Dieses Land hat mich kaputt gemacht

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“Dieses Land hat mich kaputt gemacht …”

Das private ist politisch

durchgeimpft

 

Ich fahre auf einer zweispurigen Straße, die um eine Brücke herumführt. Dort ist kein Mensch, kein Fußgängerweg, keine AnwohnerInnen – einfach nur Betonwüste. Trotzdem steht dort ein 50 km-Schild. Plötzlich blitzt es. „Was für ein Dreck“, murmle ich in mich hinein. Keine Radar- sondern eine Geldfalle. Ich atme tief durch, die Tage sind eh meist recht schlecht. Eine Mischung aus Corona, Grau, Zerrissenheit, Selbstkontrolle und Regen. Wenig später sehe ich einen Polizeibeamten mitten auf der Fahrbahn. Er winkt mich heraus. Ich fahre rechts ab. Dort erwartet mich ein Überfallkommando, also eines, das dafür dicke reichen würde. Mindestens zehn Beamten im Kampfmontur, und nochmal vier Beamte direkt auf der Straße. Ich könnte kotzen.

Ich lasse auf der Fahrerseite die Scheibe herunter.

„Guten Tag, Verkehrskontrolle.“ Auf der rechten Seite steht eine Polizeibeamt*in und beugt sich herunter. Ich mache die rechte Tür auf, damit sie es leichter hat:

„Dann haben Sie alles im Blick.“

Der Polizeibeamte linker Seite erzählt etwas von Verkehrsüberschreitung und ob ich mich dazu äußern will.

Ich habe noch mehr die Schnauze voll. „Nein.“

Am Ende erklärt er mir, dass auf mich über 200 Euro Bußgeld zukommen werden, zwei Punkte und ein einmonatiges Fahrverbot. Die Klospülung funktioniert jetzt gar nicht mehr.

„Ich wünsche Ihnen trotzdem einen guten Tag.“

Ich wünsche ihm nichts, schon gar nicht einen guten Tag.

Klar, er ist nur ein Rädchen im Getriebe, sagt mir meine Zweitstimme. Stimmt, sagt der, der sich die Erststimme nicht wegnehmen lässt. Das System funktioniert ohne die, die alles mitmachen, nicht.

So ähnlich agierte auch Helmut Schmidt (SPD) in den 1970er Jahren, als der “Krisenstab” regierte. Und Helmut Schmidt wußte viel später zu sagen, was damit gemeint war.

 

Ich fahre zu meinem Café und mache mir bereits ein Plan für die vier Wochen Führerscheinentzug. Das ist nicht leicht, gar nicht leicht, wenn du nicht zu den 2-G-Plus-Menschen zählst.

Das Café kenne ich schon seit fünf, sechs Jahren. Ich trinke meinen Kaffee meist draußen, im Freien. In Corona-Zeiten erst recht.

„Hast du 2-G?“ fragt mich die Bedienung. Ein Typ, der ganz nett, ganz locker ist. Ich habe nicht genau hingehört und verstanden.

„Gib mir einen Pappbecher.“

Ich warte draußen und setze mich solange. Der nette, coole Typ bringt mir den Pappbecher.

„Sorry, draußen ist auch G-2-Bereich.“

„Ja, das ist blanker Bullshit. Vergiss es.“

Der junge Mann ist leicht verstört, murmelt etwas von Vorschrift und hebt dabei die Schultern. Ich gehe.

Ich fahre nachhause und denke dabei an die Schlagzeilen der letzten Tage. In diesen geht es um die wachsende Aggressivität der GegnerInnen der Coronamaßnahmen. Sie würden Polizeibeamte mit steinharten Worten angreifen und sogar Krankenwagen. Extrem zuverlässigen Quellen zufolge wurde von Querdenkern eine Liga der brennenden Krankenwagen gegründet. Und ganz aktuell haben die extrem gut informierten Sicherheitskreisen mitgeteilt, dass vermehrt Omikron-Zeichen [Оо] an Arztpraxen angebracht wurden, was zweifelsfrei auf eine Mordserie gegen Impfärzte hindeutet.

Ich steigere mich rein und wüte in mir: Was sollen die Menschen sonst tun? Danke sagen? Danke für das Demonstrationsverbot! Danke für‘s mediale Spießrutenlaufen? Ganz herzlichen Dank für das „Ordnungsgeld“ von … bis zu 3.000 Euro!

In meinen Gedanken schaue ich mir ein paar Videos an, von ‚Demos‘ gegen die Corona-Maßnahmen. Also nicht die Fünf-Sekunden-Sequenzen in den Qualitätsmedien. In der absolut übergroßen Mehrheit, von Kiel bis Koblenz, sind die TeilnehmerInnen so brav, so friedlich, so dermaßen eingeschüchtert und machtlos, dass es einem schon leidtut.

Ich mag jetzt ganz viel Salz in die eitrige Wunde streuen.

Mir fällt ein Spruch von Herbert Achternbusch ein, der gerade gestorben ist. Ein Freund erinnert an ihn mit diesem Spruch:

„Dieses Land hat mich kaputt gemacht, und ich bleibe solange hier, bis man ihm das anmerkt.“

Mich springt dieser Gedanke an wie ein Tiger. Und gleich danach kommen mir Zweifel. Das geht vielleicht in Österreich, aber doch nicht hier.

 

Wolf Wetzel

 

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5 Kommentare

  1. Ich war früher in solchen und harmloseren Situationen ziemlich schnell beim “Sie hätten früher einen prima KZ-Wärter abgegeben!” So weit wird es hoffentlich nicht kommen, aber an Wärtern wird es wohl keinen Mangel geben. Die Standardantwort von Polizisten, die ich draußen frage, wenn sie Maskentragen kontrollieren, ob sie denn selbst glaubten, dass man sich draußen anstecken kann, (weil ja die Aerosolforscher und selbst das RKI ….): “Es kommt nicht darauf an, was ich selbst glaube, ich mache hier meinen Job!” Gratuliere übrigens zu deiner Selbstbeherrschung! Gibt es da einen Trick?

    1. Danke für Nachricht. Ja, ich glaube auch, dass es vor allem auf das Mitmachen ankommt und gar nicht mehr so auf die Begeisterung (zum Faschismus etc). Es recht genau diese von dir beschriebene Haltung, der ich ganz oft begegne, verbunden mit den ganz tiefsitzenden Gefühl, es gibt nichts außer die “Titanic”.Was die Selbstherrschung angeht, so ist das hoffentlich nur ein kluges Einteilen der Kräfte.

    2. “Ich mache nur meinen Job” sagen auch Profikiller und sagten KZ-Wächter. Man könnte es auch so formulieren: “Für Geld tue ich alles.”

  2. “die TeilnehmerInnen so brav, so friedlich, so dermaßen eingeschüchtert und machtlos, dass es einem schon leidtut.”
    Nicht ein Superheld, nicht ein muskelbepackter Rambo mit mindestens IQ130.
    Schon mal überlegt, was jemand wie ich machen soll: Auf die Sechzig zuhumpelnd, chronisch krank, keine nennenwerten Erfahrungen mit Gewalt oder Subversion, nur eine dauerbrennende Kerze am Georg-Elser-Schrein in meiner Stube.

    1. Das tut mir leid. Ich wollte keine Superhelden einklagen, sondern die Situation der Vielen beschreiben, die zum ersten Mal auf der Straße sind und plötzlich mit etwas konfrontiert sind, was sie nur aus dem Fernsehen her kannte. Sie all dem auszusetzen, ist bereits eine Herausforderung.

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