden Ländern geht es nicht um das Wohl der Menschen.

 

Wolf Wetzel | Juli 2022

Den zweiten Teil findet ihr hier: https://wolfwetzel.de/index.php/2022/08/04/jenseits-der-kriegslogik-teil-ii/

 

Jenseits der Kriegslogik

Quellen und Hinweise:

Arbeitgebergesetz in der Ukraine: Neoliberale Politik mitten im Krieg, taz vom 21.7.2022: https://taz.de/Arbeitgebergesetz-in-der-Ukraine/!5869523/

„Unsere europäischen Werte“: 1,21 Euro Mindestlohn in der Ukraine, Werner Rügemer, NDS vom 21. 7.2022: https://www.nachdenkseiten.de/?p=86079

Wie bastele ich einen Helden. Eine Anleitung für Profis und Amateure, Wolf Wetzel:

https://wolfwetzel.de/index.php/2022/03/24/wie-bastele-ich-einen-helden-eine-anleitung-fuer-profis-und-amateure/

Krieg ist Frieden – über Bagdad, Srebrenica, Genua, Kabul nach …, Wolf Wetzel: https://wolfwetzel.de/index.php/2022/04/05/kurzbeschreibung-fuer-das-buch-krieg-ist-frieden-ueber-bagdad-srebrenica-genua-kabul-nach/

 

Aufrufe: 369

4 Kommentare

  1. Kommentar zum Artikel: Wichtig, richtig.
    Und treffend: „Wie in jedem Krieg sind wir vor allem mit dem Kriegsnebel konfrontiert.“

    Kommentar zum Gegenstand des Artikels:
    Einige Kriegsbegeisterte und Militaristen versuchen derzeit, die Parole „Nie wieder Faschismus“ als Argument pro Krieg ins Feld zu führen (!).

    „Nie wieder Krieg“ ist „Nie wieder Faschismus“ jedoch übergeordnet.

    Großkapitalisten, Imperialisten und Faschisten wollen Krieg, brauchen Krieg, für sie ist Krieg die ultima ratio ihrer Geld- und Machtgier, die Verwirklichung ihres Traums, die Welt zu dominieren und Menschen den Stiefel ins Genick zu drücken.

    „Die Bombe“ ist die ultimative Ware, kaum verkauft, schon zerstört, da braucht es keine geplante Obsoleszenz. Und im Krieg muss sie fortlaufend geliefert werden, da gibt es keine Absatzkrise.
    „Der Soldat“ ist der ultimative Arbeiter, sein Produkt ist die Zerstörung, er zerstört fortlaufend und wird selbst zerstört, damit fallen keine “Lohnnebenkosten“ an, RV und KV überflüssig, notfalls gibt es noch „friendly fire“.

    Abo+ des Krieges: Der Totalzerstörung folgt der Wiederaufbau (falls noch möglich), das nächste „Wirtschaftswunder“. Alle Überschussproduktion vernichtet, Nachfrage hoch, hurra, der Kapitalismus ist wieder da!

    Propagandisten des zerstörungswütigen West-Kapitalismus bezeichnen Putin (Oligarcho-Kapitalismus?) als Faschisten, den es zu bekämpfen gelte. Entlarven sich dabei selbst, indem sie (typisch für Faschisten) äußern, „Russland ruinieren“ sei das Ziel. Ach, nicht nur Putin, gleich ganz Russland? 145.000.000 Menschen ins Elend stürzen wollen? Der „Wertewesten“, das seien die Guten, der vom „Wertewesten“ als „unwert“ (da „kein Europäer“) bezeichnete Russe sei der Böse, soso. Wer ist chauvinistisch und rassistisch?

    Zu empfehlen ist: Nicht nur nach Osten blicken, einfach mal umdrehen, gen Westen, da kann man dem Faschismus in die offene Fratze schauen. Frontsoldaten wissen, dass der Feind nicht nur in Blickrichtung lauert, sondern auch (und vor allem) hinter ihnen steht.

    (Anmerkung: Wie ich als Pazifist, der nie „gedient“ hat und auch jetzt nicht mehr mit so einem Blödsinn anfängt, dazu komme, so etwas zu sagen? Weil ich meinen altvorderen Angehörigen, die „an der Front“ waren, aufmerksam zugehört habe. Weil die Geschichte es zeigt, wenn man bereit ist, aus ihr zu lernen. Hilfsweise kann man auch bei Clausewitz (Kriegstheater) und Montgomery of Alamein nachlesen. Oder bei Melville (Moby Dick, „Bloody war in Afghanistan!“, 1851) bzw. in den MEW-Bänden zu allerlei Kriegen nachschlagen.)

    Nie wieder Krieg!

    1. Ich danke Dor so sehr! Ja, wenn wir endlich begreifen, das der Feind hinter uns steht, dann hätten wir aus der Geschichte ein klien wenig gelernt.

Schreibe einen Kommentar zu OH Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.