Wenn Sie meine Gedanken fesseln könnten …

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Wenn Sie meine Gedanken fesseln könnten …

Ernst Toller war eigentlich Schriftsteller und wurde durch die revolutionären Umstände nach dem verlorenen 1. Weltkrieg – für ganz kurze Zeit – Regierungsmitglied in der Münchner Räterepublik 1919, Vorsitzender des Zentralrats sowie Abschnittskommandant der „Roten Garde“.

Für ein paar Tage. Dann hatten jene, die den ersten Weltkrieg begonnen und vier Jahre später verloren hatten, genug Truppen und politische Unterstützung zusammen, um zumindest die Münchner Räterepublik zu besiegen, um dort weiterzumachen, wo sie durch die militärische Niederlage 1918 nur aufgehalten wurden.

 

Ernst Toller wurde verhaftet und ins Münchner Polizeipräsidium gebracht. Wenig später wird seine Zellentür aufgeschlossen,

„herein trampeln zwei Beamte, Polizeiassessor Lang und ein Schmied.

– Welche Fesseln? fragt der Schmied.

– Wie bei Levine, antwortet Lang.

Der Schmied fasst eine grobe Kette, nietet ein Ende an mein linkes Handgelenk, das andere an den Knöchel.

Ich lache.

– Ihnen wird das Lachen vergehen!

– Wenn Sie meine Gedanken fesseln könnten, vielleicht.“

(Ernst Toller, Eine Jugend in Deutschland, Rowohlt Verlag Hamburg, 1984, S. 124)

In seinem Versuch, die verwirrenden Umstände zu verstehen, in denen er groß geworden ist, die ihn anfangs zu einem begeisterten Patrioten und Militaristen machten, gelingt ihm ein großartiger Satz:

Die Politiker belügen sich selbst und belügen die Bürger, sie nennen ihre Interessen Ideale, für diese Ideale, für Gold, für Land, für Erz, für Öl, für lauter tote Dinge sterben, hungern, verzweifeln die Menschen. Überall. Die Frage der Kriegsschuld verblaßt vor der Schuld des Kapitalismus.“ (S.63)

Wenn dieser letzte Satz nur halbwegs verstanden wäre, müssten wir uns heute nicht über „gerechte Kriege“ streiten.

Und sein Fazit nimmt auch uns nicht in Schutz:

 

 

„Jeder, der hören wollte, hat hören können.

 

Jeder, der wissen will, muß wissen.

 

Wer nicht hörte, wollte nicht hören, wer nicht weiß, will nicht wissen.

 

Wer vergißt, will vergessen.“

 

 

 

 

 

 

 

Auch das hat Ernst Toller gesagt. Auch das gilt bis heute – mehr denn je.

Wolf Wetzel | 17. Juli 2021

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