Passion – Zwischen Revolte und Resignation. Mit 2-G.

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Passion – Zwischen Revolte und Resignation.

Mit einer bemerkenswerten “Debatte”

Die Ankündigung zu diesem Film von Christian Labhart aus dem Jahr 2019 liest sich so:

Bilder einer Reise durch den kapitalistischen Dschungel aller fünf Kontinente öffnen den Blick auf Klimaerwärmung, Krieg, Konsum, Flucht und Ungleichheit.

Texte von Franz Kafka, Bertolt Brecht, Slavoj Zizek, Ulrike Meinhof, Dorothee Sölle und anderen stellen die Verhältnisse von heute in einen grösseren Zusammenhang und versuchen zu ergründen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Die Musik aus der Matthäus Passion von J. S. Bach begleitet Bilder und Texte.

Episoden aus dem Leben des Autors, die an weltgeschichtliche Ereignisse geknüpft sind, erweitern den Film um eine historische Dimension. Sie vertiefen die Sicht auf die Welt von heute und schildern die Gefühlslage der 68er-Generation, die ihre vor 50 Jahren entwickelte, kämpferische Perspektive zu verlieren droht. Die herkömmliche filmische Erzählweise wird überwunden, keine Interviews und Kommentare verstellen den Blick.

Entstanden ist ein Essayfilm über den Umgang mit der schmerzlichen Tatsache, dass unser Dasein heute nicht so ist, wie es sich viele vor 50 Jahren erträumten. Ein filmischer Versuch, die Mechanismen eines entfesselten Kapitalismus zu zeigen und die Frage zu beantworten, ob ein richtiges Leben im falschen möglich ist.“

https://www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/passion-zwischen-revolte-und-resignation-2019

 

Dieser Film soll nun am 9. November 2021 in Hamburg im Abaton-Kino gezeigt werden. „Abaton“ bedeutet im griechischen „das Unbetretbare“, „das Unzugängliche“. Das Kino zählt zu den ersten Programmkinos in Deutschland, die dem Mainstream-Verleih-Wesen etwas Politisches, etwas Widerspenstiges entgegensetzen wollten. Man kann also durchaus von einem linken Kino sprechen.

 

 

 

In Anschluss an den Film folgt eine (Podiums-)Diskussion, unter der Überschrift:

Globale Krise des Kapitalismus. Wo stehen wir?

An dieser Diskussion beteiligen sich Emely Laquer (linke Aktivistin), Karl-Heinz Dellwo (ehemaliges Mitglied der RAF, Verleger), Gabriele Rollnick (ehemaliges Mitglied der Bewegung 2. Juni, dipl. Soziologin) und Christian Labhart (Regisseur von Passion)

Und halbwegs blass darunter steht:

Einlass mit 2 G

 

Um diese Irritation zu verstehen, warum sie nicht vernachlässigbar ist, sei die „2-G-Regel“ kurz erklärt:

 

 

Unternehmer und Betreiber von Cafés, Kneipen und Kultureinrichtungen können sich „freiwillig“ zwischen 3-G und 2-G-Maßnahmen entscheiden. Wer sich für 3-G entscheidet, lässt Geimpfte, Genesene und Getestete in sein Etablissement. Wer sich für 2-G entscheidet, gewährt nur Genesenen und Geimpften Einlass.

 

 

Das hat ganz wenig mit Medizin und Gesundheit zu tun. Denn 1-G und 2-G-Menschen können auch anstecken, das Virus übertragen. Sie haben also mitnichten etwas für die Anderen getan, für die Schwächsten, sondern vorrangig etwas für sich selbst.

Es geht bei der 2-G-Regel ausschließlich um einen Erpressungsversuch, um eine Nötigung, die auf jene zielt, die sich nicht „freiwillig“ impfen lassen. Es ist also ein Sanktionsinstrument, das weder etwas mit Solidarität, noch mit Infektionsschutz zu tun hat.

Die 2-G-Regel ist zugleich ein Korruptionsangebot, eine Art Belohnung für alle jene, die dabei mitmachen, also ein profitables Geschäft. Das gilt für „alternative“ Projekte und Einrichtungen gleichermaßen.

Wer die G-2-Regel zum Einlasskriterium macht, sollte also keine edlen, selbstlosen Motive vorschieben, sondern einfach zu dem stehen, was er damit tut: Es geht um die Ökonomisierung einer Sorge, einer Angst. Man kann auch sagen: Um eine profitable Lösung.

Denn mit der 2-G-Maßnahme ist das Privileg verbunden, die Lokalität voll zu machen, ohne Abstandsregeln, was naheliegender Weise mehr Einnahmen (und Umsatz) verspricht – ohne dass dies im Geringsten etwas mit Gesundheits- und Präventionsschutz zu tun hat.

Dass der Kampf gegen die Pandemie, die Maßnahmen, die getroffen bzw. nicht getroffen werden, sehr viel mit dem Kapitalismus zu tun haben, mit dem wir leben, wird ganz gerne abgenickt … und dann für ausnahmsweise nebensächlich erklärt. So kann man beides tun: Irgendwie kritisch sein und gleichzeitig mitmachen.

Ich möchte hier ein paar Gedanken von Daniela Dahn hinzufügen. Sie ist Schriftstellerin, hatte Marx/Engels in der Schule und hält trotz des Zusammenbruches der DDR an diesem „Stoff“ fest. Sie hat viele Romane, Sachbücher und Essays geschrieben. Das Buch mit dem schönsten Titel lautet: Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute. Die Einheit – eine Abrechnung. (Rowohlt, Hamburg 2019). Sie ist also für die Corona-Wende-Zeiten und die ausgerufene „neue Realität“ bestens gerüstet.

Für die Berliner Zeitung hat sie einen sehr lesenswerten Text geschrieben. Es geht dabei nicht nur um all jene, die uns eh nicht wohlgesonnen sind, weil wir nicht zum kulturellen Establishment gehören (wollen), weil wir den Kapitalismus nicht für eine Heilpflanze halten, sondern für ein Menschheitsverbrechen, das man nahe bei den Siegern recht gut aushalten kann. Die Abneigung, die Denunziation aus dieser Richtung überrascht und verletzt nicht wirklich. Was wirklich wütend macht und verstört, sind jene, die sich auch irgendwie für „kritisch“, „alternativ“ und /oder links halten und dabei ganz Grundsätzliches auf den Kopf stellen.

„Es gibt eine neue, diskriminierte und ausgegrenzte Minderheit im Lande. Gerade die öffentlich-rechtlichen Medien erzählen gern das Märchen von den Guten und den Bösen. Das geht in Ordnung, denn es dient der staatlichen Ordnung. In der die Atmosphäre offenbar noch nicht gereizt und unsolidarisch genug war. Nur einige couragierte Schauspieler, Wissenschaftler und wenige Autoren ergreifen dagegen Partei. Denn wer jetzt noch widerspricht, wird immer öfter gelöscht – in den Orkus der unsozialen Medien. Die inquisitorische Stigmatisierung des Zweifels muss als Form struktureller Gewalt empfunden werden. (…) Obwohl die Wirksamkeit der restriktiven 2G-Methode als widerlegt angesehen werden kann, gehen viele Einrichtungen, darunter gern auch linke mit ihrem Zero-Covid-Trugbild, jetzt zu dieser demonstrativen Ausgrenzung über.“

Dann stellt sie die Frage, warum ein Impfstoff ganz sicher ist, alle Zweifel daran des Teufels … und die Pharmakonzerne für diesen Impfstoff keine Verantwortung übernehmen, also das Risiko auf den Staat übertragen? Warum geht niemand diesem eklatanten Widerspruch nach, auch gerade jene, die sich für kritisch halten?

Darauf weiß Daniela Dahn sehr charmant zu antworten:

Alle menschlichen Verhältnisse stellen sich in den Interessen dar“, habe ich einst bei Friedrich Engels gelernt. Warum sollte das gerade in diesem Fall anders sein? Die professionellen Wachhunde des Kapitals haben es verstanden, jegliches Nachdenken über Interessen als „Verschwörungstheorie“ wegzubeißen. Genial.“

Sie beendet ihren Beitrag mit den Worten:

Sich fortschrittlich gebende Mitstreiter wären gut beraten, Krankheit nicht in einen Zusammenhang mit Schuld zu bringen. Impfen als Akt der gesellschaftlichen Solidarität? Von da ist es nicht weit bis zur patriotischen Pflicht. Impfen fürs Vaterland. Demokratie trägt die Versuchung zu Totalitarismus immer in sich. Die biologistische Ausgrenzung aus dem „gesunden Volkskörper“ ist noch nicht so lange her. Ich empfinde die neuerdings ausgestellte Rechnung vom Testzentrum wie einen Strafzettel vom Ordnungsamt. Zu Veranstaltungen, bei denen die Zweifler, Fragesteller und Andersdenkenden zuvor ausgesondert wurden, gehe ich allerdings sowieso nicht.“ (Berliner Zeitung vom 26.10.2021)

Bevor die Veranstaltung beginnt, unter der vielversprechenden (selbstkritischen) Frage: „Wo stehen wir?“ ist eine Antwort darauf bereits gegeben worden, bevor die Diskussion überhaupt begonnen hat. Das ist mehr als schade und ärgerlich.

Ich würde es wirklich gerne verstehen wollen, wie man “freiwillig” eine 2G-Maßnahme präferiert- und das bei diesem Thema!

Wolf Wetzel

1.11.2021

Debatten-Anhang

Mein Einwurf, meine Nachfrage hat zu einer Debatte geführt, also zu Erwiderungen. Man kann es als kleines Guckloch begreifen. Denn nicht nur das Virus ist weitgehend in Beschaffenheit und Anlage unbekannt. Auch das, was man als Linke bezeichnen kann, ist im Großen und Ganzen eine black box: Es gibt sichtbar die Gegendemonstrationen zu den Querdenkern, die man anhand der Flugblätter ein wenig einordnen kann. Und es gibt “Linke”, die im öffentlichen Diskurs vorkommen – in aller Regel Befürworter der Corona-Maßnahmen. Inwieweit sie die “schweigende Linke” repräsentieren, ist sehr spekulativ. Das ist auch ein Grund, warum mich die Foren interessieren, in denen sich Linke zu Wort melden und auf meine Beiträge und Einwürfe reagieren. Ich finde, sie haben eine gewisse Repräsentanz. Aber macht euch selbst ein Bild.

Auf die Film- und Diskussionsankündigung bei Karl-Heinz Dellwo reagierte ich wie folgt:

„Ich würde es wirklich gerne verstehen wollen, wie man ‚freiwillig‘ eine 2G-Maßnahme präferiert- und das bei dem Thema! Oder wollte man zeigen, was man unter „Resignation“ verstehen kann?“

Darauf antwortete der Regisseur knapp:

Das gibt das Kino vor.“ Klang mehr nach Punkt.

Ich antwortete ihm:

„Danke für die traurige Nachricht. Aber man muss das doch nicht still hinnehmen. Es gibt viele Vorgaben, denen ich nicht folgen muss – oder? Ich frage mich einfach, ob es in Ordnung ist, wenn recht Viele nicht an der Veranstaltung teilnehmen können, weil sie keinen 2-G-Siegel haben.“

Punkt. Leerzeichen.

Dann kamen doch noch ein paar Laute in das Schweigen:

„Nein, das mit dem ‘müssen’ muss man nicht tun, ein Muss ist da immer nur, wenn Du es selber willst und es zum Muss wird. Ich will nicht neben einem krankheitsverseuchten (coronaverseuchten) Menschen sitzen, der mich dann mit allen möglichen Varianten anhustet oder so. Und ich finde auch, dass sovieles ‘Müssen’ klaglos hingenommen wird und dieses ganze abgefuckte Dasein in diesen Verhältnissen ja hingenommen wird, worum es ja eigentlich gehen müsste. Und wenn es denn gewollt wird von den “armen” Siegellosen, da muss dann von denen geschaut werden, wie man kriegt, was man will.“

Ich musste erst einmal schlucken, über dieses rausgelassene Menschenbild, über den geradezu esoterischen Umgang mit dem „Muss“ (Ein Muss ist da immer nur, wenn du es selbst willst), ein rüder Sozialdarwinismus (da muss dann eben von denen geschaut werden, wie man kriegt, was man will) und schaute nach, was ihr Profil hergibt bzw. preisgibt. Ein Bild vom Hambacher Forst und viele „Freunde“, die ich kenne, die man links einordnen kann.

Das machte die Sache nicht besser. Und doch zeigt es, wie groß und himmelschreiend die Unterschiede sind zwischen denen, die eigentlich zusammenhalten müßten.

Ich antwortete ihr:

Das klingt alles ziemlich abgegessen und zynisch … und entspricht der Stimmung, wenn man untereinander fragt, was noch hinterfragt wird oder ob es eh egal ist. Aber wenn du von “krankheitsverseuchten Menschen” sprichst, neben denen du nicht sitzen möchtest, dann mach dich doch wenigsten auf medizinischem Gebiet schlau: 1- und 2-G-Menschen können dich auch so richtig anstecken. Die 2-G-Regel ist ein Erpressung- und Boniinstrument und hat nichts mit Infektionschutz zu tun. Darum ging und geht es mir.“

Danach wurde es wieder still, sehr still.

Aber dann meldete sich doch noch eine Frau (wenn man dem Aliasnamen folgen kann) und stürzt sich auf einen Satz von Daniela Dahn, den ich sehr treffend finde:

„‘Die professionellen Wachhunde des Kapitals haben es verstanden, jegliches Nachdenken über Interessen als ‚Verschwörungstheorie‘ wegzubeißen. Genial.‘ Ach bitte … die Interessen des Kapitals sind auch den dort Diskutierenden wohl bekannt, sie sind ein altbekannter Hut. Das habt ihr wirklich nicht entdeckt. Das einzige was an euch neu ist sind die schlichten Trottelableitungen, die ihr zieht.“

Ich bin für diese Erwiderung dankbar, denn sie bestätigt eine meiner Vermutungen, eine Denkfigur, der ich oft in Diskussionen mit Linken (die im Großen und Ganzen die Corona-Maßnahmen befürworten) begegne: Wir wissen alles/genug über Kapitalinteressen, also nerv‘ uns damit nicht.

„Wenn es ein altbekannter Hut ist, dann würde man zusammen über Corona, über die wissenschaftlichen/kapitalgedeckten Erkenntnisse und die ökonomischen Zusammenhänge anders denken, also denken, sie einbeziehen, sie kenntlich machen. Stattdessen wird doch der Hut, von dem Du redest, in aller Regel an der Garderobe abgelegt. Dazu gehört auch dein mieser (Umgangs-)Ton, der nicht im geringsten auf das Argument eingeht, das Daniele Dahn ausführt.“

Es geht auch anders!

Man muss sich überhaupt nicht alles gefallen lassen. Man kann  sich auch gemeinsam wehren und das Leckerli zurückwerfen, das einen angeboten wird, wenn man mitmacht – an der Spaltung. Beim Fussball-Bundesligaspiel in Frankfurt am 30. Okober 2021 haben die Fans von Eintracht Frankfurt das G2- und G3-Angebot abgelehnt: Über 20.000 Plätze blieben leer:

“Tatsächlich war die Atmosphäre im Stadion (…) eher trist, was vor allem an den vielen freien Plätzen lag. Nur 31.000 Zuschauerinnen und Zuschauer waren gekommen, obwohl die Eintracht in Verhandlungen mit dem Gesundheitsamt die Möglichkeit der Vollauslastung erreicht hatte. 51.500 Menschen hätten sich das Spiel anschauen dürfen. In manchen Blöcken in der Ostkurve saß so gut wie niemand. Und auch sehr viele der teuren Sitze in der Mitte von Gegen- und Haupttribüne blieben frei. (…)

Eintracht Frankfurt: 2G-Regel im Stadion erhitzt die Gemüter – Karg besetzte Ränge

Entscheidend ist zudem, dass große Teile der aktiven Fanszene, allen voran die Ultras und große Fanclubs, derzeit nicht ins Stadion gehen. Grund sind die Corona-Beschränkungen. So galt gegen Leipzig auf den Stehplätzen das 2G-Modell. Nur geimpfte oder getestete Zuschauer:innen durften in die Blöcke. Die Ultras aber hatten bereits Anfang November klar gestellt, dass sie sich eine Rückkehr unter diesen Bedingungen nicht vorstellen können.” (fr.de vom 1.11.2021)

Und auch MusikerInnen haben jetzt ein Manifest veröffentlicht, in dem sie sich weigern, am Konformitäts- und Ausgrenzungsparcours teilzunehmen:

Manifest – Musik in Freiheit

 

Quellen und Hinweise:

Daniela Dahn: Was ich bei Ungeimpften in meinem Umfeld beobachte, Berliner Zeitung vom 26. Oktober 2021: https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/daniela-dahn-was-ich-bei-ungeimpften-in-meinem-umfeld-beobachte-li.190726

Um diese „kleine“ Auseinandersetzung einordnen zu können, also den politischen Rahmen zu haben, in dem ich mich selbst bewege, empfehle ich den Betrag:

Corona. Die Krise. Die Linke. Thesen: https://wolfwetzel.de/index.php/2021/01/22/corona-die-krise-die-linke-ein-thesenpapier/

 

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